Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Ihre Mutter liegt im Bett und weigert sich aufzustehen – tagelang, wochenlang, monatelang. Für Gifty ist dies ein vertrauter Anblick seit sie elf Jahre alt ist. Die einstmals stolze Frau aus Ghana, die mutig nach Amerika aufgebrochen ist, scheint gebrochen. Zuerst hat ihr Mann sie verlassen. Dann ist ihr Sohn, früher ein gefeierter Basketballstar, an einer Überdosis Drogen gestorben. Seit seinem Tod wird sie von Depressionen geplagt. Ihre Tochter muss schnell erwachsen werden und eigene Antworten auf die Fragen des Lebens finden. Gifty sucht diese in der Wissenschaft, ihre Mutter im religiösen Glauben. Dies entfremdet die beiden Frauen immer mehr.

Erzählt wird die bewegende Geschichte aus der Sicht von Gifty. In Rückblenden schildert sie sowohl ihre eigene Kindheit, als auch die Vorgeschichte ihrer Eltern. Sprachlich völlig ungekünstelt, bedient sich die Autorin anderer stilistischer Mittel, um starke Bilder heraufzubeschwören. So stellt sie zum Beispiel Giftys kindliche Tagebucheinträge ihrer Arbeit als erwachsene Neurowissenschaftlerin im Labor gegenüber. In ersteren bittet die brave Zehnjährige den lieben Gott darum, ihren Bruder von seiner Drogensucht zu erlösen. Bei letzterem begleiten wir Gifty dabei, wie sie Labormäusen Drogen injiziert, um Hirnforschung zu betreiben und das Rätsel zu lösen: Warum machen Menschen Dinge, die ihnen schaden? Weiterlesen

Petros Markaris: Das Lied des Geldes: Ein Fall für Kostas Charitos

Der saudische Investor al Fallah wird in einem Vorort von Athen in der Nähe der Küste durch mehrere Messerstiche getötet. Er wollte in diesem Gebiet einen Yachthafen und ein Hotel bauen lassen. Zeugen gibt es nicht, allerdings hat ein Wachmann zur Tatzeit die Melodie eines Schlagers, in dem es um Geld geht, gehört. Kommissar Charitos muss nicht nur den Mörder finden, sondern auch den saudischen Botschafter beschwichtigen und verhindern, dass der Fall in der Presse ausgewalzt wird. Während die Ermittlungen langsam erste Erfolge versprechen, geschieht ein zweiter Mord: Im Exarchia-Viertel wird ein chinesischer Investor tot aufgefunden. Das ruft nicht nur die chinesische Botschaft auf den Plan, sondern könnte auch dafür sorgen, dass die dringend gesuchten ausländischen Investoren sich aus Griechenland zurückziehen. Und vom Täter gibt es auch hier keine Spur, er agiert offenbar sehr geschickt.

Zudem beschäftigt Kommissar Charitos noch ein ganz anderes Problem: Sein alter Freund Lambros Sissis, ein desillusionierter Altkommunist und Betreuer eines Obdachlosenheimes, hat mit den Bewohnern seines Hauses und anderen Obdachlosen die Linke symbolisch zu Grabe getragen und ruft damit eine neue Bewegung der Armen ins Leben. Er plant regelmäßige Kundgebungen. Da seine Freundschaft zum Kommissar bekannt ist, könnte diesen das in Schwierigkeiten bringen, vor allem dann, wenn sich Randalierer unter die Demonstranten mischen. Es gibt also einiges zu tun. Weiterlesen

Octavia E. Butler: Wilde Saat (1980)

Das wunderbare Titelbild des Buches zeigt die junge, schöne, stolze schwarze Anyanwu, im Hintergrund die Sonne, wobei das goldene Strahlen sowohl von Anyanwu als auch von der Sonne ausgeht. Ich brauche bei so einem tollen Titelbild weder eine Empfehlung, noch einen Klappentext, um Lust aufs Lesen zu bekommen.

