W. Schiffer & D. Gücyeter (Hrsg.): Cinema: Lyrikanthologie

Kino, Cinema, Film – jede und jeder hat dazu wohl andere Assoziationen und Inspirationen. Der Elif Verlag hat Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die entstandenen Werke in der neuen Lyrikanthologie „Cinema“ versammelt, die so vielfältig ist, wie das echte, wahre und erfundene Leben innerhalb und außerhalb der Kinos.

Nicht nur Jenseits von Afrika, Jurassic Park, Cinderella und Mad Men, Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch, Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick, Porno-, Dokumentar-, Spiel- und Zeichentrickfilme, Isabelle Huppert, Tilda Swinton, Laurel und Hardy, bekannte und unbekannte Filmschaffende, Besucherinnen und Besucher und natürlich Kino und Film „an sich“ – als Gefühl, als Eindruck, als Zufluchtsort und Traumraum – haben in dieser abwechslungsreichen Anthologie größere und kleinere Auftritte. Umrahmt wird die Lyrik von gelungenen Filmidol-Collagen von Stefan Heuer, der auch mit einigen Gedichten darin vertreten ist. Weiterlesen

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Anke Glasmacher: Obstkistenpunk

Da steht eine „sie“ vor der Tür und will nicht eintreten in die Welt dahinter, die auf sie (und vielleicht auch auf die Leserinnen und Leser) fremd und furchteinflößend wirkt. Eine (andere?) „sie“ liegt am Bordstein. Vermutlich vergessen.

Ein „er“ dreht am Flughafen auf dem Band seine Runden, überlegt, ob er einen mitkreisenden Rucksack ansprechen soll, schwingt sich dann doch herunter, verlässt die Halle und fährt mit dem Taxi nach Hause. Oder ist es nicht nur einer? Ist der „er“ vom Anfang der Geschichte ein anderer als der „er“ am Ende?

Um eine „sie“ wächst im Stadtpark ein steinernes Iglu, trennt sie von ihrer Umwelt und wirft sie auf sich selbst zurück. Im „Viertel“ tauchen mysteriöse herrenlose Päckchen auf und im Grab liegen zwei. Doch welche zwei?

Aus diesem Stoff sind die Geschichten von Anke Glasmacher, die mich herausgefordert, aber auch beeindruckt haben. Menschen (oder auch ein Koffer) tummeln sich darin, die wenig von sich preisgeben, nur selten ihre Namen oder Funktionen. Immer wieder habe ich mich gefragt, wer „er“ und „sie“ sind, wie ich sie festhalten und identifizieren kann, um ihnen näher zu kommen. Doch die Geschichten und die Figuren entziehen sich einer einfachen Annäherung. Sie verwirren bewusst, sind Momentaufnahmen aus einer absurden, beängstigenden und komplexen, aber faszinierenden Welt, die stellenweise lose – manchmal nur durch einzelne Worte – verknüpft scheinen. Weiterlesen

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Walter Rügert (Hrsg.): Aus dem Leben von Clara und Emanuel von Bodman

Emanuel von Bodman ist kein Autor, den heutzutage noch viele Menschen kennen. Doch seine Gedichte, Dramen und Novellen wären wahrscheinlich noch weit unbekannter, wenn nicht seine dritte Ehefrau Clara ihr Leben der Aufgabe gewidmet hätte, während der Ehe ihrem Mann den Rücken freizuhalten und nach dessen Tod sein Werk zu bewahren und den Menschen zugänglich zu machen. Diese Hingabe hat sie in ihrem langen Leben (1890-1982) begleitet und geleitet. Sie selbst hat sich mit dieser Entscheidung glücklich gefühlt, auch wenn die Zeiten nicht immer rosig waren.

Dass Clara von Bodman nicht nur die liebevolle „Frau an seiner Seite“, sondern eine kluge, belesene und sprachlich ausdrucksstarke Frau war, die gleichzeitig mit beiden Beinen auf der Erde stand und den gemeinsamen Alltag organisierte, zeigen die von Walter Rügert herausgegebenen Texte.

Ihr kurzer „Nachruf zu Lebzeiten“ leitet das Buch ein. Hierin hat Clara von Bodman schon früh die ihrer Meinung nach wichtigsten Daten und Ereignisse ihres Lebens zusammengefasst. So gibt sie nicht nur dem Pfarrer für ihre Beerdigung, sondern auch den Leserinnen und Lesern einen Überblick über ihren Werdegang und darüber, was ihr wichtig war. Weiterlesen

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Alma M. Karlin: Einsame Weltreise

Als Alma M. Karlin im November 1919 mit wenig Geld zu ihrer langen Reise aufbricht, liegt die Welt noch in den Nachwehen des vergangenen Krieges. Doch ein unbändiger Wissensdurst und Forscherinnendrang macht es ihr unmöglich, in der Heimat zu bleiben.

