Ann Petry: The Street/Die Straße (1946)

Es gibt Menschen, die glauben der Lüge, jeder sei seines Glückes Schmied. Doch Lutie Johnson begreift allmählich, dass hinter den Fehlschlägen ein Plan steckt, der insbesondere von weißen Händen arrangiert worden ist. Hinter jeder offenen Tür, die ein besseres Leben verspricht, findet sie einen neuen Käfig, der ihr immer weniger Schlupflöcher erlaubt.

Die alleinerziehende junge Mutter eines achtjährigen Jungen verlässt das untervermietete Zimmer bei ihrem Vater, weil dessen Lebensgefährtin ihrem Sohn Alkohol und Zigaretten gibt und in seiner Nähe der Prostitution nachgeht.

Lutie will für ihren Sohn einen besseren Start ins Leben. Also zieht sie in Harlem in eine billige Dachgeschosswohnung. Die Straßen in ihrem neuen Umfeld erweisen sich viel zu schnell als das, was sie nie wollte: einen sozialen Brennpunkt, in dem besonders Frauen schlecht behandelt werden. In Harlem, dem Viertel der Farbigen, lebt auch ein alter weißer Mann. Mit viel Geschick ist er reich und einflussreich geworden. Ihm würde es gefallen, wenn es Lutie so schlecht ginge, dass sie wie die anderen Frauen ihren Körper verkauft. Zur gleichen Zeit stellt ihr der Hausmeister nach. Luties Zuhause erweist sich jeden Tag mehr als eine Falle, in der auch ihr Sohn gefangen ist.

Die Straße zeigt ihr hässlichstes Gesicht; ihr scheint niemand aus eigener Kraft zu entkommen.

Ann Petrys fesselnder Debütroman The Street, übersetzt von Uda Strätling, wurde 1946 erstmalig veröffentlicht; ein Jahr nachdem James Baldwin dem Tod bringenden Rassismus in den USA den Rücken kehrte und mit 40 Dollar Startkapital sein schriftstellerisches Schaffen in Frankreich fortsetzte. Seine Aussage, er sei kein Nigger, er sei ein Mensch, wurde berühmt.

Ann Petry lebte von 1908 bis 1997 und arbeitete als Journalistin, Pharmazeutin, Lehrerin und Gemeindeaktivistin. Ihr Leitthema ist der Rassismus, der allen Nichtweißen den Zugang zu Bildung, Erfolg und Glück massiv verhindert. Und wer demoralisiert wurde, kommt automatisch in die Mühlen der staatlichen Gewalt.

Einfühlsam und pointiert beschreibt die Autorin die Kämpfe von Lutie Johnson, ihrem Sohn und einigen Wegbegleitern, die wie Spielfiguren ein gefährliches Spiel nach fremden Regeln spielen. Ihr moderner und anschaulicher Erzählstil zeigt die Perspektiven der Unterlegenen, die hoffen, kämpfen und wie jeder andere ihr kleines Glück suchen. In jeder Zeile spürt man eine ehrliche, vom Herzen geleitete Sprache, die den Roman zu einem mitreißenden, unvergesslichen Leseerlebnis macht.

In einem amerikanischen Gerichtsfilm beschreibt der Verteidiger den weißen Geschworenen, wie die weißen Angeklagten ein Mädchen brutal misshandelt und anschließend getötet haben, in dem sie es von der Brücke in den Fluss warfen. Er beendet sein Plädoyer mit den Worten: »Und jetzt stellen sie sich vor, dass das Mädchen weiß war.« In der starren Mimik der Geschworenen sieht der Zuschauer zum ersten Mal Entsetzen. Diese emotionale Distanz zu dem Elend anders aussehender Menschen hat die afroamerikanische Ann Petry so elegant durchbrochen, dass bei ihr der Mensch im Vordergrund steht, dem von anderen Menschen übel mitgespielt wird. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie diese Übeltäter durch gesellschaftliche Normen und damit einhergehende Politik sanktioniert werden.

Ann Petry: The Street/Die Straße (1946).
Nagel & Kimche, Januar 2020.
450 Seiten, Gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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