Judith & Christian Vogt: Schildmaid: Das Lied der Skaldin

Es war eine andere, eine finsterere Zeit, einst, da die nordischen Völker, von Not getrieben, ihre Langbote zu Wasser ließen und auf Viking fuhren. Bemannt mit Berserkern suchten sie die Küsten Anglias und der Franken heim, nahmen Beute und Leibeigene mit nach Haus. Das Leben war gefährlich, so mancher tapfere Krieger kehrte nicht heim. Ihre Frauen blieben zurück, sofern sie noch im gebärfähigen Alter waren, suchten ihre Brüder für die Witwen einen neuen Mann.

Eyvor, deren Mann einst der beste Langboot-Bauer der Umgebung war, blieb nach dem Tod ihres Mannes allein. Während ihre Verwandten vom Fieber dahin gerafft wurden, hatte die Gottheit mir ihr andere Pläne. Zunächst alleine, später gesellten sich andere Frauen, allesamt Einzelgängerinnen zu ihr, legt sie im Wald des heimischen Fjords ein Drachenboot auf Kiel. Niemand traute der verrückte Frau zu, ihr Ziel zu erreichen – eine Frau als Bootsbauer, Frauen als Mannschaft eines Langboots – undenkbar, gehören sie doch, wie es die Tradition verlangt, zu und mit ihren Kindern an Heim und Herd.

Doch dann machen sich Eyvor und ihre Mannschaft, verfolgt von Berserkern auf die Fahrt – die Meeresgöttin Rán hat eine Queste für sie in Petto. Sie stranden mit Skjaldmaer – Schildmaid – wie sie ihr Schiff getauft haben, zunächst auf dem Meeresboden, die Wassermassen toben um sie herum, während sie die große Halle einer lang vergessenen Amazonen-Königin betreten. Auf dem Dach stoßen sie auf die Untote, die ihnen den göttlichen Auftrag mitteilt – es gilt ins Land der Eisriesen zu fahren, den Frostriesen Jökull erschlagen um Ragnarök zu verhindern – wahrlich keine Einfache Aufgabe für ein Boot voller unnützer und schwächlicher Frauen …

Das Autorenpaar Judith und Christian Vogt gehört zu den Autoren, die in den letzten Jahren sehr viele, inhaltlich ganz unterschiedliche Bücher publiziert haben. Was einst bei Feder & Schwert mit dem Steampunk-Roman „Die verlorene Puppe“ begann, bei Lübbe mit der Fantasy-Trilogie um die 13 Gezeichneten fortgesetzt wurde, mit Roma Nova (Lübbe) und Ace in Space (Ach Je Verlag) ins All entführte, uns bei Knaur ein dystopisches „Wasteland“ anbot, das mündet nun also in einen feministischen Wikinger-Roman – ja diverse DSA- und Splittermond-Romane gab es auch noch, nicht zu vergessen mit „Anarchie Deco“ einen Urban Fantasy Titel bei Fischer TOR der in den 20ern angesiedelt wurde.

All diesen inhaltlich so ganz unterschiedlichen Werken ist eines gemeinsam – immer machen sich die beiden Autoren für Toleranz stark, es geht um Gleichberechtigung, um Akzeptanz queerer Beziehungen. Nun kann dies eine wahre Krux sein, wenn Verfasser unterschiedlichster Couleur uns wichtige Messages zu vermitteln trachten. Bei den Vogts aber sind eben jene Aussagen immer wunderbar stimmig in die jeweilige Handlung verpackt. Vorliegender Roman ist hier keine Ausnahme.

Sorgfältig recherchiert – wir erfahren so Manches über die altnordische Götterwelt und das Leben der Wikinger – halten die Verfasser ein wunderbares Abenteuer für uns bereit. Dabei begegnen uns einfühlsam gezeichnete Figuren, die beliebe nicht einfach so triumphieren. Verfolgt, später im Wettstreit mit dem Langboot eines der Ehemänner eines Besatzungsmitglieds, haben es unsere Frauen wahrlich nicht leicht. Sie müssen lernen – so manches mal viel Lehrgeld bezahlen – sich auf dem Meer zurechtzufinden, zu kämpfen und zu überleben. Alle sind sie Außenseiter, wollen sich nicht mehr ins patriarchische Rollenklischee einfügen, an persönlicher Entfaltung gehindert werden. Dass sie dabei durchaus auch brutal vorgehen, ist da nur stimmig. Dass die Frauen zu Beginn Mühe haben zusammenzufinden, sich von ihren anerzogenen Rollenbildern zu lösen, auch immer wieder mental wie körperlich an Grenzen stoßen sorgt für zusätzliche Spannung und Dramatik. Zusammen, als eingeschworene Bootsgemeinschaft suchen und finden sie dann unkonventionelle Lösungen für ihre Probleme, es bauen sich Vertrauen, Beziehungen und Liebschaften untereinander auf – doch all dies braucht Zeit, geht nicht von heute auf morgen und genau dies stellen unsere Verfasser auch im Roman entsprechend dar.

Die Autoren haben dem Band im Anhang ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen und dem Götterpantheon beigegeben sowie im Nachwort in Bezug auf den Schöpfungsprozess und die Recherchen ein wenig aus den Nähkästchen geplaudert.

Das packende, inhaltlich wunderbar unerwartet andere Finale bringt den spannenden Roman dann zu einem in sich befriedigenden Ende. So muss moderne Fantasy sein, so kann man wichtige Themen angenehm spannend zu lesen verpacken.

Judith & Christian Vogt: Schildmaid: Das Lied der Skaldin.
Piper, Februar 2022.
448 Seiten, Taschenbuch, 16,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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