Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Dieses Buch handelt von der Einsamkeit in endlos scheinenden Nächten, die nicht schlafen lassen. Von der Suche nach Verständnis und Glück im Alter und der damit verbundenen Akzeptanz/Intoleranz der Menschen aus dem gewohnten Lebensumfeld.

Sie ist schon mutig und dabei auch ein klein wenig verwegen, diese Addie Moore: Eines Abends fasst sich die Siebzigjährige ein Herz und klingelt bei ihrem langjährigen Nachbarn Louis Waters, um ihm einen höchst ungewöhnlichen Vorschlag zu unterbreiten. – Wie auch Addie, ist Louis verwitwet. Die empfundene Isolation, die damit einhergeht, bringt Addie auf die Idee, Louis zu fragen, ob er sich vorstellen könne, die Nächte zusammen mit ihr zu verbringen. Sie ist die Einsamkeit in den langen Nächten leid. Schlaftabletten und ewiges Lesen um endlich irgendwann zur Ruhe zu kommen, sind für sie keine Lösung mehr.

Louis lässt sich nach kurzem Überlegen auf das merkwürdige Unterfangen ein. Anfangs liegen sie sehr zaghaft, unsicher und steif nebeneinander im Schlafzimmer von Addies großem Haus. Doch beide gewöhnen sich bald recht gut an die Situation und finden schnell Gefallen daran. Bereits tagsüber freuen sie sich auf das nächtliche Ritual, sich gegenseitig Banalitäten und einschneidende Erlebnisse aus ihrem bisherigen Lebensverlauf zu erzählen oder über Leben und Tod zu philosophieren.

Obwohl Louis vorsichtig ist, wenn er in der Dämmerung zwischen seinem und Addies Haus pendelt, bleiben ihre Treffen nicht lange ein Geheimnis in der amerikanischen Kleinstadt Holt in Colorado.  Plötzlich sind die beiden dem Gesprächsmittelpunkt ihrer Mitmenschen ausgesetzt, die ihre Entrüstung unverhohlen zum Ausdruck bringen. Der beiderseitige Mut von Addie und Louis, sich öffentlich zu ihrer Freundschaft zu bekennen, bewahrt die beiden davor, weiterhin Misstrauen hervorzurufen und zum Gespött der anderen zu werden.

Auch Addies kleiner Enkelsohn Jamie, der wegen der privaten Misere seiner Eltern vorübergehend in Addies Haus wohnt, findet einen guten Draht zu Louis. Zusammen mit den beiden alten Menschen ist der Junge glücklich. Doch das Glück wendet sich. Es ist Addies Sohn Gene, der sich, obwohl er sein eigenes Familienleben überhaupt nicht mehr im Griff hat, am Verhältnis seiner Mutter zu Louis stört und eine Veränderung erzwingt.

Die Geschichte lebt von ihren vielen Dialogen, in denen Kent Haruf mit schlichter, ruhig fließender Sprache Mut zum Glück im Alter macht und motiviert, sich verkrusteten Konventionen zu stellen.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht.
Diogenes, März 2017.
208 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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