Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe

Die Ich-Erzählerin in Doris Knechts Roman „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ ist Anfang 50, geschieden und alleinerziehende Mutter der Zwillinge Mila und Max. Sie wohnt in einer 150 Quadratmeter großen Wohnung in Wien, die sie sich nicht mehr leisten kann. Die Zwillinge haben eben Abitur gemacht und wollen/sollen ausziehen.

Mila gelingt das mühelos, für Max arrangiert seine Mutter eine WG, gemeinsam mit dem Sohn einer ihrer Freundinnen. Die Protagonistin selbst sucht auch einen neuen Platz für sich und ihren Hund. Einerseits ist sie froh, den alten Ballast loszuwerden, andererseits plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie das Nest auflöst. In vielen Rückblenden erfährt der Leser vom eigenen Umzug der Hauptfigur vom Land in die große Stadt, vom Leben in diversen WGs, von gescheiterten Beziehungen und Begegnungen mit Männern, die nie als Lebensmenschen in Frage kamen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

René Freund: Wilde Jagd

Saufender Philosoph philosophiert über Philosophen

Wenn ein gelungenes Buch die Erwartungen an weitere Romane eines Autors in die Höhe treibt, ist Enttäuschung vielleicht nicht überraschend. Die Corona-Quarantäne Geschichte „Das Vierzehn-Tage-Date“ von René Freund war unglaublich gelungen, temporeich und witzig. Das kann man von dem vorliegenden Roman leider nicht behaupten.

Ein Philosophieprofessor, der im Haus seiner verstorbenen Eltern einzieht, wird in einen Vermisstenfall hineingezogen. So die Ausgangslage, man könnte also vermuten, es handelt sich um einen Krimi. Besagter Professor, getrennt von Frau und erwachsener Tochter, dem Alkohol mehr zugetan, als gut für ihn ist, den Bewohnern des Dorfes seiner Kindheit fremd geworden, begegnet der Pflegerin Evelina, die den alten Zillner betreut. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie ihre Schwester sucht, die vor ihr diesen Posten innehatte und spurlos verschwunden ist. Evelina gelingt es, Professor Quintus Erlach in ihre Recherchen hineinzuziehen, was diesem nicht immer gut bekommt.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Joan Didion: Play It As It Lays (1970)

Dieser Klassiker spielt im Hollywood der späten sechziger Jahre.

Protagonistin ist die wenig erfolgreiche Schauspielerin Maria Wyeth. Sie ist gefangen und gleichzeitig verloren in der Scheinwelt Hollywoods. In einer Art Marionettenrolle spielt sie einen Part, der sie selbst und ihr Leben so verändert, dass sie die Bodenhaftung zur Normalität verliert. Maria findet nicht heraus, aus der Spirale. Vor allem belastet sie, dass ihre kleine Tochter Kate mit einer geistigen Beeinträchtigung geboren wurde und deshalb weg von ihr, in einer entsprechenden Einrichtung untergebracht ist.

Ihr unstetes Leben ist Falle, Flucht und Fluch zugleich. Die Beziehung zu ihrem Mann Carter liegt in Trümmern. So sucht sie immer wieder Trost in Affären, an denen ihr nichts liegt. Sie umgibt sich mit Menschen, die ihr nichts bedeuten. Sie sucht Trost im Alkohol und macht damit alles nur schlimmer. Sie fährt stundenlang auf der Überholspur des Highways ins Nirgendwo und wieder zurück, während sie sich dabei mit Musik zudröhnen lässt.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kerstin Gier: Vergissmeinnicht 2: Was bisher verloren war

Am Ende des ersten Bandes hat Quinn mit Mathilda Schluss gemacht und Kerstin Gier den Leser mit diesem Ausgang lange, ganz lange auf die Fortsetzung warten lassen. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass wir Mathildas und Quinns erste Begegnung mit dem Saum miterleben durften. Bislang war es nur Quinn, dem es gelang in den Saum zu kommen, diesmal möchte Mathilda ihm folgen und vielleicht hat sie sogar einen Weg gefunden.

Was soll ich sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Allein schon der Gedanke, dass ausgerechnet Mathilda, die aus einer zutiefst gläubigen (um es mal nett auszudrücken) Familie, kommt sich auf Feenwesen, sprechende Wasserspeier und den Saum einlässt, ist genial. Überhaupt Pax. Könnten wir da bitte mal ein Bild von haben, der ist ja an Niedlichkeit kaum zu übertreffen. Und dabei doch – bei aller Flapsigkeit – uralt und auch weise.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Elif Batuman: Entweder / Oder

Der Roman der Bestsellerautorin Elif Batuman trägt den gleichen Titel wie das bekannteste Werk des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard – Eine Entscheidung, die sehr viel über das Buch aussagt, denn originell ist tatsächlich wenig an der Geschichte. Okay, das klingt vielleicht etwas hart, denn gut geschrieben ist der Roman über die junge Harvardstudentin Selin, die mit unerwiderter Liebe, feministischen Debatten und der Komplexität des Erwachsenwerdens zu kämpfen hat.

