Gianna Molinari: Hier ist noch alles möglich

Eine junge Frau nimmt eine Stelle als Nachtwächterin in einer fast schon aufgegebenen Kartonagen-Fabrik außerhalb der Stadt an. Nur noch wenige Menschen arbeiten hier. Alle warten auf das endgültige Aus und nicht nur die Stimmung, sondern auch die Umgebung ist trist: rundherum Felder, weiter hinten der Wald und der Flughafen, Löcher im Zaun, mit Unkraut überzogener Boden, geschlossene Hallen. Und doch ist die junge Nachtwächterin der Meinung, dass es hier viel zu entdecken gibt. Hier ist noch alles möglich. Sogar der Wolf, den der Koch gesehen haben will und der noch einmal für ein wenig Aufregung sorgt.

Fallen werden ausgelegt, die junge Frau beginnt mit ihrem Kollegen Clemens eine Fallgrube auszuheben und die Überwachungskameras zeichnen auf, was draußen passiert. Allerdings möchte sie nicht, dass dem Wolf etwas geschieht, sie fühlt sich ihm verbunden, verteidigt ihn, den niemand sonst seither gesehen hat. Gibt es ihn tatsächlich? Ist er wirklich gefährlich? Ist er nicht vielmehr nur auf der Suche nach einer anderen Nahrungsquelle, weil er sein angestammtes Umfeld verlassen musste, seine angestammte Beute nicht mehr zur Verfügung steht? Weiterlesen

Kathleen Glasgow: Mädchen in Scherben

Charlotte ist 17 Jahre alt und zurzeit in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie untergebracht. Bis vor wenigen Tagen lebte sie auf der Straße, verletzte sich regelmäßig selbst, nahm Drogen. Jetzt hat sie ein Dach über dem Kopf, schweigt aber den ganzen Tag beharrlich. Sie ist hier sicher, sicher vor ihm. Das glaubt Charlotte und sie würde alles dafür tun, um hierzubleiben. Sie will nie wieder nach da draußen, bei ihn und all die Gefahren, die zusätzlich lauern.

Kathleen Glasgows „Mädchen in Scherben“ ist von der ersten Zeile an harte Kost. Noch dazu ist der Start in die Geschichte mehr als befremdlich. Man lernt Charlotte wenige Tage nach ihrer Aufnahme in die Psychiatrie kennen. Sie spricht nicht und auch ihre Gedanken, an denen man als Leser oder Leserin natürlich Anteil hat, sind alles andere als geordnet. Man erfährt dennoch schnell, dass sie einen Selbstmordversuch hinter sich hat und sich oft gefährlich tief geritzt hat. Die Mädchen, mit denen sie nun zusammenlebt, haben ähnliche Schicksale hinter sich und die Stimmung auf der Station kann nur als bedrückend beschrieben werden. Weiterlesen

Harry Bingham: Fiona: Das Leben und Sterben

In Harry Binghams zweiten Kriminalroman werden Fiona und ihr Kollege zu einer angeblich illegalen Müllbeseitigung gerufen. Möbelpacker schicken sie in die Garage zu einer alten Gefriertruhe, in der unter anderem das beschuhte Bein einer Frau liegt. Für die Waliser Polizei beginnt mit diesem Fundstück eine extrem aufwändige Ermittlungsarbeit, die täglich nur Fragen aber keine Antworten bringt. Auch die Suchaktion nach dem restlichen Körper in der Umgebung sorgt für mehr Verwirrung, denn schon bald werden weitere Leichenteile, auch die eines vor kurzem ermordeten Mannes, entdeckt. Stetig und mit jedem neuen Fundort vergrößert sich die Zahl der Verdächtigen auf fast dreihundert Personen, ohne dass eine konkrete Spur für Klärung sorgt.

Unter der allseits gefürchteten Leitung von DI Watkins macht Fiona das, was sie am besten kann. Sie ordnet sich scheinbar unter und ermittelt privat in andere Richtungen. Fionas Alleingänge fallen trotzdem auf. Weiterlesen

Evelyn Waugh: Expeditionen eines englischen Gentleman (1931)

Andere Länder – andere Sitten! Evelyn Waugh, einer der genialsten und bissigsten aller englischen Autoren, schreibt in diesem Roman über die Erlebnisse auf seiner Reise nach Abessinien / Äthiopien im Jahr 1930. Als Zeitungskorrespondent soll er über die Krönung von Ras Tafari in Addis Abeba berichten. Doch bald werden er und die vergnügungssüchtigen Delegierten aus Europa mit neuen Umgebungsbedingungen konfrontiert: Hitze, beschwerliche Anreise, Unpünktlichkeit und Desorganisation. Es ist normal, dass Einladungen zu offiziellen Empfängen erst Stunden nach der Veranstaltung eintreffen. Züge kommen zu spät, dafür legen Schiffe zu früh ab. Ob Schwarze oder Weiße, Pagen, Hotelbetreiber, Sultane oder die High Society: Bei Waugh bekommt jeder sein Fett ab. Das liest sich urkomisch und politisch absolut unkorrekt!

