Nicolas Mathieu: Connemara

Der Prix-Goncourt Preisträger von 2018, Nicolas Mathieu (Jahrgang 1978), hat einen neuen Roman geschrieben. „Connemara“ ist am 26. September 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag erschienen. Lena Müller und André Hansen haben ihn aus dem Französischen übersetzt.

Wie in „Rose Royal“ aus dem Jahre 2020 hat sich Nicolas Mathieu wieder eine weibliche Protagonistin ausgesucht. Hélène ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und verheiratet mit Philippe. Sie haben zwei Töchter. Die Familie ist nach Hélènes Burn-out aus Paris nach Nancy gezogen, in die Nähe ihrer alten Heimatstadt Cornécourt in der Region Grand Est, Frankreich. Hélène stammt aus einfachen Verhältnissen und ist stolz auf ihre Karriere und Milieuflucht.

Mathieus zweite Hauptfigur Christophe Marchal, ehemaliger Eishockeystar, lebt immer noch in Cornécourt und fährt als Vertreter für Hundefutter durch Lothringen. Er hat einen kleinen Sohn, eine gescheiterte Ehe  mit Charlie und einen Vater mit beginnender Demenz. Hélène und Christophe kennen sich aus der Schule. In Rückblenden beschreibt Mathieu ihre Jugend. Als die beiden sich nach etlichen Jahren wieder treffen, beginnen sie eine Affäre. Nicolas Mathieu hat seinen Roman nach einem Chanson von Michel Sardou „Les Lacs du Connemara“ benannt. Dieses Lied kennt beinahe jeder Franzose und jede Französin. Auch auf der Hochzeit von Jenn und Greg, Christophes bestem Freund neben Marco, wird es gespielt, und Hélène trifft eine Entscheidung über ihre Beziehung zu Christophe.

Nicolas Mathieu erzählt von einer Frau und einem Mann in der Mitte ihrer Leben. Sie sind nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich. Und sie fragen sich, ob da noch etwas anderes kommen wird. Hélène scheint es geschafft zu haben, sie hat es in ihrem Leben zu etwas gebracht. Die Enge der Provinz und die Schlichtheit des Alltags dort liegen hinter ihr. Doch auch ihr sozialer Aufstieg und beruflicher Erfolg sind brüchig. Christophe hat sich scheinbar abgefunden. Er kämpft nicht mehr, weder um sein Comeback im Eishockey, noch um seinen kleinen Sohn Gabriel. Aber kann man mit vierzig Jahren einfach immer so weiter machen?

Mit der Figur Hélène beschreibt Mathieu eine Klassenaufsteigerin, die fremd bleibt in ihrem neuen und fremd wird in ihrem alten Milieu. Zu beiden gehört sie nicht (mehr) wirklich dazu. Aber ich als Leserin finde, dass Mathieu dies nicht überzeugend gelingt. Mit ein paar Schlagwörtern und Plattitüden aus der Unternehmensberatungsbranche und den Insignien des Wohlstandes (Kleidung, Haus, Auto) ist noch kein Milieu skizziert:

„Um 10 Uhr hatte sie ein Meeting mit den Vinci-Leuten. Um 14 Uhr musste sie die Dame vom Zementwerk Porette in Dieuze zurückrufen. Dort zeichnete sich eine Entlassungswelle ab, und sie hatte eine Idee zur Umstrukturierung der Zentralen Services, mit der fünf Kündigungen vermieden werden könnten. Ihren Kalkulationen zufolge ließen sich durch ein paar Änderungen an der Organisationsstruktur sowie durch die Optimierung der Einkaufsabteilung und des Fuhrparks fast eine halbe Million Euro pro Jahr einsparen.“ (S.11/12)

Die Beschreibungen von Hélènes Familie geraten blass und ihr Arbeitsumfeld scheint eher eine Karikatur. Die Rückblenden aus Hélènes Schulzeit mit ihrer „besten“ Freundin Charlotte und auch die jährlichen Urlaube mit den Eltern in La Grande-Motte in Südfrankreich eignen sich kaum als Motive für ihre Flucht aus der „Hölle“ der eigenen Herkunft, immerhin konnte sich die Familie einen dreiwöchigen Sommerurlaub leisten. An diesen Stellen schwächelt Mathieus Geschichte.

Glaubwürdiger gerät da Christophe mit seinem verblassenden Star-Appeal und den Besäufnissen mit seinen Freunden. Diese Figur stattet Mathieu mit Sorgen und Sehnsüchten aus, die mich berühren. Hier werden seine Beschreibungen feiner und intensiver, z.B. wenn es um seine Angst vor dem Wegzug seines Sohnes mit dessen Mutter oder die Erkrankung seines Vaters geht.

„Connemara“ von Nicolas Mathieu bleibt unter meinen Erwartungen. Und das liegt hauptsächlich an seiner oberflächlichen und vereinfachenden Beschreibung der französischen Gesellschaft und Politik, die ganz im Gegensatz zu den vollmundigen Klappentexten auf dem Umschlag dieses Romans steht.

Nicolas Mathieu: Connemara.
Aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller & André Hansen.
Hanser Berlin, September 2022.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.