Dani Atkins: Bis zum Mond und zurück

Es sind immer wieder schwere, berührende Themen, die sich diese Autorin für ihre Romane wählt. Diesmal schildert sie die Emotionen von Menschen, die durch eine Organtransplantation eine Beziehung zueinander fühlen.

Lisa, geliebte Frau von Alex und liebende Mutter des kleinen Connor, stirbt bei einem entsetzlichen Unfall. Bevor Alex die Tragweite des Unglücks richtig erfassen kann, erfährt er, dass seine Frau als Organspenderin registriert ist. Obwohl er im ersten Reflex damit gar nicht einverstanden ist, lässt er die Transplantationen zu. Und nimmt etwas später, entgegen den Ratschlägen der zuständigen Organisation, Kontakt zu den Organempfängern auf.

Schließlich begegnen sie sich sogar, mit gemischten Gefühlen und voller Angst. Molly, die Grundschullehrerin, die das Herz von Lisa bekommen hat, Barbara, Mac und Jamie. Vor allem zu Molly fühlt sich Alex sehr hingezogen, ja er meint, die Liebe, die Lisa für ihn empfand, müsste mit ihrem Herzen in Molly übergegangen sein. Auch der kleine Connor, der unsäglich unter dem Verlust seiner Mummy leidet, hängt nach kurzer Zeit sehr an Molly. Weiterlesen

Debbie Tung: Quiet Girl

Debbie ist ein stilles Mädchen. Sehr lange dachte sie, etwas würde mit ihr nicht stimmen. Während jeder in ihrer Umgebung Gesellschaft mag, liebt sie die Stille mit einem Buch und einer Tasse Tee. Die Regentage alleine lesend auf der Couch zu verbringen, sind ihre liebsten Tage. Sie traute sich nie, dies anderen zu sagen.

Sie wird älter und nicht weiser, findet in Jason einen guten Freund und wird mit ihm langsam erwachsen. Doch die liebgewonnene Einsamkeit mit ihren Büchern und kreativen Arbeiten passen nach wie vor am besten zu ihr.

Debbie versucht noch immer, sich so wie die anderen zu verhalten. Sie ist ansatzweise gesellig, ein bisschen laut und interessiert sich ab und zu für Gespräche und Späße. Sie will gemocht und anerkannt werden. Stattdessen verliert sie mehr und mehr ihre Sicherheit. Debbie wird immer unglücklicher, bis sie etwas ganz Wichtiges über sich herausfindet. Weiterlesen

Rachel Hawkins: Die Verschwundene

Jane arbeitet als Hundesitterin im gut situierten Wohnviertel Thornfield Estates. Durch einen Zufall lernt sie während eines Hundespaziergangs den verwitweten Eddie kennen. Die beiden verlieben sich und nach kurzer Zeit zieht Jane zu Eddie in dessen Villa.

Ziemlich schnell wird klar, dass sowohl Eddie als auch Jane einiges zu verbergen haben. Aus Andeutungen erfährt der Leser, dass Jane wohl unter falschem Namen in Thornfield arbeitet und vor ihrem vorherigen Leben mehr oder weniger auf der Flucht ist. Und auch Eddies Vergangenheit birgt Unklarheiten: Seine Frau Bea kam bei einem Bootsausflug gemeinsam mit ihrer besten Freundin ums Leben, ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden.

Rachel Hawkins, ehemalige Lehrerin aus den USA, liefert mit „Die Verschwundene“ ihren ersten Roman für ein erwachsenes Publikum. Ihre bisherigen Werke für jugendliche Leser konnten sich über vordere Plätze auf der New-York-Times-Bestsellerliste freuen. Durch die „Hex-Hall“-Reihe über ein Internat für junge Hexen erreichte sie auch internationale Bekanntheit. Weiterlesen

Sophie Cousens: Unsere Zeit ist immer

Als ich das Buch das erste Mal in meinen Händen gehalten habe, hat mich die goldglitzernde Reliefschrift des Covers wunderschön angefunkelt.

„Unsere Zeit ist immer“ handelt von Minnie und Quinn, die beide zur selben Zeit am Neujahrstag kurz nach Mitternacht im selben Krankenhaus zur Welt gekommen sind. Dabei verdrängte Quinn sie um wenige Minuten und gewann somit den Geldpreis als erstes Baby Londons in 1990. Aber erst an ihrem dreißigsten Geburtstag lernen sich die beiden kennen. Im Laufe der Story erfahren wir nach und nach, wie oft sich ihre Wege zuvor fast gekreuzt hätten.

