Meredith May: Der Honigbus

Meredith ist noch keine fünf Jahre alt, als ihre Mutter Sally 1975 den Vater verlässt und mit den beiden Kindern von der Ostküste der USA ins ländliche Carmel Valley nach Kalifornien zieht. Dort leben die Großeltern in einem winzigen Haus, in dem sich die zerrissene kleine Familie in den nächsten Jahren ein Zimmer teilen wird.

Schon auf dem Flug spürt Meredith, dass ihr die Mutter abhandenkommt. „Irgendwo zehntausend Meter über der Mitte Amerikas hatte sie es aufgegeben, eine Mutter zu sein.“

In Kalifornien angekommen, verfällt Sally sofort in eine tiefe, jahrelange Depression und verkriecht sich im Bett. Die Großmutter Ruth nimmt sich Merediths und ihres kleinen Bruders Matthew an. Doch sie ist streng und obwohl sie Lehrerin ist, findet sie keinen wirklichen Zugang zu den Kindern. Ihre Loyalität und Zuneigung gehört vor allem ihrer Tochter, die sie in ihrem schwer angeschlagenen Zustand beschützen möchte. Warum ihr das so wichtig ist, wird im Laufe des Buches deutlich.

Sally gibt die Schuld an der Trennung ihrem Mann und lässt kein gutes Haar an ihm. Doch Meredith vermisst ihren Vater, zu dem zunächst jeglicher Kontakt eingestellt wird und fragt sich „Wenn alle so tun, als würde dein Vater nicht existieren, gibt es ihn dann noch?“

Die Rettung für Meredith ist ihr Grandpa Franklin, der sie behutsam in die faszinierende Welt der Bienen einführt und ihr so eine Welt zeigt, in der sie Mut und Kraft schöpfen kann. Er vermittelt ihr auf einfühlsame Weise, was Zusammenhalt, Liebe und ein gutes Leben ausmacht und fängt sie auf, wenn sie nicht weiterweiß.

„Ich fühlte mich von den Bienen angezogen, weil ich ahnte, dass die Stöcke uralte Weisheiten enthielten und mich Dinge lehren würden, die meine Eltern mir nicht beibringen konnten“, schreibt Meredith May und gibt allen Kapiteln Untertitel wie „Eine Bienenlektion in Tapferkeit“, „Eine Bienenlektion in Vertrauen“ oder „Eine Bienenlektion in Entscheidungsfindung“.

Gemeinsam mit dem Großvater im Honigbus mit seinen selbst gebauten Apparaturen Honig zu schleudern und abzufüllen oder nach den Bienenstöcken in der Wildnis von Big Sur zu schauen, macht Meredith glücklich und lässt sie die Ablehnung durch die Mutter überstehen. Sie lernt auch, dass die Bienen eine wichtige Rolle für die Menschen spielen und ohne sie die Erde eine andere wäre.

Die Bienen und der Großvater haben das Leben von Meredith May entscheidend geprägt. Noch heute hält sie den letzten Bienenstock ihres verstorbenen Grandpas.

Bücher über Bienen gibt es in den letzten Jahren zuhauf, „Der Honigbus“, in der Übersetzung von Anette Grube, ist ein ganz besonderes, das man nicht verpassen sollte. Die preisgekrönte Journalistin und Autorin erzählt darin die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend berührend, erschütternd und poetisch, aber gleichzeitig so informativ und fundiert, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte.

„Der Honigbus“ wärmt die Seele, nährt den Verstand und ist gleichzeitig ein Plädoyer für Naturschutz und Verantwortung. „Es ist das Prinzip eines Bienenstocks – jeder von uns übernimmt einen kleinen Teil, und die Teile fügen sich zu einem größeren Ganzen zusammen“, schreibt Meredith May in ihren Anmerkungen am Ende des Buches. Damit es ein gutes großes Ganzes wird, ist es notwendig, die Natur und die Menschen zu achten.

Klare Empfehlung von mir für dieses wunderbare Buch!

Meredith May: Der Honigbus.
Fischer Verlag, März 2019.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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