In dem wunderbaren Roman von Cora Wucherer sind all die Farben und all das Licht extrem wichtig für die siebzehnjährige Juna. Sie wollte unbedingt Malerin werden. Den Wunsch weckte ein Buch über die Künstlerin Lotte Laserstein. Damals konnte Juna noch nicht lesen, also ließ sie es sich x-Mal von der Babysitterin vorlesen, nachdem diese zuerst für ihre kleine Schwester Martha ein Kinderbuch vorgelesen hatte.
Auf dem Titel von Junas Lieblingsbuch war ein Bild der Künstlerin abgebildet, dass ihre Fantasie in Bewegung setzte. Juna malt seit diesem Tag ständig und träumt von ihrer eigenen Karriere. Mit siebzehn arbeitet sie an ihrer Bewerbungsmappe, um für ein Kunststudium aufgenommen zu werden.
Dieser Herzenswunsch gerät in Gefahr, als Juna von ihrer seltenen Erkrankung erfährt. Sie wird in Kürze erblinden und taub werden. Jetzt weiß sie, warum sie ständig stolpert oder hinfällt und woher ihre Unsicherheit in einer dunklen Umgebung kommt.
Die Autorin beschreibt aus zwei Perspektiven, wie Juna und Martha einen besonderen Sommer voller Entscheidungen erleben. Die beiden Schwestern, die sich sonst immer angefeindet haben, verändern aus verschiedenen Gründen ihre Einstellung zu ihrer Konkurrentin. Und zwischen ihnen steht der alleinerziehende Vater und ist als Streitschlichter völlig überfordert.
„Papa hat uns einen richtigen Vortrag gehalten, von wegen, dass wir miteinander reden und Entscheidungen als Familie fällen müssten. So ein Bullshit. Nie reden wir miteinander, über nichts wird geredet.“ (S. 210)
Martha ist genaugenommen ratlos. Sie weiß nicht mehr, wie sie mit ihrer großen Schwester umgehen soll. Denn in der Vergangenheit hatte sie es als die „Kleine“ besonders schwer.
„Wenn er (Papa) nicht da wäre, würde ich an Junas Haaren ziehen, ich würde sie zwicken und sie schlagen und die ganzen Sachen machen, die sie mein Leben lang immer wieder mit mir gemacht hat. Kratzen. Beißen. Schlagen. Und diesmal würde ich gewinnen. (S. 210.) Inzwischen ist Martha größer und stärker als Juna. Sie verdient mit dreizehn sogar heimlich ihr erstes eigenes Geld. Natürlich völlig illegal, weil sie bei ihrer Jobbewerbung getrickst hat. Und darüber hinaus ist sie so wütend auf Juna.
Cora Wucherer zeigt mit viel Empathie wie in schwierigen Lebensbedingungen letztendlich die Liebe zueinander der Kitt für zerbrochene Träume und Wünsche wird. Sie lässt die beiden ungleichen Schwestern temperamentvoll und ungeschönt beschreiben, was sie nervt, was sie lieben und wie sie Veränderungen aus einer festgefahrenen Situation einleiten. Bei der Lektüre wird man emotional mitgenommen und wünscht sich einen guten Ausgang.
Cora Wucherer: All die Farben, all das Licht
Klett-Cotta Verlag, Juli 2026
320 Seiten, gebundene Ausgabe, 25,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