Ein heimtückisches Übel hat sie ereilt, nachdem sie ihren ersten Roman verkauft hatte: „[Ich] entwickelte Anzeichen von Größenwahn, sah mich schon als modernen Columbus eine neue Welt entdecken und traf ernstliche Vorbereitungen zur Eroberungsfahrt.“

Ihr erstes Ziel ist Japan, das sie allerdings – der widrigen Umstände wegen – erst nach einem rund zweijährigen Umweg über den amerikanischen Kontinent erreicht. Auf diesem ersten Abschnitt ihrer Reise findet sie zwar Bekannte, mit denen sie sich gut versteht, und vor allem mit dem Botaniker Herrn G. unternimmt sie zahlreiche Landausflüge, bei denen sie Land, Leute, Tiere und Pflanzen entdeckt, aber letztendlich trennen sich die Wege und Alma landet einsam – nur begleitet von ihrer treuen Schreibmaschine Erika – und abgebrannt in Peru. Doch auch nach Schmutz, Armut, Verzweiflung, Krankheit und der gefühlt fortwährenden Bedrängung und sexuellen Belästigung durch Männer, kommt es ihr nicht ernsthaft in den Sinn, ihre Entdeckungsreise abzubrechen. Weiterlesen

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Judith W. Taschler: Das Geburtstagsfest

Kim hat keine Lust, seinen 50. Geburtstag zu feiern, zumindest nicht mit vielen Menschen. Nur mit der Familie, vielleicht noch mit seinen wenigen engen Freunde, so könnte er es sich vorstellen. Mit zunehmendem Alter meidet er die Gesellschaft. Immer mehr lange verschüttete Gedanken und Gefühle kommen ans Licht.

„Er hatte mehr erreicht, als er jemals zu träumen gewagt hatte.“ Kim, der Flüchtlingsjunge, der seinen Traum von Familie und Selbständigkeit als Architekt verwirklichen konnte. Aber die Glücksgefühle von früher wollen sich nicht mehr einstellen. Er zweifelt daran, ob sein Leben tatsächlich in den richtigen Bahnen verläuft, aber noch verdrängt er die dramatischen Ereignisse aus seiner Jungend, so gut er kann.

Doch seine Frau Ines plant – ohne sein Wissen – eine große Feier und auch die Kinder haben eine Überraschung für ihn: Jonas, der Jüngste, hat Tevi Gardiner eingeladen. Die Tevi, die als Kind Ende der 1970er Jahre gemeinsam mit Kim in das österreichische Dorf P. nahe Linz gekommen war, die Tevi, die er auf der gefährlichen Flucht durch den kambodschanischen Dschungel tagelang getragen hatte, weil ihr die Ruhr und der Tod ihrer Familie alle Kraft genommen hatten. Weiterlesen

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Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

Freiheit – in diesem Wort steckt eine außergewöhnliche Tiefe und eine Menge Sprengkraft. Wo beginnt die individuelle Freiheit, wo endet sie? Darf oder kann man die persönliche Freiheit einschränken, um eine Gesellschaft als Ganzes freier oder „besser“ zu machen – wie auch immer man „besser“ definiert? Geistige Freiheit, körperliche Freiheit, Entscheidungsfreiheit, gesellschaftliche Freiheit, politische Freiheit, religiöse Freiheit und noch so viel mehr – kann es einen Vorrang für eine Art der Freiheit geben, wenn dies eine andere beschneidet?

Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Menschen, die darüber nachdenken. Linda Vilhjálmsdóttir widmet der Freiheit einen Gedichtzyklus, in dem sie darüber aus ihrer Sicht reflektiert. Im Hintergrund steht die Situation ihres Heimatlandes Island währende der letzten Finanzkrise. Doch die meisten ihrer Überlegungen und Einsichten lassen sich ohne weiteres in einen universellen Zusammenhang stellen.

Dies wird schon auf den ersten Seiten deutlich, wenn es heißt:

wir haben
das wort vervielfacht
auf erden

vervielfacht die festungen
zwischen himmel und erde
vervielfacht gott

vervielfacht das lachen
das weinen den hass und die gier
vervielfacht alles
zwischen himmel und erde
alles außer der güte Weiterlesen

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Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme

Gewöhnlich beginne ich meine Rezensionen mit einem Einblick in den Inhalt des beschriebenen Buches. Nun habe ich erstmals einen Lyrikband ausgewählt. Doch worum geht es in „Gedichte erinnern eine Stimme“? Erzählen diese Gedichte Geschichten? Ich meine ja. Sie sprechen vom Leben, von den Elementen, die es ermöglichen und bereichern, von Feuer und Schatten, Erde, Stimmen in der Luft, dem Wasser oberhalb und unterhalb.

Der isländische Autor Sigurður Pálsson, der nicht nur in der Lyrik unterwegs war, nimmt die Leserinnen und Leser mit in eine Welt der Poesie, die vom Alltag durchdrungen ist und die den Alltag durchdringt. Beides ist nicht zu trennen.

