Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

… Was wäre, könnten wir die Phase des Todes überspringen, eine Brücke bauen in eine Zeit danach …? Was wäre, wenn wir nicht verfallen würden, wenn wir zurückkämen, ohne Sorgen, ohne Leid?“ (S. 24)

In den 1980er Jahren bietet die Firma Exit U.S. einen besonderen Service an, in dem sie lebensverlängernde Maßnahmen durch Kryonik verspricht. Die Idee ist, Menschen im flüssigen Stickstoff zu lagern, bis eines Tages in der Zukunft die Medizin mit der Wiederbelebung und Heilung von Krankheiten beginnen kann.

Kachelbad, einer der beiden Geschäftsführer der Firma baut den Kontakt zu möglichen Klienten auf, bespricht die Details, Vermögensübertragungen und sorgt persönlich für die Durchführung. Alles läuft einigermaßen nach Plan, bis sein Kompagnon plötzlich stirbt und Kachelbad genauso plötzlich vor dem Ruin steht. Abgesehen davon, dass Firmengelder verschwunden sind, wird ihm die Schwachstelle ihrer Idee vor Augen geführt. Wie lange kann ein Vermögen reichen, wenn ihr Unternehmen einer Kostenexplosion in unbekannter Höhe ausgesetzt ist? Die Anmietung geeigneter Lagerräume, Wartung der Aufbewahrungstanks sowie der regelmäßige Kauf von flüssigem Stickstoff steigen, je mehr Menschen bei Exit U.S. einsteigen. Der Tod seines Kollegen zwingt Kachelbad zum Umdenken. Wenn er das Vertrauen seiner Kunden nicht enttäuschen will, braucht es sehr schnell eine Lösung.

Der Schriftsteller, Künstler und Sänger Hendrik Otremba hatte das Glück, für sein Romanprojekt eine Förderung aus Berlin zu bekommen. Entstanden ist ein Roman, der viele Rahmen sprengt. Angefangen mit den verschiedenen Erzählformen, durch die unterschiedliche Personen ihren Anteil einer abenteuerlichen Geschichte erzählen bis hin zu der Bearbeitung der großen philosophischen Fragen: Wo endet das Leben, wo beginnt Tod? Was bedeutet Menschlichkeit, und warum lässt der Mensch so viel Unrecht zu, wenn er doch selbst darunter leidet?

Einen großen Bogen spannt der Autor auch, wenn er seine Hauptfigur Kachelbad durch verschiedene Zeiten begleitet. Wer oder was Kachelbad letztendlich ist, woher er kommt, wohin er gehen wird, bleibt offen. Der ältere Mann, der mit handwerklichem Geschick alles repariert, rettet Menschen und die Erinnerungen seiner Schützlinge.

„… Er hatte zu den Geschichten der kalten Mieter eine tiefe Beziehung aufgebaut, war ihnen als ihr Autor sehr nahegekommen, und das, was er von ihnen festhielt, das, was er konservierte, wurde ihm in diesem Prozess zu einem intensiveren Erlebnis als die sporadischen Bewegungen jenseits der Halle.“ (S. 272)

Kachelbad agiert so ähnlich wie einst Noah. Während der biblische Held Lebendiges in einer Arche rettet, schweben Kachelbads Schützlinge tiefgefroren bis zu einem bestimmten Tag in der Zukunft in Tanks. Ergänzend lagern ihre Erinnerungen in einer benachbarten Zeitkapsel.

„… Was ist das, die Zukunft? Die Zukunft findet nur im Kopf statt, sie ist ein erdachter Raum, der auf Erfahrungen und Wahrscheinlichkeiten beruht, gleichzeitig aber gefärbt ist von Sehnsüchten und Ängsten.“ (S. 66)

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe.
Hoffmann und Campe, August 2019.
432 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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