Maria Regina Kaiser: Hildegard von Bingen

Als Hildegard von Bermersheim im Jahr 1098 als 10. Kind ihrer Eltern geboren wird, haben Frauen in der Welt und in der Kirche nicht viel zu sagen. Ihr Weg ist vorbestimmt und schon beschlossen: Wenn sie alt genug ist, soll sie in ein Kloster eintreten. Beten, gehorchen, arbeiten, wie schon so viele vor und nach ihr.

Doch Hildegard ist schon als kleines Mädchen anders. Immer wieder werden ihre Gliedmaßen, manchmal über Wochen, durch Anfälle gelähmt. Oft kann sie kaum gehen oder stehen, sie ist schwach und kränklich. Doch es wohnt auch eine außergewöhnliche Kraft und Gabe in ihr. Sie hat Visionen, sieht Ereignisse voraus und empfängt Botschaften von einem „lebendigen Licht“, in dem sie eindeutig Gottes Worte erkennt.

Die Menschen glauben ihr nicht, halten sie für verrückt oder besessen, deshalb verschweigt sie, was sie sieht und hört, zweifelt an sich und probiert, nicht aufzufallen.

Mit 14 Jahren folgt sie ihrer Cousine Jutta von Sponheim in die Klausur im Benediktinerkloster Disibodenberg, die dort neu gegründet und von Jutta geleitet wird. Die jungen Frauen werden in einem Wohnturm eingeschlossen, der nur kleine Fenster und eine Gittertür als Verbindung zur Kirche hat. Der Kontakt zur Außenwelt ist reglementiert, Jutta führt die ihr anvertrauten Mädchen und Frauen mit strenger Hand, am strengsten ist sie allerdings zu sich selbst. Sie übt extreme Askese und Verzicht, bestraft sich, um Gott näher zu sein. Hildegard, deren Selbstbewusstsein wächst, ist da völlig anderer Meinung. Auf das richtige Maß, die Ausgewogenheit kommt es an. Auch der Körper muss gepflegt werden, um seinen Dienst gegenüber Gott zu tun und einen gesunden Geist beherbergen zu können. Trotzdem steht sie treu zu Jutta. Doch als sie nach deren Tod zu ihrer Nachfolgerin gewählt wird, beginnt sie, die Frauengemeinschaft zu verändern, was schließlich in die Gründung eines neuen Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen mündet.

Die historische Figur der Hildegard von Bingen ist bekannt. Man verbindet sie heute vor allem mit Kräutermedizin und vielleicht noch mit religiösen Visionen. Maria Regina Kaiser bringt in ihrer Romanbiografie den Leserinnen und Lesern vor allem den Menschen Hildegard näher. Sie pickt sich aus deren außergewöhnlich gut dokumentiertem Leben und Wirken Schlüsselszenen und Wegbegleiter heraus, die wichtig sind, um zu verstehen, wie Hildegard gedacht, gefühlt und gehandelt hat. So schildert sie die engen Beziehungen zu Volkmar, einem Mönch aus dem Kloster Disibodenberg, der als Beichtvater, Sekretär und Probst ihres eigenen Klosters ein langjähriger Vertrauter wird, genauso wie die fast mehr als mütterliche Liebe zur jungen Nonne Richardis. Sie erzählt von Hildegards Kämpfen um die Unabhängigkeit, von ihren Zweifeln und davon, wie die Krankheit sie immer wieder niederstreckt, wenn sie sich den „Anweisungen“ der Stimme Gottes im lebendigen Licht widersetzt. Denn die Visionen sind kein Geheimnis mehr, sie hat die kirchliche Erlaubnis, sie niederzuschreiben. Unterstützt von Volkmar entsteht mit „Scivias“ eine Sammlung, die die Menschen beeindruckt und bewegt. Hildegard wird eine Berühmtheit. Nicht nur die Armen und Kranken suchen ihren Hilfe, auch Grafen, Bischöfe und sogar Kaiser Friedrich I. Barbarossa lassen sich von ihr beraten – und das nicht nur in Gesundheitsfragen.

So entsteht ein facettenreiches Bild einer klugen, mutigen, wissbegierigen, einflussreichen Frau, die auch ihre Schwachpunkte und Unzulänglichkeiten hat und deshalb zutiefst menschlich wirkt. Maria Regina Kaiser, die vor allem mit historischen Romanen bekannt wurde, hat für dieses Buch viele der historischen Quellen genutzt und erläutert in einem Anhang, auf welchen Grundlagen ihre Romanbiografie basiert. Was vor fast 1000 Jahren wirklich passiert ist, kann heute kein Mensch mehr zuverlässig und komplett rekonstruieren und an manchen Stellen nimmt sich Maria Regina Kaiser die Freiheiten, die ihr als Autorin zustehen. Doch der Großteil der Geschehnisse ist belegt und die „Erfindungen“ fügen sich so nahtlos ein, dass man sich ohne Weiteres vorstellen kann: Genauso könnte es gewesen sein.

Ein äußerst lesenswertes Buch für alle, die sich für die Geschichte des Mittelalters, für Religion und für Frauen interessieren, die mit Klugheit und Durchhaltevermögen ihren Weg machen.

Maria Regina Kaiser: Hildegard von Bingen: Die mächtigste Nonne des Mittelalters.
Herder, Juli 2018.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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