Jan Weiler: Das Vogelhaus

„Die Erben wollen das Haus nicht. Was ihn an diesem Gedanken erstaunt, ist die Annahme, dass dort einmal Kinder gewesen sind. Dabei war das kein Ort für fröhliches Lachen, keiner für Farben, keiner für Kuchenduft. Aber es gab das Zimmer. Das schon. Das verbotene Zimmer.“

Leonard Beck führt ein unaufgeregtes Leben in Berlin. Das einzig Spannende darin passiert in den Stücken, die er als Dramaturg für eine Theaterinszenierung aufbereitet. Als er einen Brief von seiner Mutter erhält, gerät seine ruhige Welt ins Wanken: In der elterlichen Kleinstadt steht ein altes Haus zum Verkauf. Ein Haus, das vor vielen Jahren in Leonard und seinen damaligen Zivildienstkollegen das blanke Entsetzen ausgelöst hat. Doch waren die wilden Spekulationen, die sie damals anstellten, wirklich nur einem jugendlichen Übermut geschuldet oder sind in dem Haus einst tatsächlich grausame Verbrechen begangen worden? Als Leonard unerwartet seine Stelle verliert, reist er Hals über Kopf zu seinen Eltern und stellt sich der Vergangenheit und mit ihr jenen Erinnerungen, die er bisher verdrängt hat.

„Erst wurde ihnen die Kreditkarte weggenommen, dann der Führerschein und dann die Würde, wenn irgendjemand darüber bestimmte, was sie zu essen und wann sie zu schlafen hatten und ob sie noch rauchen durften. Und sie waren egal, besaßen keine Stimme mehr, keinen Einfluss, keine Macht, nur Millionen von Geschichten aus alten Zeiten, nach denen niemand mehr fragte.“

In Das Vogelhaus wird Leonards Geschichte auf zwei zeitlichen Ebenen erzählt: mindestens die Hälfte des Buches spielt in dem Zeitraum, als Leonard seinen Zivildienst bei der Mobilen Hilfe leistete. Im Auftrag dieses Pflegedienstes kümmerte er sich um Menschen, die nicht mehr selbstständig zurechtkamen, in den meisten Fällen alte, kranke Menschen.
Als Lesende lernen wir mit Leonard diese Menschen kennen, ihre Schwierigkeiten, ihren Kummer, ihre kleineren und größeren Schwächen, und auch ihre Einzigartigkeit. Wir erleben mit, wie der junge Mann in seine Aufgaben hineinwächst und wie er begreift, dass diese gebrechlichen Menschen ebenfalls einmal jung waren und ihre eigenen Träume hatten.
Mit viel Einfühlungsvermögen schildert Jan Weiler, wie Leonards Erfahrungen aus Kindheit und Jugend ihn prägen und zu der tristen Realität der Jetzt-Zeit führen. Auch Leonard selbst erkennt den Einfluss seiner Vergangenheit und schließlich sogar, was er wirklich im Leben braucht und will.

Dieses Buch handelt von der Liebe. Von Vertrauen. Von Familie.
Davon, jemanden wirklich kennenzulernen. Sogar sich selbst.
Es handelt von Mitgefühl. Von dunklen Geheimnissen. Von Schuld und Vergänglichkeit.
Es ist eindringlich und weise. Ernüchternd und hoffnungsvoll. Es ist phänomenal gut.

Jan Weiler: Das Vogelhaus
Wilhelm Heyne Verlag, September 2026
347 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Sabrina Rüdebusch.

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