Tamara Bach: Sankt irgendwas

„Schräg.“ Dies sagt einer, der nicht dabei war.

„Jedenfalls war keiner im Gefängnis und es gab wohl keine Brandstiftung.“ (S. 120)

Die 10d begibt sich mit ihrem Klassenlehrer, Dr. Utz, auf eine Studienfahrt ins Ausland. Für alle ist diese Reise mit viel Extraarbeit verbunden, denn Utz hat jedem der 28 Schülerinnen und Schülern ein Referat über eines der Ausflugsziele aufgegeben. Darüber hinaus muss täglich ein Protokoll geschrieben werden. Abgesehen davon, dass Utz nicht gerade zu den beliebtesten Lehrern gehört und zwischen ihm und der Klasse schon einige Differenzen ausgetragen worden sind, merken die Protokollanten schnell, dass sie ihre Berichte auf keinen Fall dem Klassenlehrer aushändigen dürfen. Denn wer würde schon gern von seinen Entgleisungen und dem Desaster seiner Studienfahrt lesen wollen?

Tamara Bach hat das Kunststück vollbracht, ein originelles und zugleich authentisches Buch über eine Alltagssituation zu schreiben, die praktisch jeder mal erlebt oder von Leidensgenossen gehört hat. Ein unbeliebter Lehrer übt sich als Diktator und schreckt auch vor Mobbing nicht zurück. Jeder, der in den Augen des Lehrers nicht spurt, insbesondere sein Lieblingsopfer Josch, soll von der Klasse verraten und ausgegrenzt werden. Glücklicherweise hält die 10d zusammen. Sie nehmen die Sanktionen des Lehrers auf sich und agieren nach dem Motto: einer für alle; alle für einen.

In frischen Dialogen, die die Studienfahrt rahmen, wird der Leser über Gerüchte in eine verrückte Geschichte eingeführt. Die Autorin lässt einzelne Schülerinnen und Schüler in ihren Protokollen erzählen, wie sie das Desaster erleben und ihre Meinung zu bestimmten Erlebnissen ist. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Scheinbar unfreiwilliger Sprachwitz führen zu einem grandiosen Leseerlebnis, bei dem Lachen und Nicken sich häufig abwechseln.

Nach wenigen Tagen beschließen einige Schüler, dass nur noch Ole heimlich protokollieren sollte. Auf diese Weise ändert sich nicht nur der eingeschlagene Weg des Erzählens. Auch die Sprache driftet immer mehr in die Welt der Erwachsenen ab und zeigt mehr als nur Oles Perspektive. Wäre die Autorin konsequent im jugendlichen Berichtston geblieben, wäre die Geschichte eine grandiose Komposition geworden. Jetzt ist es nur noch ein sehr gutes und auf jeden Fall lesenswertes Buch.

Wie die Klasse 10d den kaum noch zu ertragenden Dr. Utz ausbremst, liest sich wie ein Lehrstück. Es macht aus einer 0815/-Studienfahrt eine Reise, die im wahrsten Sinne des Wortes auf das Leben nach der Schule vorbereitet, wobei man sich unweigerlich fragt, wer hier eigentlich noch vorbereitet werden sollte: Die Schülerinnen oder der Lehrer.

Tamara Bach: Sankt irgendwas.
Carlsen, Juli 2020.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 13,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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