Die Autorin Octavia Butler, so schreibt es der Verlag, hat 1976 mit „Patternmaster“ eine Reihe zu schreiben begonnen. Deren vierter Teil ist „Wilde Saat“, inhaltlich stellt der Band den Beginn der Saga dar.

Worum geht es? Die Gestaltwandlerin Anyanwu besitzt die Gabe, zu heilen. Das betrifft auch ihren eigenen Körper, sie kann ihre Wunden und Krankheiten aus eigener Kraft heraus heilen und kann ihren Körper so umwandeln, dass sie Mann- , Frau- und Tiergestalt annehmen kann. Zu Beginn des Romans wird sie von dem unsterblichen Wesen Doro aufgespürt, das die Jahrhunderte überlebt, indem es sich die Körper von Menschen aneignet und in ihnen weiterlebt, bis sie sozusagen abgelebt sind.

Zur Zeit der ersten Sklavenhändler, die Schwarze nach Amerika bringen, ist auch er in Afrika und besieht sich die Versklavten, um einige von ihnen zu kaufen. Er ist dabei auf der Suche nach Menschen, die bestimmte übernatürliche Begabungen haben, sie werden auch Hexen genannt. Mit ihnen betreibt er in der neunen Welt, in Amerika, eine Menschenzucht. Er „paart“ gezielt Menschen miteinander; wenn das Ergebnis ihm nicht gefällt, tötet er sie. Dabei zeugt er selbst unendlich viele Nachkommen. Weiterlesen

Martina Parker: Zuagroast. Gartenkrimi

Ein fieser, brutaler Ehemann, der „Club der grünen Daumen“, eine Stammtischrunde garten- und kräuterinteressierter Damen, eine umtriebige Journalistin und ein fescher Gärtnermeister sind die Hauptakteure in diesem „Gartenkrimi“. Gewürzt wird die Sache mit einem ordentlichen Quantum Alkohol, einer Prise Sex und jeder Menge Garten-Fachwissen.

„Zuagroaste“ sind in Österreich ganz pauschal Personen, die sich an einem Ort ansiedeln, dorthin also „zureisen“, im Gegensatz zu den dort ansässigen Einheimischen. Sie werden manchmal belächelt oder übers Ohr gehauen, weil sie mit den örtlichen, oft dörflichen, Gegebenheiten nicht vertraut sind. Der Durchschnittsösterreicher steht Zuagroasten anfangs immer skeptisch und arrogant abwartend gegenüber, bis er sich nach geraumer Zeit mit ihnen fraternisiert oder auch nicht.

Die Journalistin Vera Horvath bezieht mit ihrer Tochter das Haus ihrer verstorbenen Urgroßmutter in einem Dorf im Südburgenland an der Grenze zu Ungarn. Sie freundet sich mit Eva Achleitner an, Gattin des Architekten Paul Achleitner, ebenfalls kürzlich zugezogen. Paul ist ein wahres Ekel und schon bald wendet Eva das im „Club der grünen Daumen“ gewonnene Kräuterwissen an, um sich an ihrem Ehemann zu rächen. Weiterlesen

John Scalzi: Das Imperium der Ströme 03: Schicksal

Vorhang auf zum dritten und damit letzten Band um das Sternenreich, das sich vor Jahrtausenden von der Erde losgesagt, und mittels den die Planeten verbindenden Ströme prosperiert hat. Der Adel und ihre Handels-Häuser haben die Wirtschaft unter sich aufgeteilt, der Reichtum sorgt dafür, dass alle, auch die Armen, Wohlstand und Sicherheit genießen können. Dass eben jene Ströme, die das Reisen und den Warenaustausch zwischen den Planetensystemen erst ermöglichen am Zusammenbrechen sind, macht nicht nur der Imperatox und den Handelshäusern sondern so langsam auch den Bürgern Sorgen. Ein einziger Planet böte die Voraussetzungen, auf ihm dauerhaft zu überleben – doch zum Einen ist er weit entfernt und könnte auch unmöglich die Milliarden Bewohner der anderen Systeme und Habitate aufnehmen.

