Stewart O’Nan: Henry persönlich

„Henry persönlich“ von Stewart O‘Nan ist quasi die Fortsetzung des 2011 erschienenen Romans „Emily, allein“ des 1961 geborenen US-amerikanischen Schriftstellers. Damals ging es um eine ältere Dame, die allein lebt, seit ihr Mann Henry vor sieben Jahren gestorben ist.

Der neue Roman widmet sich nun ganz eben jenem Henry. Das Paar, das in seinen 70ern ist, lebt ein beschauliches Leben in Pittsburgh. Henry, der etwas unter dem Pantoffel seiner Frau steht, geht mit dem Hund Rufus raus, fährt zum Baumarkt, repariert alles Mögliche am Haus und sieht sich abends Sport-Reportagen im Fernsehen an. Ab und zu kommt die Verwandtschaft zu Besuch, die nicht immer ganz unkompliziert ist. Und im Sommer geht’s ins Ferienhaus nach Chautauqua. Das ist aber auch schon das Aufregendste im Leben des älteren Paares.

Wie schon in „Emily, allein“ bewährt sich Stewart O‘Nan in der hohen Kunst, einen Roman zu schreiben, in dem eigentlich gar nichts passiert, der aber trotzdem auf keiner seiner vielen Seiten auch nur einen Hauch langweilig ist.

Das liegt vermutlich an dem hohen Identifikations-Potenzial, das der gemütliche, etwas verschrobene, aber insgesamt rundum sympathische Henry verströmt. Weiterlesen

Daniel Kehlmann: Vier Stücke: Geister in Princeton / Der Mentor / Heilig Abend / Die Reise der Verlorenen

Daniel Kehlmann, der besonders mit seinem 2005 erschienenen Werk „Die Vermessung der Welt“ für Furore gesorgt hat, schreibt nicht nur erfolgreich Romane, sondern auch Theaterstücke. Vier davon sind nun in Buchform erschienen und heißen schlicht „Vier Stücke“.

Ein Theaterstück lesend zu konsumieren und nicht als Bühnenfassung, ist per se nicht ganz einfach, weil vieles eben fehlt, was ein Theaterstück ausmacht: die Einfälle des Regisseurs, die schauspielerischen Leistungen mit Gestik, Dramatik, Emotionen und so weiter.

Insofern ist diese Lektüre vielleicht als etwas mühsam zu bezeichnen, obwohl es andererseits falsch wäre, „Geister in Princeton“, „Der Mentor“, „Heilig Abend“ und „Die Reise der Verlorenen“ misslungen zu nennen. Vielleicht lässt sich sagen, dass sie manchmal etwas verschwurbelt sind – zum Beispiel wenn der Protagonist in „Geister in Princeton“ mit seinem jüngeren Ich spricht oder die Akteure sich in „Die Reise der Verlorenen“ aus ihren Rollen lösen und direkt ans Publikum wenden. All das kann mit einem guten Regisseur gelingen, aber gelesen wirkt es gelegentlich etwas überdreht. Weiterlesen

Brian Flynn: Die Morde von Mapleton (1929)

Wie überaus entspannend, wie wohltuend geruhsam. Ein Krimi ohne ständige Handytelefonate, ohne hektische Facebook-Postings, ohne Schießerei und Autojagd. Und ohne einen physisch oder psychisch angeschlagenen Ermittler.

Dieser im Original 1929 erschienene Weihnachtskrimi ist einer aus einer Reihe von Kriminalromanen von Brian Flynn (1885-1958) um die Ermittlerfigur Anthony Bathurst. Ein klassischer whodunnit im Agatha-Christie-Stil. Das heißt mit all den Stereotypen: arroganten Angehörigen der upper-middle-class, undurchschaubaren Geistlichen, ehemaligen Soldaten, entlassenen Sträflingen und zartbesaiteten Damen und Dämchen.

Während der Weihnachtsfeier auf dem Landsitz von Sir Eustace Vernon wird erst der Butler und danach auch noch der Gastgeber ermordet aufgefunden. Der zufällig gemeinsam mit dem Polizeichef vorbeikommende Ermittler – eben jener Anthony Bathurst – folgt daraufhin seiner offensichtlich stets erfolgreichen Spürnase. Diese führt ihn auf all den unübersehbar ausgelegten Spuren und dank seiner genialen Kombinationsgabe natürlich am Ende zum Täter. Weiterlesen

Nicole C. Vosseler: Die Hüterin der verlorenen Dinge

Ivy war zehn Jahre alt, als ihre Mutter Lila spurlos verschwand. Am Morgen war sie noch da und als Ivy aus der Schule kam, war sie nicht mehr auffindbar. Seitdem klammerten sich Ivy und ihr Vater an die Hoffnung, dass Lila eines Tages vielleicht doch noch wiederauftauchen könnte. Doch nach mehr als 13 Jahren möchte Ivys Vater nun endlich nach vorne schauen und mit seiner neuen Partnerin Joy eine Familie gründen. Aus diesen Gründen muss er Lila für tot erklären lassen. In Ivy sträubt sich alles.