Gleich im ersten Gedicht „Feuer und Schatten“ ist zu lesen:

Sonnige Heiterkeit
Das ist die richtige Einstellung
So wollen wir ankämpfen
gegen das Bleierne und Dunkle
gegen Unrecht und Gewalt
die ganze lange Liste … Weiterlesen

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Stefan Heuer: Katzen im Sack

Rolf und Frank gondeln mit ihrem zweigeteilten Wohnmobil – jeder hat sein eigenes Reich darin – durch Norddeutschland. Immer im Schlepptau der Anhänger mit Schießbude (für Rolf) und Angelstand (für Frank), die sie auf allen möglichen Festen und Märkten für das zahlende, aber auch Arbeit und Dreck machende Volk öffnen.

Die beiden mögen es eher gemütlich: ausschlafen, mit der Playstation zocken, Filme gucken (und sich gegenseitig bei Zitaten daraus auf die Probe stellen), ab und zu eine Frau vernaschen (vor allem Rolf, der gerne mal den Macho raushängen lässt). Dabei geht es nicht zimperlich zu und an Alkohol und Nikotin wird nicht gespart. Eine echte Männerfreundschaft eben.

Dann tritt Sybille in ihr Leben – das heißt, vor allem in Franks Leben. In einer Bierlaune hatte er ein Schild an seinem Enten-Angelstand angebracht: Junge Frau zum Mitreisen gesucht. Die Ehre und eine Wette hatten verboten, es wieder abzunehmen, als Sybille fragt, ob die Stelle noch frei sei.

Frank verguckt sich sofort in die geheimnisvolle junge Frau, mit der er gleich sein Wohnmobil-Abteil und nicht viel später auch sein Bett teilt. Selbst nach mehreren Wochen gemeinsam auf Achse, weiß er von ihr nicht viel mehr als ihren Vornamen und dass sie aus Göttingen stammt. Weiterlesen

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Armin Strohmeyr: „Sie war die wunderbarste Frau“

Als Maria Sophia Gutermann im Dezember 1730 in Kaufbeuren geboren wird, ist ihr Vater, der „Stadtphysikus“ Georg Friedrich Gutermann, enttäuscht: Sein erstes Kind ist kein Junge, sondern ein Mädchen, das sich jedoch bald als eine Art „Wunderkind“ erweist. Schon mit drei Jahren kann sie – nach eigenen Angaben – lesen. Gefördert wird sie dabei vom Vater, der ihr – zu dieser Zeit in Ermangelung eines männlichen Nachkommens, der sich erst als 13. Kind einstellen wird – eine „für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Erziehung und Bildung zukommen“ lässt. Dennoch zielt diese Bildung immer darauf, „später eine folgsame Gattin und pflichtbewusste Hausfrau zu sein.“ Sophie wird dies verinnerlichen und sich bis ins hohe Alter danach richten.

Bald beherrscht sie das Französische perfekt, lernt aber ebenso Klavier zu spielen, zu tanzen, zu zeichnen, zu sticken und die Führung von Küche und Haushalt – eben alles, was in gehobenen Kreisen von einer Frau erwartet wird. Dass sie diese Kenntnisse perfekt anwenden kann, beweist sie nach ihrer Heirat mit Georg Michael Frank La Roche – dem Verwalter, Sekretär und wahrscheinlich auch unehelichen Sohn des Grafen von Stadion – im eigenen Haushalt. Doch immer wieder hat sie ihren eigenen Kopf und ihre Wünsche, die sie manchmal durchsetzt, manchmal aber auch nur in ihrem Inneren bewegt oder ausführlich in gefühlvollen Briefen beschreibt. Weiterlesen

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Meredith May: Der Honigbus

Meredith ist noch keine fünf Jahre alt, als ihre Mutter Sally 1975 den Vater verlässt und mit den beiden Kindern von der Ostküste der USA ins ländliche Carmel Valley nach Kalifornien zieht. Dort leben die Großeltern in einem winzigen Haus, in dem sich die zerrissene kleine Familie in den nächsten Jahren ein Zimmer teilen wird.

Schon auf dem Flug spürt Meredith, dass ihr die Mutter abhandenkommt. „Irgendwo zehntausend Meter über der Mitte Amerikas hatte sie es aufgegeben, eine Mutter zu sein.“

In Kalifornien angekommen, verfällt Sally sofort in eine tiefe, jahrelange Depression und verkriecht sich im Bett. Die Großmutter Ruth nimmt sich Merediths und ihres kleinen Bruders Matthew an. Doch sie ist streng und obwohl sie Lehrerin ist, findet sie keinen wirklichen Zugang zu den Kindern. Ihre Loyalität und Zuneigung gehört vor allem ihrer Tochter, die sie in ihrem schwer angeschlagenen Zustand beschützen möchte. Warum ihr das so wichtig ist, wird im Laufe des Buches deutlich.

Sally gibt die Schuld an der Trennung ihrem Mann und lässt kein gutes Haar an ihm. Doch Meredith vermisst ihren Vater, zu dem zunächst jeglicher Kontakt eingestellt wird und fragt sich „Wenn alle so tun, als würde dein Vater nicht existieren, gibt es ihn dann noch?“ Weiterlesen

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