Kerstin Gier: Wolkenschloss

Mit gerade 17 ist Fanny von zu Hause mehr oder weniger geflüchtet. So ist sie als Jahrespraktikantin auf dem Wolkenschloß gelandet. Ein ehrwürdiges, altes Berghotel, das schon viel gesehen hat. Leider hat es seine besten Jahre schon lange hinter sich. Aber jetzt zu Weihnachten und vor dem großen Silvesterball ist es immer noch ein magischer Ort. Stammgäste und neue Gäste trudeln ein und wollen versorgt sein. Zwar läuft Fannys Aufgabe als Kindermädchen erst mal gründlich schief, aber dabei lernt sie immerhin den Hotelerben Ben kennen. Und dann ist da noch das geheimnisvolle russische Ehepaar mit dem kleinen Mädchen und als alle Straßen zugeschneit sind, geht die Geschichte vom Hotel-Entführer rund, der es dieses Jahr ausgerechnet auf das Wolkenschloß abgesehen hat. Weiterlesen

Ned Beauman: Glow

Ned Beaumans Roman „Glow“, der jetzt als Taschenbuch im Hoffmann & Campe-Ableger Tempo erschienen ist, beginnt vielversprechend. Ein junger Londoner namens Raf mit Schlafstörungen verliebt sich auf einer illegalen Party in einem Waschsalon Hals über Kopf in eine atemberaubend schöne Frau. Man erwartet einen coolen Roman aus der englischen Jugendszene mit viel Drive, Gefühl und London-Flair – und wird bitter enttäuscht.

Es geht nach diesem ersten guten Kapitel weiter mit seitenlangen Beschreibungen von Wirkstoffen in irgendwelchen Drogen, deren Namen man noch nie gehört hat. Das liest sich genauso spannend wie ein Chemiebuch. Einer neuartigen Droge namens „Glow“ scheint dabei eine besondere Bedeutung zu haben. Hinzu kommt ein kruder und äußerst verzwickter Handlungsstrang über eine Firma, die vor illegalen Machenschaften inklusive Entführungen und Misshandlungen nicht zurückschreckt. Auch der Ferne Osten in Gestalt des Staates Burma kommt vor. Weiterlesen

Aliette de Bodard: Das Haus der gebrochenen Schwingen

Sechzig Jahre ist es her, dass die Welt, wie sie einmal war, in Trümmer fiel. Die Europäischen Metropolen, sei es London, Madrid oder Paris liegen seitdem darnieder, die zerstörten Gebäude wurde bis heute nicht wieder aufgebaut. Willkommen in Paris, der einstigen Stadt der Liebe, des savoir-vivre und der Kunst. Mittlerweile geht es nur mehr darum hier zu überleben. Immer wieder fallen Engel, der meisten ihrer Kräfte beraubt, vom Himmel, die Banden sind schnell zu Stelle, deren Blut, Haut und Knochen in denen die Engelsmagie ruht, aufzusammeln. Zu Beginn lernen wir denn auch unsere Hauptpersonen kennen; Philippe, dereinst, vor seiner Verbannung zauberkräftiger Angehöriger des Haushalts des Jadekaisers, Isabelle, die just gefallene Engel und die Alchemistin Madelaine, die der süchtig machenden Engels-Essenz hilflos verfallen ist. Weiterlesen

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Wenn man sagt, das etwas des Guten zu viel ist, dann meint man doch, dass da zwar was etwas Gutes als Grundlage da ist, aber durch das zu viele Gute etwas sich selbst verwässert. Verständlich? So ging es mir nach diesem Büchlein von Jocelyne Saucier, einer Frankokanadierin, die folgende gute Geschichten,  in einen Roman packt: 1. Eine Geschichte dreier alter Männer, die der Zivilisation den Rücken gekehrt haben und  so etwas wie ein eigenes Palliativzentrum als Einsiedelei für sich aufgebaut haben, um – sagen wir – in Ruhe zu sterben. 2. Eine Geschichte über Feuersbrünste in Kanada am Anfang des 20. Jahrhunderts mit vielen Toten, aber auch ein paar Überlebenden, einer davon ist oder war einer der alten Männer. 3. Die Geschichte einer zierlichen alten Dame, die drei Viertel ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat. 4. Ein Fotografin, die reges Interesse an den Überlebenden der Feuersbrünste hat und deren Geschichte dokumentieren will. Weiterlesen

Andreas Eschbach: Submarin

Mit ‚Submarin‘ hat Andreas Eschbach nun einen Folgeband zu seinem 2015 erschienenen Jugendbuch ‚Aquamarin‘ geschrieben. Die Handlung des Buches setzt da ein, wo sie im ersten Band zu Ende ging: das Mädchen Saha macht sich auf die Suche nach ihrem Vater, einem sogenannten Submarin.

Submarins sind durch genetische Manipulationen entstandene Menschen, die aber nur unter Wasser leben können und, nach der Idee ihrer Schöpfer, die Meere besiedeln sollen. An der Luft können nur einige wenige von ihnen für kurze Zeit überleben. Sahas Vater gehörte dazu. So geschah es, dass Sahas Mutter eine Landbewohnerin war und sie selbst nun sowohl über Lungen als auch Kiemen verfügt und in beiden Lebensräumen zurechtkommt. All dies erfuhr Saha in ‚Aquamarin‘, nachdem sie ihre Kiemen zunächst für Narben eines Unfalls gehalten und erst nach und nach mehr über sich und die Submarins herausgefunden hatte. Weiterlesen

Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers

Sten Nadolny (75) ist 1983 mit „Die Entdeckung der Langsamkeit“ berühmt geworden. In seinem neuen Roman geht es zauberhaft zu. Zauberer Pahroc hat im Alter von über 100 Jahren das Bedürfnis, seiner Enkelin Mathilda Briefe zu schreiben, die sie in ferner Zukunft – wenn sie volljährig ist – lesen soll. Darin beschreibt der hochbetagte Senior sein Leben und erklärt ihr die wichtigsten Zauberkünste. Dieses Zaubern ist hier durchaus wörtlich gemeint und bezieht sich nicht auf irgendwelche Zirkustricks. Pahroc kann fliegen, durch Wände gehen, Geld in unbegrenzter Menge herstellen und vieles mehr. Das verleiht dem Buch einen angenehm surrealen, manchmal märchenhaften Glanz mit Ironie und leisem Humor.

