Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1960)

Fast jeder hat schon einmal von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer gehört. Wer nur die Verfilmungen kennt – von denen ich die der Augsburger Puppenkiste am meisten schätze – hat aber etwas verpasst.

Und so fängt die Geschichte an: Auf Lummerland, einer winzigen, beschaulichen Insel im großen Ozean, leben genau vier Menschen und die Lokomotive Emma. Da sind Lukas der Lokomotivführer, der so großartige Dinge kann wie Loopings spucken und Eisenstangen zu Schleifen binden; König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte, der zwischen den beiden Gipfeln der Insel in seinem Schloss thront und regiert; Frau Waas, die den Kaufladen führt und die Einwohner mit allen wichtigen Dingen – zum Beispiel mit ihrem selbstgemachten Erdbeereis – versorgt und Herr Ärmel, der am liebsten spazieren geht und sonst vor allem Untertan ist.

An einem schönen Tag legt das Postschiff vor der Insel an und der Briefträger bringt – etwas ratlos – ein Paket für eine „Frau Malzaan oder so ähnlich“. Natürlich ist allen gleich klar, dass es auf Lummerland keine Frau Malzaan gibt. Die Zahl der Einwohner ist ja ziemlich überschaubar. Weiterlesen

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Andrej Kurkow: Graue Bienen

Sergej Sergejitsch – fast 50 Jahre alt, Frührentner und Imker – lebt in Malaja Starogradowka, einem Dorf mitten in der grauen Zone, zwischen den Fronten der prorussischen Separatisten und der ukrainischen Kämpfer. Nur noch zwei Bewohner harren dort aus: Sergej und Paschka, sein „Kindheitsfeind von der ersten Klasse der Dorfschule an“ (Zitat Seite 6), der immer mehr zu seinem „Feindfreund“ wird. Schließlich hat er sonst niemanden mehr, mit dem er sich unterhalten kann. Die anderen Einwohner haben die Flucht ergriffen, weil sie um Leib und Leben fürchteten und der Alltag ihnen zu beschwerlich wurde.

Denn schon lange gibt es keinen Strom mehr und keine Post, der Laden ist geschlossen und auch wenn das Geschützfeuer meist nur als Hintergrundgeräusch aus der Ferne zu vernehmen ist und im Normalfall keine Aufmerksamkeit mehr erregt, verirrt sich doch manchmal eine Granate ins Dorf. Eine davon hat die Kirche in Schutt und Asche gelegt und Sergejitsch dadurch zu einem ganzen Haufen Kirchenkerzen verholfen.

Abwechslung gibt es eher selten – mal ein toter Soldat auf dem Feld, mal eine Explosion, die Paschkas Fensterscheiben zerfetzt, mal eine Wanderung ins Nachbardorf oder der überraschende Besuch eines jungen ukrainischen Soldaten namens Petro. Doch auch bei unvorhergesehenen Ereignissen bleibt Sergej meistens ruhig und überlegt sich gut, was er tut und was er lässt. Nicht einmischen ist meistens seine Devise – und damit fährt er bisher gut. Weiterlesen

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Karin Nohr: Kieloben

Ingas Leben ist aus den Fugen geraten seit ihr Mann Friedrich vor sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat die gemeinsame internistische Praxis aufgegeben und wälzt nun bei der Deutschen Rentenversicherung Akten. Als sie 55 wird und ihr Sohn Sebastian nach dem Abi eröffnet, dass er für ein Jahr nach Australien gehen wird, beschließt sie, nach Norwegen zu reisen.

Nicht weit von den Orten, an denen ihr Vater als Offizier im 2. Weltkrieg auf einem Boot das Kommando hatte, beginnt sie nachzudenken: über ihre Eltern, ihre Brüder Matthias und Markus, ihre Kindheit und Jugend. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel startet sie einen Mailverkehr mit ihren Brüdern, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, denn jeder der Geschwister hat ein anderes Bild, andere Erinnerungen an das Leben in der Familie. War die Mutter glücklich mit ihren Kindern oder waren sie ihr eine Last? War der Vater wirklich monatelang auf Sprachkursen in Frankreich oder wegen seiner Kriegstraumata in psychiatrischer Behandlung? War er Kriegsheld oder Täter? Weiterlesen

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Gabriel Katz: Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Pierre Geithner, Leiter des Fachbereichs Musik am Pariser Konservatorium, glaubt, seinen Ohren nicht zu trauen, als er auf dem Gare du Nord einen jungen Mann Klavierspielen hört. Technisch nicht perfekt, aber mitreißend, mit fliegenden Fingern und ohne Noten. Pierre ist begeistert, doch der junge Mann – Mathieu Malinski – blockt seine Kontaktaufnahme ab.

Mathieu, dessen Familie aus Polen stammt, lebt in einer Pariser Vorstadt und bringt alles mit, was man ganz klischeehaft erwarten kann: finanzielle Schwierigkeiten und einen (klein-) kriminellen Hintergrund. Doch er kümmert sich auch liebevoll um seinen kleinen Bruder, während seine Mutter im Krankenhaus Nachtschichten schiebt, um sich und die Kinder über Wasser zu halten, und hat einen Job als Gabelstaplerfahrer. Was Mathieu aus der Masse heraushebt, ist dieses ganz besondere musikalische Talent, das ein früherer Nachbar gefördert hat, das er aber so gut er kann geheim hält.

