Amélie Cordonnier: Die Entscheidung

Wer noch nicht weiß, was Worte anrichten können, sollte diesen Roman lesen. Die französische Autorin schildert genau das in ihrem Debüt. Und wie sie das tut, das geht unter die Haut, das wühlt auf, verschreckt. Daran ändert auch die etwas anstrengende Erzählweise nichts.

Eine ganz normale Familie – Vater, Mutter, zwei Kinder. Und doch ist nichts so, wie es von außen scheint. Aurélien, der Vater, verliert die Beherrschung, schreit, tobt und beleidigt dabei seine Frau mit Worten, die in Körper und Seele einschneiden, tiefe Wunden hinterlassen. Auch bei den Kindern, dem 15-jährigen Vadim und der sieben Jahre alten Romane.

Dabei hatte Aurélien Besserung gelobt, nachdem all das schon einmal so gewesen war, über Monate und Jahre und sie ihn deswegen verlassen hatte. Aber er hatte es erreicht, dass sie zurückkam. Sieben Jahre ist das her und sieben Jahre ging es gut. Bis eben jetzt, wo alles wieder von vorne anfängt.

Nun muss sie sich entscheiden. Bleibt sie, wird sie das immer weiter ertragen müssen, wird sie daran zerbrechen. Oder geht sie, verlässt sie ihn, rettet sich, wird sich selbst dadurch andere Wunden zufügen. Und den Kindern. Sie hadert, sie handelt mit sich, stellt sich ein Ultimatum: bis zu diesem Tag wird sie sich entscheiden.

Wie Amélie Cordonnier diese Geschehnisse darstellt, wie sie die Zweifel, die Scham, die Qual und die Unentschiedenheit der Protagonistin beschreibt, man fühlt sich gedrängt zu glauben, sie erzählt aus eigener Erfahrung. Ob dies so ist, weiß ich nicht.

Der Roman ist erschütternd, er macht wütend, hilflos. Automatisch fragt man sich, was würdest du tun in dieser Situation.

Und dennoch hatte ich mit der Lektüre große Probleme. Das liegt an der von der Autorin gewählten Erzählperspektive. Der gesamte Roman ist in der zweiten Person Singular verfasst, der (unbekannte) Erzähler der Geschichte spricht also die Leserin stets an mit Du, meint dabei aber die Protagonistin. Das ist beim Lesen unfassbar anstrengend. Es fühlt sich konstruiert an, es liest sich schwerfällig, mühsam. Auch stellt man sich unweigerlich die Frage, wieso man der Protagonistin ihre eigene Geschichte erzählt muss, die sie doch selbst erlebt. „Seit der Episode mit den Bröseln hauen dich seine Worte um wie Ohrfeigen. Verwunden und demütigen dich. Er hebt seine Hand nicht, aber aus seinem Mund hageln von Neuem die Schläge. Und treffen dich jedes Mal mitten ins Herz.“ (S. 55). Diese Perspektive ist selten, aber natürlich möglich. Für eine Kurzgeschichte oder eine Novelle scheint sie mir als Stilmittel geeignet, für einen ganzen Roman empfinde ich sie als ermüdend.

So ist dieser Roman nicht nur thematisch belastend und herausfordernd, sondern auch stilistisch.

Amélie Cordonnier: Die Entscheidung.
Aus dem Französischen übersetzt von Amelie Thoma.
btb, Juli 2021.
176 Seiten, Taschenbuch, 11,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Renate Müller.

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