Chris Power: Mothers: Erzählungen

„Gewichtig wunderschöne Erzählungen“, so urteilt laut Klappentext die Daily Mail über dieses Buch. Gewichtig sind die Erzählungen von Chris Power in jedem Fall. Es sind keine leichten, seichten Texte, die man mal so eben zur Entspannung liest.

Chris Power hat bisher in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht und stellt in diesem Debüt zehn Erzählungen von ganz unterschiedlicher Art vor. Er nimmt einen mit zu den verschiedensten Schauplätzen – Schweden, London, die englischen Hügellandschaften, Mexico. Und immer sind seine Beschreibungen so plastisch, dass man die Straßen, Wege und Wälder förmlich vor sich sieht, die scharfen Blätter der Pflanzen spürt, den Alkoholdunst der Kneipen riecht.

Es geschieht nicht viel in den Geschichten, es geht ihm mehr um die inneren „Geschehnisse“, um Einblicke in den Menschen. Sehr intensiv setzt er sich in drei der Erzählungen, die sich alle um die gleiche Person ranken, mit der Psychologie einer Frau auseinander, die als einzigen Bezugspunkt zu ihrer Mutter einen alten Reiseführer hat. Überhaupt drehen sich all die in diesem Buch gesammelten Erzählungen um nicht zustande gekommene Beziehungen, um Menschen, die beziehungsunfähig zu sein scheinen. So begleiten wir in einem Text einen Mann durch eine Nacht, die er auf verschiedenen privaten Partys und in diversen Kneipen verbringt, ohne dass es ihm gelingt, sich der von ihm begehrten Frau wirklich zu nähern.

Was mich an diesem Buch besonders fasziniert hat, sind aber vor allem die bereits erwähnten ausdrucksstarken Beschreibungen der Handlungsorte und der Aktivitäten der Protagonisten.  Dies ist beispielsweise sehr intensiv der Fall in einer der Erzählungen, die von einem Mann berichtet, der auch als Erwachsener ein einschneidendes Kindheitserlebnis noch nicht verarbeitet hat. Man begleitet ihn über ein paar Tage und erfährt nahezu jeden einzelnen Schritt, jede Mahlzeit, jede Begebenheit, die sich auf seiner Fahrt zuträgt. Begleiten meine ich hier tatsächlich wörtlich, denn man bekommt in der Tat das Gefühl, man reise mit ihm zusammen.

„Mothers“ ist kein Buch für Leser, die Aktion und Spannung suchen, aber eine wirklich empfehlenswerte Lektüre für jeden, der sich an wohlformulierten Sätzen und durchdachten Psychogrammen der Protagonisten erfreuen kann.

Einzig mit dem Titel des Buches hadere ich ein wenig. Ich habe keine Probleme mit der englischen Sprache oder mit Anglizismen in der täglichen Unterhaltung. Ob man allerdings den seit Jahren anhaltenden Trend in Film und Fernsehen, Titel nicht mehr ins Deutsche zu übersetzen, auch auf Bücher übertragen muss, habe ich meine Zweifel. Allerdings gebe ich zu, dass „ Mütter“ als Titel möglicherweise weniger attraktiv und interessant wirken würde.

Chris Power: Mothers: Erzählungen.
Ullstein, Juli 2019.
288 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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