Judith W. Taschler: Über Carl reden wir morgen

Ich mag Familienepen über mehrere Generationen sehr und ich mag die Bücher von Judith W. Taschler. Also war es keine Frage, dass ich auch ihren neuesten Roman unbedingt lesen wollte. Und ich habe es keineswegs bereut.

Sie erzählt die Geschichte der Familie Brugger, die im österreichischen Mühlviertel in einem kleinen Ort die Mühle betreibt. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert verfolgt die Autorin die Geschicke der Familie über mehr als 100 Jahre.

Dabei verfährt sie nicht unbedingt streng chronologisch, sondern folgt eher einzelnen Erzählsträngen, angelehnt an die Perspektive einzelner Familienmitglieder. So erfährt man im einen Strang angedeutete Ereignisse erst später dann im Detail.

Die ersten Protagonisten sind Anton Brugger und seine Schwester Rosa. Sie folgt den Versprechungen einer Anwerberin und gelangt als Hausmädchen nach Wien. Es kommt, wie es kommen muss. Weiterlesen

Jan Weiler: Der Markisenmann

Für die fünfzehnjährige Kim sollte die Abschiebung zum fremden Vater eine Strafe sein. Während ihre Mutter, ihr Stiefvater und Halbbruder einen Luxusurlaub in Miami genießen, wird sie wie ein Gepäckstück in den Zug von Köln nach Duisburg gesetzt. Am Bahnsteig steht sie zum ersten Mal ihrem leiblichen Vater gegenüber, der in ihrem Leben stets der totgeschwiegene Mann mit den unscharfen Konturen war. Manchmal rutschte ihrem Stiefvater der Ausdruck „der feine Herr Papen“ heraus. Kim stellt sich dann einen erfolgreichen Geschäftsmann im Anzug vor. Aber erst als sie in die gleichen blauen Augen wie die ihrigen schaut, weiß sie instinktiv, wohin die Reise geht. Kurz darauf wohnt sie in einer Lagerhalle in einem abgelegenen Industriegebiet. Allein schon der Anblick des winzigen Raumes ohne Fenster, in dem sie schlafen soll, schockiert sie bis ins Mark. Bisher nutzte ihr Vater die Abstellkammer für sein Werkzeug, aber für Kims Gepäck hat er vorsorglich ein paar Fächer in den Metallregalen freigeräumt. Und während sie über die Aussicht einer Flucht nach Köln nachdenkt, lernt Kim Ronald Papen, den Markisenmann, und eine völlig andere Lebensphilosophie kennen. Sie lernt viel über sich und das Leben, und plötzlich, ohne es zunächst zu bemerken, hat sie eine Menge Spaß und Papens Geheimnis, das sie unbedingt lüften will. Weiterlesen

Garielle Lutz: Geschichten der übelsten Sorte

Der Autor Clemens J. Setz („Indigo“) bezeichnet Garielle Lutz als „eine der großen Prosamagierinnen“. In der Tat ist die Sprache, mit der die Autorin uns Leser angeht, ungewöhnlich intensiv. Manche Sätze stehen so sehr für sich, dass ein Weiterlesen zunächst einmal schwierig erscheint, und oft reihen sich genau diese Sätze sogar aneinander.

Der Übersetzer Christophe Fricker hat für das als unübersetzbar geltende Buch Worte gefunden wie: „Sie schneidersetzte sich auf den Wohzimmerboden“. Es folgen surreale Sätze wie „Der Baum vor dem Fenster macht viel Lärm“. Aber auch abstoßende und nervende Beschreibungen über Kot, Urin und Selbstbefriedigung: „Ich hole mir noch zweimal heilsam einen runter“. Es folgt die Episode, in der der Protagonist von Geschäft zu Geschäft läuft, um in der Umkleidekabine auf die eigene und die zu verkaufende Kleidung „die Pisse […] loslaufen“ lässt. Lässt die eine Frau „ihre Arme so langsam in meine Richtung ausrollen, so sehr im Verborgenen“, ist eine andere „Frau ein vielbenutzter, unbewohnbarer Rotschopf gewesen“. Weiterlesen

Peter Cameron: Was geschieht in der Nacht

Ein namentlich nicht näher benanntes Ehepaar reist mit dem Zug in ein Kaff im verschneiten europäischen Norden, um ein Kind aus einem Waisenhaus abzuholen, das die beiden adoptieren wollen.

Von Anfang an geht alles schief. Das Paar steigt an einem vollkommen verlassenen Bahnhof falsch aus und weiß kaum ins Hotel zu kommen.

Peter Camerons „Was geschieht in der Nacht“ ist ein seltsamer Roman. Die Handlung weist einige Kapriolen auf, die nur schwer nachzuvollziehen sind.

