Annalena McAfee: Zeilenkrieg

zeileDer Wunsch, berühmt und reich zu sein, scheint heute besondere Blüten zu tragen. Für ein paar Minuten medialer Aufmerksamkeit wird fast alles geopfert. Die einen fressen Maden, andere zeigen unverhüllte Tatsachen oder der seelische Striptease wird universal verkauft: zum Beispiel in der Presse, im Fernsehen oder als Buch mit sensationellen Enthüllungen, die dann auch noch für das Kino filmisch aufgearbeitet werden. Man könnte lange darüber streiten, wer in diesem Medienfeuerwerk das wahre Opfer ist. Derjenige, der sich bloßstellt oder diejenigen, die sich von den neuesten Nachrichten unterhalten lassen?
Vielleicht sieht alles aber auch ganz anders aus.
Die Journalistin Annalena McAfee hat ihre ganz persönliche Sicht in ihrem Debütroman „Zeilenkrieg“ aufbereitet. Dort befinden sich die Opfer des täglichen medialen Aufgusses hinter den Kulissen, wo sie in den ewig gleichen Konferenzen um die Aufmerksamkeit des Chefs buhlen, in den Großraumbüros am Computer oder mit Gummihandschuhen in den Mühleimern der Prominenten nach Hintergrundinformationen suchen. Persönliche Probleme, Konkurrenzdruck unter den Kollegen und zwischen konkurrierenden Zeitschriften begleiten zum Beispiel die junge Tamara Sim bei ihrer Arbeit. Sie soll einen längeren Artikel über die altgewordene, berühmte Kollegin Honor Tait schreiben. Für ihre Karriere und dem damit verbundenen Honorar will Tamara absolut alles geben. Leider wird sie nicht ernst genommen. Honor Tait, die wiederum Werbung für die Vermarktung ihres neuen Buches benötigt, sieht in Tamara nicht nur „eine gefährliche Idiotin“. Sie wirft der jungen Kollegin vor: „… Sie und Ihresgleichen haben mit Journalismus genauso viel gemein wie Graffiti auf öffentlichen Toiletten mit der Sixtinischen Kapelle.“ (S 446).
Beide Frauen repräsentieren nicht nur Vergangenheit und Gegenwart sondern auch unterschiedliche Arbeitsweisen, in denen Ethik und Wahrheit mal Ware mal Opfer sind. In der ersten Hälfte des Romans werden viele Informationen über die Interna von Zeitschriftenverlagen gegeben. Komprimiert leiten sie einzelne Handlungsfäden ein. Erst ab der Romanmitte wird der Leser mit einem durchgängigen Erzählfluss belohnt, der ein langer und zugleich spannend zu lesender Showdown über das Scheitern und den Krieg der Zeilen wird.

Annalena McAfee: Zeilenkrieg.
Diogenes, September 2014.
480 Seiten, Taschenbuch,12,90 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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