Sabrina Janesch: Die goldene Stadt

Sabrina Janesch (Jahrgang 1985) ist die diesjährige Annette-von-Droste-Hülshoff-Preisträgerin. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Journalistin in Münster. „Die goldene Stadt“, ihr vierter Roman, ist am 18. August 2017 bei Rowohlt Berlin erschienen.

Angeregt durch einen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Jahre 2012 über einen deutschen Entdecker, der Machu Picchu vor dem Amerikaner Hiram Bingham gefunden haben soll, machte Sabrina Janesch sich daran, das Leben dieses Mannes zu recherchieren. In dem Roman „Die goldene Stadt“ erzählt sie die Geschichte von Rudolph August Berns, der 1842 im rheinischen Uerdingen geboren wurde und 1876 als Augusto R. Berns die Ruinenstadt Machu Picchu in Peru entdeckte.

Rudolph August Berns wächst als ältester Sohn von Johann und Caroline Berns (geb. Dültgen) in den 1840er Jahren in Uerdingen auf. Der Vater betreibt eine Weinhandlung. Rudolph gilt als verträumter, phantasievoller Junge, der Legenden und Geschichten liebt.

Als die Familie zur Expansion ihres Geschäftes 1850 nach Berlin übersiedelt, beginnt Rudolph Bücher über Südamerika zu lesen. Dabei interessieren ihn die Berichte über El Dorado, die verlorene Stadt, und das Volk der Inka besonders. Am Französischen Gymnasium, das er gegen seinen Willen besuchen muss, gilt er als Experte für diese Themen. An dem Tag, an dem Prinz Wilhelm I. von Preußen zum Regenten erklärt wird, macht er durch einen Zufall, die direkte Bekanntschaft von Alexander von Humboldt, der ihm dringend rät, sich lieber dem Projekt Panama-Kanal zu widmen, statt einer „Fata Morgana“ wie El Dorado nachzulaufen. Zur gleichen Zeit verstirbt Rudolphs Vater Johann bei einem Unfall mit einer Kutsche.

Caroline Berns geht mit den Kindern zu ihrem Bruder Peter nach Dültgensthal bei Solingen und heiratet den Kupferarbeiter Gustav Kronenberg. Rudolph und sein Bruder Max arbeiten in der Regenschirmfabrik ihres Onkels. Rudolph vermisst seinen Vater sehr und träumt regelmäßig von einem Schiff, das auf seinem Weg nach Callao bei Lima in Peru durch Dültgensthal segelt. Rudolph arbeitet hart in der Schmiede der Fabrik und sorgt sich um seinen Einzug zum Militär, sobald er volljährig wird. Da kommt ein Brief aus Michigan, USA, von Onkel Peters Bruder Wilhelm, der dringend Arbeitskräfte sucht. Rudolph und sein Onkel beschließen, dass Rudolph statt zum Militär nach Amerika gehen soll. Der Mutter und den Geschwistern sagen sie nichts. In Rotterdam aber geht Rudolph an Bord der Concorde und trifft nach dreizehn Wochen auf See in Callao, Peru, ein. Dort wirbt ihn, der sich ab jetzt Augusto R. Berns nennt, Oberstleutnant Cáceres für die peruanische Armee an. Bei der Schlacht um Callao gegen die Spanier 1866 rettet Augusto Cáceres das Leben und wird ausgezeichnet. Danach geht er als Vermesser zur peruanischen Eisenbahn und arbeitet an dem Ausbau der Strecke zwischen den Städten Juliaca und Cuzco durch die Berge. In Cuzco angekommen, kündigt Augusto seinen Job bei der Eisenbahn und bereitet sich auf eine Expedition in die Cordillera Vilcabamba, wo er El Dorado vermutet, vor. Unterstützt wird er von der Witwe Ana Mariá Centeno Sotomayor und dem amerikanischen Mineralogen Harry S. Singer. Zwei Jahre lang erkunden die beiden mit Berns Hund Asistente unter vielen Mühen die Cordillera Vilcabamba, finden dort Inka-Ruinen, aber ihre Suche nach El Dorado bleibt ohne Ergebnis. Augusto und Singer beschließen ins Holzgeschäft einzusteigen. Dafür nimmt Augusto bei dem Geschäftsmann Miguel Forga Geld auf und kauft die Hacienda Torontoy mit dem zugehörigen Land an der Mündung des Río Máquina in den Urubamba und eine Sägemühle in Amerika. Das Geschäft mit dem Holz zerschlägt sich wegen einer Wirtschaftskrise, die Sägemühle ist wertlos. Dafür entdeckt Berns 1876 bei einem Spaziergang auf seinem Land oberhalb der Mühle die Inka-Ruinen von Machu Picchu, das er für El Dorado hält. Gold finden er und Singer nicht.