So ist das Verhältnis des Paars von einem permanenten Streit geprägt. Auch erweist sich die todkranke Frau als extrem wankelmütig, was ihre Motivation zur Adoption des Babys angeht. Ein aufdringlicher Geschäftsmann, ein Barkeeper und eine alternde Schauspielerin, die im selben Hotel wie das Paar logieren, spielen ebenso ominöse Nebenrollen wie ein Wunderheiler. Weiterlesen

Maria Rossbauer: Großstadtbäuerin. Mein Vater, sein Land und ich

Maria Rossbauer lebt mit ihrem Mann und drei kleinen Kindern in Hamburg, als sie der Anruf ihres Vaters erreicht. Er ist Bauer in Niederbayern, 81 Jahre alt und möchte den Hof nicht mehr allein bewirtschaften. Er will ihn übergeben, sich nicht mehr um alles kümmern müssen. Tiere werden wegen des Arbeitsaufwandes und der Rentabilität ohnehin keine mehr gehalten. Maria soll den größten Anteil an Wiesen, Feldern und Wald erben, weil die anderen drei Geschwister zum Teil Geld von den Eltern erhalten und eigene Existenzen gegründet haben. In ihrem Kopf beginnt ein Gedankenkarussell zu rattern. Kann man das Vertrauen des Vaters enttäuschen? Darf man so ein Erbe, so einen Auftrag in den Wind schlagen?

Ihre Eltern haben ihr ganzes Herzblut und ihr gesamtes Leben in den Erhalt des Hofes investiert. Immer hat es sie bekümmert, dass ihre Kinder in der Enge und im Lärm der Stadt aufwachsen müssen. Ganz anders, als sie Kindheit erleben durfte. Sie beschließt, sie will sich der Aufgabe stellen. Bei wiederholten mehrwöchigen Aufenthalten in Niederbayern staunt sie nicht schlecht, was man als Bauer alles können und wissen muss. Weiterlesen

Bernadette Schoog: Marie kommt heim

Marie kommt heim, weil ihre alte Mutter im Sterben liegt. Die Aussicht, dass sie für einen Abschied nur noch wenig Zeit habe, verunsichert und irritiert sie. Wie soll sie sich von einer Mutter verabschieden, mit der sie sich nie verstanden und der sie nievertraut hat? Marie war acht Jahre lang ein Vaterkind und als dieser verstarb, gab es nur noch sie beide, jede für sich allein und doch eine Zwangsgemeinschaft ohne Liebe und Verständnis.

Der räumliche und zeitliche Abstand zur Mutter muss für diesen Abschied irgendwie überwunden werden. Aus diesem Grund lässt sich Marie für das Wiedersehen Zeit. Sie sieht die alte Heimat in ihrer Enge, den unvermeidlichen Andrang von Pilgern, und sie erinnert sich. Alles zusammen führt zu den Gedanken, nur schnell weg von hier. Kurz bei der Mutter vorbeischauen, Abschied nehmen und dann endlich weg, zurück in ihr beschauliches Zuhause. Womit Marie nicht rechnet ist, dass sie nach ihrem Besuch auf einmal den Wunsch verspürt zu bleiben und eine Versöhnung mit der Mutter zu versuchen. Dies ist der Moment, in dem Marie dann wirklich heimkommt, mit allen schlechten aber auch mit allen guten Erinnerungen. Weiterlesen

Rick Riordan: Tochter der Tiefe

Ihr ganzes bisheriges Leben – immerhin 17 Jahre – hat Ana auf diesen Tag hingefiebert. Seit ihrer frühesten Jugend besucht sie, wie ihre Eltern, Großeltern und so weiter bis tief in die Vergangenheit vor ihr die Harding-Pencroft Academy. Jetzt in der neunten Klasse steht ihre Jahrgangsprüfung an. Wenn sie diese besteht, dann werden ihr, wie ihren Kassenkameraden und Kameradinnen, die Geheimnisse der Academy offenbart. Wer von der HP-Academy abgeht, der hat das Rüstzeug, in allen Zweigen, die auch nur entfernt mit dem Meer zu tun haben, Top-Positionen einzunehmen. Dabei sind die Zöglinge von der HP sogar noch einen Tick besser als ihre Konkurrenten von dem konkurrierenden Land Institute. Dumm, dass, kaum dass die Jahrgangsstufe zum Schiff aufgebrochen ist, das sie zu ihrer Prüfung bringen soll, ein Torpedo die Academy mit all ihren Bewohnern vernichtet. Das Stück Land an der Küste Kaliforniens verschwindet in einem Feuerball, das Land Institute hat den Kampf auf ein neues, ein ultimatives Level gehoben.

Nur mehr die 9. Klasse und ihr vom Krebs gezeichneter Lehrer sind übrig. An Bord des Schiffes fliehen sie zunächst aufs offene Meer. Hier offenbart ihnen ihr Professor das Geheimnis hinter der Academy.

