Thomas Hettche: Herzfaden

Eine gemeinsame Kindheitserinnerung ganzer Generationen von Deutschen geht so: Man liegt an einem vertrödelten Sonntagnachmittag auf dem Sofa und verfolgt auf der Mattscheibe gebannt, wie Urmel aus dem Eis, Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, die haarsträubendsten Abenteuer erleben.

Aus den Anfängen der Augsburger Puppenkiste, die längst zum deutschen Kulturgut gehört und auch Erwachsene fasziniert, hat der 1964 geborene Schriftsteller Thomas Hettche einen Roman gemacht, der reale Geschichte mit Fiktion verknüpft.

Es waren der Schauspieler und Theaterdirektor Walter Oehmichen und seine Familie, die mitten im Zweiten Weltkrieg die ersten Gehversuche mit einem Puppentheater unternahmen.

​ Dabei mussten sie Rückschläge verkraften. Walter Oehmichen wurde zur Wehrmacht eingezogen, und in einer Bombennacht verbrannte ein erstes Puppentheater, in dem drei Jahre Arbeit gesteckt hatten. Aus diesem Kontrast zwischen dunklen Kriegstagen und der Macht der Fantasie zieht der Roman viel Kraft.

Thomas Hettche gelingt das Kunststück, jene ganz besondere Magie auch in seinem Roman zu entfachen, die von der Augsburger Puppenkiste ausgeht. Er bindet eine Parallelgeschichte in seinen Roman ein – im Buch in Rot gedruckt -, in der ein kleines Mädchen auf einem verwunschenen Dachboden die Marionetten trifft, die dort ein geheimes Eigenleben führen. Der Titel bezieht sich auf diese Magie. Der „Herzfaden“ ist jener Faden, der von der Hand des Puppenspielers direkt zum Zuschauer führt.

Zentrale Figur im Roman ist Hannelore „Hatü“ Oehmichen, die die Augsburger Puppenkiste in zweiter Generation fortgeführt und schon früh ihre Liebe fürs Schnitzen der Puppen entdeckt hat. Auch sie lebt auf dem geheimen Dachboden weiter.

​„Herzfaden“ ist inhaltlich und von seiner Gestaltung her ein wunderschönes Buch. Der Text wird immer wieder durch die Zeichnungen Matthias Beckmanns von den Puppen aufgelockert.

Thomas Hettche: Herzfaden.
Kiepenheuer&Witsch, September 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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Ein Kommentar zu “Thomas Hettche: Herzfaden

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