Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen

Die Handlung zeigt einen Sommer an der englischen Küste in den Dreißiger Jahren auf. Die Zeilen, die anfangs etwas schlicht und angestaubt anmuten, erfahren recht schnell eine unerwartete, ganz besondere Gewichtung.

Im Zentrum des Geschehens steht die junge Familie Marsh, die soeben zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen hat. Der Vater, ein Bankbeamter, geht vollkommen auf in seiner eigentlichen Berufung  als fanatischer Prediger einer Sekte. Das gesamte Familienleben wird von seinem Glauben dominiert, der die Darwinsche Lehre verpönt. Bereits die achtjährige Margaret ist so bibelfest, dass sie für alles Geschehen stets einen Bibelvers parat hat, den das clevere Mädchen aber genauso schnell ins Gegenteil zu widerlegen versteht und hinterfragt.

Damit sie sich nicht wegen dem neugeborenen Bruder zurückgesetzt fühlen soll, darf Margaret mit dem frisch engagierten Hausmädchen Lydia einmal in der Woche etwas unternehmen. Die lebensfrohe, frivole Lydia, die so unumwunden und ohne Hemmungen durchs Leben geht und redet wie ihr der Schnabel gewachsen ist, ist für Margaret eine Wohltat. Sie passt zwar so gar nicht in das fromme Gotteshaus der Familie Marsh, wird aber akzeptiert, weil der Vater davon überzeugt ist, dass Lydia ihnen „gesandt“ wurde.

An ihrem Ausflugstag besuchen sie Orte, in denen gut situierte Bewohner ein ganz anderes Leben führen, als das, was Margaret bislang kannte. Unter anderem entdeckt Margaret ein Altersheim für Künstler. Die ausgefeilten Verquickungen mit Margarets Familie, die hier offenbar werden, sind von langer Hand geplant und vervollkommnen die Geschichte.

Häufig erkunden Margaret und Lydia bei ihren Ausflügen einen Park. Dort klettert Margret auf die hohen Bäume, während Lydia ihr Korsett abstreift und sich in den Büschen mit dem Gärtner vergnügt, was von Margret nicht unbemerkt bleibt. Überhaupt bringt Lydia das gesamte Familienleben aus dem Gleichgewicht. Die Kapitel strotzen vor Ironie und decken auf, was normalerweise verborgen und nach innen gekehrt bleibt. Alle sittsamen Gepflogenheiten, alle Ehrfurcht, alle Frömmelei werden in Frage gestellt.

Jane Gardam beweist ein unglaubliches Gespür für Skurrilität ohne diese auch nur einmal zu überzeichnen.

Am Ende ist alles anders, als es begonnen hatte.

Dieses Buch ist ein kleines Kunstwerk, das von einer ganz besonderen Aura lebt.

Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire/England geboren. Sie erhielt mehrfache Auszeichnungen für ihr schriftstellerisches Werk.

Jane Gardam: Mädchen auf den Felsen.
Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan.
Hanser Berlin, April 2022.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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