Philipp Winkler: Carnival

Eine Hommage an die gute alte Kirmes und die Menschen, die dort arbeiten, ist Philipp Winklers kurzer Roman „Carnival“. Er erweckt die Schwertschlucker und Messerwerfer, die Zuckerwatte und das Riesenrad, den Schießstand und das Kettenkarussell zum Leben und beschreibt das Ganze als etwas, das im Grunde zu einer untergegangenen Zeit gehört. Mit den Vergnügungen von heute in Multiplexkinos oder an der Playstation hat das nur noch wenig gemein.

Dabei werden die „Kirmser“ als eine eingeschworene Truppe dargestellt, die geradezu in einer anderen Welt leben als die Besucher – die „Marks“ und „Steifen Jonnys“ –, auf deren Geld sie so dringend angewiesen sind.

Der Star in diesem Roman ist eindeutig die Sprache. Winkler nähert sich seinem Thema auf eine fast poetische Weise, die eine große Zärtlichkeit für die oft unglücklichen Gestalten mit trauriger Vorgeschichte ausdrückt, die mit einer Kirmes durch die Lande ziehen.

Da sind die „Grobiane“, die für den kräftezehrenden Auf- und Abbau zuständig und nicht selten auf der Flucht vor dem Gesetz sind. Oder die Frau auf der Suche nach Liebe, deren Kinder bei Adoptiveltern leben und die sich per Schrotflinte bei ihrem Ex-Mann gerächt und dafür für einige Jährchen im Knast gesessen hat.

Das Leben mit Campingkocher auf vom Regen aufgeweichten Schlammboden und ständig kaputten Generatoren ist genauso ein Thema wie das abendliche traute und beinahe romantische Zusammenhocken zwischen den Wohnwagen bei Grill-Gerüchen.

Höhepunkte in „Carnival“ sind eine Hochzeit, bei der die Gemeinschaft noch einmal alles auffährt, was sie ausmacht, und der Tod des alten Ticketverkäufers Kuut. Den stellt Winkler ans Ende eines Romans und nimmt ihn als Metapher für den Tod der gesamten Branche.

Insgesamt ein herrlich nostalgischer Roman, der Kindheitserinnerungen weckt.

Philipp Winkler: Carnival.
Aufbau, August 2020.
119 Seiten, Gebundene Ausgabe, 14,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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