Lisa Gardner: Die Überlebende

Flora ist eine junge Frau und eine Überlebende zugleich. Nachdem sie 472 Tage in der Gewalt eines sadistischen Entführers war, gibt es die junge, unbeschwerte Flora nicht mehr. Ob der Rest von ihr für ein Weiterleben reicht, muss sie noch herausfinden.

»… Ich hasse ihn. Ich vermisse ihn. … Selbst zum bitteren Ende hin warnte er mich …, dass ich nie von ihm frei sein würde. Er riet mir zum Selbstmord.« (S. 466)

Traumatisiert und voller Schuldgefühle sucht sie einen Ausweg in diversen Selbstverteidigungskursen. Nie mehr will sie ein Opfer sein. Seit fünf Jahren lebt Flora in Boston. Auch hier verschwinden junge Frauen scheinbar spurlos. Eine von ihnen will sie unbedingt finden. Auf der Suche nach ihr bringt sie sich in Gefahr. Das Undenkbare geschieht, obwohl sie alle möglichen Vorkehrungen getroffen hat. Flora wird nachts aus ihrem Bett heraus entführt.

Lisa Gardner schreibt Thriller. Unter anderem hat sie eine Reihe geschrieben, in der Detektive D.D. Warren ermittelt. In ihrem aktuellen Roman leidet D.D. noch an den Folgen einer Verletzung. Eigentlich sollte sie am Schreibtisch arbeiten und nach Dienstschluss bei ihrem Sohn und Mann sein. Als vor ihr ein verbrannter Mann in seiner Garage liegt, macht sie eine Ausnahme. In der gleichen Garage wird Flora gefunden, nackt und gefesselt. Ist sie nun Opfer oder Täterin? D.D.’s Misstrauen wächst, als Floras Geschichte mehr Fragen als Antworten liefert und kurz darauf erneut entführt wird.

Lisa Gardner hat zwei Heldinnen geschaffen, die trotz ihrer Erkrankungen ohne Bandagen kämpfen. Statt dem beliebten Muster der Rache zu folgen, fokussiert die Autorin eine verletzte Seele und die Sehnsucht nach Heilung. Spannend und kurzweilig gibt die Ich-Erzählerin Flora Einblicke in die menschlichen Abgründe und zeigt eine herausragende Stärke, die alles und jeden in den Schatten stellt.

»… Meister im Kampfsport prahlen gern: Mit einem Strohhalm kann ich auf zehn verschiedene Arten töten; zwölf, wenn er noch im Papierchen steckt. … Ich habe einen in einem Müllhaufen gefunden … Ich bin entschlossen, es praktisch auszuprobieren.« (S. 521)

D.D.’s Wettlauf mit der Zeit gestaltet den zweiten Erzählstrang.

Die Auflösung von Floras Geschichte dürfte routinierte Thriller-Leser nicht so sehr überraschen, der Weg zum Finale lohnt sich auf jeden Fall.

Lisa Gardner: Die Überlebende.
rororo, Juli 2017.
544 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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