Minnies Lebensweg wird hartnäckig von ihrem „Geburtstagsfluch“ (selbsterfüllende Prophezeiung) beeinflusst, der tief in ihrem Unterbewusstsein verwurzelt ist und sie somit aktiv alle Fettnäpfchen in ihr Leben zieht, in die sie dann unausweichlich hineinstolpert. Quinn hingegen ist ein Goldjunge, der mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurde.

Auf den 496 Seiten wird dem Leser* so viel geboten und man kann das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen. Weiterlesen

Anne Gesthuysen: Wir sind schließlich wer

Ihren Roman „Wir sind doch Schwestern“ habe ich sehr gemocht. Er hatte Tiefgang, die Figuren waren authentisch, nachvollziehbar. Das kann man leider von dem neuen Roman von Anne Gesthuysen nicht sagen.

Dennoch habe ich ihn verschlungen, denn unterhaltsam ist er gleichwohl. Doch bleibt er durchweg seicht, auf Groschenheft-Niveau. Das liegt nicht nur an den adeligen Protagonisten, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Die Figuren sind oberflächlich, flach, ohne Kontur, ohne Profil. Sie wirken wie fehlbesetzte Schauspieler, die mit ihrer Rolle fremdeln.

Worum geht es: Anna von Betteray ist frisch angekommen in einer Kleinstadt am Niederrhein, übernimmt dort vertretungsweise die Stelle des Pfarrers. Die Gemeinde macht es ihr nicht leicht, ihr, der jungen Frau, die den alten beliebten Pfarrer ersetzen soll. Viele dichten ihr alle möglichen und unmöglichen Geschichten an, die Gerüchteküche im Ort brodelt.

Das insbesondere, als ihre Schwester Marie in dramatische Ereignisse verwickelt wird. Ihr Mann wird wegen Cum-Ex-Geschäften verhaftet und viele weitere böse Geheimnisse werden aufgedeckt. Dazwischen agieren noch die dünkelhafte Mutter von Anna und Marie sowie die allwissende 90-jährige Großtante. Und selbstredend tauchen auch noch attraktive Kommissare, Tischler und andere Figuren auf. Weiterlesen

Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (1864)

Dostojewskis Kurzroman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschien 1864 in der Zeitschrift „Epoche“, deren Herausgeber er gemeinsam mit seinem Bruder Michail war.

Der Erzähler ist ehemaliger Beamter, der nach einer kleinen Erbschaft den Dienst quittiert und sich in seine Wohnung zurückgezogen hat. Er ist ein Außenseiter, hat keine Freunde und verabscheut seine Nachbarn. Verbittert, voller Rachsucht und Neid gegenüber den Menschen und in allen Punkten unzufrieden mit sich selbst, ist es ihm doch das größte Vergnügen, über seine Person zu schreiben. Er hält sich selbst für klug, für klüger als die meisten anderen und er beschreibt seine Klugheit als Fluch, weil sie ihn dazu verleitet, sich die Beweggründe seiner Handlungen vor Augen zu führen und zu erkennen, dass er genaugenommen nur aus Egoismus handelt.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Im ersten, eher essayistischen Teil lässt Dostojewski den namenlosen Erzähler seine Haltung zur Gesellschaft darlegen. Er hält sich bewusst abseits, zieht eine klare Trennung zwischen sich und den anderen und klagt über die Selbstzufriedenheit der „Menschen der Tat“, deren Dummheit jeden Zweifel an sich selbst verhindert.

Er zieht dabei den Bogen zu Zeitgeschehen und neuen Ideen. Der Erzähler wendet sich an imaginäre Gesprächspartner, die er mit „meine Herrschaften“ anspricht und diskutiert mit ihnen über das Wesen des Menschen, über Möglichkeiten, Menschen durch Bildung umzuerziehen und über die Definition von Vorteil und freiem Willen. Er vertritt die Meinung, dass Menschen zwanghaft wider die Vernunft handeln, um sich zu beweisen, dass sie es können. Ganz gleich, ob sie damit sich selbst schaden. Weiterlesen

Nik Aaron Willim & Asadullah Haqmal: Grüne Tiger

Die jungen Autoren Nik Aaron Willim (geb. 1996) und Asadullah Haqmal (geb. 1995) haben mit „Grüne Tiger“ ein politisches Jugendbuch vorgelegt. Das Thema ist der Kampf der Jugend gegen den Klimawandel, denn „was, wenn Du erkennen würdest, dass wir die Welt tatsächlich vernichten?“