Beide reisen in die USA, gründen ein Unternehmen und lassen sich die Landkarte von dem Gebiet um Machu Picchu patentieren. Augusto  besucht die Dültgens in Michigan, erfährt vom Tod der Witwe Ana Centeno und wird Aufseher beim Bau der Brooklyn Bridge. Danach geht er als Ingenieur zum Panama-Kanal, 1887 kehrt er nach Peru zurück (sein Freund Cáceres ist inzwischen Präsident des Landes) und beginnt umgehend mit der Werbung für die Aktien der von ihm gegründeten Gesellschaft Huacas del Inca zur Vermarktung der Ruinen und ihrer Schätze. Der Verkauf wird ein Erfolg, aber bald gibt es Gerüchte. Augusto R. Berns verschwindet von der Bildfläche. 1911 wird Machu Picchu vom Amerikaner Hiram Bingham III. entdeckt.

Sabrina Janesch breitet in „Die goldene Stadt“ ein ganzes Leben aus. Sie hat das Leben des Rudolph August Berns akribisch recherchiert und in eine zeitlich glaubhafte Abfolge gebracht. Augusto R. Berns‘ Trauer um den Vater, sein Heimweh nach der Mutter und seinen Geschwistern, seine Sehnsucht und seine Beharrlichkeit bei der Suche nach El Dorado bilden die zentralen Triebfedern seines Handelns und liefern das Gerüst für die Geschichte. Doch anders als z.B. in dem Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler, der durch seine erzählerische und atmosphärische Dichte beeindruckt, will der Funke bei mir als Lesende nicht überspringen.

Es ist ein abenteuerliches Leben in einem exotischen Land zu Zeiten großen technischen, industriellen Fortschritts, das Sabrina Janesch beschreibt. Gute Zutaten für ein gutes Buch. Was aber stört mich dann? Am ehesten lässt es sich wohl damit beschreiben, dass ich mich durch Janeschs Erzählweise und Sprache nicht wirklich in den Protagonisten, in die Zeit und die Orte der Handlung versetzt fühle. Den Figuren und Schauplätzen fehlt mir die Würze und Dichte durch mehr Gefühl, Fabulierfreude, Originalität und Authentizität. Ich lese über Rudolph August Berns‘ Abenteuer, aber das pulsierend-lebendige Berlin, das düster-kalte Dültgensthal oder das dunstig-heiße Lima zwischen 1850 und 1890 spüre ich nicht:

„Nach knapp einer Woche im Palast der Aramburus starrte Berns noch immer vom vergitterten Balkon hinab auf die Straße. Eselstreiber gab es da, Karawanen von Maultieren, Melonenverkäufer, Wasserträger, Huren, Verschleierte, Wahrsager, scharenweise Kinder, aber alles rauschte, brandete an Berns vorbei. Seit der Schlacht fühlte er sich unendlich bedrückt, und es war, als würden alle Eindrücke von einem schwarzen Loch verschluckt.“ (S. 205).

Sabrina Janesch hat kein südamerikanisches Erzähltalent, sondern ein deutsches und für ihren Roman „Die goldene Stadt“ hätte ich mir viel mehr von dem (leicht abgewandelten) Leitspruch ihrer Figur Rudolph August Berns, Soldat, Ingenieur, Entdecker, Unternehmer und Glücksritter, „Die hat sich was getraut“ gewünscht.

Sabrina Janesch: Die goldene Stadt.
Rowohlt, August 2017.
528 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,95 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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2 Kommentare zu “Sabrina Janesch: Die goldene Stadt

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