Dörthe Binkert: Vergiss kein einziges Wort

Deutschland in den 1920er Jahren: Das Ehepaar Carl und Martha Strebel lebt mit seinen sechs Kindern in der Stadt Gleiwitz/Gliwice, einem Ort in Oberschlesien, westlich von Krakau. Polnische und deutsche Bürger leben Tür an Tür, der Ort gehört mal zu Deutschland, mal zu Polen. Kein Wunder also, dass Sohn Konrad eine Polin heiraten möchte. Ausgerechnet eine Polin! Der zweite Sohn Heinrich interessiert sich für die NSDAP, die älteste Tochter Ida für Mode, Hedwig lernt als Krankenschwester, die stille Klara geht noch zu Schule, die quirlige Luise erkundet die Paulstraße gerade auf eigenen Beinen. Vor der Familie liegen gute und schwere Zeiten, ein Weltkrieg, die Nachkriegszeit, Ehen, Kinder und Tode.

Dörthe Binkert gelingt es hervorragend, Zeitgeschichte und die Leben ihrer Figuren miteinander zu verbinden. Auch wichtige Nebenfiguren wie Luises Freundinnen Maria und Magda, Magdas Mutter Anna Kuznik oder die Nachbarn der Familie Liedka nehmen wichtige Plätze ein. Sie alle könnten unterschiedlicher nicht sein und so gestaltet sich dann auch die Handlung des Romans. Viele verschiedene Figuren wirken mit, jede von ihnen hat andere Ansichten, politische Gesinnungen und Lebenserfahrungen. So entsteht ein breites Bild einer Gesellschaft der wandlungsfähigen Stadt Gleiwitz in Oberschlesien. Einen guten Überblick über das Geschehen erhält man durch die Personentafel am Anfang der Geschichte und die Zeittafel am Ende der Geschichte, die bereits früher als die Handlung selbst beginnt.

Viele der Figuren wachsen auf den gut 670 eng beschriebenen Seiten ans Herz. Vor allem Luise ist ein großer Teil der Handlung gewidmet. Sie verliebt sich als junge Frau in einen Polen, den sie nur an einem Abend sieht. Natürlich fährt sie schwanger nach Hause und zieht das Kind in den folgenden Jahren allein groß. Sie entwickelt auch die Freundschaften zu den beiden übrigen besonders wichtigen Figuren Magda und Maria, die vor allem im hinteren Teil des Romans, als die Strebels alle aus der Paulstraße ausgezogen sind – mancher freiwillig, mancher weniger freiwillig –, eine entscheidende Rolle spielen. Beim hinteren Teil war es fast ein wenig schade, dass man als Leserin oder Leser die Strebel-Familie gemeinsam mit den verbleibenden Gleiwitzern etwas aus den Augen verliert. Nur über gelegentliche Briefe erfährt man grob, wie es vor allem den Töchtern erging.

„Vergiss kein einziges Wort“ macht Geschichte lebendig und stellt eine Stadt in den Mittelpunkt, die interessanter kaum sein könnte in einer Zeit rund um und während des II. Weltkriegs. Ein sehr gelungener und überzeugender Roman über verschiedenste menschliche Schicksale und ebenjene Stadt, in der Deutsche und Polen Tür an Tür lebten. Sehr empfehlenswert!

Dörthe Binkert: Vergiss kein einziges Wort.
dtv, September 2018.
672 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Janine Gimbel.

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