Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der neunjährige Jai lebt mit seiner Familie in einem Basti, einem stark verzweigten Slum, in dem es kleine Plätze aber auch Steinhäuser gibt. In Sichtweite stehen die HiFi-Hochhäuser, die Wohntempel der Reichen. Wer dort eingezogen ist, hat es geschafft. Jais Eltern haben es nicht geschafft. Zu viert leben sie in einer Einraumhütte, die jeder jederzeit betreten kann. Er hört den Zank der Nachbarn, riecht deren gekochtes Essen und wird Ohrenzeuge ihrer Vertraulichkeiten. Auch von den Gerüchten seines verschwundenen Klassenkameraden hört er und ist erschrocken. Wie kann Bahadur verschwinden, ohne dass es ihm selbst aufgefallen ist?

Jai schlägt seinen besten Freunden, der schlauen Pari und dem muslimischen Faiz, vor, wie die berühmten Detektive nach Bahadur zu suchen und gleichzeitig ihr Basti zu retten. Denn die korrupte Polizei droht, bei einer Durchsuchung jede Hütte zu planieren.

Innerhalb weniger Monate verschwinden weitere Kinder spurlos, und Jais Detektivarbeit geht nicht nur in den Hausaufgaben unter. Die Angst der Erwachsenen erschwert seine Recherche. Schon bald fallen Interessenvertreter auf, die die Bewohner gegeneinander aufwiegeln.

In ihrem in jeder Hinsicht gelungenen Debüt, übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda, zeigt die indische Journalistin Deepa Anappara ein authentisches Indien, das sich in den unschuldigen Augen eines kindlichen Erzählers widerspiegelt. Ihre großartige Idee, aus der Perspektive von Kindern die Geschehnisse im Basti zu erzählen, ermöglicht dem Leser eine unvoreingenommene, frische Betrachtung des quirligen Lebens im Slum. Jais Sicht ermöglicht eine tiefgehende Empathie, die Klischees von Hunger, Armut und Gewalt mit konkreten Erlebnissen füllt. Symbolkräftig wabert der allgegenwärtige Smog durch die Gassen. Er trübt die Augen, belastet die Atemwege und bietet dem Verbrechen den Schleier der Heimlichkeit. Die trennenden Kasten sind in Jais spannender Geschichte der Boden, auf dem die jungen Detektive mit nebulösen Gefahren in Berührung kommen, die jenseits ihrer Vorstellungskraft liegen. Auch die Bedeutung vieler Informationen begreifen sie erst allmählich und formt sie zu kleinen Erwachsenen. Viel zu spät erkennen die Detektive, dass die Suche nach den vermissten Kindern auch ihre eigene kindliche Unschuld geraubt hat.

„… Vielleicht brauchen wir Geister mehr als jeder andere, weil wir Bahnhofskinder sind, ohne Eltern und Zuhause.“ (S. 16)

Noch hat Jai das Glück, ein Dach über dem Kopf und sorgende Eltern zu haben. Es ist ein fragiles Glück, das von böswilligen Menschen zerstört werden kann. Er kämpft für seine Träume und Wünsche so anrührend, dass es einem das Herz zerreißen kann. Die brillant erzählte Geschichte bringt deshalb alles mit, was ein Klassiker braucht. Eine einzigartige Stimme zu dem universellen Thema: Menschenrechte für alle und dies ohne Einschränkung.

Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar.
Rowohlt, März 2020.
400 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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