Samuel Selvon: Die Taugenichtse (1956)

Sie nennen sich Mokkas. Die Engländer sehen in den Einwanderern aus den Kronkolonien unerwünschte Schwarze, die den Arbeitern ab 1948 die Jobs wegnehmen. Wie es sich aus Moses Perspektive, der eines Mokkas, im kalten, nebelverhangenen London lebt, zeigt der 1923 in Trinidad geborene Samuel Selvon in seinem zeitlosen Episodenroman.

Moses und seine Freunde lavieren sich durch den Arbeitsalltag. Während der eine gewitzt als routinierter Schnorrer über die Runden kommt, sind die anderen Hilfsarbeiter. Sie brauchen für das Überleben Überstunden oder genug Vögel auf der Fensterbank der eigenen Dachstube. Die Episoden in Moses Erzählung zeigen nicht nur die unterschiedlichen Charaktere. Im Zentrum steht ihr Einfallsreichtum und die Sehnsucht nach einem besseren Leben geht. Weiterlesen

Richard Russo: Ein Mann der Tat

Der US-amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger von 2002, Richard Russo (Jahrgang 1949),  legt mit dem Roman „Ein Mann der Tat“ (Originaltitel: „Everybody’s Fool“) die Fortsetzung von dem 1993 erschienenen Buch „Nobody’s Fool“ (Deutscher Titel: „Ein grundzufriedener Mann) vor. Der DuMont Buchverlag hat beide Titel im Mai 2017 auf Deutsch herausgebracht.

Der Lesende findet sich am Memorial-Day-Wochenende zunächst auf dem Hilldale-Friedhof von North Bath im US-Staat New York anlässlich der Beerdigung von Richter Barton Flatt wieder. Dort stürzt der unglückliche, von Zweifeln geplagte Polizeichef Douglas Raymer ohnmächtig ins offene Grab des Richters und verliert dabei sein einziges Beweisstück für die Untreue seiner vor einem Jahr bei einem Sturz auf der Treppe tödlich verunglückten Frau Rebecka (Becka): eine Garagentorfernbedienung.

Es ist heiß in North Bath und es stinkt. Rub Squeers, einfältiger Gelegenheitsarbeiter, wartet darauf, dass sein einziger Freund Donald Sullivan (genannt Sully) endlich etwas Zeit für ihn hat. Er ist schwer genervt von seiner Frau Bootsie, die ihm mit ihren Vorwürfen das Leben schwer macht. Weiterlesen

Titus Müller: Der Tag X, gelesen von Svenja Pages

Nelly Findeisen und ihre Eltern haben den Krieg gerade überstanden, da bricht das nächste Drama über sie hinein. 1946 dringen Russen in ihre Wohnung ein und wollen sie alle nach Rußland verschleppen. Als klar wird, dass es nur um den Vater, den Wissenschaftler geht, trifft ihre Muter die Entscheidung, mit dem kleinen Kind in Berlin zu bleiben und den Vater alleine gehen zu lassen. Nelly wird ihr diese Entscheidung niemals verzeihen. Durch den russischen Offizier Ilja hält sie brieflichen Kontakt zu ihrem Vater in seltenen, viel gelesenen Briefen. Die kirchliche Jugendorganisation gibt ihr den Halt, den ihr die Familie nicht mehr bieten kann und später lernt sie Wolf kennen. Wolf, den unschuldigen Uhrmacher, der nichts will außer mit Uhren zu arbeiten und durch Nelly doch tief in die Revolution gerät. Weiterlesen

V. E. Schwab: Weltenwanderer-Trilogie 01: Vier Farben der Magie

Willkommen in London, einem der vier London zumindest. Jetzt stutzen Sie? Sie wissen aber schon, dass Sie ein Fantasy-Buch in Händen halten? So mit phantastischem Handlungsort – erwähnte ich die vier London bereits? – Zauberer, fiesen Schurken und versierten Dieben? Na dann ist es ja gut.  Also zurück zum Buch.

Kell ist einer der letzten Antari, Reisenden, die mittels des Blutes in ihren Venen und erkennbar an den Augen zwischen den Dimensionen reisen können. Einst, vor langer Zeit floss die Magie wild und ungehemmt zwischen den vier Dimensionen hin- und her. Dann passierte etwas Mysteriöses – und das schwarze London war nicht mehr erreichbar. Mehr noch, als Kinderschreck überlebte die Mär von den skrupellosen Magiern die dafür verantwortlich waren, dass das schwarze London der Vernichtung anheim fiel. Weiterlesen

Colum McCann: Briefe an junge Autoren

Wer schon einmal nach Schreibratgebern gesucht hat, weiß, dass sich hierzu jede Menge mehr oder weniger hilfreiche Bücher finden lassen. Viele dieser Ratgeber sind angereichert mit Anleitungen für Schreibtechniken, die sich in der Praxis dann aber oftmals kontraproduktiv auf die eigene Kreativität auswirken.

Colum McCanns kleines Büchlein Briefe an junge Autoren kommt dagegen ganz ohne starre Regeln aus, vielmehr liest es sich mehr als wohlmeinender Zuspruch. Mit „junge Autoren“ sind hier ganz nebenbei bemerkt nicht explizit Autoren im jungen Lebensalter, sondern gleichermaßen auch die Älteren angesprochen.

