Alexey Pehov: Chroniken der Seelenfänger 02: Dunkler Orden

ordenWillkommen in einer Welt, die die unsrige hätte sein können. Die Regierenden leben in ihren Fürstentümern, und lassen es sich auf dem Rücken und auf Kosten ihrer Leibeigenen gut gehen. Die Kirche hält munter ihre Hände auf, verspricht Ablässe gegen Gold und mischt auch ganz munter im politischen Reigen mit. Dabei ist es der vereinten Anstrengung von weltlicher und kirchlicher Macht zu verdanken, dass die Anderswesen aus unserer Welt fast vollständig verschwunden sind. Nur im Dunkelwald, einer Insel westlich der Küste haben sie ein Refugium gefunden, in dem sie noch sicher sind.

Nun sage ich nicht, dass all die Drachen, Hexen und Dämonen ein Bleiberecht auf Ewigkeit verdient hätten, doch man hat das Kind ein wenig mit dem Bade ausgeschüttet, wenn sie mich fragen – was niemand je tut.

Gestatten Ludwig van Normayenn, ausgebildeter Seelenfänger und in aller Bescheidenheit, einer der Besten meiner aussterbenden Zunft. Wir bringen die Seelen, die nach ihrem Tod zurückgeblieben sind in die Nachwelt – manche, die Lichten, freiwillig und freudig, die allermeisten Dunklen Seelen aber nicht ganz so willkommen, man könnte getrost auch sagen, gegen ihren Willen. Nach meinem letzten Abenteuer war ich bereits tot, doch die vereinten Kräfte meiner wenigen aber guten Freundinnen haben dafür gesorgt, dass das Paradies noch ein wenig Geduld haben muss, bis ich an die Tür klopfe.

Zusammen mit Apostel, dem unsubstanziellen Überbleibsel eines Pfarrers, und Scheuch, einem Animatus wandere ich durch meine Welt, versuche Gutes zur tun und den Bösewichtern, und von denen gibt es mehr als genug, eine auf die Nase zu geben. Nicht, dass die lichten Seelen, die uns darum bitten, sie von ihrem irdenen Anker zu befreien nicht sympathisch wären, doch die dunklen Seelen, Verzehrer und anders Gewürm hält uns weit mehr auf Trab.

Das heisst, hielt uns auf Trab, bis wir einigen merkwürdigen schwarzen Dolchen auf die Spur kommen, die ähnlich wie unsere Werkzeuge, jedoch über Umwege demjenigen, der sie führt zusätzliche Lebensjahre zu schenken vermögen. Doch wer hat diese geschmiedet und wer steckt hinter dem Verschwinden anderer Seelenjäger – eine Frage, deren Lösung mich einmal wieder schwer in die Bredouille bringt …

Auch der zweite Band der Chroniken der Seelenfänger bietet wieder packende, so noch nicht gelesene Topics. Und, eben jene unbestritten ganz eigenen Schöpfung stellt er den Leser erneut vor ein gewisses Problem. Wie im ersten Teil der Saga erwartet den Leser nämlich kein durchgängiger Roman mit einem straffen Handlungsbogen, sondern eine Aneinanderreihung von zunächst nur lose miteinander verbundenen Novellen. Erst in der Rückschau wird deutlich, dass und wie die einzelnen Geschichten miteinander zusammenhängen, wie ein zunächst wohl verborgener roten Faden diese miteinander verknüpft und damit eine größere Geschichte erzählt.

Das hat zunächst den Nachteil, dass wir unserem kauzigen Erzähler etwas zögerlich in seine Erlebnisse folgen. Zwar bieten sich diese durchaus abwechslungsreich und spannend an, doch der Lesefluss stockt doch immer wieder, wenn es gilt, sich auf neue Handelnde, Gegenden und Motive einzustellen. Der Vorteil dieser etwas gewöhnungsbedürftigen Erzählweise liegt auf der Hand – Pehov gelingt es mühelos uns seine Welt in vielen ganz unterschiedlichen Facetten vorzustellen.

Wir bekommen die unterschiedlichsten Regionen zu Gesicht, immer wieder gibt es Begegnungen mit nur spärlich verklärten wirklichen Handlungsorten – der Besuch Roms aka Riapano etwa erinnert an den päpstlichen Herrschaftssitz zur Zeiten der Renaissance – und historischen Gestalten. Dabei nutzt der Autor die reale Historie weidlich, wandelt sie aber auch frei für seine Zwecke ab.

Das hat, lässt man sich auf die Erzählweise ein, unbestritten seinen Reiz, verwöhnt mit unüblichen Versatzstücken und macht neugierig darauf, wie es im dritten Band weitergehen wird.

Alexey Pehov: Chroniken der Seelenfänger 02: Dunkler Orden.
Piper, Oktober 2016.
496 Seiten, Taschenbuch, 16,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.