Dagmar Hansen: Alle Tage, die wir leben

Matilde, die lieber Tilda genannt wird, fürchtet sich vor ihrem bevorstehenden sechzigsten Geburtstag. Daher sieht sie derzeit ihr gesamtes Leben rabenschwarz. Hinzu kommt, dass sie von ihrem Freund verlassen wird und einen lukrativen Auftraggeber ihres Schreibbüros verliert. Tilda hat weder Mann noch Kinder oder Haustier und offensichtlich auch keinerlei andere Verwandtschaft. Dafür aber zwei herzensgute Freundinnen, mit denen sie sich regelmäßig zum gemeinsamen Kochen trifft.

Tilda, wie gesagt knapp Sechzig, ist seit fast vierzig Jahren Witwe, hat immer noch ihr Hochzeitsfoto an der Wand hängen und redet mit ihrem nach nur dreijähriger Ehe verstorbenen Mann, der ihr in Kölscher Mundart Ratschläge erteilt.

Wegen des Verlusts der einträglichen Aufträge muss sie sich eine neue Einnahmequelle suchen. Sie findet eine Stelle bei einer rüstigen alten Dame, die ihr Leben aufräumen will nach der schwedischen Döstädning-Methode. Das heißt, sich von Ballast trennen, Unerledigtes erledigen, alte Streitigkeiten beilegen und so weiter. Weiterlesen

Stuart Turton: Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Buch mit immenser Sogwirkung, unglaublich spannend von der ersten bis zur letzten Seite! Gleich zu Beginn des Plots stößt uns Stuart Turton unmittelbar in ein höchst bedrohliches Szenarium hinein. „Zwischen einem Schritt und dem nächsten vergesse ich alles.“ Der Ich-Erzähler kommt in einem Wald zu sich, eine Frau schreit um Hilfe. Er weiß weder wer er ist, noch wo er ist, noch wie er hierherkam. Hektik, Durcheinander, Orientierungslosigkeit. Der Name Anna geistert durch seinen Kopf, sein Körper fühlt sich fremd an, finstere Menschen tauchen aus dem Nichts aus. Allein dies beschreibt der britische Autor so dramatisch, dass wir Leser sofort von der Hauptperson amortisiert werden. Wir sehen, was er sieht. Wir wissen, was er weiß. Wir durchleben dieselbe Entwicklung, so dass wir sofort mit der Hauptfigur verschmelzen und sympathisieren. Denn Turton führt uns ganz nah ans Geschehen– und mitten hinein in einen abenteuerlichen, meisterlich verwobenen Plot.

Der Ich-Erzähler schafft es aus dem Wald heraus, überzeugt davon, Zeuge eines Mordes geworden zu sein. Er landet auf Blackheath House, einem einstmals prächtigen Landsitz, der mittlerweile im Verfall inbegriffen ist. Dort sind zu diesem Wochenende etliche Gäste geladen. Ein Maskenball soll stattfinden anlässlich der Rückkehr von Evelyn Hardcastle, der Tochter des Hauses, die 19 Jahre lang in Paris gelebt hat. Auf Blackheath House wird der Protagonist von seinem Freund Daniel als Dr. Sebastian Bell begrüßt. Während Bell versucht, seine Erinnerung zurück zu erlangen und etwas über Anna und die Frau im Wald heraus zu bekommen, wird er immer mehr in die Geschehnisse des Hauses verstrickt. Dann der größte Schock: Am nächsten Morgen wiederholt sich der Ablauf desselben Tages exakt wieder, gleich einer Zeitschleife. Weiterlesen

Tobias O. Meissner: Evil Miss Universe

Dominique ist schlau, einfallsreich, hinterhältig, grandios und hübsch; vor allem hat sie aber keine Skrupel, diese Fähigkeiten zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen. Ihre Ziele sind nicht immer nachvollziehbar, ihre Gedankengänge und logischen Verbindungen übersteigen die Vorstellungskraft eines einfachen Menschen – doch jedem sollte früher oder später bewusst werden, dass sie genial ist.

