Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt (1962)

Constance Blackwood und ihre Schwester Mary-Katherine, genannt Merricat Blackwood, der senile alte Onkel Julian und Kater Jonas leben gemeinsam im Blackwood Anwesen. Jeden Dienstag und Freitag geht Merricat, obwohl sie es hasst, ins nahe gelegene Dorf, um Lebensmittel einzukaufen und Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Für die jüngere der beiden Blackwood Schwestern ist es ein wahres Spießrutenlaufen, wird sie doch von den Dorfbewohnern angefeindet, ja so mancher begegnet ihr mit offen zur Schau getragenem Hass.

Grund für den schlechten Ruf der wohlhabenden Familie ist ein Massenmord, der das Geschlecht vor ein paar Jahren dezimierte. Arsen im Zucker sorgte dafür, dass nur drei der früheren Bewohner des Anwesens überlebten, Constance wurde damals wegen Mordes angeklagt, letztlich aber frei gesprochen. Constance, die das Haus nicht mehr verlässt, geht ganz im Gärtnern und Kochen auf, während Julian sich dem Niederschreiben der Familienchronik widmet. Als sich ein entfernter Cousin der Familie bei ihnen einnistet, um auf das vermeintliche Vermögen zuzugreifen, fühlt Merricat sich in ihrer Existenz bedroht – das Unheil nimmt seinen Lauf …

Es ist selten, dass ein Horror-Plot ganz ohne Blut und Gewalt auskommt. So manche der Autoren haben sich auf die plakative Gewaltdarstellung und Gore spezialisiert, ganze Subgenres leben von diesen Büchern. Shirley Jackson pflegt eine andere, eine feinere Feder. Aus der Sicht der zum Einen kindlich-naiven, gleichzeitig aber manisch obsessiven Mary-Katherine und deren Traumwelt erzählt erfahren wir aus der Innensicht von deren Ängsten und Reaktionen. Ihre Angst vor ihrer Umwelt, die von ablehnenden, ausgrenzenden, ja sie piesackenden Fremden beherrscht wird, sorgt für eine wahrhaft beklemmende Atmosphäre. Die Gedankenwelt, die sich dem Leser hier erschließt, sorgt zunächst für Mittleid, dann Irritation, und schlußendlich für Verstörung. Was für ein Mensch verbirgt sich hinter der jüngeren Schwester, in wieweit sind deren Eindrücke und Ängste objektiv nachvollziehbar?

Aus dem Gegensatz zwischen der scheinbaren Idylle des Anwesens und der Vorgänge, die sich dem Leser peu a peu erschließen zieht der Text viel von seiner Faszination. Mehr noch aber bewirkt die Erzählweise über die ganz in sich gefangene Protagonistin, dass sich der Leser immer tiefer in die Gedankenwelt und die Vorkommnisse verliert. Hier trifft Atmosphäre auf Spannung und dies, ohne dass es großer Action bedarf.

So beeindruckt dieser recht kurze Text durch viel Stimmung und Flair ohne dass es dazu großer Gewaltschilderungen bedarf.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt (1962).
Festa, Mai 2019.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 19,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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