Ilse Helbich: Diesseits

„Gebrauchsanweisung: Manche Geschichten sind wie Steine, die man aus dem Fluss fischt. Rund und glatt und schwer in der Hand.“  Diese Anleitung stellt die Autorin ihren gesammelten Erzählungen voran.

Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman „Schwalbenschrift“ veröffentlicht. Darauf folgten mehrere Anthologien und Erzählbände. Und nun legt der Literaturverlag Droschl dieses Buch vor, das schon allein durch seine Gestaltung, seine Optik und seine Haptik Leserinnen erobern dürfte. Viele der in diesem Band gesammelten Erzählungen sind vorher noch nicht veröffentlicht worden. Leider, so im Info-Teil am Ende, lässt sich nicht mehr für alle Texte sagen, wann sie entstanden sind. Ich finde das auch nebensächlich, außer dass natürlich das eigene Leben der Autorin jeden Text immer beeinflusst.

Ilse Helbich hat einen ganz eigenen, faszinierenden Stil. In ihren Geschichten geht es um alltägliche Menschen, Frauen zumeist, in alltäglichen Situationen im alltäglichen Leben. Auffällig ist, dass die Autorin ihren Protagonistinnen kaum je einen Namen gibt. Manch eine Nebenfigur erhält einen Namen, aber in den meisten ihrer Texte bleibt die Protagonistin einfach „sie“. Das schafft gleichzeitig Nähe und Distanz, Empathie und Fremdheit.

Beispielhaft seien hier zwei oder drei Erzählungen besonders erwähnt: In „Der verlorene Sohn“ schildert Ilse Helbich aus der Sicht der Mutter, wie ein erwachsener Sohn sich von den Eltern löst und sich einer merkwürdigen Sekte anschließt. Der Sohn ist fort, von einer Stunde auf die andere. Und er wird nicht zurückkommen. (S. 275). In ruhigen Szenen, zum Beispiel als der Sohn zusammen mit anderen, darunter der Große, Böse kommt, um seine Sachen abzuholen und die Mutter für alle kocht und sie in ihrer Küche bewirtet, gelingt es der Autorin, mit herber Sprache und kühler Beobachtung, die Empfindungen der Mutter darzustellen. Dabei wird sie nie weinerlich, sie versucht sich nie an psychologischer Analyse, sie bleibt immer Beobachterin, wertet nicht, urteilt nicht.

In „Ruhe auf der Flucht“ steht ebenfalls eine Frau im Mittelpunkt. Wieder bleiben alle Figuren namenlos, so wie auch Zeit und Ort des Geschehens nie genau benannt werden. Eine Frau versteckt ihr Kind vor dem Offizier, der sie „besucht“ und ihr Essen bringt, wovon sie für das Kind heimlich etwas abzweigt. Das Kind, ein Mädchen, bekommt mit, was unten mit der Mutter geschieht (S. 245). Damit das Kind ruhig bleibt, bekommt es auch schon mal Ohrfeigen, denn jetzt gelten eben andere Gesetze, jetzt geht es um nichts als ums Überbleiben. (S. 245). Auch hier hält die Autorin die Leserin auf Distanz, beschreibt ohne zu verurteilen, schildert das Geschehen ohne es eindeutig zu benennen.

Und dann gibt es noch die Märchen in diesem Buch. „Das goldene Ei“ ist die Geschichte eines armen Mädchens, das bei seiner Großmutter aufwächst. Letztere ist eher eine böse Großmutter, die Gefühle nicht zeigen kann. Eines Tages bekommt das Mädchen für eine gute Tat von einer freundlichen Alten ein goldenes Ei geschenkt, das mit der Zeit wächst und wächst. Die Großmutter beginnt, das Ei zu hassen und sobald sie die Gelegenheit hat, zerstört sie es. Das Mädchen, dem das Ei das große Glück bringen sollte, wird also weiter suchen müssen … es suchte noch immer nach dem großen Glück, das ihm versprochen worden war, und wusste nicht, wo es sein Glück nun suchen und wie sie es finden sollte. (S. 346).

Ilse Helbich ist ganz nah an, ja gleichsam in den Frauen, deren Geschichten sie erzählt. Und zugleich, auch wenn das paradox erscheint, weit weg, beobachtet sie mit neutralem Blick aus der Ferne.

Die Erzählungen von Ilse Helbich wirken, trotz oder wegen ihrer spröden Sprache. Sie sind es wert, wieder und wieder gelesen zu werden.

Ilse Helbich: Diesseits.
Droschl, Februar 2020.
368 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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