Mirna Funk: Balagan


Balagan bedeutet im Hebräischen soviel wie Chaos oder Unordnung. Genau darum geht es in diesem wunderbaren Roman von Mirna Funke. Denn das Chaos bricht durch die geballte Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit von Ereignissen in das Leben von Amira. Die Berlinerin mit jüdischen Wurzeln hadert mit ihrem Beruf. Seit der Coronakrise geht es mit ihrem Onlinemagazin abwärts, sie kann der Konkurrenz durch Social Media Influencer kaum standhalten und muss Mitarbeiter entlassen. Im Liebesleben der 32-jährigen herrscht ebenfalls Ebbe. Am meisten leidet sie unter den Nachwirkungen des 7. Oktober. Freunde aus dem Kulturbetrieb wenden sich von Amira ab, überall prangen die roten Dreiecke der Hamas-Sympathisanten an Berliner Hausfassaden, auf Demonstrationen wird lautstark der Tod von Juden gefordert, die Diaspora lebt in Angst.

Plötzlich Multimillionärin!
Und als wäre das alles nicht schon tragisch genug, lauern da auch noch die turbulenten Familienfeste. Seit dem Selbstmord ihres Vaters – am Tag von Amiras Einschulung – gilt sie als Außenseiterin in der Familie. Nur zu ihrem Großvater Max, der von den Nationalsozialisten geflohen ist und das stolze Alter von 102 Jahren erreicht hat, pflegt sie eine innige Beziehung. Nach seinem plötzlichen Tod stellt sich heraus, dass Amira die Alleinerbin der verschollen geglaubten Familienkunstsammlung ist, die einst von den Nazis beschlagnahmt wurde. Dieses Erbe macht sie zur Multimillionärin. Doch die Freude währt nicht lange, denn Amira spürt schnell die Last oder vielmehr die große Verantwortung, die das Erbe mit sich bringt. Was tun? Verkaufen, Spenden, Ausstellen?

Familienerbe: Fluch oder Segen?
Der Rest der Familie ist verärgert und will seinen Erbanteil einklagen. Ihre beste Freundin Sybilla, Kuratorin in einem Museum, schlägt vor, die Kunst der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen oder als eine Art „Reparationszahlung“ Hilfsprojekte im Gaza-Krieg zu unterstützen. Amiras Idee, die Sammlung im emotional aufgeladenen Berlin als jüdische Galeristin und Neu-Millionärin auszustellen, ruft wiederum bei Demonstranten und Kulturschaffenden Schnappatmung hervor. Als dann auch noch eine alte Jugendliebe und ein smarter Kunstvermittler in Amiras Leben treten, ist das Durcheinander perfekt. Belagert von der Presse und auf der Spur dunkler Familiengeheimnisse, pendelt Amira zwischen Berlin und Tel Aviv. Sie überlegt, wie sie den Herausforderungen der Geschichte – der historischen und der eigenen Familienchronik – die Stirn bieten will. Irgendwo zwischen Stolz, Versöhnung und dem Attitüde „jetzt erst recht!“

Die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Wahrheiten
Melancholisch, witzig, überdreht, provokant und tiefsinnig zugleich – die in Ostberlin geborene Autorin Mirna Funk beherrscht das Wechselspiel der Emotionen im Auf und Ab der Geschichte perfekt. Wo aus Freunden plötzlich Feinde werden, wo sich Einheimische im eigenen Land auf einmal unsicher fühlen, gilt es, das Lachen im Grauen zu finden. Mirna Funk, die Philosophie studiert hat, beeindruckt durch ihren breit gefächerten Schreibstil von „Die Zeit“ bis zur Sexkolumnistin bei der „Vogue“. Balagan bedeutet auch, die Widersprüchlichkeit und Gleichzeitigkeit aushalten zu können, die Konflikte oft so verworren, Lösungen so anstrengend machen. Manchmal genügt es, den Blickwinkel des Gegenübers einzunehmen.

Mirna Funk: Balagan.
dtv, Januar 2026.
368 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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