HP schützt das Wissen und die Erfindungen Kapitän Nemos. Weiterlesen

H.S. Eglund: Nomaden von Laetoli

Der Wissenschaftler Martin Anderson hat in Grönland den Hafen des Wikingers Eirik gefunden. Eine Sensation in der Fachwelt. Anderson hat eine glänzende Wissenschaftskarriere vor sich. Dann wird er  überraschend vom renommierten Professor Aaron Miller nach Tansania eingeladen. Dort befindet sich die Fundstätte von Laetoli, wo die Fußabdrücke der Frühmenschenart Australopithecus afarensis gefunden wurden. Dorthin hatte Miller sich geflüchtet, als er seiner Wissenschaftskarriere müde wurde. Und dort meint Miller die Frühmenschen selbst gesehen zu haben.

Anderson steht dem skeptisch gegenüber aber weitere Erfahrungen auf seinem Lebensweg, der ihn auch nach Äthiopien und schließlich nach Sansibar führt, lassen ihn immer mehr an der etablierten Wissenschaft zweifeln und nach einem anderen Sinn suchen.

Und diese Sinnsuche ist es, die das Buch tatsächlich auch ausmacht. Wer einen archäologischen oder paläontologischen Abenteuerroman á la Indiana Jones erwartet, wird weitgehend enttäuscht. Viel mehr begleiten wir Anderson auf einer Sinnsuche, die sein eigenes Leben und die Bedeutung der modernen Wissenschaft betrifft. Weiterlesen

Katharina Adler: Iglhaut

Die deutsche Autorin Katharina Adler (Jahrgang 1980) lebt und arbeitet in München. 2018 veröffentlichte sie in ihrem ersten Roman mit dem Titel „Ida“ die Geschichte ihrer Urgroßmutter. Nun erschien am 12. April 2022 ihr zweiter Roman „Iglhaut“ im Rowohlt Verlag.

„Iglhaut“, deren Vornamen die Lesenden nicht erfahren, ist Schreinerin und wohnt in einem Mietshaus in München. Ihr Handwerk betreibt sie in einer Garage im Hinterhof des Hauses. Die Nachbarn aus Vorder- und Gartenhaus kommen täglich an ihrer Werkstatt vorbei und fast immer ergibt sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Da erzählt ihr Uli Reizberg von dem Hauptgewinn in einem Kreuzworträtsel, einer Reise nach Ägypten. Oder Frau Ivanović beklagt die Wohnungsnot ihres Neffen. Das Ehepaar Zenker von oben streitet die ganze Zeit lautstark, und die Schriftstellerin im Dachgeschoss sieht man nie. Da gibt es noch Jasmina aus der betreuten Wohngemeinschaft und Tildi Rolff, die alte Sozialdemokratin, die inzwischen von Ronnie L. gepflegt  und mit Cannabis versorgt wird. Außerdem wohnt Valeria, Iglhauts Freundin, mit ihrer Tochter Thea im Haus. Es ist Valeria, die auf die Idee kommt, dass die Iglhaut mit Uli nach Hurghada reisen soll. Iglhauts Eltern haben sich getrennt. Der Vater bekocht die Tochter und der Mutter spendete die Iglhaut einst eine ihrer Nieren. Iglhauts Ex, der Anwalt Dori, übernachtet trotz Frau und Kindern hin und wieder bei ihr. Die Kanzlerin ist Vegetarierin und weicht nicht von Iglhauts Seite. Ums Eck kehrt die Nachbarschaft im Imbiss von Herakles und seiner Mama ein. Und für einen Blick in die Zukunft gab es Handlesen in Nurjas Hexenladen. Weiterlesen

Mikael Bergstrand: Zusammen ist es Freundschaft

Zwei ganz besondere Figuren prägen diesen Roman, zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch werden sie Freunde.

Vor allem der einsame Ingemar Modig ist eine Figur, die man einfach mögen muss. Ja, man möchte ihn in den Arm nehmen, trösten und beschützen vor der Welt, die ihm so grausam vorkommt. Und da ist Dalia, das fußballverrückte Mädchen aus Syrien, mutig ohne Rücksicht auf Verluste, beladen mit leidvollen Erinnerungen.

Diese Beiden begegnen sich durch einen Zufall. Ingemar, seit einem tragischen Ereignis psychisch schwer gestört, zählt alles, in der Hoffnung und dem Wunsch, das Ergebnis möge sich durch Drei teilen lassen. Er zählt die Autos auf einem Parkplatz ebenso wie die Bäume auf der Tapete in seinem Wohnzimmer. Ingemar, über 60 Jahre alt und früher erfahrener Fußballtrainer, erkennt sofort das unglaubliche Talent der kleinen Dalia. Sie ist die Wildeste auf dem Spielfeld zwischen all den älteren Jungs, zumindest so lange, bis ihr Vater sie für alt genug befindet, ab jetzt das vorgeschriebene Kopftuch zu tragen. Weiterlesen