Uwe Timm: Heißer Sommer

timmUllrich Krause, die Hauptperson dieses (fiktiven) Romans ist wahrscheinlich ca. fünf Jahre älter als ich. Ich habe einfach versucht, die beschriebenen Stationen seines Lebens vom Studenten – bis es dann irgendwann zu einer relativen Ruhe kommt, nachzuvollziehen. Es geht um die 68 Jahre, die Studentenrevolte, die Radikalisierung, der ganze Muff, der in Deutschland zu der Zeit explodierte. Diese Stationen sind natürlich heute deutsche Zeitgeschichte und waren vor kurzem in der RAF Ausstellung in Berlin zu sehen. Sehr gut. Aber mich hat das Buch deshalb so fasziniert, weil ich die Unruhe, die der Student Krause hatte, schon damals als 15jähriger in mir trug. Die Rebellion ging auch in die Gymnasien, von dem ich natürlich aus der Quarta flog, ich will jetzt nicht sagen nur aus Rebellionsgründen, da war auch eine Latein- und Mathesperre, die ich nicht überwinden konnte. Wie gesagt, ein ständiges Unwohlsein, mit Energie auf die „Rote Punkt Aktion“ und „Hausbesetzungen“ in unseren Ruhrgebietsstädten. Aus heutiger Sicht Übungsfelder, die kleinen Brüder für uns Schülerinnen und Schüler der großen Studentenrevolten und Aktionen in Berlin und Hamburg. Und an dieses Unwohlsein über den Staat, bis hin zur Hilflosigkeit und unkontrollierbaren wütenden Bauchaktionen, kann ich mich noch genau erinnern. Wir wurden damals politisiert. Aber jetzt kommt die große Stärke des Buches. Es kommt einfach drauf an, wen man trifft, oder wem man grade zuhört. Neben wem man steht, ob da grad ein Mädel ist, die man klasse findet oder ob man sich mit einem großen Agitator die Kante gegeben hat. Man wird nicht einfach zum „Revolutionär“, weil man sich was anliest und irgendwelche Konsequenzen aus Zuständen zieht, sondern es kommt darauf an, in welchem Umfeld man sich grad befindet. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich Leute bewundert habe, die Mikrophonfest waren, die die Menschen begeistern konnten. Gefährlich. Irgendwann war es nämlich egal, wovon der sprach, es war einfach ein Gefühl, wir schaffen das. Ullrich Krause, und auch ich haben aber nie die Zweifel verloren, diesen subjektiven Faktor, den Zweifel an der eigenen Persönlichkeit. Uwe Timm versteht es meisterhaft diese Unruhe einer Person mit der Unruhe im Staate zu verweben. Geschenkt, dass am Ende der Trip ins Esoterische ein wenig aufgesetzt wirkt, aber es rundet das Bild der Zeit ab. Ein wichtiges Buch.

Uwe Timm: Heißer Sommer.
Kiepenheuer & Witsch, März 2015.
311 Seiten, eBook, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Fred Ape.

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