McCann muntert darin sogar dazu auf, Regeln zu missachten. Er hält sich in seinen Ausführungen weder mit theoretischen Ausschweifungen auf, noch schreibt er mehrseitige Kapitel, deren Kernaussagen man in drei kurzen Sätzen bündeln könnte. Weiterlesen

Ben Aaronovitch: Der Galgen von Tyburn

Jetzt hat er es doch getan. Er wollte doch nicht. Aber es war stärker. Peter ist in Beverlys Armen und tiefer gelandet. Dabei ist sie doch nicht ganz von dieser Welt. Und hat noch diese mächtige Schwester in Form des Tyburn. Und eben jene Lady Tyburn ruft ihn an, weil ihre Tochter in eine ganz dumme Sache reingeraten ist. Er soll sie da gefälligst rausholen – unauffällig versteht sich. Drogen sind im Spiel, ein leeres Haus und eine ausgeuferte Party. Und leider auch eine tote Freundin. Nicht ganz einfach, dazu ist es der Wunsch der Lady, dass gerade Peters Chef Nightingale nichts erfährt. Wer Peter kennt, dem ist klar, dass der als Erster erfährt, was vorgefallen ist.

Neben dem Hauptfall muss sich Peter aber auch noch mit seiner abtrünnigen Ex-Kollegin rumschlagen, mit ungläubigen Kollegen aus den normalen Revieren und den üblichen Todesgefahren. Weiterlesen

T. A. Wegberg: Meine Mutter, sein Exmann und ich

Joschka ist 15, hat eine Zwillingsschwester namens Liska und zwei Väter. Naja, eigentlich hatte er eine Mutter und einen Vater, bis sich seine Mutter in Frederik umbenennen lassen wollte und sich zum Mann umoperieren ließ. Transgender. Joschka kann damit nichts anfangen und plötzlich will seine Mutter auch nicht mehr, dass er sie „Mama“ nennt. Vor seinen Freunden schirmt er seine Mutter panisch ab, damit diese nicht von der Sache Wind bekommen. Denn in seinem Leben ist auch so schon genug los: Er freundet sich mit dem seltsamen Neuling Sebastian an und kommt endlich seiner großen Liebe Emma näher.

Wegbergs Roman ist lustig und ernst zugleich. Er findet einen perfekten Mittelweg zwischen witzigen Szenen aus Joschkas Familienleben und einer ernsten Annäherung an das Thema Transgender. Weiterlesen

A. Lee Martinez: Constance Verity – Galaktisch-geniale Superheldin

Sie kennen sie bestimmt auch, die Superhelden Marke Batman und Co? Immer gut gelaunt, einen Scherz auf den Lippen retten sie die Menschheit vor dem Bösen.

Constance Verity ist, seit dem Zeitpunkt, als eine Fee sie als Neugeborene mit ihrem Segen geadelt hat, eine solche Superheldin. Sie hat in den unterschiedlichsten Zeiten, Dimensionen und Galaxien gekämpft und dem Bösen gezeigt, was eine Harke ist. Jetzt aber ist endgültig Schluss mit lustig – Constance will endlich ein normales Leben. Schließlich sollte man mit 28 auch einmal an etwas anderes denken, als ob der letzte Liebhaber vielleicht ein Alien war, der einen – na, ich denke, sie wissen schon, auf was ich hinaus will? Weiterlesen

Rebecca Gablé: Die fremde Königin

Der Panzerreiter Gaidamar kennt weder seinen Vater, noch seine Mutter. Er wurde Um 930 einem Adeligen als Ziehsohn übergeben und weiß nicht mehr, als dass während seiner Kindheit ein adeliger Mann manchmal heimlich zu Besuch kam und dass das sein Vater gewesen sein muss. Eines Tages hörten die Besuche einfach auf.

Inzwischen ist Gaidamar erwachsen und ein erfolgreicher Panzerreiter – ebenso wie sein Ziehbruder. Aber Gaidamar wird ausgewählt, um die italienische Königin Adelheid und ihre Tochter aus der Gefangenschaft zu befreien zum zu König Otto zu bringen und das bindet ein Band, dass die beiden nie wieder werden lösen können.

Die fremde Königin ist bereits der zweite Teil von Rebecca Gablés Romanreihe um König Otto und schließt fast nahtlos an den ersten Teil an – es empfiehlt sich, diesen zuerst zu lesen, da der zweite Band ziemlich viele Andeutungen enthält, die dann einfach mehr Spaß machen. Auffällig fand ich, dass mit Gaidamar zwar eine fiktive Figur eine recht große Rolle hat, aber bei weitem ist das hier nicht so ausgeprägt wie in anderen Gablé-Romanen. Weiterlesen

Kristina Ohlsson: Schwesterherz

An einem verregneten Tag – wie es in dem Thriller eigentlich überhaupt fast immer regnet – kommt ein verzweifelter Mann in das Büro von Martin Benner und bittet den Anwalt, einen Fall zu übernehmen. Den seiner Schwester, der fünffachen Serienmörderin Sara Texas. Obwohl sich diese selbst getötet hat, soll Benner posthum ihre Unschuld beweisen. Er sträubt sich zunächst dagegen zu ermitteln, wird aber zunehmend mehr und mehr in den Fall verwickelt.

„Schwesterherz“ bildet den Auftakt des Zweiteilers um den Anwalt Martin Benner, der jedoch eher wie ein Privatdetektiv operiert. Und da sind wir schon bei dem ersten Aspekt, der mich an dem Buch gestört hat. Ich bin mit der Hauptfigur einfach nicht warm geworden: Martin Benner ist ein unsympathischer, arroganter, selbstverliebter Schnösel. Weiterlesen