Die junge Frau geht einem Hobby der besonderen Art nach. In ihrer Heimatstadt New York sammelt sie verlorene Gegenstände auf. Porzellanfigürchen, liegengelassene Tonträger, Kleidungsstücke. All diese Dinge hortet sie in ihrer Wohnung und schreibt genaustens auf, wann und wo sie sie gefunden hat. Denn sie ist überzeugt, alles, was verloren gegangen ist, findet seinen Platz wieder und hinterlässt eine Spur. Als ihr Vater Ivy die Nachricht seiner neu geplanten Heirat mit Joy eröffnet, nimmt sie endlich allen Mut zusammen und sucht nach Spuren ihrer Mutter. Polizei und Presse waren vor 13 Jahren allerdings sehr gründlich und Ivy sucht nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Weiterlesen

Martin Simons: Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon

Heute Mittag erreichte mich die Nachricht, dass die Frau eines meiner besten Freunde verstorben sei. Von Diagnose und Krankheitsverlauf war das irgendwann zu erwarten, aber trotzdem trifft Dich die Nachricht immer wie ein Hammer. Sofort fand ich mich wieder, denn meine Frau starb vor ziemlich genau neun Jahren. Sehr krank zwar – aber immer „plötzlich und unerwartet“.

Relativ schnell legt sich so eine Art „Welpenschutz“ über dich und du bist froh über die technokratischen Hürden, die jetzt zu bewältigen sind. Bestatter, Ämter, all der Scheiß. Einfach funktionieren! Gleichwohl hast Du von Anfang an das Gefühl, dass neben oder unter dir dieser große, schwarze, tiefe und undurchdringliche See liegt, der von nun an auch an Dir zerrt und dich zu verschlingen droht. Auch ich war schon auf dem Sprung. Ich kenne diesen Sog. Dein Job ist es nun, dem irgendwie zu widerstehen. Sei es durch therapeutische Begleitung oder der Sicherheit mit guten Menschen zu tun zu haben für die du sogar noch Verantwortung hast. Über allem liegt aber ein Thema: die Endlichkeit des Lebens!

Warum diese lange Einleitung? Parallel zu der obigen Nachricht lese ich, wenn es sich nicht so marktschreierisch anhören würde, ein sensationelles Buch zum Thema. Eben die Endlichkeit. Martin Simons ist der, der seine Erfahrungen beschreibt – ausgehend von einem seltsamen Blutgerinnsel, Aneurysma, oder ähnlichem im Hirn, welches bei ihm, grade Mitte 40 oder so, einen Schlaganfall auslöst. Weiterlesen

Joanna Cannon: Drei Dinge über Elsie

Florence ist 84 Jahre alt und lebt in einem Altersheim. Als ein neuer Bewohner einzieht, steht ihre Welt auf einmal Kopf, denn dieser Mann sieht haargenau aus wie jemand, der ihres Wissens 1953 in einem Fluss ertrunken ist. Mit ihrer Freundin Elsie berät sie, was zu tun ist. Und dann begeben sich die Frauen auf die Suche nach der Wahrheit. Das führt allerdings dazu, dass sie sich auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Denn einst passierte etwas Schreckliches, das bis heute nicht ans Licht gekommen ist.

Vielleicht habe ich zu viel von „Drei Dinge über Elsie“ erwartet und wurde deshalb enttäuscht. Alles beginnt erstmal ganz gut. Man lernt Florence kennen, später Elsie. Eine enge Freundschaft verbindet die beiden Frauen, man kann aber auch etwas Seltsames, Unerklärliches spüren. Dann geht bei der Geschichte aber irgendwie was schief. Man liest Kapitel über Kapitel und Kapitel nach Kapitel. Weiterlesen

Cynthia Swanson: Im Wald der Lügen

Subtiles Psychogramm ohne blutiges Gemetzel: Im Wald der Lügen kommt langsam und bedächtig daher – wie sich wiegende Äste im Wind. Doch spürt man die Bedrohung im Unterholz lauern, ohne sie konkret benennen zu können. Zur Story:  Die junge Angie führt mit ihrem gutaussehenden Mann Paul, einem Künstler sowie ihrem kleinen Sohn ein sorgloses Leben. Bis ein Anruf alles durcheinander bringt. Pauls Bruder Henry wurde tot im Wald aufgefunden, seine Ehefrau Silja ist spurlos verschwunden. Daraufhin reist die Familie zu Pauls 17-jähriger Nichte Ruby, um ihr beizustehen. Bald nach der Ankunft mehren sich die Ungereimtheiten. Ruby nimmt das Geschehen teilnahmslos hin. Ist dies der Schock? Steckt etwas anderes dahinter? Weiß Ruby mehr, als sie zugibt? Paul wird immer reizbarer, herrischer und verschlossener. Und der dunkle Wald, der das Haus umgibt, scheint ebenfalls ein düsteres Geheimnis zu hüten… Was ist hier geschehen?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat sich Autorin Cynthia Swanson einer ungewöhnlichen Methode bedient. Sie erzählt den Plot abwechselnd aus Sicht von drei Frauen. Die Gegenwart im Jahr 1960 wird aus Sicht von Angie in der ICH-Perspektive und aus Sicht von Ruby in der dritten Person geschrieben. Die Vorgeschichte wird aus Sicht von Silja erzählt und beginnt zur Zeit des zweiten Weltkrieges, als sich Silja in den charismatischen Soldaten Henry verliebt. Weiterlesen