Als ein Einbruch mit seinen Kumpeln schiefgeht und Mathieu von der Polizei geschnappt wird, erinnert er sich an die Visitenkarte, die ihm Pierre zugesteckt hat und tatsächlich haut ihn dessen Anwalt raus und verschafft ihm statt eines Gefängnisaufenthaltes ein halbes Jahr Sozialstunden im Konservatorium. Pierre ist von Mathieus Potenzial überzeugt und organisiert für ihn Klavierunterricht bei der besten Lehrerin der Hochschule, um ihn auf einen renommierten Klavierwettbewerb vorzubereiten. Aber der junge Mann bleibt zunächst störrisch. Erst als er die Cello-Studentin Anna kennenlernt, rafft er sich auf, seine Chance zu ergreifen. Weiterlesen

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Bina Shah: Die Geschichte der schweigenden Frauen

Große Kriege haben Teile der Welt verwüstet. Neue Staaten haben sich gebildet, Gesellschaftssysteme wurden mit mehr oder weniger Gewalt umgekrempelt. Die technische Entwicklung ist vorangeschritten, Roboter übernehmen viele Tätigkeiten, die Nutzung digitaler Hilfsmittel ist Alltag – und dient häufig auch der Überwachung der Bevölkerung.

Dieses Umfeld bietet den Rahmen für Bina Shahs Roman „Die Geschichte der schweigenden Frauen“. Die pakistanische Autorin führt die Leserinnen und Leser nach Green City, der Hauptstadt Südwest-Asiens. Frauen sind dort aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen und eines Virus Mangelware. Das führt dazu, dass die übrig gebliebenen durch die Obrigkeit dazu verpflichtet werden, möglichst viele Kinder zu gebären. Dafür werden sie praktisch – meist mit mehreren Männern – zwangsverheiratet. Die Gattinnen werden gehegt und gepflegt, sind aber nahezu rechtlos und ans Haus gebunden. Freiheit ist für sie fast unerreichbar.

Ein paar Frauen verweigern sich diesem System und gehen in den Untergrund.

So wie Lin, Sabine und Rupa. Sie leben in der Panah, einem von Lins verstorbener Tante Ilona Serfati gegründeten Versteck. Doch auch sie sind nicht frei, sondern müssen ständig auf der Hut sein, um nicht in die Fänge der Obrigkeit zu gelangen. Weiterlesen

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Evelyn Kühne: Inselküsse: Ein Ostseeroman

Maries Leben läuft nicht immer in geraden Bahnen. Eben hat die alleinerziehende Mutter einen lukrativen Auftrag ergattert, da droht ihre Existenzgrundlage sich in Luft aufzulösen. Das Haus, in dem sie mit ihren drei Kindern wohnt, soll verkauft und saniert werden. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie die anstehende Mieterhöhung stemmen soll. Und dann bricht auch noch das marode Dach ihrer Töpferwerkstatt ein. Wie soll sie nun die Ware für den Auftrag – die Ausstattung eines neuen Hotels auf Rügen – produzieren? Auch wenn sie sich mit der Hotelbesitzerin Susanne auf Anhieb gut versteht, sieht sie keine andere Möglichkeit, als abzusagen

Als sie ihrer Nachbarin Ruth ihr Leid klagt, erfährt Marie etwas Erstaunliches: Die alte Dame hat vor wenigen Monaten ein Haus auf Rügen geerbt. Nur zu gerne würde sie es wiedersehen und vielleicht sogar dorthin ziehen. Wie wäre es, wenn Marie sie mit ihrer 14jährigen Tochter Karo und den 9jährigen Zwillingen Ole und Til begleiten würde? Vielleicht wäre es sogar möglich, dort zusammen zu wohnen. Weiterlesen

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Melanie Metzenthin: Mehr als die Erinnerung

Friederike von Aalen lebt und arbeitet auf Gut Mohlenberg, einer Einrichtung für Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder geistigen Behinderung in der Nähe von Lüneburg. Sie unterstützt ihren Vater, der diese Anstalt gegründet hat, vor allem bei der Verwaltung, aber auch zu den Bewohnerinnen und Bewohnern hat sie ein gutes Verhältnis. Manche kennt sie schon, seit ihrer Kindheit. Sie sieht – genau wie ihr Vater – in ihnen die Menschen, nicht nur die Patienten und weiß, dass oft mehr in ihnen steckt, als auf den ersten Blick sichtbar ist.