Superhelden kennt jeder und das immer gleiche Prinzip der Heuchelei um die Aufmerksamkeit der Masse langweilt Dominique. Was läge in ihrer Position also näher, als sich zu einer echten Superschurkin zu entwickeln? Ob sie es auf die britischen Kronjuwelen abgesehen hat, die amerikanischen Banken oder einfach die Wahlen zur Miss Universe gewinnen will – jeder Plan, den Dominique sich in den Kopf setzt, wird mit erschreckendem Einfallsreichtum und beeindruckender Präzision durchgeführt. Vom Tour Montparnasse in Paris aus inszeniert sie sich als Helferin, Retterin und wunderschöner Engel und erst eine Hinterhältigkeit ihres Widersachers Mr. Right – ein amerikanischer Superheld – lässt sie ihre Einstellung zur Welt grundsätzlich ändern. Weiterlesen

Derek Landy: Skulduggery Pleasant 12: Wahnsinn

Walküre Unruh ist erwachsen geworden. Mit mittlerweile stolzen 25 Lenzen auf dem nicht vorhandenen Buckel zählt sie unter den Magiern zu einer bekannten und gefürchteten Größe. Zusammen mit ihrem Mentor, den Skelett-Detektiv Skulduggery Pleasant wurde sie als Schlichter berufen und ist niemand mehr für ihre Handlungen verantwortlich. Sie ermitteln, ohne fesselnde Vorschriften oder Vorgesetzte – und, wie zu erwarten war, gibt es nach wie vor, eigentlich sogar mehr als früher, jede Menge Bösewichte, die sie auf Trab halten.

Daneben hat sie noch ein Problem, das nach einer Lösung schreit. Die Seele ihrer kleinen Schwester wurde im ultimativen Kampf um das Schicksal der Welt zerbrochen – zwei der Teile gilt es zu finden um das Kind wieder vollständig zu machen. Dass sie dabei den streng geheimen Ort eines magischen Irrenhauses offenbaren muss, sei es drum, das Wohl ihrer Schwester ist es ihr wert, sich mit den Sanktuarium anzulegen.

Unterdessen plant Abyssinia einen Krieg zu entfesseln – sie will die Existenz der Zauberer den Menschen offenbaren und mit Hilfe ihres Verbündeten, des skrupellosen amerikanischen Präsidenten, den Konflikt schüren – egal wie viele Opfer die Auseinandersetzung kosten mag. Ausgerechnet Omen Darkly, untalentierter, ja unfähiger Zauberer-Schüler stellt sich dem Vorhaben in den Weg. Dass zudem Darquise in einer der Universen der Gesichtslosen gesucht und gefunden wird, verspricht auch nichts wirklich Gutes … Weiterlesen

Franz Hessel: Pariser Romanze (1920)

Wenn der Soldat Arnold Wächter mitten im Ersten Weltkrieg im Dreck liegt, die Kameraden um ihn herum im Minutentakt sterben und das eigene Überleben vielleicht nur noch die Dauer weniger Momente erlaubt, dann erinnert er sich an das Schöne in Paris und an die Eine, die seinen Weg kreuzte.

Schönheit und Vergänglichkeit säumen den Weg des Intellektuellen Arnold Wächter in der Pariser Romanze von Franz Hessel, die erstmalig 1920 veröffentlicht wurde. Wächter hat eine Idee, wie Schönheit von Dauer sein könnte.

„… Ich sehe wohl, wie das Alte um mich her verfällt. … Und die Bausteine, die andere anschleppen, kommen mir vor wie aus Pappe. – Aber du bist schön, und das ist ein Verdienst und eine Aufgabe. Vielleicht wirst du so werden, dass die Menschen, die um dich leben, schönere Häuser bauen müssen … und … Wege und Gärten für dich bereiten … Dein Lächeln macht mir Hoffnung auf eine lebendige Zeit.“ (S. 100/101)

An seine Zeit in Paris erinnert sich Arnold Wächter, während er seinem besten Freund Claude einen langen Brief schreibt. Dieser Brief des Deutschen an einen Franzosen führt die vollständige Zerstörung vor Augen, in der mehr als nur Gebäude und Menschen zerschossen werden. Die Bindung der Menschen untereinander und ihre Kultur finden im Krieg kaum noch eine Berechtigung, wenn alles einem politischen Ziel geopfert wird. Weiterlesen

Brian Sewell: Pawlowa: oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

Das ist sicher eines der bezauberndsten Bücher, die ich 2019 gelesen habe.

Brian Sewell (1931 – 2015) war ein umstrittener Kunstkritiker und Kolumnist in Großbritannien. Der 2015 entstandene Roman Pawlowa ist sein einziges fiktives Werk neben mehreren Kunst- und Reisebüchern.

