Armin Strohmeyr: Weltensammlerinnen

Am 24. Oktober 1901 – ihrem dreiundsechzigsten Geburtstag – überwindet die Amerikanerin Annie Taylor als erster Mensch die Niagarafälle: Mit ihrem speziell angefertigten Holzfass „Queen of the Mist“ stürzt sie in 3,3 Sekunden die 53 Meter im freien Fall hinab und taucht in den wilden Strudeln unter. Sie macht es aus Geldnot, möchte mit ihrer wagemutigen, halsbrecherischen Fahrt ein Stückchen Berühmtheit erlangen, um sich ein Auskommen zu sichern. Doch bald schon verschwindet sie wieder in der Versenkung, weil sie es nicht schafft, ihre kurze Reise auf und im Fluss gut zu vermarkten.

Das machen viele der nachfolgenden Weltensammlerinnen in Armin Strohmeyrs Buch besser. Sie schreiben Bücher und Zeitungsartikel, lassen sich auf ihren Reisen filmen und interviewen. Das führt nicht unbedingt zu Reichtum, aber die meisten können von ihrer Leidenschaft leben. Doch egal, wohin sie reisen und welche Abenteuer sie bestehen, eines haben alle gemeinsam: Es sind unabhängige Frauen, die ihre Ziele mit langem Atem verfolgen.

Da ist zum Beispiel die Irin Dervla Murphy, die mit 10 Jahren beschließt, eines Tages mit dem Fahrrad nach Indien zu fahren und dann 21 Jahre später tatsächlich losfährt. Oder Odette du Puigaudeau, die sich zusammen mit ihrer Freundin in den Kopf gesetzt hat, die mauretanische Wüste zu durchqueren und dort die freien Berberstämme zu besuchen. Als sie 1933 aufbricht, ist sie Ende 30. Sie wird unterwegs einen Finger verlieren und eine neue Heimat gewinnen.

Neun Frauen und ihre Abenteuer beschreibt Armin Strohmeyr. Dabei fasst er die Lebensgeschichten nur kurz zusammen und konzentriert sich dann auf Schlüsselerlebnisse, auf Erfahrungen, die seine Protagonistinnen geprägt haben. Seine Berichte umspannen fast ein ganzes Jahrhundert: von Annie Taylors Niagara-Höllenfahrt bis zu Lynne Cox, die im Jahr 1987 im fünf Grad kalten Wasser der Beringstraße von den USA in die damalige Sowjetunion schwimmt. Armin Strohmeyr webt immer wieder skurrile Details ein und lässt das Erzählte so lebendig werden. So packte Clärenore Stinnes 128 hartgekochte Eier als Reiseproviant ein, als sie zu ihrer Weltumrundung mit dem Auto aufbrach.

Die Original-Zitate aus den Schriften der Abenteurerinnen sind teils amüsant, teils erschreckend zu lesen und lassen einen direkt in die vergangene Zeit eintauchen. Wenn die Journalistin Maria Leitner von den Verhältnissen in der Strafkolonie in Französisch Guayana berichtet, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Und wenn Martha Gellhorn davon erzählt, wie sie 1962 Afrika entlang des Äquators von Westen nach Osten durchquert, nimmt sie die Leserinnen und Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Auch zwei höchst unterschiedliche Schweizerinnen sind im munteren Reigen der Unternehmungslustigen vertreten: Lina Bögli, die sich vornimmt in 10 Jahren einmal um die Welt zu reisen und das auch auf den Tag genau schafft und Ella Maillart, die Segeln lernt, um in die Südsee auszuwandern. Diesen Plan gibt sie nach einigen Jahren auf, aber sie ist dennoch fast ihr Leben lang unterwegs und auf der Suche bis sie in der heimischen Schweiz an ihrem Lebensabend das Wichtigste findet: die innere Freiheit.

Starke Frauen, spannend und lebensnah porträtiert: Armin Strohmeyrs Buch ist eine unterhaltsame und sehr anregende Lektüre für Frauen und Männer.

Armin Strohmeyr: Weltensammlerinnen: Spektakuläre Reiseabenteuer mutiger Frauen.
Piper, Juni 2018.
352 Seiten, Taschenbuch, 12,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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