Ihren großen Traum, Ärztin zu werden, hat sie kurz vor ihrem Abschluss aufgegeben, um ihren Mann Bernhard pflegen zu können, der im 1. Weltkrieg bei einer Explosion eine schwere Kopfverletzung erlitten hat. Mühsam musste er wieder lernen, sich zu bewegen. Nun – im Jahr 1920 – ist er körperlich fast wieder hergestellt, aber sein Erinnerungsvermögen weist große Lücken auf und geistig ist er auf den Stand eines 5jährigen zurückgefallen. Die Ärzte machen Friederike keine großen Hoffnungen, dass sich sein Zustand noch weiter verbessern wird, doch sie steht treu zu ihrem Mann und kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Weiterlesen

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Axel Kutsch (Hrsg.): Versnetze_zwölf

Bereits seit 2008 gibt Axel Kutsch im Verlag Ralf Liebe jährlich die Versnetze heraus. Die Idee hinter den Netzen ist spannend, denn sie verbinden die Verse regional und über die Generationen hinweg. Innerhalb der großräumigen Sortierung nach deutschen Postleitzahlenbereichen erfolgt die Anordnung nach dem Alter der Autorinnen und Autoren – am Beginn stehen jeweils die Jüngsten. Die Bandbreite reicht vom Jahrgang 1929 bis 1997, wobei der Schwerpunkt deutlich auf den Jahrgängen zwischen 1940 und 1970 liegt. Hinzu kommt der „kleine Grenzverkehr“, in dem auch deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aus anderen Ländern zu Wort kommen.

Die Vielfalt der Sammlung ist beeindruckend, die unterschiedlichsten Stile und Themen sind vertreten. Rätselhafte Verse wechseln sich ab mit leicht verständlichen, gereimte mit ungereimten, konkrete mit abstrakten, heitere mit ernsten oder gar wütenden. Manche bestehen nur aus wenigen Worten, andere füllen eine ganze Seite. Weiterlesen

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Volker Langenbein: Totengräbers Tagebuch

Volker Langenbein, genannt Rusty, wuchs in einer Gegend auf, „in der man nicht überall spielen durfte, denn es konnte relativ schnell passieren, dass man eine Backpfeife sitzen hatte, wenn man in die ‚falsche Straße‘ kam.“ (Zitat aus Einleitung) Obwohl ihn seine Mutter liebevoll erzogen hatte, geriet er in kriminelle Kreise und er gibt unumwunden zu, dass er sich die „Leiter nach unten“ selbst gebastelt hatte. Was er trieb waren keine „Kleine-Strolche-Straftaten“ mehr. Als eine Haftstrafe im Raum stand, war ihm klar, dass er etwas ändern musste. Und er hat die Kurve gekriegt.

Nach verschiedenen Jobs landet er auf dem Friedhof – als Arbeiter in der „Gärtnertruppe“. Sein Kollege Manne begrüßt ihn locker und mit der Ansage, dass er sich keinen Stress machen soll. Und schon ist die Sache geritzt. Rusty gewöhnt sich ein und lernt schnell dazu. Laub rechnen, Hecken schneiden, Gräber gießen, zwischendrin schnell mal eine Kippe – alles kein Problem. Mit den Toten hat er nur aus der Ferne Kontakt. Sobald ein Trauerzug vorbeikommt, verschwinden die Gärtner in den Büschen.

Doch nach einem Jahr läuft sein Vertrag aus. Bei den Gärtnern ist nichts mehr frei. Aber weil sich Rusty bewährt hat, bekommt er von der Friedhofsleitung ein Angebot: Wenn er möchte, kann er bei den Totengräbern anfangen. Alles muss schnell gehen, er hat keine Bedenkzeit. Kurzentschlossen sagt er zu. „Einmal tief durchgeatmet und …A star was born! Oder: Ein Narr was born? Ich hatte keine Wahl. Also rein in den Untergrund. Rein in die Tatsache, Konfrontation Tod.“ (Zitat: Kapitel „Das erste Jahr“) Weiterlesen

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Pia O‘Connell: Ein irischer Todesfall

Im Juni 1994 folgt Elli O’Shea ihrem Mann Sean in seine Heimat Irland, im Schlepptau den vierjährigen Sohn Patrick, Neugier und Abenteuerlust, aber auch ein bisschen Wehmut. Die junge Familie kommt vorübergehend in der Kleinstadt Carlow unter, wo auch Seans Eltern und große Teile seiner Verwandtschaft leben.

Elli hatte noch kaum Gelegenheit, sich an das wechselhafte Wetter und die Retro-Einrichtung ihres möblierten Häuschens zu gewöhnen, als überraschend Seans Onkel Jim stirbt. Das Herz des wohlhabenden Wurst- und Pastetenfabrikanten war einfach stehengeblieben. Der Arzt kann keine Fremdeinwirkung feststellen, aber so genau hat er wohl auch nicht hingeschaut.

Die Beerdigung bietet Elli die Gelegenheit, Schwager und Schwägerinnen, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen in Augenschein zu nehmen. Besonders fällt ihr Michelle auf, Onkel Jims zweite Ehefrau, eine hübsche Blondine, die so gar nicht zu ihm gepasst hat, wenn man den Gerüchten glauben darf. Die meisten waren sich schon bei der Hochzeit einig gewesen: Michelle ist nur hinter Jims Geld her. „Warum sonst sollte sich so eine attraktive Frau mit so einem alten Dackel einlassen?“ Weiterlesen

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