Genau diese Erkenntnis trifft die Oberstufenschüler Leyla, Hektor, Piet und Ean. Die Freunde besuchen eine Demonstration der Act-Now-Bewegung, eine Jugendbewegung, die ähnlich wie „Fridays for Future“ mit friedlichen Kundgebungen und Demonstrationen versucht, die Welt auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und zum Handeln zu bewegen. Dort erleben sie den Auftritt der Aktivistin Maisy Young (angelehnt an Greta Thunberg). Diese Begegnung und die anschließenden Diskussionen bewirken eine Art Initiation.  Zunächst sprechen die Freunde uns allen bekannte Wahrheiten und Widersprüche im Alltag aus: Menschen, die versuchen, sich ökologisch korrekt zu verhalten, buchen trotzdem für ein Wochenende Flüge nach Mallorca, essen Fleisch oder werfen ihre Zigaretten auf die Straße. Weiterlesen

Sofi Oksanen: Hundepark

Olenka sitzt in einem Park in Helsinki, als sich eine fremde Frau neben sie setzt. Sie fühlt sich gestört, denn sie wartet darauf, dass eine bestimmte Familie auftaucht. Eine Familie, zu der Olenka eine ganz besondere Beziehung hat, der sie sich jedoch nicht zu erkennen gibt. Sie vermutet, dass die Frau ein Gespräch über die Hunde beginnen möchte, aber ihre Banknachbarin bleibt zunächst stumm.

Als Olenka sie genauer anschaut, wird ihr bewusst: Hier geht es nicht um Hunde. Es geht um die Vergangenheit, um Kinder, um gegebene und zerstörte Leben und um Rache. Daria hat sie gefunden – als Erste, aber nicht als Letzte.

Stück für Stück setzt die vielfach ausgezeichnet Autorin finnische Autorin Sofi Oksanen das Leben ihrer Protagonistin zusammen, macht ihre Zerrissenheit zwischen verschiedenen Welten greif- und erlebbar. Zwischen Ost und West, zwischen Reich und Arm, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Weiterlesen

Trish Doller: Du hast gesagt, es ist für immer

Was mich mit diesem Buch verbindet? Was mich genau verzaubert hat? Die Liebe zum Meer und das karibische Setting. Ich käme zwar nie auf die Idee, selbst einen Segeltörn zu unternehmen, da mir die Achterbahnfahrten auf dem Meer nicht bekommen. Doch darüber zu lesen ist himmlisch. Genauso himmlisch wie der großartige Schreibstil der Autorin.

Als Leser begleiten wir Annas Segelroute von Florida über die Bahamas ins Karibische Meer und springen von Insel zu Insel. Gleichzeitig führt uns die Story in ihre Seele, denn sie muss den schweren Verlust ihres Verlobten verarbeiten. Beim Lesen haben mich die ganze Zeit über kribbelige Urlaubserinnerungen begleitet und das Gefühl, dass ich jede Sekunde selbst noch einmal in die Karibik aufbreche. Weiterlesen

Bernhard Kegel: Ausgestorbene Tiere

Sie heißen Lonesome George, Incas, Martha. Sie sind Endlinge. Ein Begriff, der die ganze Dramatik auf den Punkt bringt. Diese Tiere sind die letzten ihrer Art gewesen. Ausgestorben, hauptsächlich durch menschliches Zutun. Ob Dodo, Quagga, Koalalemur, Rosenkopfente, Waldrapp, Mondnagelkänguru, Bodensee-Kilch, Uraniafalter oder Pinta-Riesenschildkröte: In 50 Steckbriefen – untermalt mit herrlichen Illustrationen berühmter Naturmaler des 19. Jahrhunderts, zur Verfügung gestellt von der Staatsbibliothek Berlin – gibt der studierte Biologe Kegel dem Artensterben Gesichter. Plus dramatische Hintergrundgeschichten. Diese rufen insbesondere bei Tierfreunden Fassungslosigkeit, Trauer oder Wut hervor. Er untermauert die Schicksale mit allgemeinen Informationen zur Defaunation, Overkill-Hypothese, Koextinktion, biologischen Sonderwege auf Inseln und die Bemühungen der Forscher, ausgestorbene Arten wieder zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel durch genetische Experimente. Doch Erfolg hat bisher keine der Methoden erbracht. Damit hat das Zitat von Artur Schopenhauer leider nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Weiterlesen