Florian Knöppler: Kronsnest

Mit dem Titel „Kronsnest“ legt der Autor seinen ersten Roman vor. Der 1966 geborene Florian Knöppler bringt dabei beste persönliche und fachliche Kompetenzen ein. Mit seiner Familie lebt er auf einem Hof in Schleswig Holstein ganz in der Nähe seiner „Romanbühne“ Kronsnest. Seine berufliche Reputation hat sich Florian Knöppler mit dem Studium von Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna erworben. Der Journalist arbeitete als Redakteur für Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. In seinen stets sorgfältig recherchierten Reportagen schrieb er über Menschen mit besonderen Lebenswegen in ihren jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontexten. Ihrem Glück ist er auf der Spur immer verbunden mit der Frage, was Glück überhaupt ist und wie man Phasen des Unglücks überwinden kann. Einfühlsam und tiefgründig verleiht Knöppler seinen Protagonisten und Charakteren Kontur. Schnell spürt der Lesende, dass dem Autor Menschenwürde und respektvoller Umgang mit der Natur am Herzen liegen. Er erfüllt damit wichtige Vorraussetzungen, um seine Geschichte authentisch erzählen zu können. Eine Geschichte, die nach Antworten auf die Frage was uns Menschen glücklich macht sucht.

In einem lesenswerten Verlagsblog gibt Florian Knöppler Auskunft über seine Schreibmotivation und über die Hintergründe seines Romans. Seine interessante  Homepage sei als „Lektüre vor der Lektüre“ ausdrücklich empfohlen.

Hannes Thormählen wächst auf seinem kleinen elterlichen Hof bei Elmshorn in den späten 20ger heran. Die Elbmarschen in Schleswig Holstein sind das Biotop und ein Rückzugsort des sensiblen Jungen, der nicht so recht in die rauer werdenden Zeiten des erstarkenden Nationalsozialismus zu passen scheint. In der Schule wird er gemobbt. Sein autoritärer Vater macht ihm Angst. Von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen im Dorf fühlt er sich bedroht. Zunächst zieht Hannes sich in die Welt seiner Bücher zurück. Doch er spürt, dass ihn ein Rückzug auf Dauer nicht schützt und auch nicht glücklich macht. Zumal er Mara, eine junge Frau, die im Dorf lebt, für sich gewinnen will. Er beginnt seine Deckung zu verlassen und sich zu wehren. Ein anderes Leben will er suchen in Zeiten, die ihrerseits nach Veränderung streben.

Florian Knöppler erzählt eine Geschichte, die ihre Spannung gerade dadurch erhält, dass  das große „Schlüsselereignis“ nicht kommt. Er schreibt über eine Kleinbauernfamilie mit ihren Höhen und Tiefen, mit Enttäuschungen und Spannungen zwischen Eltern und ihrem Sohn. Ein Alltag, der am Ende der 1920iger Jahre von Wirtschaftskrise  und dem Überlebenskampf der Kleinbauern Schleswig Holsteins geprägt ist. Eine emotionale und gesellschaftliche Gemengelage also, in der der fünfzehnjährige Protagonist Hannes Thormählen seinen Weg sucht. Ein Weg, der ihn als Bauer  festgelegt zu haben scheint und ihn dazu verdammt, sich seinem autoritären Vater unterordnen zu müssen. Eine persönlich und politisch herausfordernde Lebensperspektive. Beziehungen, die sich bewähren müssen. Auch die Beziehung zu sich selbst in der Spannung von Fremd- und Selbstwahrnehmung. Und Entwicklung geschieht dann tatsächlich. So wird Hannes Thormählen eine Persönlichkeit, die leise aber beständig durch seine Stärken überzeugen kann. Der Lesende wird mit in sein Denken, Fühlen und Handeln hineingenommen. Man fiebert mit ihm und wünscht ihm alles Glück der Welt.

Für den Autor ist „Kronsnest“  kein typischer Heimatroman, der die Heimat als eigenständigen Wert feiert.  Aber dem real existierenden Dorf Kronsnest fühlt er sich heimatlich verbunden. Und diese Verbundenheit  wird bei der Lektüre des Romans spürbar. Er weiß, wovon er schreibt. Er kennt das Leben in der Elbmarsch und ihre Geschichte. Das macht ihn für mich als Autor authentisch, der sich einer Sprache bedient,  die dieses authentische Moment verstärkt. Sorgfältig ausgewählte Metaphern malen dem Lesenden eine Landschaft vor Augen, in die man gern eintaucht. Seinen Charakteren haucht Florian Knöppler ausdrucksstark und liebevoll Leben ein. Die zeitgeschichtlichen Beschreibungen sind kurz, nicht belehrend und von einer eindrücklichen Sprachtiefe gekennzeichnet. So gelingt es dem Autor die Lesenden abzuholen und mitzunehmen auf einen spannenden Weg, der sich, wie es Florian Knöppler selbst formuliert hat, zu einem „Sittengemälde bäuerlichen Lebens“ geworden ist.

Mich hat der Aufbau und die Dramaturgie des Plots beeindruckt. Die Fragen nach Glück und Lebensperspektiven seiner Charaktere werden in den letzten Kapiteln neu gestellt, ohne endgültig beantwortet zu werden. Endgültige Antworten kann es ja auch gar nicht geben, da der Lebensweg von Hannes Thormählen und seinen Freunden und Freundinnen ja noch lange nicht zu Ende ist. Geschickt schafft Florian Knöppler so Raum für eine Fortsetzung. Diesen Raum füllt er gerade und kommt so den Bedürfnissen seiner Leserschaft entgegen. Ich jedenfalls bin schon gespannt und freue mich auf „Kronsnest Teil 2“.

Meine uneingeschränkte Leseempfehlung gebe ich auch darum gerne, weil der Roman die Fragen nach Glück und dem Überwinden schwerer Zeiten in eine Gegenwart hineinstellt, die durch die Coronapandemie ihrerseits sehr herausfordernd ist. Gegenwart und Vergangenheit berührt den Lesenden gleichermaßen und öffnet ihn, sich selbst die Fragen nach dem, was im Leben zählt und trägt zu stellen. Dafür bin ich Florian Knöppler dankbar!

Florian Knöppler: Kronsnest.
Pendragon, Februar 2021.
448 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Martin Simon.

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