Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Sie nimmt eines der Bilder […] Ein Nachtzug durchschneidet diagonal die Erde. Schwarzblaue Farbtöne. Kein Passagierzug, sondern Güterwaggons. Schatten und Nebel. Ein gelbes Licht erleuchtet nur die Frontscheibe des Führerstands. Die Lokomotive ist winzig und schmal – die Leinwand groß.“ (S. 54)

Was soll man inhaltlich über einen grandiosen Roman schreiben, ohne zu viel zu verraten? Wer würde allein dem Hinweis »unbedingt lesen!!« vertrauen??

In seinem ersten Roman erzählt der Autor Sasha Filipenko von einem jungen Mann, der 2001 von Moskau nach Minsk zieht. Dort wohnen seine Schwiegereltern. In dieser fremden für ihn tristen, grauen Stadt glaubt Alexander, hier bliebe seine besondere Geschichte geheim.

Er glaubt und irrt auch in anderen Dingen. Dies begreift er, als seine neue Nachbarin Tatjana Alexjewna, eine an Alzheimer leidende alte Dame, ihm überraschend klar und deutlich aus ihrem Leben erzählt. Mit der Wucht eines ungebremsten Zuges überrollt ihn die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Tatjana, die 1910 in London geboren wurde, zog als Kind nach Moskau. Ihr intellektueller Vater glaubte nach der Ermordung des Zaren, in seiner alten Heimat entstünde ein neues Land, und er wolle beim Aufbau helfen und sehen, wie neue Menschen ihr neues Leben annehmen.

Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, studierte Literatur und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator. Von ihm gibt es inzwischen fünf Romane in russischer Sprache. Rote Kreuze, übersetzt von Ruth Altenhofer, ist als erstes Buch auf Deutsch erschienen. Der Titel steht für viele Kreuze: für Tatjanas Orientierung im Haus, für Gräber aber auch für die Bemühungen des Roten Kreuzes, im Zweiten Weltkrieg menschliches Leid zu mindern.

Die Veröffentlichung von Sasha Filipenkos Roman in diesem Jahr dürfte kein Zufall sein, um an die russische Geschichte zu erinnern. In diesem Jahr feiert der ehemalige KGB-Mann Putin seine zwanzigjährige Karriere im Kreml und blickt auf zahlreiche Gesetze, die ihm so viel Macht schenken, wie sie schon sehr lange niemand mehr in Russland innehatte.

In einem Gespräch erklärt Tatjana ihrem neuen Nachbarn, wie sich Stalin zu einem Vater für alle Sowjetbürger stilisiert habe: Der strenge Vater, dessen starke Schulter den Frauen gefiel, motivierte viele, für seine Gunst alles zu tun.

„[…] Stalin wurde zu einer Tatsache, zum Ersten der Ersten, zum Übermenschen.“ (S. 192)

Der ungewöhnlich packende und ergreifende Roman schreit förmlich nach mehr. Sasha Filipenko ist eine russische Stimme, die man einfach hören muss. Die anderen haben mit ihrem Spektakel schon genug getönt.

Sasha Filipenko: Rote Kreuze.
Diogenes, Februar 2020.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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