Doris Dörrie: Die Heldin reist

Von Odysseus zu Spider Man, es gibt jede Menge Geschichten über männliche Heldenreisen. Die Frau ist diejenige, die zuhause wartet oder errettet werden muss. Ein Mann, unabhängig unterwegs, ist ein Entdecker und Wegbereiter. Eine Frau, allein reisend, ist einsam, in ständiger Gefahr und ohne echtes Ziel. Schluss mit diesem Schubladendenken! Deutschlands Starregisseurin und Autorin Doris Dörrie leitet mit diesem Buch einen Perspektivenwechsel ein. Sie lässt uns Leser ganz unmittelbar an ihren eigenen Eindrücken vom Reisen teilhaben. Herausgekommen ist ein kluges, sehr persönliches Buch, in dem uns Dörrie nach San Francisco, Japan und Marrakesch entführt. Auf kluge, unterhaltsame Art, macht dieses Buch (nicht nur Frauen) Lust, den Koffer zu packen und einfach losziehen. Denn auf Reisen gibt es immer etwas zu lernen. Vor allem über sich selbst.

Frauen auf Reisen erzählen anders. Weg vom Ego, hin zu den Besonderheiten ringsum. Aber können diese Geschichten auch erfolgreich sein? „Momentaufnahmen der puren Aufmerksamkeit von Augenblick zu Augenblick: Darin könnte eine ganz andere Art verborgen liegen, die Welt wahrzunehmen und über sie zu berichten. Eine fragmentarischere, aber unter Umständen wahrhaftigere und sogar poetischere Erzählung als das ewige Narrativ von Aufbruch, Kampf und Rettung.“ (S .33)

Doris Dörrie geht als Studentin nach San Francisco, wo sie einerseits mit der ständigen „Everything is fine“-Attitüde, andererseits mit ständiger Angst konfrontiert wird. Belächelt aufgrund ihrer deutschen Naivität wird sie bald belehrt: In Amerika geht eine Frau nicht allein auf die Straße, schon gar nicht nachts. Japan besucht die Regisseurin von „Kirschblüten – Hanami“ gleich mehrmals, sowohl beruflich, als auch privat. Dort probiert sich die Autorin an Zen-Buddhismus und japanischen Essensritualen. Als groß gewachsene, ungelenke Weiße fällt sie sofort als Fremde auf. Und fühlt sich genau deshalb so gut. Dem Erwartungsdruck der westlichen Welt braucht sie hier nicht zu genügen. „Ich muss nicht mitspielen. Darf nur beobachten.“ (S. 45). Das Gefühl fremd und einsam, dabei aber gleichzeitig leicht und unabhängig zu sein, begleitet Dörrie auf vielen Reisen. In Kyoto freundet sie sich mit Tatzu an, die als Übergewichtige in Japan ebenfalls als Außenseiterin gilt. Tatzu hat als Musikstudentin in Hannover gelebt – der Heimatstadt Dörries – und spiegelt sozusagen Dörries Perspektive. Sie berichtet davon, wie es ist, eine Fremde in Deutschland zu sein. So unterschiedlich ihr Background auch sein mag, die Probleme beider Frauen ähneln sich, zum Beispiel ihre Erfahrung mit toxischen Beziehungen. Dieser stellt sich Dörrie vor allem in ihrer dritten Geschichte, die sie nach Marrakesch führt. Hier reist Dörrie nicht allein, sondern mit ihrer Freundin Eva, welche mit ihrem Ruhestand hadert. Sie müssen sich mit Vorurteilen auseinandersetzen, mit Lebensentwürfen, dem Altern. In der Medina von Marrakesch gehen beide fast sprichwörtlich verloren. Farben, Gerüche, Gewusel, aufdringliche Händler – alles scheint zu viel. Am Ende verabschiedet sich Dörrie von vermeintlichen Sicherheiten. Der des Fliegens und des Reisens, denn plötzlich folgt Corona mitsamt seinen Lockdowns.

Witzig, empathisch und sprachlich gekonnt lässt Dörrie hier erzählerisch alle Hüllen fallen. Sie erzählt die Geschichten, die es nicht in die Instagram-Stories und Fotobücher schaffen. Sie erzählt von dem, was vom Reisen und Unterwegssein wirklich bleibt. Da sind lustige Anekdoten, zum Beispiel warum sie in ihrem US-Einreiseformular stets Hausfrau als Beruf angibt. Da sind sprachliche Bilder, wie die süße, warme, betörende, nach Marzipan duftende Luft, die ihr beim Aussteigen aus dem Flugzeug entgegenschlägt. Die wohl wichtigste Erfahrung: Auf Reisen lernt man sich selbst immer wieder neu kennen. Denn das Gefühl der Fremdheit zwingt einen, in sich selbst zu Hause zu sein.

Doris Dörrie: Die Heldin reist.
Diogenes, Februar 2022.
240 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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