Maria Adolfsson: Doggerland 01: Fehltritt

Als Kommissarin Karen Eiken Hornby am Morgen nach dem traditionellen Austernfest mit einem gewaltigen Kater neben einem schnarchenden Mann aufwacht, ist ihr sofort klar, dass sie einen Fehler gemacht hat. Denn der Mann, mit dem sie das Hotelbett teilt, den sie nicht leiden kann und mit dem sie – wie sie sich dunkel erinnert – keinen guten Sex hatte, ist ihr überheblicher Chef Jounas Smeed. Sie macht sich so leise wie möglich aus dem Staub und hofft, dass er sie nie darauf ansprechen wird.

Doch schon kurze Zeit später ist klar: Sie wird um ein Gespräch mit Jounas nicht herumkommen, denn seine Ex-Frau Susanne wurde ermordet – und zwar vermutlich zu einer Zeit, in der Karen Teil seines Alibis ist. Bevor nicht eindeutig geklärt ist, dass Jounas Smeed nichts mit dem Tod von Susanne zu tun hat, kann er seinen Dienst nicht wieder antreten. Karen wird die Leitung der Ermittlungen übertragen.

Susanne Smeed liegt erschlagen in ihrer Küche. War es ein Raubüberfall, der aus dem Ruder lief? Der Geldbeutel fehlt, ein paar Schubladen sind durchwühlt, aber es gibt auch noch Bargeld und Wertgegenstände im Haus, die nicht angetastet wurden. Gibt es ein anderes Motiv? Hatte sie Feinde?

Karen beginnt, sich ein Bild von Susanne Smeeds Leben zu machen. Sie setzt die Puzzlestücke aus Befragungen von Bekannten, Zeugen, Ex-Mann und Tochter zusammen und gelangt zur bitteren Erkenntnis, dass niemand eine hohe Meinung von ihr hatte. Die Tochter hat sich von ihren Eltern abgewendet, weil sie den ewigen Streit nicht mehr ertragen konnte. Jounas lässt kein gutes Haar an Susanne. Unfreundlich, rechthaberisch und geldgierig sei sie gewesen, aber als junge Frau wunderschön und von vielen umschwärmt. Auch der Dorfklatsch bestätigt dieses Ergebnis: Kein Wunder, Susanne sei ja in einer Hippie-Kommune mit seltsamen Eltern und anderen Bewohnern aufgewachsen, da kann nichts wirklich Gutes dabei herauskommen. Liegt der Schlüssel für die Tat in der Vergangenheit?

Doch ein wirkliches Motiv kristallisiert sich nicht heraus, kein Täter ist in Sicht. Die Ermittlungen geraten ins Stocken. Karen ist verunsichert. Ist sie überhaupt dazu in der Lage, diesen Fall zu lösen? Immer wieder zweifelt sie an sich und ihren Fähigkeiten und das hat nicht nur berufliche Gründe.

„Fehltritt“ ist der erste Teil von Maria Adolfssons geplanter Doggerland-Krimi-Trilogie um die fast 50jährige Kriminalkommissarin Karen Eiken Hornby. Ein gelungener Einstand, der viel Atmosphäre vermittelt und den Figuren Raum für sich selbst gibt. Der Fall steht nicht immer im Vordergrund, er entwickelt sich langsam, erfordert Detailarbeit und muss auch Querelen unter den Kollegen überstehen. Dennoch gerät man beim Lesen immer mehr in seinen Sog. Nach und nach baut Maria Adolfsson eine Spannung auf, der man sich kaum entziehen kann.

Das liegt nicht nur am Kriminalfall, sondern auch an den lebensnahen, sehr gut ausgearbeiteten Charakteren. Karen Eiken Hornby trägt eine Vergangenheit mit sich herum, von der nur wenige Menschen etwas wissen und die sie immer wieder in Verzweiflung und Depression zu stürzen droht. Doch mit Hilfe von Alkohol und Nikotin (denen sie regelmäßig auch wieder abschwört), hin und wieder einer kurzen Affäre und ein paar wirklich guten Freundinnen und Freunden kann sie dem Leben doch immer wieder etwas abgewinnen.

Sehr gut gefällt mir die Idee, die Handlung auf Doggerland anzusiedeln, einer Landbrücke, die in der südlichen Nordsee lag, aber schon vor langer Zeit im Meer versunken ist. Maria Adolfsson hat mir ihrem Doggerland eine eigene Welt geschaffen, in der sich Kulturen vermischen. Vor allem Dänen, Holländer und Briten bevölkern die fiktiven Inseln (und die Schweden haben hier keinen guten Ruf). Sie beschreibt die Landschaft, die Städte und Ortschaften so liebevoll und detailreich, dass man meint, sie vor sich zu sehen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für Krimifans, die es ruhiger, aber trotzdem spannend mögen, denen die Action nicht so wichtig ist und die es schätzen, tief in die Figuren, die Landschaft und die Umgebung einzutauchen.

Maria Adolfsson: Doggerland 01: Fehltritt.
List, Dezember 2018.
512 Seiten, Taschenbuch, 15,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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