Imperatox Grayland II hat bereits mehrere Attentate überlebt, hat sich jede Menge Feinde, aber auch einige Verbündete geschaffen. Unter diesen einen Mann, den zu lieben sie gelernt, den zu ehelichen sie vorhat. Dass dieser möglicherweise eine Lösung zur Verhinderung des bevorstehende Genozids finden kann, wäre hilfreich, da ihr Gegnerin, deren Anschläge schon mehrfach fast erfolgreich waren, erneut ihr dunklen Ränke schmiedet. Doch dann muss sie einsehen, dass sie nicht Beiden bekommen kann – persönliches Glück und die Rettung ihrer Untertanen … Weiterlesen

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle

Peter Stamms neuer Roman „Das Archiv der Gefühle“ ist eine zarte Liebesgeschichte. Sie handelt von zwei Menschen, die von ihrer Jugend an einander zugetan sind, zwischen denen sich aber nie eine Beziehung ergibt. Der Ich-Erzähler hat Franziska, so heißt die Herzensdame, vor 40 Jahren seine Liebe gestanden, die sie damals jedoch zurückgewiesen hat.

Seither denkt er jeden Tag an sie, auch wenn die beiden über viele Jahre hinweg keinen Kontakt zueinander haben. Kann es sein, dass sie später ihre Meinung geändert hat? Hinweise darauf gab es durchaus. Hätte er diese Gelegenheiten nur beim Schopf packen müssen?

Er wird zum Einsiedler mit autistischen Zügen, der ein von einer Zeitung aufgegebenes Archiv privat im Keller weiterführt und den Kontakt zu anderen Menschen meidet, sie zu einer gefeierten Chanson-Sängerin. Dann treffen sich die beiden doch noch wieder. Haben sie eine Chance auf einen Neubeginn? Weiterlesen

Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

Der Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held hat mich tief berührt. Er thematisiert die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz und ist gleichzeitig die Geschichte einer Liebe. Wie kann das zusammenpassen?

Lena lernt Heiner im Gerichtsgebäude in Frankfurt kennen. Von 1963 bis 1965 findet in der Stadt der erste Auschwitz-Prozess statt. Lena arbeitet beim Gericht als Dolmetscherin. Heiner ist als Zeuge nach Frankfurt gereist. Er ist einer der wenigen, die die Lagerhaft überlebt haben. Im Prozess muss er erleben, wie seine Aussagen von der Verteidigung angezweifelt und seine Beobachtungen unglaubwürdig gemacht werden. Er sieht in den Gesichtern der Täter keine Reue, eher Hohn. Als er schließlich im Flur des Gerichtsgebäudes zusammenbricht, findet ihn Lena und hilft ihm.

Lena und Heiner verlieben sich, sie heiraten und kaufen sich ein Haus auf dem Land irgendwo im Norden Deutschlands. Das Zusammenleben ist nicht leicht. Heiner verkraftet keinen normalen Arbeitsalltag, er schreit nachts und kann ohne Licht nicht schlafen. Auschwitz lässt ihn nicht los, er hat das Lager ertragen, weil er eine Mission hatte: Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein. Jedem Besucher zeigt er sein Senfglas, welches auf den ersten Blick mit Sand gefüllt scheint, aber in Wirklichkeit Asche und Knöchelchen von Verbrannten enthält. Weiterlesen

Cassandra Clare: Chain of Iron: Die Letzten Stunden 2

Eigentlich sollte Cordelia glücklich sein – schließlich hat sie alles in ihrem Leben, was sie sich je gewünscht hat: Sie heiratet ihre große Liebe James, sieht ihren Vater endlich wieder und ihre Kampfkünste mit ihrem berühmten Schwert Cortana geben einen Ausblick darauf, was für eine großartige Heldin sie einmal sein wird. Ja, eigentlich sollte sie glücklich sein. Doch nichts ist, wie es scheint. Die Ehe mit James wird nicht echt sein, denn dieser ist nach wie vor in die geheimnisvolle und wunderschöne Grace verliebt. Das Glück, ihren Vater zu sehen, hält nicht lange und auch mit Cortana ist irgendetwas nicht in Ordnung …

