Hannah Mumby: Elefanten

Sie haben ein langes Leben, sie können Gefühle ausdrücken, sich an Ereignisse erinnern und Informationen weitergeben – Elefanten sind dem Menschen viel ähnlicher, als uns bewusst ist. Sie können sich sogar im Spiegel erkennen und verfügen damit über ein Ich-Bewusstsein.

Hannah Mumby geht in ihrem Buch weit über eine rein wissenschaftliche Beschreibung einer Spezies hinaus. Sie zeigt Individuen mit charakteristischen Eigenschaften und unterschiedlichen Lebenswegen. Jeder Elefant ist eine Persönlichkeit mit Vorlieben, Gewohnheiten und einer eigenen Lebensgeschichte.

Mit dem Ziel, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Lebenszyklen verschiedener Tiere zu untersuchen, begann die Verhaltensbiologin mit der Erforschung der sanften Riesen und erlag ihrer Faszination. In Afrika beobachtete sie die Tiere in freier Wildbahn. In ihrem Buch beschreibt sie Verhalten und Zusammenleben – die von einer Matriarchin geführten Familien aus Elefantenkühen und ihren Kälbern und die in eher lockeren Gruppen umherziehenden Bullen. Ich erfahre, dass Elefanten ähnliche Sozialstrukturen aufweisen wie auch wir Menschen, sie kennen die Mitglieder ihrer Gruppe und wissen um den Platz eines jeden.

In Myanmar arbeitet sie an einem Projekt zur Auswertung von Lebensdaten der Arbeitselefanten, welche über Jahrzehnte akribisch von den betreuenden Tierärzten aufgezeichnet wurden. Sie wertet Daten aus, vergleicht Lebensläufe der Tiere, fühlt sich in die Beziehung zwischen dem Arbeitselefanten und seinem Oozie – dem Betreuer – ein.

Auf viele ihrer Fragen findet sie Antworten bei Kollegen. Sie begleitet die Forschungen anderer Wissenschaftler und trägt Arbeitsergebnisse zusammen. So entsteht ein komplexes Bild der Elefanten. Die Schilderung von Begegnungen mit ihnen gibt dem Text Lebendigkeit und macht die Fakten greifbar. Ich spüre Hannah Mumbys Begeisterung und ihren Respekt gegenüber diesen Wesen, die so anders sind als wir Menschen und uns doch so sehr ähneln. Sie versucht, sich als Elefant zu sehen und hält Ausschau nach Gemeinsamkeiten, ohne jedoch die Tiere zu vermenschlichen. Zu diesem Zweck beschreibt sie ihren eigenen Werdegang und kann dadurch Meilensteine im Leben von Menschen und Elefanten vergleichen. Sie beschreibt ihre Empfindungen und Eindrücke und lenkt daraus resultierend ihr Augenmerk als Forscherin auf die der Elefanten in vergleichbaren Situationen.

Was mir gut gefällt: Sie macht immer wieder deutlich, dass Forschung kein Selbstzweck ist, dass wir verstehen müssen, um schützen zu können. Das Kapitel, in dem sie über Wilderei und Elfenbeinhandel schreibt, sind schwer zu ertragen, aber notwendig. Am Ende bekräftigt sie doch die Hoffnung, dass wir uns unserer Verantwortung stellen und damit nicht nur die Elefanten und andere bedrohte Tierarten retten, sondern auch uns.

Hannah Mumby: Elefanten.
Aus dem Englischen übersetzt von Heide Lutosch.
Carl Hanser Verlag, April 2021.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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