Auch ist sie als Hauptcharakter mir bis zum Schluss sympathisch gewesen, ihre komplizierte Gefühlswelt und ihre Vorliebe zur Interpretation der Welt durch Literatur. Wer von uns Leseratten kennt nicht das Gefühl, in einem Text Wahrheit zu finden und ihn auf die Realität anzuwenden?

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kai Hensel: Wo ist Valentin?

Das Verschwinden eines Katers löst eine Kettenreaktion aus – spannend, überraschend, anders

Eine ganz ungewöhnliche, immer wieder überraschende Geschichte, voller spannender Figuren und unvorhersehbarer Wendungen.

Der vielbeschäftigte und preisgekrönte Autor erzählt von Valentin, dem wunderschönen grauen Kater. Dieser lebt bei der jungen Lehrerin Katja. Doch eines Tages verschwindet Valentin, kommt abends nicht zurück nach Hause, trotz lockenden Rufens, trotz leckerem Futter.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Meir Shalev: Erzähl’s nicht deinem Bruder

Eine unvergessliche Nacht erleben die Brüder Itamar und Boas und dies in doppelter Hinsicht: An einem ihrer jährlichen Abende in einem Hotelzimmer, wenn sie viel Alkohol trinken, etwas essen und miteinander reden, weinen und lachen werden auf einmal lang gehütete Geheimnisse geteilt. Eines davon bezieht sich auf ein erotisches Abenteuer, das Itamar erlebte.

Der Autor Meir Shalev (1948 – 2023) wurde anfangs als Fernseh- und Radiomoderator bekannt. Er schrieb Kolumnen für die Nachrichtenseite „Ynet“ und machte später mit seinen Romanen Karriere. 2006 erhielt er die höchste literarische Auszeichnung in Israel, den Brenner Prize. Sein Grad an Beliebtheit und Renommee wird auch darin deutlich, dass Staatspräsident Isaac Herzog in den sozialen Medien schrieb: „Wie schade, dass wir nie wieder gespannt auf ein neues Buch von Meir Shalev sein werden, das erscheinen und unser Leben verändern wird.“

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Emma Cline: Die Einladung

Die US-Amerikanerin Emma Cline (Jahrgang 1989) wurde 2016 für ihr Roman-Debüt „The Girls“ gefeiert. 2021 erschien eine Sammlung ihrer Kurzgeschichten unter dem Titel „Daddy“. Der Carl Hanser Verlag veröffentlichte am 24. Juli 2023 ihren zweiten Roman „Die Einladung“ in einer Übersetzung von Monika Baark.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Alex, ein 22-jähriges Call- bzw. Escort-Girl, verbringt den Sommer mit dem Mitte 50-jährigen Simon in den Hamptons. Sie musste New York verlassen, da sie bei einigen Leuten Schulden hat und andere bestohlen und betrogen hat. Durch Zufall lernt sie Simon kennen, der sie in ihr Sommerhaus einlädt. Simon denkt, sie sei eine orientierungslose Studentin, die sich in New York einleben will.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Monika Feth: Und du wirst lächelnd sterben

Ivy kennt nicht mehr als ihren Vornamen. Sie steht auf einem Feldweg, voller Blut und Dreck und kann sich an nichts erinnern. Nur bei einem ist sie sich absolut sicher: Sie will auf überhaupt keinen Fall zur Polizei gehen. In einer kleinen Pension auf dem Land findet sie zunächst Unterschlupf und auch Hilfe. Niemand scheint sie zu vermissen, niemand scheint sie zu suchen. Wie kann das sein? Ist sie es, die etwas Furchtbares getan hat? Vor allem nachts tauchen Erinnerungsfetzen auf, an eine furchtbare Tat. War sie daran beteiligt oder hat sie es nur gesehen? Ivy weiß es nicht.

Monika Feth hat hier eine Geschichte erdacht, hinter der deutlich mehr steckt, als man am Anfang vermutet. Und sie hat sie sehr geschickt aufgebaut. „Und du wirst lächelnd sterben“ lässt uns sehr lange genauso im Unklaren, wie es Ivy ist. Und als der oder die Täter endlich auftauchen, bleibt fast bis zum Ende offen, was eigentlich passiert ist.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ilva Fabiani: Meine langen Nächte

Roman einer erschütternden Selbstanklage

Die italienische Autorin, die in Deutschland studiert hat, erzählt in ihrem Debütroman eine erschütternde Geschichte. Eine erfundene Geschichte, die vermutlich aber so oder ähnlich vielfach stattgefunden hat in den Jahren der Nazidiktatur.

Beginnen tut diese Geschichte jedoch viel früher. Die junge Anna Alrutz lebt wohlbehütet in einer gutsituierten Familie zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern. Ihr Vater ist angesehener Arzt, ihre Mutter und ihre kleine Schwester leiden an einer schweren Erbkrankheit und ihr jüngerer Bruder Willi nervt sie stets aufgrund seiner ungezügelten Esslust und dem daraus resultierenden unförmigen Körper.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: