Anuradha Roy: Der Garten meiner Mutter

Myshkin ist inzwischen Mitte sechzig. Die Erinnerungen an die vielen Jahre seines Lebens verschwimmen, so wie ihm die Welt vor den Augen verschwimmt, wenn er die Brille abnimmt. Seine Mutter ging fort, als er neun Jahre alt war. Sie hat ihn und seinen Vater in der indischen Kleinstadt zurückgelassen. Das Jahr 1937, in dem er die Mutter verlor, spürt Myshkin noch auf der Haut. An sie kann er sich in allen Einzelheiten erinnern, daran, wie ihr das Haar in einer schwarzen Welle über den Rücken floss, wie sie die Blüten der Bäume im Vorbeigehen streichelte – wie lebendig sie war. Er schreibt seine Erinnerungen auf, um die Jahre seines Erwachsenwerdens in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen. Dabei nähert sich der Geschichte seiner Mutter an.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, Gayatri, die Malerin werden wollte. Ihr Vater, ein College-Professor, erkannte ihre Begabungen und förderte sie, was alles andere als selbstverständlich war, interessierten doch sonst bei Töchtern nur die Talente, mit denen sie einen Mann einfangen konnten. Er unternahm große Reisen mit ihr und legte ihr die Welt zu Füßen. Auf einer der Reisen lernten sie den deutschen Künstler Walter Spies kennen, der sie zu Tanzaufführungen und Malschulen mitnahm. Er zeigte ihr ein Leben voller Leichtigkeit und Inspiration. Nach der Heimkehr starb der Vater völlig unerwartet. Gayatris Familie löste das Problem, mit einer unkonventionellen Tochter geschlagen zu sein, indem sie das siebzehnjährige Mädchen kurzerhand an einen ehemaligen Studenten des Vaters verheiratete, zweiunddreißig Jahre alt und konservativ. Er betrachtete Malen, Singen und Tanzen als „Hobby“ und hielt sich für fortschrittlich, weil er seiner Frau Hobbys gestattete. Doch mit der Zeit hörte sie auf zu malen und zu tanzen, sie verblasste immer mehr im Gefängnis der traditionellen indischen Ehe.

Eines Tages kam überraschend Walter Spies zu Besuch und erweckte Gayatri zu neuem Leben. Mit ihm reiste sie nach Bali in seine Künstlerkolonie, um zu malen und sich einen Namen als Künstlerin zu machen. Für ihre Freiheit zahlte sie einen hohen Preis. Nicht nur Gayatri, auch Indien kämpfte um seine Unabhängigkeit. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges wirkte aus Europa bis in die entlegensten Ecken der Welt, bis nach Bali.

Myshkin träumte davon, ihr in die Ferne zu folgen, der Krieg machte dies unmöglich. Nun, im Rückblick, entwirrt er die Fäden ihres Lebens und lernt er seine Mutter neu kennen. Seine Träume haben sich wie die der meisten Romanfiguren nicht erfüllt, nicht von ungefähr lautet der englische Originaltitel „All the Lives We Never Lived“. Dennoch erzählt Myshkin einfühlsam und ohne Selbstmitleid. Und vielleicht – ganz vielleicht – sind noch nicht alle seine Träume ausgeträumt.

Walter Spies ging 1927 nach Bali, um die balinesische Kultur kennenzulernen. In den 1930er Jahren wurde sein Haus zum kulturellen Zentrum. Er reiste viel, kehrte jedoch immer wieder nach Bali zurück, bis er 1942 interniert wurde und beim Untergang eines Frachtschiffes starb. Anuradha Roy verknüpft die Geschichte ihrer fiktiven Romanfiguren mit der historischen Figur des Malers. Sie lässt das Indien und das Bali der damaligen Zeit auferstehen, die Düfte und Klänge, die Farben, das Leuchten, die Hitze. Wer das nicht nur in Worten, sondern in Bildern erleben möchte, sollte sich Werke von Walter Spies ansehen.

Ein lesenswertes Buch über die Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Anuradha Roy: Der Garten meiner Mutter.
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2020.
416 Seiten, Gebundene Ausgabe, 22,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Ines Niederschuh.

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