Nina George: Südlichter

Kennen Sie diese klebrigsüßen, zuckergusstriefenden, zahnschmelzzerfressenden englischen Törtchen? Bei denen man genau weiß, dass sie ungesund sind, viel zu viele Kalorien haben und bei denen man eigentlich nach dem ersten Bissen satt ist? Denen man aber nicht widerstehen kann und die man daher immer weiter isst? Weil sie die Seele streicheln.

Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung von Nina Georges neuem Buch. „Südlichter“ ist die Realitätswerdung eines fiktiven Buchs aus einer fiktionalen Geschichte. In ihrem früheren Buch „Das Lavendelzimmer“ – auch ein Seelenstreichler – berichtet der Protagonist von einem Buch, das in der Provence entstand und das für ihn eine große Bedeutung hat.

Dieses Buch legt Nina George nun vor. Und darin erzählt die Liebe von der Liebe.

Marie-Jeanne, zehn Jahre alt, lebt im Jahr 1968 bei ihren Pflegeeltern Francis und Elsa in einem Dorf in der Provence. Es ist Sommer, es duftet nach Lavendel und Thymian, und Francis hat, von Marie-Jeanne angestiftet, die Idee, eine Überlandbibliothek ins Leben zu rufen. Er beginnt, mit einer Wagenladung Bücher über die Dörfer und zu den abgelegenen Höfen zu fahren. Die Szenen, in denen Francis versucht, die sturen (männlichen) Bauern für das Lesen von Büchern zu begeistern, sind herrlich und, obwohl heftig klischeebeladen, kann man sich mühelos vorstellen, dass es genau so war und vielleicht immer noch ist.

Marie-Jeanne begreift irgendwann, dass sie die Liebe sieht, dass sie sehen kann, wer für wen bestimmt ist. Doch zu ihrem Leidwesen widersetzen sich die Betroffenen ihrer Bestimmung. Daraufhin beginnt Marie-Jeanne, Amor zu spielen.

Mehr möchte ich hier nicht verraten, sonst verrate ich den Zauber dieses Buches.

„Südlichter“ erzählt von magischen Sommernächten in der Provence, von der betörenden Wirkung des Lesens, von ganz besonderen Beziehungen von ganz besonderen Menschen. Mein absoluter Liebling ist Elsa, die alles tut, um zu verbergen, dass sie ein herzensguter, liebevoller und liebender Mensch ist. Wenn Nina George beschreibt, wie Elsa schimpft und grummelt, die Stirn runzelt, wenn sie eigentlich viel lieber lächeln möchte. Die Worte und Szenen, die die Autorin dafür findet, sind wunderschön. Überhaupt ist das ganze Buch fast poetisch. Es gibt ein bisschen viel Thymian- und Rosmarinduft, ein bisschen viel Olivengeschmack und vielleicht ein bisschen zu viel Sonne und zu wenig Schatten. Aber am Ende macht genau das den Charme dieses kleinen Buches aus.

Die äußere Aufmachung des Romans passt perfekt zum Inhalt. Die etwas altmodische Gestaltung des Umschlags, die lavendelfarbenen Buchdeckel und das gleichfarbige Lesebändchen unterstreichen die Wirkung und sind wirklich gelungen und sehr ansprechend.

Für Leserinnen eine unbedingte Empfehlung, für Leser nur, wenn sie wirklich gerne Süßes mögen….

Nina George: Südlichter.
Knaur, August 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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