Wie reagiert ein Vegetarier, wenn ihm zu Ehren eine Ziege geschlachtet werden soll? Was tun, wenn sich ein englischer Herzog in seinem Quartier Flöhe einfängt? Wie überleben Kirchgänger die stundenlagen (un)orthodoxen Messezeremonien? Weiterlesen

James Rollins: Sigma Force 10: Projekt Chimera

Mitten in einem idyllisch gelegenen Naturschutzgebiet im Westen der USA liegt sie, eine der vielen, gerade in den letzten Jahren neu aufgebauten Forschungsstationen, in denen an genetisch-biologischen Entdeckungen gearbeitet wird. Einer der Forscher versucht das Artensterben aufzuhalten. Sein Ansatz ist dabei ebenso revolutionär wie gefährlich – man nehme künstliche Kleinstviren, die man so verändert und schützt, dass kein bekannter Stoff sie angreifen kann und baut daraus Gottes Schöpfung neu. Dass seine Tätigkeit dabei genauestens beobachtet wird, ahnt er nicht. Und nein, es ist weder die NSA noch eine andere Regierungsbehörde, die ihn kontrolliert – es sind militante Umweltschützer, die bereit sind, um die Erde zu retten, die Menschheit zu vernichten.

Als die Forschungstation überfallen und der leitende Wissenschaftler entführt wird bleibt ein Explosionskrater zurück – zu wenig, denn der Professor war erfolgreich. Und so breitet sich scheinbar unaufhaltsam eine schwarze Masse aus, die alles Leben, wie wir es kennen auslöscht.

Die Spur führt die Agenten der Sigma Force in den Brasilianischen Regenwald und in die eisige Antarktis … Weiterlesen

Sarah Crossan: Nicu & Jess

Der Teenager Nicu lebt erst seit wenigen Wochen in Großbritannien, aus Rumänien ist er mit einem Teil seiner Familie hergezogen, um schnell Geld zu verdienen. Von dem Geld soll eine Braut für Nicu in seiner Heimat gekauft werden. Dabei hat niemand Nicu gefragt, ob er eine haben will! Nicu würde viel lieber hierbleiben, in der Schule lernen und einen guten Job haben. Doch dann lässt er in einem Laden einen Schokoriegel mitgehen und wird zu Sozialstunden verdonnert.

Jess und ihre Clique sind cool. Ladendiebstähle sind ihr täglich Brot. Doch diesmal wird Jess erwischt, zum wiederholten Mal. Ihre Mutter und der Stiefvater sind von den Sozialstunden sofort begeistert, Jess eher weniger. Sie und Nicu treffen bei dem Kurs, der Jugendlichen helfen soll, wieder auf die richtige Bahn zu finden, aufeinander – und es ist, als prallten Welten aufeinander.

Sarah Crossans Bücher sind etwas Besonderes und es sei jeder Leserin, jedem Leser ans Herz gelegt, zumindest eine kleine Leseprobe zu konsultieren, bevor man sich für den Kauf entscheidet. Weiterlesen

Ali Smith: Die ganze Geschichte und andere Geschichten

„Ich habe mich in einen Baum verliebt. Gegenwehr war zwecklos. Er stand in voller Blüte.“

Ladies and Gentleman: Willkommen in der Welt von Ali Smith! Ihre Prosa erinnert an „Alice im Wunderland“ für Erwachsene und ist so mehrdeutig wie mysteriös. Die ganze Geschichte setzt sich aus einer Summe von Puzzleteilchen zusammen, welche die Autorin zusammenfügt. Oder offenlässt. Sie wechselt zwischen Personen, Zeiten und Realitäten. Gekrönt mit viel Humor und einem Faible für das Absurde wird schnell ersichtlich: In diesen Stories ist alles möglich. Mann oder Frau, real oder surreal, Ende oder Anfang – Ali Smith löst Grenzen auf. Die Geschichten fordern ihre Leser. Falsche Fährten, Erinnerungen, Traumbilder und abrupte Perspektivwechsel lassen das Geschriebene plötzlich in einem ganz neuen Kontext erscheinen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.

