Scott Bergstrom: Ohne Skrupel

Agenten leben gefährlich. Zu jeder Zeit können sie enttarnt werden und schneller sterben als ein Gedanke.

Gwendolyns Eltern waren Agenten. Nun lebt nur noch ihr angeschlagener, abtrünniger Vater. Zu ihrem Schutz ziehen sie häufig um, während die Angst ihr ständiger Begleiter bleibt. Im Alter von 19 Jahren wird Gwen gezwungen, sich von ihrem Vater zu trennen. Der israelische Geheimdienst verlangt von ihr die Tötung eines reichen Mannes, dessen Vater bereits von ihrem Vater umgebracht worden ist. Und nun soll sie diese morbide Tradition erhalten.

Gwen kennt sich inzwischen mit dem Töten aus. In einem Wüstencamp wurde sie von einer Spezialeinheit der Israelis ausgebildet und für die Finessen des Geheimdienstes sensibilisiert. Ihre wichtigste Lektion lautet:

Niemand kann der totalen Überwachung der Geheimdienste entgehen. Irgendwann wird jeder entdeckt. Die Jagd nach Wissensvorteilen, Manipulation durch Scheininformationen machen aus allen Beteiligten Schachfiguren. Gwen will nicht nur aus dem menschenfeindlichen Spiel der Geheimdienste aussteigen. Sie sehnt sich nach einem Leben in Frieden, dass ihr nie erlaubt war.

Nach seinem Debüt Ohne Gnade erzählt Scott Bergstrom, wie es mit seiner starken Frauenfigur Gwen weitergeht. Während sie im ersten Band mehr über das verborgene Leben ihres Vaters erfährt und zu drastischen Maßnahmen greift, um ihn zu befreien, will sie im Folgeband für ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst kämpfen. Wie es sich für einen entschlossenen Menschen gehört, kämpft sie mit harten Bandagen. Denn ihre Gegner kennen weder Skrupel noch Gnade, und eine zweite Chance gibt es nicht.

In der Presse wird die junge Frau als zornige, widerspenstige Antiheldin gefeiert. Ob diese Sichtweise der von Scott Bergstrom erfundenen Gwendolyn gerecht wird, darf bezweifelt werden. Denn geschlechterspezifische Rollen haben in seiner dramatischen Spionagegeschichte keinen Platz. Im Fokus steht schlicht und ergreifend ein Mensch, der in einen tückischen Krieg zweier Mächte hineingeraten ist. Dies liest sich sehr spannend und erinnert an den klassischen Kampf zwischen David und Goliath.

Der damalige Krieg endete, weil der Schwächere siegte.

Aus der Geschichte lernen, heißt Siegen lernen. Auch in Gwens Geschichte sollte jemand dem Krieg der Geheimdienste ein Ende setzen. Doch wie beendet man einen Krieg, der sich wie ein Wechselspiel selbst nährt und in Bewegung hält, wenn jeder Beteiligte dazu verdammt ist, zu rennen oder töten?

Scott Bergstroms Thriller berührt, fesselt und will einfach nicht loslassen.

Scott Bergstrom: Gwendolyn Bloom 02: Ohne Skrupel.
Rowohlt, Februar 2019.
512 Seiten, Taschenbuch, 10,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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