Mr. B., ein drahtiger kleiner Mann von fünfzig Jahren mit weißem Haar, …“ (Seite 9) ist zu Filmaufnahmen in Pakistan, als er sieht, wie eine kleine, noch ganz junge Eselin viel zu schwere Lasten tragen muss. Er rettet das erst wenige Monate alte Tier und beschließt, entgegen allen Ratschlägen, sie mit nach Hause nach England zu nehmen. Ihm ist klar, dass er sie nicht im Flugzeug transportieren kann, und so begibt er sich, relativ unvorbereitet, zu Fuß auf den tausende Kilometer langen Heimweg.

Auf seiner ungewöhnlichen Reise durch Afghanistan, Iran, der Türkei, Griechenland und vielen anderen Ländern begegnet er netten und weniger netten Zeitgenossen, unaufmerksamen Zöllnern, resoluten Botschaftergattinnen, hilfsbereiten Teppichhändlern, hinterlistigen Schmugglern. Dabei ist Mr. B., seinen vollen Namen erfahren wir nicht, ein feinsinniger Mensch mit besonderem Interesse an Geschichte und an Kunstgegenständen. Weiterlesen

Anders de la Motte: Winterfeuernacht

Wenn man davon ausgeht, wie dieses Buch angekündigt wurde, müsste es einer der besten schwedischen Krimis sein, die aktuell auf dem Büchermarkt sind. Leider kann ich diese Meinung nicht teilen. Ich bin grundsätzlich ein Fan der skandinavischen Kriminalromane, die viel spannender und oft subtiler sind als beispielsweise Möchtegern-Thriller deutscher Autoren. Doch der Roman von Anders de la Motte reicht bei weitem nicht an andere schwedische Krimis heran.

Die Protagonistin Laura erbt von ihrer Tante ein Feriendorf auf dem Land. Sie war vor 30 Jahren das letzte Mal dort. Damals kam es bei der Feier des Luciafestes zu einem schweren Brand, bei dem ihre Freundin Iben ums Leben kam.  In all den Jahren hatte Laura keinen Kontakt mehr zu ihrer Tante. Nach deren Tod kommt sie nun zurück an den Ort, um das Ferienlager zu verkaufen.

Schon bald kommen ihr Zweifel am Unfalltod ihrer Tante. Als schließlich mehrere Brände geschehen und die Dorfbewohner immer misstrauischer und ablehnender gegenüber Laura werden, beginnt sie, unterstützt von ihrem Jugendfreund Peter, inzwischen Polizist, nachzuforschen. Schon immer hatte sie sich auch selbst eine Mitschuld an dem damaligen Unglück gegeben.

Laura leidet seither unter ihren Brandnarben und einem chronischen Virus. Sie hat ständig Angst vor Ansteckungen, ekelt sich vor jeder Art von Schmutz und hat, wenn sie ihre Medikamente nicht regelmäßig nimmt, immer wieder Albträume. Weiterlesen

Ellen Sandberg: Das Erbe

München, 2018: Als Mona einen Brief erhält, ist sie verwundert. Sie soll etwas von ihrer Tante, die sie kaum kannte, geerbt haben. Bestimmt ein schickes Schmuckstück, vielleicht sogar das wertvolle Gemälde aus Klaras Besitz. Doch Mona wird überrascht, denn Klara hat ihr das komplette Schwanenhaus mit mehreren Mietsparteien und ihrer eigenen Wohnung vermacht. Den ganzen Schmuck, das Gemälde und ein volles Bankkonto gibt es kostenlos oben drauf. Das kann nur für Ärger suchen, denn Monas Mutter, zu der sie kein gutes Verhältnis hat, war an dem Gemälde interessiert. Doch welches Geheimnis verbirgt das Haus wirklich?

München, 1938: Die 14-jährige Klara lebt mit ihrer Familie in einer schicken Mietswohnung im Schwanenhaus. Es gehört einem reichen Juden namens Roth und dieser sieht sich per Gesetz gezwungen, sein Hab und Gut abzugeben. Klaras Vater sieht seine Chance. Doch dann werden die Roths verhaftet und Klara bangt um die Zukunft ihrer Freundin Mirjam, der Tochter der Roths. Kurzerhand zwingt sie ihre Eltern, Mirjam bei sich aufzunehmen. Doch die Ruhe hält nicht lange an … Weiterlesen

Luise Berg-Ehlers: Berühmte Kinderbuch-Autorinnen und ihre Heldinnen und Helden

Was haben Der kleine Lord, Heidi und Harry Potter gemeinsam? Was verbindet diese Heldinnen und Helden? Sie alle wurden von Autorinnen erdacht, die Dank dieser Fantasiefiguren im wörtlichen wie im übertragenen Sinn ihrer Welt entfliehen konnten.

