Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hier ist es nun, mein Buch des Jahres 2018: Die Journalistin, Linguistin und Schriftstellerin Dörte Hansen (Jahrgang 1964) hat mit ihrem zweiten Roman wieder einen Buch-Volltreffer gelandet. Nach „Altes Land“, dem Überraschungserfolg aus dem Jahre 2015, ist „Mittagsstunde“ am 15. Oktober 2018 im Penguin Verlag erschienen.

Darin kehrt Dr. Ingwer Feddersen, Prähistoriker an Universität Kiel, in sein Heimatdorf Brinkebüll, einem Geestdorf in Schleswig-Holstein, zurück, um seine betagten Großeltern Sönke und Ella zu pflegen. Dazu hat er an der Uni ein Sabbatical eingereicht und seine langjährige Wohngemeinschaft mit Diplomatentochter Ragnhild Dieffenbach und Regattasegler Claudius in einem Kieler Altbau verlassen.

In Rückblenden erzählt Dörte Hansen die Geschichte von Marret, Ingwers Mutter, die singen konnte und im Dorf nur „Marret Ünnergang“ genannt wurde. Ingwer ist das Ergebnis einer kurzen Begegnung im Jahre 1965 zwischen der siebzehnjährigen Marret und einem Ingenieur, der als Landvermesser bei der Flurbereinigung in Brinkebüll mitarbeitete. Marrets Eltern, Sönke und Ella, ziehen den Jungen auf. Marret ist anders, „verdreiht“, sie läuft mit weißen Klapperlatschen durch das Dorf und verkündet den Weltuntergang. Und jede und jeder in Brinkebüll weiß, dass sie ein Kuckuckskind ist.

Lehrer Steensen unterrichtet in der Dorfschule, treibt den Kindern das Plattdeutsch aus und rettet das Hünengrab vor der Flurbereinigung. Die Mittagsstunde ist den Erwachsenen heilig. Aber  irgendwann bleiben in Brinkebüll die Störche weg, die Stichlinge und die Ulmen sterben, die Höfe sind gepflastert oder betoniert und Dora Koopmann schließt ihr Geschäft.

Während Ingwer die beiden Alten betreut und pflegt, das Bier im Dorfkrug für die letzten verbliebenen Gäste zapft und Heiko Ketelsens Line-Dance-Gruppe beim Proben zuschaut, zieht er Bilanz. Und stellt schließlich fest „es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch“.

Was für eine Geschichte. Dörte Hansen erzählt vom norddeutschen Dorfleben, vom Fluch und Segen für den „Dörpsminsch“ und den Einzug der Moderne ins Dorf ohne falsche Sentimentalität und Schönfärberei. Wie schon in „Altes Land“ treffen auch in „Mittagsstunde“ Vergangenheit und Gegenwart, Stadt und Land aufeinander. Hansen schafft es in beiden Romanen in ihrer einmaligen Sprache, ihrem einmaligen Stil, die großen Themen der Zeit, wie Flucht, Vertreibung oder Heimat berührend einzufangen, ohne sie explizit zu benennen. Stattdessen tragen ihre Kapitel in „Mittagsstunde“ Songtitel als Überschriften. Da lässt sich ihr Protagonist Ingwer Feddersen von den Musikstücken des  Karohemden-Trägers Neil Young trösten, da singt Ingwers Mutter Marret Schlagerlieder. Bei Hansen sitzt jedes Wort an der richtigen Stelle. Und so fügt sich auch das Plattdeutsch konsequent in den Text. Die Geschichte der Familie Feddersen trifft mich als Lesende ins Herz.

„Sie musste aber einen anderen gesehen haben. Nachtblaue Seide, `kleines Fräulein`. Einen, der gut kalkulieren, messen und berechnen konnte. Passte alles: Mond und Sterne, Sommernacht, ein Mädchen, das Verstecke kannte und verschwinden konnte. `Schönes Fräulein`. Gar nichts Weltbewegendes, nur eine kleine, uralte Geschichte, aber Marret kannte sie noch nicht.“ (S. 47)

Dörte Hansens „Mittagsstunde“ ist keine vom Wind geschliffene Geester Altmoräne sondern ein literarischer Edelstein. Wenn Sie also in diesem Jahr nur noch ein Buch lesen können, dann nehmen Sie „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen zur Hand.

Dörte Hansen: Mittagsstunde.
Penguin Verlag, Oktober 2018.
320 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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