Dennoch ist „Das Glück des Zauberers“ kein verkappter „Harry Potter“. Im Mittelpunkt stehen die deutschen Geschehnisse im 20. Jahrhundert von der Zwischenkriegszeit in den 20ern, über Nazizeit und Krieg in den 30er- und 40er-Jahren bis bin zu den Studentenunruhen und der Gegenwart mit Flüchtlingen und Terror. Weiterlesen

Isabell May: The Chosen One

Skadi ist eine der Glücklichen in ihrem Land, denn sie ist eine Ausersehene – eine Ausersehene, keine Auserwählte, denn es war die Natur selbst, die sie befähigte, als eine der wenigen Frauen Kinder gebären zu können. Vor Jahrzehnten hat eine geheimnisvolle Krankheit die Zahl der Bewohner merklich dezimiert und als die Seuche vorbei war, waren die meisten Frauen unfruchtbar. Aber Skadi ist nicht wirklich glücklich mit ihrem Leben im goldenen Käfig und bricht eines Tages aus.

Die Geschichte ist spannend erzählt und auch die Erlebnisse nach Skadis Flucht aus der Burg haben mir gefallen. Was mir allerdings weniger gefallen hat, ist die Unausgegorenheit des Settings. Das Land und seine Herrscherin sind unverzichtbarer Teil der Geschichte, umso ärgerlicher, dass gerade hier die Entwicklung so viele Lücken aufweist. Weiterlesen

Lydia Conradi: Das Haus der Granatäpfel

Smyrna, 1912: Klara Reinecke durfte sich in ihrem Leben bisher fast alles aussuchen. Auch ihren Ehemann möchte der Vater ihr deshalb kaufen. Als sie sich für Peter Delacloche, den Sohn eines Kaufhausmagnaten, entscheidet, ist Klaras Vater mehr als angetan, auch wenn dies bedeutet, dass seine Tochter von Deutschland ins ferne Smyrna, das heutige Izmir und mittlerweile Teil der Türkei, ziehen wird. Doch die Ehe ist für Klara nicht von Freude gekrönt und sie langweilt sich. In Smyrna verliebt sie sich in den jungen Arzt Sevan, der aber ebenfalls mit seiner großen Liebe verheiratet ist.

Was sich in der Kurzzusammenfassung liest wie die Neuauflage von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ entwickelt sich dann doch sehr positiv. Charlotte Lyne schreibt hier unter dem Pseudonym Lydia Conradi und man merkt schnell, dass sie ihr Handwerk bestens versteht. Weiterlesen

Leigh Bardugo: Glory or Grave 01: Das Lied der Krähen

Auf der Welt gibt es zwei Paar von Menschen – solche, die es nie zu etwas bringen, die immer nur buckeln und sich abrackern und die, die ganz oben schwimmen. Kaz Brekker war einst ein einfacher Bauernjunge, der nach dem Tod seiner Eltern zusammen mit seinem großen Bruder nach Ketterdam kam. Hier, in der pulsierenden Küstenstadt wollten sie aus dem Wenigen, was ihnen der Verkauf des Hofes eingebracht hatte ihr Glück an der Börse machen. Dumm, dass der Plan schief ging, der Bruder von einem der Ganoven über den Tisch gezogen wurde und dann an einer Seuche grausam zugrunde ging.

Seitdem hat Kaz nur zwei Dinge im Kopf – reich, unermesslich reich zu werden und Rache an dem Betrüger, der sie einst ausnahm wie die sprichwörtliche Gans, zu nehmen. Er hat sich in und durch seine skrupellose Art zur rechten Hand eines der Bandenchefs des Hafens heraufgearbeitet, handelt mit Informationen und weiß über die Geheimnisse eines Jeden Bescheid. Weiterlesen

Nicol Ljubić: Ein Mensch brennt

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubić (Jahrgang 1971) kam 1988 nach Deutschland und lebt aktuell in Berlin. In seinen Büchern verknüpft er Dokumentation und Fiktion wie zuletzt in seinen Romanen „Als wäre es Liebe“ (2012) und „Meeresstille“ (2010). In seinem neuesten Werk „Ein Mensch brennt“, das am 8. September 2017 bei dtv erschienen ist,  hat er mit Hartmut Gründler, einem (eher unbekannten) Politikaktivisten der 1970er Jahre, eine wahre Figur zum Dreh- und Angelpunkt seines Romans gemacht. Gründler verbrannte sich am 16. November 1977 in Hamburg aus Protest gegen die Atompolitik des damaligen deutschen Kanzlers Helmut Schmidt selbst. Ljubić widmet das Buch einem Zeitgenossen und Weggefährten Gründlers, dem inzwischen verstorbenen Wilfried Hüfler aus Tübingen, der ihn bei seinen Recherchen zur Person Hartmut Gründler intensiv unterstützte. In „Ein Mensch brennt“ trifft Hartmut Gründler auf die fiktive Familie Kelsterberg. Weiterlesen