Graham Masterton: Racheengel

Das organisierte Verbrechen greift auch in Cork, Irland immer mehr um sich. Womit ist das meiste Geld verdient? Erpressung, Drogenhandel – nein, das meiste Geld wird auch und gerade in Irland halb-legal mit Finanztransaktionen verdient. Was aber, wenn man keiner von den angesehenen Bankern in den Maßanzügen ist? Dann muss man in die Niederungen der menschlichen Obszönitäten hinab. Denn da rangiert der Menschenhandel und damit verbunden die Prostitution. Und dort kann man auch ohne Bankerausbildung viel Geld mit dem Leid unschuldiger entführter und missbrauchter Mädchen verdienen.

Die Staatsmacht, allen voran die Polizei steht dem Treiben der Clans in aller Regel hilflos gegenüber. Wenn sie einmal einen der Schuldigen verhaften, sind findige und hoch bezahlte Anwälte schnell zur Stelle, um den Angeklagten vor den natürlich immer ungerechtfertigten Anschuldigungen zu schützen und eine Verurteilung zu vermeiden. In Irland kommen die geschundenen Mädchen und Frauen in aller Regel aus Sierra Leone, Nigeria oder Somalia. Man nimmt ihnen die Pässe ab, macht sie vom Heroin abhängig und zwingt sie zur Prostitution. Doch auf den Straßen von Cork ist ein Rachenengel unterwegs. Eine junge, zauberhaft aussehende Frau ganz in schwarz stellt denjenigen nach, die der Staatsmacht immer wieder entgehen. Sie ist Ankläger, Jury und Richter zugleich – und sie ist die Rächerin derer, die sich selbst nicht helfen können.

Eine mit Schrot geladene Pistole und eine Säge gehören zu ihrem Werkzeug. Sie zwingt die Männer, sich selbst eine Hand abzusägen, bevor sie ihnen das Gesicht und die Genitalien wegschießt. Detective Superintendent Katie Maguire ist der Mörderin auf der Spur – doch, will sie diese überhaupt fassen, sorgt der Racheengel doch endlich für Gerechtigkeit?

Ich muss zugeben, dass vorliegender Roman von meinem zu Lesen Stapel noch gar nicht „dran“ war, und ich ihn vorgezogen habe. Warum wollen Sie wissen? Nun, zum Einen, weil Graham Masterton ein wirklich guter Erzähler ist, der weiß, wie man einen Plot aufzieht, wie man Figuren entwickelt und die Handlung mit Leben, Tiefe und Aussage hinterfüttert, aber auch, weil ich wissen wollte, wie es im Leben von Katie Maguire weitergeht.

Zwar steht wie immer die Suche nach dem Verbrecher im Vordergrund, doch inzwischen haben wir unsere aufrechte Frau in Uniform lieb gewonnen. Und diese hat erneut fast mehr zu tragen, als sie schultern kann. Ihre Beziehung steht einmal wieder vor dem aus, auch, weil ihr Beruf ihr die Zeit und die Kraft für den Mann an ihrer Seite nimmt, ein Anschlag auf ihr Leben trifft eine Unschuldige, der sie ihr Autor ausgeliehen hat, ihre Schwester benimmt sich ihrem Vater gegenüber unmöglich, Reporter nerven, und einen neue Chef, der sie auf dem Kieker hat bekommt sie auch noch.

Inhaltlich setzt sich Masterton dieses Mal mit einem höchst aktuellen Thema auseinander. Es geht um illegale Immigration, und Zwangsprostitution, und Menschenhandel und den Saubermännern, die diesen Verbrechen ein sauberes Image überstülpen.

Verbunden hat er diesen sozialen wie politischen Sprengstoff mit grausamen Morden. Viel bestialischer aber wirken die durchaus glaubhaften Schilderungen der Zustände, denen die missbrauchten Kinder und Mädchen ausgesetzt sind. Es schüttelt einen unwillkürlich, wenn man die Verzweiflung der Hilflosen erlebt, wie sie ihren Peinigern ausgeliefert sind, und nicht entkommen können. Das ist ergreifend, erschreckend ja bestialisch und viel viel fürchterlicher als Vieles, was sich Horror-Autoren ausdenken – ist es doch gängige Praxis und nicht nur in Irland, sondern auch bei uns.

So ist dies erneut ein packender, anrührender Thriller voller überraschender Wendungen und nachdenkenswerter Aussagen.

Graham Masterton: Racheengel.
Festa Verlag, Februar 2019.
464 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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