Saša Stanišić: Herkunft

Saša Stanišić (Jahrgang 1978) wurde in Višegrad an der Drina (Bosnien und Herzegowina, damals Jugoslawien) geboren und kam Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland. Aktuell lebt der Schriftsteller in Hamburg. Für seinen Roman „Vor dem Fest“ erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. 2016 erschien sein Erzählband „Fallensteller“ im Luchterhand Literaturverlag. Am 18. Februar 2019 veröffentlichte der Verlag Stanišićs neuen Roman mit dem Titel „Herkunft“.

Darin erzählt Saša Stanišić in Episoden mit Überschriften wie „An die Ausländerbehörde“ und „Die Häkchen im Namen“ oder „Aral-Literatur“ Autobiographisches und Erfundenes. Er erzählt von Feuerfelsen, Schlangennestern und Drachen.

Seine demente Großmutter Kristina führt ihn zu seinen Ahnen in ein Dorf namens Oskoruša, in dem nur noch dreizehn Menschen leben, auf dessen Friedhof fast alle Grabsteine den Namen Stanišić tragen und eine Schlange im Baum hängt.

Großvater Pero ist Kommunist, der andere Großvater, Muhamed, angelt gern. Seine Großmutter mütterlicherseits, Nena, liest aus Nierenbohnen die Zukunft. Und Stanišićs Großtante Zagorka will Kosmonautin werden.

In dem Jahr vor Kriegsbeginn 1991 fährt Saša Stanišić mit seinem Vater zur Halbfinalbegegnung der Landesmeister zwischen Roter Stern Belgrad und Bayern München. Ein Jahr später flieht er mit seiner Mutter nach Deutschland. Sie kommen an einem Regentag nach Heidelberg. Saša Stanišićs Integration findet an einer Aral-Tankstelle oberhalb von Leimen statt.

Anfangs gibt er sich als Slowene aus: „Die Alpenrepublik war am wenigsten in den Schlagzeilen gewesen, ich würde eher als Skifahrer denn als Opfer gesehen, hoffte ich.
Auf die Frage, warum ich in Deutschland sei, sagte ich etwas im Sinne von: »Mein Vater hat ein mega Angebot von BASF bekommen, da haben wir nicht nein sagen können.«
Ich seufzte und sagte: »Ich vermisse die Alpen.«
Das Vermissen der Alpen, lernte ich, kommt in Deutschland extrem gut an.“ (S. 147)

Während Saša Stanišić studieren darf, droht seinen Eltern die Abschiebung aus Deutschland. Sie gehen zunächst in die USA. Später kehren sie nach Kroatien zurück.

Gemeinsam mit seinen Eltern besucht Stanišić noch einmal Oskoruša. Großmutter Kristina kommt in ein Altenheim.

Der letzte Teil der Geschichte trägt die Überschrift „Der Drachenhort“ und ist im Stile des „Choose your own adventure“ gehalten. Die Lesenden entscheiden selbst darüber, wie die Geschichte weiter und zu Ende geht.

Herkunft und Heimat sind in Deutschland mit Assoziationen verknüpft, die mit Begriffen wie Wurzeln oder Familie beginnen und mit Nationalismus und Populismus enden. Diskussionen darüber schwanken je nach Zusammensetzung zwischen multikulti und rechtsradikal, zwischen „Herzlich willkommen“ und „Ausländer raus“. Da hat sich Saša Stanišić kein Wohlfühl-Thema für sein neues Buch ausgesucht.

„Herkunft“, schreibt er, „sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin, dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat.“ (S. 66).

Er selbst hatte sich zuvor wenig aus Herkunft, familiärer Abstammung gemacht, aber nun gilt es angesichts seiner dementen Großmutter, Erinnerungen zu sammeln.

Dieses Sammeln gelingt Stanišić wirklich prächtig. Als Flüchtling vor Krieg, Vertreibung und Gewalt weiß er, wovon er spricht. Dabei bekommt Deutschland, als sicherer Zufluchtsort, sein Fett weg:

„Kommst du vom Balkan, bist geflüchtet und sprichst die Landessprache nicht, sind das deine Qualifikationen und Referenzen. Mutter, die Politologin, landete in einer Großwäscherei. Fünfeinhalb Jahre fasste sie in heiße Handtücher. Vater, den Betriebswirt, verschlug es auf den Bau.

Waren die beiden in Deutschland glücklich? Ja, manchmal. Und ja, zu selten. 1998 mussten sie das Land wieder verlassen.“ (S. 66)

Aber auch die positiven Seiten finden sich: die Sprache, die Literatur, Eichendorff, Herr Gebhard, Dr. Heimat, Rike und Stanišićs Sohn.

Er erzählt und fabuliert, was wahr oder erfunden ist, verschwimmt. Stanišićs Sprache kommt frisch und lebendig daher, sein Ton klingt bei der Ernsthaftigkeit des Themas heiter. Die episodische Form des Textes ermöglicht Stanišić Erzählsprünge vom Dort und Damals zum Hier und Jetzt und umgekehrt, das hält mein Interesse als Lesende hoch. Und der pfiffige Kunstgriff zum „Choose your own adventure“ lässt mich zuerst fragen „was soll denn das jetzt?“ und macht mich dann beinahe zu einem Co-Autor der Geschichte.

Saša Stanišićs „Herkunft“ ist in höchstem Maße individuell, subjektiv und doch auch allen gemein, universell. Und deshalb kann auch jede und jeder Lesende über das Ende von Stanišićs Geschichte, aber viel mehr noch über das eigene Leben, in dem Herkunft eben nur ein (zufälliger) Teil ist, selbst entscheiden. Lesenswert!

Saša Stanišić: Herkunft.
Luchterhand Literaturverlag, März 2019.
360 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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