Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne

Noah und Jude sind Zwillinge und viele denken an sie nur als NoahundJude, das unzertrennliche Paar. Im Alter von 13 Jahren können sie sich blind verständigen, denken stets das gleiche und nichts kann sich zwischen sie drängen. Drei Jahre später, als die Zwillinge 16 sind, reden sie kaum mehr miteinander. Etwas ist zwischen ihnen geschehen, was sie ohne Worte zurückließ und voneinander entfernte.

Noah weiß schon mit 13, dass er anders ist. Er interessiert sich für Kunst und würde alles dafür geben, auf der renommierten Kunstschule aufgenommen zu werden. Er zeichnet in jeder freien Minute und hat keine Freunde. Als im Nachbarhaus der gleichaltrige Brian einzieht, wendet sich das Blatt, denn die beiden Jungen freunden sich miteinander an. Plötzlich kann auch Noah bei den coolen Kids dabei sein. Dabei würde er viel lieber allein Zeit mit Brian verbringen.

Die 16-jährige Jude hat es geschafft. Sie ist auf der Kunstschule, dabei wollte sie damals gar nicht so gerne dorthin wie ihr Bruder Noah. Viel mehr hätte sie sich Anerkennung von ihrer Mutter gewünscht. Die wirbelt nun anderweitig durch Judes Leben und bringt dieses immer wieder durcheinander. Jude scheint auf der Kunstschule vom Pech verfolgt. Alle ihre Exponate verbrennen im Brennofen, zerbrechen oder stürzen vom Tisch.

Jandy Nelsons Roman ist erfrischend anders und kann keinesfalls auf das Jugendbuchgenre reduziert werden. Man trifft auf den Seiten eine ungeahnte Tiefe, wie man sie sonst selten bei Jugendbüchern findet. Die Geschichte besteht aus zwei Erzählsträngen. Sie begleitet Noah im Alter von 13 Jahren und drei Jahre später Jude im Alter von 16 Jahren. Die beiden Stränge werden im Wechsel erzählt, so dass man erst nach und nach herausfindet, was wirklich zwischen den unzertrennlichen Geschwistern und in der Familie passiert ist. Selten hat mich ein Roman so fesseln können wie „Ich geb dir die Sonne“, das seinen Titel übrigens einem Spiel zwischen Jude und Noah verdankt. Hierbei teilen die Zwillinge die Welt immer wieder neu zwischen sich auf. Möchte einer vom anderen etwas Besonderes haben, muss er ihm Dinge wie die Bäume, die Sonne oder Blumen zugestehen.

Die Geschichte leuchtet vor allem durch ihre beiden Hauptfiguren, die so besonders wirken. Selten gibt es so prägnante, tiefe Figuren wie diese beiden. Man hat nach dem Lesen das Gefühl, dass man ihnen nicht nur auf den Seiten einer ausgedachten Geschichte begegnet ist, sondern dass es sie tatsächlich gibt!

Ein ganz besonderes Buch!

Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne.
cbt, November 2016.
480 Seiten, Gebundene Ausgabe, 17,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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