Rosita Magnus: Der Riese Unta

Der Riese Unta ist einsam. Er sitzt schon so lange am Untersberg, dass er selbst zu Stein geworden ist und sich nicht bewegen kann. Immer wieder sieht er die Kinder unten im Tal spielen und wünscht sich, er könnte dabei sein, doch das ist unmöglich. Ein kleiner Junge, der Franz, gefällt ihm besonders gut. Eines Tages bittet er die Feen, Franz zu ihm nach oben zu bringen – und diese erfüllen ihm seinen Wunsch.

Endlich hat der Riese Unta einen Freund, mit dem er alles teilen kann: seine Geschichten, Geheimnisse und alle Märchen der Berge. Franz ist begeistert, erkundet die tiefen Höhlen des Untersbergs zusammen mit Berggeistern und Zwergen und bemerkt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Doch natürlich kann Franz nicht für immer bei dem Riesen bleiben. Er muss nach Hause, damit sich seine Mutter keine Sorgen macht. Als er schließlich geht, ist Unta untröstlich. Wird Franz etwas einfallen, um den Riesen aus seiner Einsamkeit zu holen? Weiterlesen

Jo Nesbø: Messer: Ein Fall für Harry Hole

Der Norweger Jo Nesbø (Jahrgang 1960) gehört zu den erfolgreichsten internationalen Krimischreibern. Seine Harry-Hole-Reihe hat Kultstatus. Bei Ullstein Buchverlage ist am 27. August 2019 Fall Nummer 12 mit dem Titel „Messer“ in einer Übersetzung von Günther Frauenlob erschienen.

Harry Hole ist an einem weiteren Tiefpunkt seines Lebens angelangt: Rakel hat ihn rausgeschmissen, er trinkt wieder und sein Job an der Polizeihochschule ist auch futsch. Harry weiß nicht, warum Rakel sich von ihm getrennt hat. Er versinkt in Selbstmitleid und noch mehr Alkohol. Dann erreicht ihn die schlimmste aller Mitteilungen: Rakel wurde ermordet. Und Harry hat den Abend und die Nacht im Vollrausch verbracht, er erinnert sich an nichts. Die Ermittlungen beginnen. Katrine Bratt, Harrys Chefin,  muss ihn suspendieren. Sie ist inzwischen mit Björn Holm, dem Kriminaltechniker verheiratet. Die beiden haben einen kleinen Sohn. Auch Ole Winter vom Kriminalamt wird eingeschaltet. Es gibt keine Spuren. Aber Harry Hole hat einen Verdacht: Svein Finne, der Vergewaltiger und Mörder, den Hole ins Gefängnis brachte. Harry vermutet Rache als Svein Finnes Motiv, weil Harry dessen Sohn Valentin Gjertsen erschossen hat.

Svein Finne spielt sein eigenes makabres Spiel. Doch dann gerät Rakels Chef Roar Bohr in den Fokus der Ermittlungen. Harry Hole folgt seinem Bauchgefühl, unterstützt von Kaja Solness, seiner  Ex-Kollegin und Ex-Freundin und Alexandra Sturdza von der Rechtsmedizin. Bald entsteht in Hole ein ungeheurer Verdacht, Weiterlesen

Mick Schulz: MS Mord – Tödliches Nordlicht

Da hat ein Autor seine neue „Nische“ im Genre Kriminalroman gefunden. Der 1959 in Bonn geborene Mick Schulz veröffentlicht seinen zweiten Kreuzfahrt-Krimi. Ermutigt durch den großen Erfolg des ersten (2018 veröffentlichten) Bandes der MS Mord Reihe, nimmt er nun seine Leserinnen und Leser mit auf die legendäre Postschiffroute entlang der norwegischen Küste. Werden die Reisenden mit dem einzigartigen Naturschauspiel der Aurora Borealis, dem flackernd grünen Polarlicht belohnt?

Der Autor kennt den Weg! Dies spürt der Leser recht schnell. Der Autor weiß, wovon er schreibt. Er ist schon auf den Postschiffen der Hurtigruten gefahren. Er kennt die Häfen, Städte und Routen. Und noch etwas ist zu spüren, wenn man Mick Schulz ließt. Der Autor ist ein echtes Multitalent: Er liebt die Literatur, er kennt sich aus in der Philosophie und er ist musikalisch begabt. Darum studiert er Musik und erlernt das Dirigat am »Mozarteum« in Salzburg. Schulz geht an die Oper, ohne jedoch seine literarische Ader zu vernachlässigen. So ist es nur eine Frage der Zeit, dass er das Schreiben als neue Passion für sich entdeckt. Er verfasst Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane. Im Harz schlägt er neue Wurzel. Ob der Autor auch im Krimi-Genre weitere Wurzel treibt, wird auch die Lektüre von „MS-Mord – tödliches Nordlicht“ zeigen. Weiterlesen