Maria Regina Kaiser: Selma Lagerlöf. Die Liebe und der Traum vom Fliegen

Die meisten Menschen denken wohl zuerst an den Winzling Nils Holgersson und seine wunderbare Reise mit den Wildgänsen durch Schweden, wenn sie den Namen Selma Lagerlöf hören. Doch die Autorin war eine außergewöhnliche, mutige Persönlichkeit und hat noch weitaus mehr zu bieten. Geradlinig und fleißig verfolgte sie ihren Plan, eine bekannte Schriftstellerin zu werden und wurde als erste Frau mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Sie engagierte sich für Frauen und deren Wahlrecht und setzte sich für die Flucht von Juden aus Deutschland während der NS-Zeit ein.

Den Grundstein für ihren Erfolg legten ihre Eltern, in Bezug auf das Schreiben vor allem der Vater, ein (ehemaliger) Leutnant, dessen heimliche Liebe der Literatur galt. Sie ermöglichten ihren Söhnen und Töchtern die bestmögliche Bildung, die sie sich leisten konnten (und manchmal auch mehr), was im 19. Jahrhundert auf dem Land in Schweden sicher nicht selbstverständlich war. Selma nahm diese Möglichkeit dankbar an. Wegen einer Gehbehinderung konnte sie als Kind oft nicht bei den Spielen der anderen mitmachen und wandte sich den Büchern zu, die sie in andere Welten brachten. Schon als Jugendliche verfasste sie Gedichte und Theaterstücke, die im Familien- und Bekanntenkreis aufgeführt wurden.

Als die Familie Lagerlöf in finanzielle Schwierigkeiten kam und der Vater (der zu dieser Zeit schon sehr dem Alkohol zusprach) Selma das Lehrerinnenseminar nicht zahlen konnte und wollte, sprang ihr älterer Bruder mit einem Kredit für sie ein. Die verwandtschaftlichen Bande waren eng. Das zeigte Selma später selbst, indem sie nach dem Tod des Vaters ihre Mutter und ihre Tante, ihre Geschwister, Nichten und Neffen finanziell unterstützte. Ihr großes Verantwortungsbewusstsein wurde auch deutlich, als sie den elterlichen Gutshof zurückkaufte, sobald sie das nötige Geld verdient hatte und dadurch vielen Familien ein Einkommen verschaffte.

Frauen spielten eine wichtige Rolle in Selma Lagerlöfs Leben. Beispielsweise waren ihre Beziehungen zu Sophie Elkan und zu Valborg Olander nicht nur platonisch und liefen zeitweise parallel. Auch wichtige Impulse für ihre persönliche und berufliche Entwicklung kamen von Frauen.

All diese Aspekte von Selma Lagerlöfs unkonventionellem Leben verarbeitet die Autorin Maria Regina Kaiser zu einer sehr lesenswerten Romanbiografie. Dabei konzentriert sie sich (wie in ihrer Romanbiografie über Hildegard von Bingen) auf Episoden aus Selma Lagerlöfs Leben, die exemplarisch für ihre Persönlichkeit, ihr Denken und Handeln stehen. Diese arbeitet sie auf Grundlage ihrer Recherchen aus, um zu zeigen, wie es gewesen sein könnte. Für die zeitliche Einordnung hilfreich sind dabei die Angaben der Jahreszahlen zu Beginn jedes Kapitels. Zusätzlich hat Maria Regina Kaiser in einem Nachwort und im Anhang zahlreiche biografische Daten zusammengestellt, die einige Lücken im eigentlichen Text schließen. Dennoch hätte ich mir zum einen oder anderen Thema noch zusätzliche bzw. ausführlichere Kapitel gewünscht, zum Beispiel darüber, wie Selma Lagerlöf und Sophie Elkan sich kennengelernt haben und wie sich ihre Freundschaft entwickelt hat oder darüber, wie ihre Karriere Fahrt aufgenommen hat.

So gibt die Romanbiografie „Selma Lagerlöf – Die Liebe und der Traum vom Fliegen“ punktuelle Einblicke in das Leben der berühmten Autorin. Obwohl es inhaltlich immer wieder sehr emotional wird, bleibt die Sprache relativ „trocken“, so dass das Buch stilistisch eher einer Biografie als einem Roman gleicht. Doch es ist sehr gut zu lesen und interessant zu sehen, wie Selma Lagerlöf ihr Leben ganz bewusst gestaltet und ihre Ziele erreicht. Mir hat diese Romanbiografie große Lust darauf gemacht, mehr von Selma Lagerlöf zu entdecken: ihre Romane und Erzählungen, aber auch ihren persönlichen und beruflichen Werdegang. Doch das Buch kann auch gut für sich alleine stehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was für eine besondere Frau Selma Lagerlöf war. Wer daran interessiert ist, dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

Maria Regina Kaiser: Selma Lagerlöf. Die Liebe und der Traum vom Fliegen.
Südverlag, September 2020.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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