Wioletta Greg: Unreife Früchte

Polen in den 1970er und 1980er Jahren. – Das ist weder geografisch sehr weit weg von uns, noch zeitlich allzu lange vorbei. Dennoch fühlt man sich beim Lesen gute achtzig Jahre zurückversetzt. Obwohl seit 1981 unter General Jaruzelski das Kriegsrecht in Polen herrscht, spürt man hiervon wenig im ländlich geprägten Hektary. Hier wächst die junge Wiolka inmitten ihrer Großfamilie auf.

Die Autorin beschreibt autobiografische Episoden ihrer Kindheit und ihres Heranwachsens in diesem kleinen schlesischen Dorf. Diese Vergangenheitsschilderungen ohne Hektik, Handys, rastlose Aktivitäten und ohne jeglichen Überfluss erscheinen in ihrer Einfachheit fast schon wieder idyllisch.

Wiolkas Mutter hat die Taufdecke ihres kleinen Mädchens am Fenster des Hauses angebracht, bis der lange inhaftiert gewesene Vater wieder bei der Familie ist.

Überall, in Haus und Hof, kreisen lästige Fliegen. Das von der Großmutter bereitete Frühstück besteht auch mal aus gebratener Blutwurst mit Zwiebeln, auf das die junge Wiolka so gar keine Lust hat. Sie sammelt Maikäfer in einem großen Glas. Mit der Großmutter verkauft sie Sauerkirschen, die sie zuvor zusammen gepflückt haben, auf dem Markt. Sie ergründet das Geheimnis der Schneiderin in deren  geheimnisvollem Zimmer. Bei einer Tombola gewinnt sie eine zuvor geweihte Figur. Weitere Schilderungen handeln vom Malen Wiolkas im Kunstkreis oder  vom Karfreitagsbrauch, an dem der Großvater eine gemusterte Tunika und einen mit Papierblumen geschmückten Kortillon anlegt…

Viele kleine Geschichten, von denen jede für sich allein stehen kann, fügen sich so zu einem Bild zusammen, das Wiolkas Heranwachsen, ihre kleinen und großen Probleme, ihre Entdeckung der Sexualität, Teile ihres Familienlebens oder das Pflegen alter Traditionen aufzeigt.

Wioletta Greg wurde 1974 in Polen geboren und lebt seit 2006 in Großbritannien. Sie hat bislang drei Romane und sieben Gedichtbände veröffentlicht.

Unreife Früchte stand auf der Man Booker International Longlist 2017.

Wioletta Greg: Unreife Früchte.
C. H. Beck, Januar 2018.
143 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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