Luise Berg-Ehlers hat in dem schmalen Band kurze, aber spannende Biografien zusammengetragen. Sie erzählt aus dem Leben von Jean Webster (Daddy Langbein), von Else Ury (Nesthäkchen), von Enid Blyton (Fünf Freunde), Cornelia Funke (Drachenreiter) und vielen anderen. Alle diese Schriftstellerinnen, ob sie im 19. oder im 20. Jahrhundert gelebt und geschrieben haben, hatten mit ähnlichen Schwierigkeiten, mit vergleichbaren Lebenssituationen zu kämpfen. Und, so kommt es der Leserin des Buches vor, alle haben für die Rechte der Frauen einiges erreicht.

Denn auch im 20. Jahrhundert und sogar noch in dessen zweiter Hälfte, mussten Frauen als Autorinnen ihre Vornamen auf die Initialen beschränken, damit sich ihre Bücher, besonders wenn sie von Abenteuer und fantastischen Reisen erzählten, besser verkaufen. Denn, so der Hintergedanke der Verleger, dann würden die Leser glauben, das Buch sei von einem Mann geschrieben. Sogar für Joanne Rowling gilt dies, auch sie musste ihre Harry-Potter-Bücher unter dem Namen J.K. Rowling verkaufen, „da Jungen andernfalls wohl kaum ihre Bücher lesen würden“ (Seite 11). Weiterlesen

Thomas Mullen: Dark Town

Extrem spannend, extrem aufwühlend. Dark Town ist ein perfekter Pageturner, der beim Lesen an Herz und Nieren geht. Autor Tom Mullen verknüpft einen fiktiven Kriminalfall mit realer Zeitgeschichte – genauer: Der ersten afro-amerikanischen Polizeidivision, die 1948 in Atlanta eingesetzt wurde. Mindestens ebenso aufregend wie der Kriminalfall sind die harten Rahmenbedingungen mit denen diese schwarzen Polizisten tagtäglich konfrontiert wurden. Weiße Cops setzten ein Kopfgeld auf jeden toten „Nigger-Cop“ aus und wurden nicht müde, ihre Kollegen verbal zu demütigen und körperlich zu attackieren. Zu einer Zeit, in der Schwarze wegen Nichtigkeiten auf offener Straße aufgeknüpft werden durften, eigene Toiletten, Busplätze und Ghettos zugewiesen bekamen, war ihr Wort nichts wert. Auch die acht farbigen Polizisten haben in diesem Roman keinen wirklichen Handlungsspielraum. Es ist ihnen untersagt, das offizielle Polizeigebäude zu betreten, ihre Division ist einem feuchten Kellerloch untergebracht. Zwar dürfen sie Waffen tragen, aber keinen Streifenwagen fahren. Akteneinsicht, Verhöre, echte Polizeiarbeit – Fehlanzeige. Sobald es ans Eingemachte geht, müssen sie die weißen Kollegen rufen, die je nach Lust und Laune weiter verfahren können. Und das Wichtigste: Schwarzen Cops ist es verboten, Weiße zu verhaften.

Diese Krux bildet den Ausgangspunkt des Falles, in den die beiden Hauptdarsteller Lucius Boggs und Tommy Smith geraten. Bei einer nächtlichen Polizeikontrolle in Dark Town – dem von Schwarzen bewohnten Stadtbereich – halten sie ein Auto an, das eine Straßenlaterne angefahren hat. Im Wagen befindet sich eine junge schwarze Frau, die offensichtlich gerade verprügelt wurde sowie ein weißer, älterer Fahrer. Da Boggs und Smith diesen nicht verhaften dürfen, rufen sie weiße „Verstärkung“. Lionel Dunlow, ein langjähriger und sehr rassistisch eingestellter Cop, scheint den Mann zu kennen und lässt ihn davonkommen, wogegen die schwarzen Polizisten aber auch Dunlows junger Kollege Denny Rakestrow, genannt Rake, machtlos sind. Weiterlesen