Das Besondere: Ali Smiths zwölf Geschichten sind wie ein Kalender aufgebaut und begleiten uns Leser durch ein Jahr. Bereits die erste Geschichte, die selbstredend nicht wie erwartet im Januar, sondern im Februar einsetzt, zeigt, wohin die Reise geht. In „Allzweckgeschichte“ landen wir nach mehreren Anläufen in einem Antiquariat, nehmen nacheinander die Perspektive einer Angestellten, einer Fliege und eines Buches ein, um schließlich bei einer exzentrischen Künstlerin zu enden. Lange werden wir Leser darüber im Unklaren gelassen, um was es hier geht. Am Ende schließt sich der Kreis wieder rückwirkend. Was übrigens auch für den Anfang und das Ende des Buches gilt. Weiterlesen

Karen Hamilton: Perfect Girlfriend – Du weißt, du liebst mich

SIE ist davon überzeugt, den perfekten Mann gehabt zu haben. ER dagegen fand es Zeit für eine Beziehungspause. Aber was weiß er schon? Bestimmt nicht, was gut für ihn ist, findet Juliette. Aber da er nun einmal ein eigenständiger Mensch mit einem Recht auf eigene Meinung ist, muss ein Plan her. Zunächst einmal muss er davon überzeugt sein, dass sie seine Entscheidung akzeptiert hat. Dann muss sie ihm UNAUFFÄLLIG näherkommen. Was eignet sich besser, als ein Arbeitsplatz, auf dem man noch dazu auf engstem Raum aufeinander angewiesen ist und in der Freizeit in unbekannten Orten festhängt und nur einander kennt? Nate ist Pilot, also wird Juliette Flugbegleiterin. Sie gibt sich viel Mühe, vor Nate zu verbergen wie nahe sie ihm immer wieder kommt. Aber sie freundet sich mit seinen Freunden an, betritt seine Wohnung, wenn sie ihn unterwegs weiß und verfolgt sein Handy heimlich. Das wäre an sich schon perfide genug, aber ihr eigentlicher Plan haut den Leser dann vom Stuhl.

Am Anfang war ich von dem Roman eher gelangweilt (äh, ja, schon wieder ne Stalker-Story). Das änderte sich aber nach und nach, je tiefer Karen Hamilton dem Leser Einblick in Julies Inneres verschafft. Weiterlesen

Maile Meloy: Bewahren Sie Ruhe

Eine Kreuzfahrt über die Weihnachtsferien, eine super Idee nach dem anstrengenden Jahr, das hinter ihnen liegt. Die Cousinen Liv und Nora gehen begeistert mit ihren Ehemännern Benjamin und Raymond an Bord. Mit dabei sind auch ihre Kinder, June (5), Marcus (11), Sebastian (8) und Penny (11). An Bord sind sie mit Abstand die jüngsten Reiseteilnehmer, genießen die Fahrt aber dennoch. Als die Mütter mit den Kindern in Argentinien einen Ausflug an Land machen, kommt es allerdings zur Katastrophe. Die Kinder sind wie vom Erdboden verschluckt und wenig später wird eine Leiche ausgegraben. Liv, Nora, Benjamin und Raymond sind in höchster Alarmbereitschaft und schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Bei Maile Meloys Roman muss man erstmal sortieren, wer wer ist und wie alt diese Menschen sind. Damit habe ich einen Großteil der ersten Kapitel verbracht. Dann wird die Geschichte (erstmal) gut. Weiterlesen

Harry Bingham: Fiona: Den Toten verpflichtet

Es gibt genug Gründe, Fiona den Polizeidienst zu verweigern. Zum einen verdient ihr Vater, ein polizeibekannter ‚Verbrecher‘ ohne Verurteilung, sein Geld mit Stripteaselokalen. Darüber hinaus hält Fiona ihre psychische Erkrankung geheim, die sie unter der Maske der verschrobenen Einzelgängerin mit Verstand verbirgt. Jeden Tag könnte dieses Geheimnis entdeckt werden.

Seit vier Jahren arbeitet DC Fiona Griffith bei der Polizei in Wales, als sie in die Ermittlung eines Doppelmordes eingebunden wird. Der Anblick der toten Mutter und Tochter in dem verwahrlosten Haus lässt sie nicht los. Vor allem die ungewöhnlich brutale Ermordung des sechsjährigen Mädchens treibt Fiona zu unzähligen Überstunden. Statt sich nur auf den einen Ermittlungsauftrag zu konzentrieren, betreibt sie noch eigene Recherchen, die mehr in Gang setzen, als sie ahnen kann. Und dann werden noch mehr Menschen ermordet. Tote schweigen bekanntlich für immer. Weiterlesen