Ljudmila Petruschewskaja: Das Mädchen aus dem Hotel Metropol

Das Mädchen in Moskaus vornehmen Hotel Metropol eckt an, als sie im Flur einen kämpfenden Reiter spielt. Sie ist laut, wild und verwahrlost. Mit über dem Boden schrammenden Schaukelpferd und schleifendem Säbel schreit sie die heilige Ruhe nieder und ruiniert zugleich das Parkett. Die Konsequenzen kommen: Sie muss ausziehen. Mit Unterbrechungen wohnt sie in einem kleinen, hohen Raum mit 5000 Büchern, dem gelehrten, in Ungnade gefallenen Großvater und ihrer Mutter. Mutter und Tochter schlafen unter dem Tisch, bis ihnen die Exfrau des Großvaters diesen wegnimmt.

Ljudmila Petruschewskajas Geschichte bis zum Beginn ihrer beruflichen Karriere ist eine Geschichte der extremen Umstände. Wie sie diese überlebt, beschreibt die Autorin mit den familientypischen Charaktereigenschaften: „… Hartnäckigkeit, … selbstzerstörerischen Starrsinn; … Treue zur eigenen Überzeugung; … grausame Aufrichtigkeit; … der Wunsch, allen zu helfen, und der Hass auf die Nachbarn …“ (S. 11) Dieser Hass bleibt nachvollziehbar, wenn die lieben Nachbarn Ljudmila und ihre Familie nicht nur als Volksfeind betrachten, sondern sie auch so behandeln. Zahlreiche Familienmitglieder wurden vom Regime getötet. Die Unfähigkeit ein gehorsamer Parteisoldat und Stalingetreuer zu sein, kann während und nach dem Zweiten Weltkrieg nur eines bedeuten: unerwünscht ein fragiles Überleben zu fristen.

Ljudmila Petruschewskaja wurde 1938 geboren. Einige Familienmitglieder starben 1937. Das Leid der Familie, Armut und Hunger werden ihre Lebensbegleiter. Als Kind versteht sie noch nicht die Hintergründe. Sie versteht nur, dass der Magen vor Hunger schmerzt und niemand zu ihr freundlich ist.

Ihr Roman liest sich wie eine bewegende Biographie, die die russische Seele in einem Zeitraum von etwa dreißig Jahren aufleben lässt. Die Autorin beschreibt so überzeugend Großherzigkeit und daneben eine Urgewalt aus Gesetzlosigkeit, dass die Folgen von Armut und mangelnder Bildung und damit ein universelles Thema begreifbar werden.

Einleitend stellt die Autorin ihre große Familie vor. Die Ich-Erzählerin berichtet anschaulich über ihre Kindheit und Studienzeit und wechselt in die Rolle der personalen Erzählerin, wenn sie ihren Aufenthalt in Pflegeheimen und Internaten thematisiert. Antje Leetz übersetzt einen neutralen, wahrhaftigen Erzählstil, der in Verbindung mit dem menschenfeindlichen Verhalten der Kinder eine Spannung erzeugt, der man sich nicht entziehen kann. Die Erklärung, warum Kinder genauso grausam sind wie ihre erwachsenen Mitstreiter, bleibt im Gedächtnis haften.

Heute ist die Autorin eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen in Russland. Die Autorin Olga Martynova schreibt in ihrem Nachwort: „… ab Mitte der Achtziger begann alles im Staatsmechanismus zu versagen, auch die Schranken im Kunstbetrieb wurden weniger dicht.“ (S. 277) Die wunderbare Karriere der Ljudmila Petruschewskaja kann nicht mehr aufgehalten werden. „… Und sie ist völlig verdient beliebt und verehrt.“ (S. 270)

Ljudmila Petruschewskaja: Das Mädchen aus dem Hotel Metropol.
Schöffling, März 2019.
256 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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