Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Universitätsprofessorin Leda liegt nach einem Autounfall im Krankenhaus. Ihre Verletzungen sind unwesentlich, jedoch hat sie eine für die Ärzte unerklärliche Stichwunde unter ihren Rippen. Eine letztendliche Erklärung für sich selbst hat auch Leda nicht. Aber sie erzählt rückblickend, wie es dazu gekommen ist.

Leda verbringt ihren Urlaub an der Ionischen Küste. Am Strand, hinter einem Pinienwald, findet sie einen Platz, den sie fortan  täglich aufsucht. Bald fallen ihr dort eine junge Mutter und ihre kleine Tochter auf, die in ihrem Spiel mit einer Puppe ein sehr beglückendes, einander zugewandtes Gebaren an den Tag legen. Das tägliche Stelldichein am Strand macht die beiden für Leda schnell zu vertrauten Personen. Leda interpretiert das Spielverhalten von der jungen Mutter Nina und ihrer Tochter mit ihrer ureigenen Sicht auf die Dinge. Ihre eigenen Unzulänglichkeiten brechen in ihr auf. Einerseits bewundert sie die junge Frau, würde gerne so fühlen, wie diese junge Mutter, die ganz selbstverständlich in ihrer Rolle aufgeht. Gleichzeitig reflektiert sie ihre eigene Mutterrolle, in der sie sich vor über zwanzig Jahren aus Überforderung gegen ihre beiden kleinen Töchter und für ihre eigene Karriere entschieden hatte, wodurch nun alle weiteren Abläufe eine neue Gewichtung und Richtungsänderung erfahren.

Als eine Großfamilie sich am Strand ausbreitet und alles, samt der zu ihnen gehörenden jungen Mutter Nina und ihrem Kind in Beschlag nimmt, ist es vorbei mit der Idylle. Das allzu gewöhnliche, Grenzen verletzende Gebaren der Familienmitglieder, ihre vulgäre Sprache und auch die Optik von Mutter und Kind aus nächster Nähe, lässt die anfängliche Faszination von Leda für die Beiden abflachen. Dennoch wird man miteinander bekannt und Leda begeht einen schwer verständlichen Fehler, den sie sich selbst nicht erklären kann. Ihr Verhalten, zu dem sie sich auch nach Tagen nicht bekennen kann, ist ihr entglitten. Durch ihr Tun hat sie das kleine Mädchen samt der Mutter in eine untröstliche Lage gebracht und die gesamte Großfamilie in Aufruhr versetzt.

Dieser Roman behandelt die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Rollenbild. Elena Ferrante zeigt darin gedankenschwere Gemütszustände einer Frau auf, die sich in den Widersprüchlichkeiten ihrer Gefühle mit Mutter-Kind- oder Partnerschaftskonflikten aus der Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzen.

Von Anfang an begleitet eine leicht melancholische, trügerische Stimmung die Handlung. Bereits der Autounfall, mit dem der Roman beginnt, oder eine verführerisch gefüllte Obstschale, deren Früchte unter der Oberfläche allesamt ungenießbar sind, kann man als Vorzeichen auf einen unheilvollen Plot deuten, in dem sich Wünsche und Wirklichkeit vermischen.

Bücher von Elena Ferrante  wurden hier bei Schreiblust-Leselust schon mehrfach rezensiert. Sie schreibt unter Pseudonym. Mit ihrer Neapolitanischen Saga hat sie internationalen Ruhm erreicht.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln.
Aus dem Italienischen übersetzt von Anja Nattefort.
Suhrkamp, Februar 2019.
188 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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