Matthew Weiner: Alles über Heather

„Alles über Heather“ von Matthew Weiner ist ein dünnes Romänchen, das man an einem Nachmittag durchlesen kann. In seiner stilistisch hervorragend geschriebenen Geschichte beschränkt sich der Autor auf die allernötigsten Informationen, und dennoch (oder gerade deswegen?) gelingt es ihm, ein Werk vorzulegen, das eine große Intensität entfaltet.

Es geht um die unterschiedlichen Lebensweisen einer sozial hochstehenden Familie mit viel Geld und einem Mann aus schwierigsten sozialen Verhältnissen. Weiterlesen

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Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Eigentlich ist Joachim Meyerhoff Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Erst im August 2017 wurde er in der traditionellen Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum Schauspieler des Jahres gewählt. Doch er kann auch verdammt gut schreiben. Wer seine vorangegangenen drei Bücher der autobiografisch gefärbten Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ kennt, hat auf den neuesten, letzten Band „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ längst gewartet und wird nicht enttäuscht.

Nun schreibt Meyerhoff über seine Zeit als junges, mit mäßigem Erfolg gesegnetes Ensemblemitglied am Theater Bielefeld und Dortmund, denn Kindheit und Jugend hat er bereits literarisch verarbeitet.

Meyerhoff bleibt seinem bekannt witzigen selbstironischen Stil treu. Die neuen, oft wahnwitzigen Eskapaden in seinem Buch handeln von einem Beziehungsgeflecht, in das sich der Erzähler immer tiefer verstrickt: In Bielefeld begegnet er der jungen, reichlich komplizierten und verkopften Studentin Hanna mit den langen Zähnen, in die er sich verliebt. Weiterlesen

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Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

Die britische Dramatikerin und Autorin Nell Leyshon (Jahrgang 1962) schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Kurzgeschichten und Romane. In ihrer Heimat erhielt sie mehrere Auszeichnungen. Im September 2017 hat der Eisele Verlag mit „Die Farbe von Milch“ nun erstmals einen Roman von Nell Leyshon, übersetzt von Wibke Kuhn, in Deutschland herausgebracht. Die englische Originalausgabe „The Colour of Milk“ erschien 2013.

Die fünfzehnjährige Bauerntochter Mary schreibt 1831 ihre ganz persönliche Geschichte auf. Geboren wurde sie als vierte Tochter eines harten und gewalttätigen Vaters und einer gefühllosen und kalten Mutter irgendwo auf dem Land in England. Mary hat milchfarbenes Haar und ein verkrüppeltes Bein. Alle Familienmitglieder, mit Ausnahme des alten Großvaters, schuften auf dem Bauernhof und den umliegenden Feldern. Keiner von ihnen kann lesen oder schreiben. Sie stehen auf, wenn es hell wird und gehen ins Bett, wenn es dunkel wird. Mary schläft mit ihrer Schwester Beatrice in einem Bett. Weiterlesen

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Wilfried Steiner: Der Trost der Rache

Was soll ich sagen? Das Buch wird deshalb so interessant für mich, weil ich irgendwie mit den drei Hauptsträngen des Buches zu tun habe bzw. hatte. Ich meine nicht professionell, sondern eher aus meiner persönlichen Geschichte: 1. Das astrophysikalische Interesse – hier eher die Faszination der Entstehung des Universums mit all den unglaublichen Rätseln; 2. ein Urlaub auf La Palma und natürlich auch ein Besuch (nur außen) des Telescopio Canarias und 3. meine politische Sozialisation, die viel mit dem Putsch gegen Salvodor Allende 1973 in Chile zu tun hatte. Die Gemengelage kommt in diesem Roman zusammen.

Hobbyastronom Adrian fliegt mit seiner erfolgreichen Psychologenehefrau Karin nach La Palma. Sie braucht eher Zerstreuung – er will das Teleskop besichtigen, bzw. mal durchgucken und hat sogar über einen Freund in Deutschland, einen Vorzugsbesuchstermin bekommen. Weiterlesen

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Hera Lind: Der Prinz aus dem Paradies

Rosemarie ist 48 Jahre alt, als sie in Sri Lanka den 22 Jahre jüngeren Kellner Kasun kennenlernt. Er möchte sie heiraten, sie will helfen und dem jungen Mann in Deutschland ein besseres Leben ermöglichen. Rosemarie ist eine Psychologin, die Entspannungskurse leitet, aber in ihrem Leben ist nach dem Urlaub nichts mehr entspannt. Diese Liebe kostet Rose, wie Kasun seine deutsche Gönnerin nennt, ein Vermögen und fast die Existenz.

Hera Lind erzählt in ihrem neuen Tatsachenroman „Der Prinz aus dem Paradies“ Rosemaries Geschichte – wie gewohnt humorvoll. Und mehrfach möchte man beim Lesen wie immer in diesen Romanen aufstöhnen „warum merkt diese Frau nicht, dass sie ausgenutzt wird?“ Weiterlesen

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Ned Beauman: Glow

Ned Beaumans Roman „Glow“, der jetzt als Taschenbuch im Hoffmann & Campe-Ableger Tempo erschienen ist, beginnt vielversprechend. Ein junger Londoner namens Raf mit Schlafstörungen verliebt sich auf einer illegalen Party in einem Waschsalon Hals über Kopf in eine atemberaubend schöne Frau. Man erwartet einen coolen Roman aus der englischen Jugendszene mit viel Drive, Gefühl und London-Flair – und wird bitter enttäuscht.

