Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann (1926)

Lolly Willowes ist Sylvia Townsend Warners Debütroman, den man als Ermunterung zur Unabhängigkeit und Eigenständigkeit alleinstehender Frauen des 19. Jahrhunderts werten kann.

Als die Protagonistin Laura Willowes geboren wird, schreiben wir das Jahr 1874. Sie wächst mit zwei älteren Brüdern in der Grafschaft Somerset, im Südwesten Englands auf. Ihr Vater Everard ist vernarrt in das Mädchen. Später, als sie im heiratsfähigen Alter ist, lebt ihre Mutter nicht mehr und das Mädchen vergleicht alle Verehrer mit dem Vater. Keiner der jungen Männer kann diesem Vergleich standhalten.

Nach dem Tod des Vaters zieht Laura zu ihrem älteren Bruder Henry und dessen Frau Caroline nach London. Ihre Nichte Fancy verpasst ihr den Namen Lolly und so lässt sie ihren alten Vornamen Laura zusammen mit ihrem vorherigen Leben in der Grafschaft zurück. Alle wohlgemeinten Versuche von Henry und Caroline, Lolly zu verheiraten, scheitern. Lolly passt sich dem Familienleben im Haus des Bruders an. Sie liebt die Botanik, kauft gerne exotische Blumen, doch ihre Gedanken gehen ganz andere Wege. Der Geruch von Buchenzweigen, die sie geschenkt bekommt, inspirieren ihre Fantasie und von da an will sie unbedingt weg von London und in den unbedeutenden kleinen Ort Great Mop, in die Chiltern Hills  wegziehen. Damit möchte Lolly sich verwirklichen, sich den Einschränkungen in der Familie ihres Bruders nicht länger unterwerfen, vor allem aber will sie sich der männlichen Dominanz und Präsenz von Bruder und Neffe entledigen. Auch dem konventionellen Gebaren der Frauen will sie nicht länger Folge leisten. Die Verwandten reagieren mit Unverständnis, aber Lolly, zwischenzeitlich zwanzig Jahre älter, lässt sich mit ihren siebenundvierzig Jahren nicht davon abbringen, sich zu befreien. Der Ort Great Mop wird nun Teil ihres Lebens. Hier fühlt sie sich endlich so frei wie sie es erhofft hatte und kann ihr Leben genießen. Ihr Geheimnis und ihre Berufung in Great Mop ist die Hexerei. Nach einer Kratzattacke eines jungen Kätzchens, das sie in ihrem Zimmer vorfindet, zweifelt sie nicht daran, mit dem Teufel verbandelt zu sein. In einem Gärtner, dem sie in der Natur begegnet, glaubt sie, den Satan zu erkennen. Es wird eine lange Begegnung, ein langes Gespräch zwischen den beiden und es wird spät. So spät, dass ihr nichts anders übrig bleibt, als in der Natur zu übernachten. Durch den Pakt, den sie mit dem Teufel geschlossen hat, würde er sie nicht stören und sie fortan in Ruhe lassen.

Ihre Spiritualität lässt die Protagonistin nicht nur aus dem Alltag entfliehen und ihr Seelenheil finden, sie wird so zu einer  unabhängigen Frau, was keineswegs den gesellschaftlichen Konventionen der Zeit entsprach. So ist Sylvia Townsend Warner mit Lolly Willowes ein für das 19. Jahrhundert eigenwilliger feministischer Roman gelungen, der aber auch heute noch ob seiner skurrilen Magie leicht befremdlich anmutet.

2014 stand Lolly Willowes auf der Auswahlliste der 100 besten englischsprachigen Romane der Zeitung The Guardian. Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Ann Anders.

Sylvia Townsend Warner: Lolly Willowes oder Der liebevolle Jägersmann (1926).
Dörlemann, August 2020.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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