Andrea Camilleri: Brief an Matilda: Ein italienisches Leben

Der in diesem Sommer mit 93 Jahren verstorbene italienische Schriftsteller und Theaterregisseur Andrea Camilleri gewährt uns mit seinem „Brief an Matilda“ einen Einblick in sein „italienisches Leben“ wie es im Untertitel heißt. Das Buch ist in einer Übersetzung von Annette Kopetzki am 19. November 2019 im Kindler Verlag erschienen.

Matilda ist Camilleris Urenkelin und vier Jahre alt, als Camilleri kurz vor seinem 92. Geburtstag beschließt, ihr einen Brief zu schreiben, der sie als Erwachsene an ihren Urgroßvater und sein Leben erinnern soll.

Darin berichtet er ihr von seinem Aufwachsen in Porto Empedocle auf Sizilien, der Herrschaft von Benito Mussolini und seiner ersten Begeisterung für den Faschismus. Mit fünf Jahren lernt Camilleri lesen und hört nie wieder damit auf. Camilleri wendet sich früh wieder ab vom Faschismus, wie auch vom katholischen Glauben. In der Schule ist er ein mittelmäßiger, unangepasster Schüler. Er beginnt, Texte zu schreiben. 1947 verlässt Camilleri Sizilien in Richtung Florenz, später geht er nach Rom. Zunächst arbeitet er als Journalist und wird Mitglied der kommunistischen Partei.

Er sagt über sich: „Im Herzen bin ich immer Kommunist geblieben, natürlich auf meine Weise, liebe Matilda, denn über die Schäden und Gräuel, die der Stalinismus angerichtet hat, konnte ich nicht hinwegsehen.“ (S. 54)

In Rom lernt er Rosetta Dello Siesto kennen und heiratet sie. Sie bekommen drei Töchter. Camilleri arbeitet als Theaterregisseur, als Produktionsbeauftragter beim Fernsehsender RAI, er lehrt Regie und Schauspiel an der Accademia nazionale d’arte drammatica, er schreibt für Fachzeitschriften und Zeitungen. Camilleri hat das Glück und das Geschick, immer wieder richtige und wichtige Leute zu treffen, die ihm die eine oder andere Tür öffnen. Viele dieser Begegnungen  hat er schon in seinem Buch „Gewisse Momente“, das im Dezember des letzten Jahres auf Deutsch erschienen ist, beschrieben.

Für seinen Vater erzählt er am Krankenbett eine Geschichte in einer Mischung aus Dialekt und Hochitalienisch. Camilleri beginnt Romane zu schreiben. Sein erster trägt den Titel „Hahn im Korb“ und findet zunächst keinen Verleger. Ab 1994 folgen dann seine berühmten Montalbano Krimis. Camilleri wird ein erfolgreicher Schriftsteller.

Obwohl Camilleri zeitlebens politisch engagiert war, will er nie in die Politik. Er gesteht Matilda in seinem Brief, dass ihm „die heutige Art Politik  zu machen, ziemlich fremd ist“ und, dass er „die Europäische Gemeinschaft für fast gescheitert“ hält. Am Ende ist er ganz aktuell bei der amerikanischen Politik, den Fragen der Migration, der italienischen Korruption und Mafia.

Camilleri übergibt an die jungen Menschen, denn „wir Alten sind heute lebende Tote“ und schließt mit dem Satz „Und jetzt erzähl mir von dir“.

Auf seine sympathische und uneitle Art schreibt Camilleri über sein langes Leben. Dabei erfahre ich als Lesende etwas über den Menschen Andrea Camilleri, wie er dachte, was ihm wichtig war.

Andrea Camilleris „Brief an Matilda“ ist das interessante und berührende Vermächtnis eines großen, italienischen Kulturschaffenden an die Jugend.

Andrea Camilleri: Brief an Matilda.
Kindler Verlag, November 2019.
128 Seiten, Gebundene Ausgabe, 20,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.

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