Paul Auster: Das rote Notizbuch

Paul Austers Red Notebook von 1995 erscheint nun erstmals vollständig in deutscher Sprache. 25 Geschichten sind in dieser nur wenige Seiten umfassenden bibliophilen Ausgabe abgedruckt.

Bereits nach wenigen Seiten hat man das Gefühl, ein modern ausgestaltetes Zauberbuch zu lesen. Dies mag daran liegen, dass die allesamt wahren Erzählungen seiner Bekannten und Freunde, die Auster über Jahre zusammengetragen hat, ausgesprochen phantasievoll, ja teilweise sogar fast unheimlich anmuten.

Es sind seltsame Begebenheiten, nahezu unwahrscheinliche Möglichkeiten, die zu dieser besonderen Aura, die diese Geschichten umhüllt, beitragen. Darüber hinaus verdeutlichen die Storys auch, dass das, was wir für gänzlich unmöglich betrachten, dennoch möglich sein kann. Auster ist wie ein Sezierer. Er dringt in etwas ein und bringt etwas ans Licht, was normalerweise verborgen bleibt. Das Gewöhnliche erhält durch seine Sicht mit einer anderen Gewichtung eine phantastische Komponente und wird so plötzlich neu wahrnehmbar.

So liest man von zum Beispiel von zwei Frauen, die sich rein zufällig in Taiwan begegnen. Irgendwann bemerken sie, dass jede von ihnen eine Schwester hat, die beide in New York wohnen. Das ist zwar ein möglicher Zufall, doch noch lange nicht alles: Beide Schwestern wohnen auch noch im selben Gebäude!

Eine andere Begebenheit handelt von einem Freund Austers, der immer wieder vergeblich in Buchhandlungen und Katalogen nach einem bestimmten Buch gesucht und dies aber nie gefunden hatte. Bis zu dem Tag, als er es unvermutet in der Hand einer Frau entdeckte, die es ihm dann kurzerhand schenkte.

Weiter liest man von vier Reifenpannen über eine lange Zeitspanne hinweg, die alle zusammen mit ein und derselben mitfahrenden Person passiert sind.

Dann ist da noch die Erzählung über die Schwangere, deren Wehen bei ihren beiden Geburten jeweils beim selben Film, der zufällig im Fernseher ausgestrahlt wurde, einsetzten.

Diese und noch viele weitere merkwürdige Ereignisse sind hier in der Form reinsten Erzählens zu lesen. Auster verdeutlicht, welche Gewichtung und welchen Einfluss Glück, Fügung oder Schicksal, was weder vorhersehbar, noch steuerbar ist, im Leben ausmachen kann.

Paul Auster: Das rote Notizbuch.
Rowohlt, März 2018.
112 Seiten, Gebundene Ausgabe, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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