Es geht nach diesem ersten guten Kapitel weiter mit seitenlangen Beschreibungen von Wirkstoffen in irgendwelchen Drogen, deren Namen man noch nie gehört hat. Das liest sich genauso spannend wie ein Chemiebuch. Einer neuartigen Droge namens „Glow“ scheint dabei eine besondere Bedeutung zu haben. Hinzu kommt ein kruder und äußerst verzwickter Handlungsstrang über eine Firma, die vor illegalen Machenschaften inklusive Entführungen und Misshandlungen nicht zurückschreckt. Auch der Ferne Osten in Gestalt des Staates Burma kommt vor. Weiterlesen

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Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Wenn man sagt, das etwas des Guten zu viel ist, dann meint man doch, dass da zwar was etwas Gutes als Grundlage da ist, aber durch das zu viele Gute etwas sich selbst verwässert. Verständlich? So ging es mir nach diesem Büchlein von Jocelyne Saucier, einer Frankokanadierin, die folgende gute Geschichten,  in einen Roman packt: 1. Eine Geschichte dreier alter Männer, die der Zivilisation den Rücken gekehrt haben und  so etwas wie ein eigenes Palliativzentrum als Einsiedelei für sich aufgebaut haben, um – sagen wir – in Ruhe zu sterben. 2. Eine Geschichte über Feuersbrünste in Kanada am Anfang des 20. Jahrhunderts mit vielen Toten, aber auch ein paar Überlebenden, einer davon ist oder war einer der alten Männer. 3. Die Geschichte einer zierlichen alten Dame, die drei Viertel ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat. 4. Ein Fotografin, die reges Interesse an den Überlebenden der Feuersbrünste hat und deren Geschichte dokumentieren will. Weiterlesen

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Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers

Sten Nadolny (75) ist 1983 mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“ berühmt geworden. In seinem neuen Roman geht es zauberhaft zu. Zauberer Pahroc hat im Alter von über 100 Jahren das Bedürfnis, seiner Enkelin Mathilda Briefe zu schreiben, die sie in ferner Zukunft – wenn sie volljährig ist – lesen soll. Darin beschreibt der hochbetagte Senior sein Leben und erklärt ihr die wichtigsten Zauberkünste. Dieses Zaubern ist hier durchaus wörtlich gemeint und bezieht sich nicht auf irgendwelche Zirkustricks. Pahroc kann fliegen, durch Wände gehen, Geld in unbegrenzter Menge herstellen und vieles mehr. Das verleiht dem Buch einen angenehm surrealen, manchmal märchenhaften Glanz mit Ironie und leisem Humor.

Dennoch ist „Das Glück des Zauberers“ kein verkappter „Harry Potter“. Im Mittelpunkt stehen die deutschen Geschehnisse im 20. Jahrhundert von der Zwischenkriegszeit in den 20ern, über Nazizeit und Krieg in den 30er- und 40er-Jahren bis bin zu den Studentenunruhen und der Gegenwart mit Flüchtlingen und Terror. Weiterlesen

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Nicol Ljubić: Ein Mensch brennt

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubić (Jahrgang 1971) kam 1988 nach Deutschland und lebt aktuell in Berlin. In seinen Büchern verknüpft er Dokumentation und Fiktion wie zuletzt in seinen Romanen „Als wäre es Liebe“ (2012) und „Meeresstille“ (2010). In seinem neuesten Werk „Ein Mensch brennt“, das am 8. September 2017 bei dtv erschienen ist,  hat er mit Hartmut Gründler, einem (eher unbekannten) Politikaktivisten der 1970er Jahre, eine wahre Figur zum Dreh- und Angelpunkt seines Romans gemacht. Gründler verbrannte sich am 16. November 1977 in Hamburg aus Protest gegen die Atompolitik des damaligen deutschen Kanzlers Helmut Schmidt selbst. Ljubić widmet das Buch einem Zeitgenossen und Weggefährten Gründlers, dem inzwischen verstorbenen Wilfried Hüfler aus Tübingen, der ihn bei seinen Recherchen zur Person Hartmut Gründler intensiv unterstützte. In „Ein Mensch brennt“ trifft Hartmut Gründler auf die fiktive Familie Kelsterberg. Weiterlesen

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Karl Ove Knausgård: Im Herbst

Karl Ove Knausgård versteht es immer wieder, mit seinen Büchern Aufsehen zu erregen. So ist es kein Wunder, dass er als wichtigster norwegischer Gegenwartsautor gehandelt wird und seine Werke in über 30 Sprachen übersetzt wurden.

„Im Herbst“ ist der erste von vier Bänden seiner Jahreszeiten-Reihe. Basis dieses Bandes sind drei Briefe, die er an seine noch ungeborene Tochter für jeden Herbstmonat verfasst. In den angegliederten kurzen Geschichten erklärt Knausgård dem Kind seinen Blick auf die Welt, den er autobiografisch und empathisch, letztlich aber keineswegs immer dem Gemüt eines Kindes angemessen, wiedergibt. Seine teils philosophischen Betrachtungen lesen sich verblüffend detailliert und doch nüchtern. Weiterlesen

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