Cixin Liu: Supernova

In einem China der nahen Zukunft feiert eine Schulklasse gerade mit ihrer Lehrerin den Abschluss des sechsten Jahrgangs. Sie reden darüber, wie ihre Zukunft aussehen könnte, über ihre Traumberufe und Lebenswünsche. Noch können sie nicht ahnen, dass alles anders werden wird. Denn das unaufhaltbare Ende rückt für den größten Teil der Menschheit immer näher: Durch eine Supernova, einen explodierenden Stern, ist eine tödliche Strahlung auf dem Weg zur Erde und als sie diese an eben jenem Abend erreicht, kann kein Mensch entkommen. Alle, die älter als dreizehn Jahre sind, werden an den Folgen sterben.

Nach der großen Panik geht aber alles ruhig und geordnet von Statten, denn alles fokussiert sich nur auf ein Ziel: Die Kinder darauf vorzubereiten, die Welt von den Erwachsenen zu übernehmen. Die Schüler, die gerade noch von ihrem späteren Leben träumten, haben nun keine Wahl mehr. Jeder wird in den Beruf eingeführt, den ein Elternteil innehat und muss sich darauf vorbereiten, in einer Welt zu überleben, in der keine Hilfe und kein Trost zu erwarten ist.

Und dann ist es so weit. Die Welt wird den Kindern übergeben. In einem Testdurchlauf hat alles großartig geklappt, aber die Realität ohne die Erwachsenen sieht anders aus und das liegt nicht nur an der Trauer und Einsamkeit. Die Kinder haben ihre eigenen Träume und leben trotz allem noch immer in einer Welt der Erwachsenen. Diese haben versucht, sie auf alles Denkbare vorzubereiten – nur waren sie nicht in der Lage zu erahnen, in welchem Ausmaß sie das Wesen der Kinder falsch einschätzten und dass diese Fehleinschätzung letztendlich in einem Weltkrieg enden würde.

Für Kinder ist alles ein Spiel und das Leben hat keine echte Bedeutung – man muss erwachsen sein, um es wertschätzen zu können. Die philosophische Grausamkeit in Cixin Lius Roman lässt einen erschauern, die Geschichte rührt zu Tränen und man will vor Frustration schreien – etwas, was nur ein ausgesprochen gutes Buch bewirken kann. Die Sprache ist großartig, die Gedanken hinter der Geschichte sind tiefgehend und stoßen auf Abgründe, die man nicht für möglich gehalten hätte. Ja, es ist grausam und nichts für zartbesaitete Leser, aber es hat auch das Zeug zum neuen Lieblingsbuch, wenn man sich darauf einlässt. Die konstante Steigerung der Ereigniskette reist einen mit und an der Seite von drei jugendlichen Regierungsoberhäuptern beobachtet man, wie die Welt der Kinder sich selbst in den Abgrund stürzt. Tragisch, fantastisch und zum Nachdenken anregend. Ich habe in Cixin Liu einen neuen Lieblingsautoren entdeckt. Wer sich traut, soll dieses Buch lesen!

Cixin Liu: Supernova.
Aus dem Chinesischen übersetzt von Lara Ingles.
Heyne, Dezember 2021.
512 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Isabella M. Banger.

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