Lucie ist hingegen dabei, einen Weg zu finden, wie sie Jessie wieder zum Leben erwecken kann. Weil derartige Praktiken natürlich strengstens verboten sind, kann sie niemandem davon erzählen und verstrickt sich genau wie Cordelia immer tiefer in ihren eigenen Lügen, bis es nicht nur für sie und ihre Freunde, sondern auch für ganz London höchst gefährlich wird. Weiterlesen

Golnaz Hashemzadeh Bonde: Was bleibt von uns

Diesem Buch muss man sich stellen, muss es aushalten. Denn es tut weh, es ist aggressiv, es verstört. Die Autorin, als Kind aus dem Iran nach Schweden geflohen, schont ihre Leserinnen nicht. Sie eröffnet vielmehr einen ungewohnten, einen gewöhnungsbedürftigen Blick auf Krankheit und Tod.

Der Klappentext führt hier eher in die Irre. Im Grunde geht es um die Bewältigung von und den Umgang mit der Nachricht, bald sterben zu müssen. Das ist es, was der Protagonistin und Ich-Erzählerin Nahid widerfährt. Nahid, im Iran geboren und aufgewachsen, lebt heute, sie ist sechzig Jahre alt, in Schweden. Sie wohnt allein, ihre Tochter Aram lebt in einer Beziehung mit dem Schweden Johann. Als Nahid von ihrer Ärztin die Nachricht bekommt, sie habe nicht mehr lange zu leben, wirft sie das völlig aus der Bahn. Sie kann das nicht verarbeiten, sie ist wütend, auf alles und jeden. Nahid will nicht sterben, sie will, dass die Ärzte alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr Leben zu retten. Nahids Zorn richtet sich auch besonders gegen Aram, diese Tochter, die ihr nicht nahe ist, die, in Nahids Augen, zu wenig besorgt ist um ihre Mutter, die zu wenig weiß über Nahids Geschichte. Weiterlesen

Therese Anne Fowler: Gute Nachbarn

Das ist wieder so ein Roman, bei dem es mir schwerfällt, zu sagen, er gefällt mir oder er gefällt mir nicht. Denn obwohl die Autorin sehr subtil Spannung aufbaut und mittels einer ungewohnten Perspektive fesselt, bedient sie gleichzeitig viele Klischees. Auch ist die Handlung leider trotz allem vorhersehbar.

In einer zu einigem Ansehen gekommenen Siedlung in North Carolina zieht eine wohlhabende Familie in ein neues, etwas protziges Haus. Diese neuen Bewohner haben es sich bereits vor ihrem Einzug mit ihrer Nachbarin Valerie verdorben, da durch die Bautätigkeiten ihr Garten und besonders eine sehr alte Eiche darin Schaden genommen haben. Zusätzlich ist Valerie durch ihre Vorurteile voreingenommen gegen die Familie, vor allem den Vater Brad, der ihr wie das personifizierte weiße Übel vorkommt. Valerie ist farbig, ihr Mann war weiß und so ist ihr Sohn Xavier, 17 und gerade mit der Schule fertig, ein „Mischling“, der sich nirgendwo so richtig zugehörig fühlt.

Das Drama nimmt seinen Lauf, als sich Xavier und die gleichaltrige Juniper, Brads Stieftochter, ineinander verlieben. Neben den durch die Hautfarbe bedingten Problemen kommen erschwerend die von der Kirche beeinflussten, etwas merkwürdigen Erziehungsmethoden von Junipers Eltern hinzu. So musste sie zu Beginn der Pubertät ein Gelöbnis ablegen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Weiterlesen