Maryse Condé: Mein Lachen und Weinen: Wahre Geschichten aus meiner Kindheit

„Wahre Geschichten aus meiner Kindheit“ erzählt Maryse Condé in diesem Buch – und die sind so berührend wie unterhaltsam, so verstörend wie komisch. Das pure Leben. Zu Beginn erlauben die Eltern ihrer jüngsten Tochter Maryse – einer Nachzüglerin, die lange nach ihren sieben Geschwistern geboren ist – nur wenige selbständige Blicke über den Tellerrand. Einzig in der näheren Umgebung darf sie sich alleine bewegen, zur Vorschule gibt es für die ganze Kinderschar aus dem Viertel Begleitung durch ein Dienstmädchen. Aber das muss sorgfältig ausgewählt werden: Nicht zu übermütig soll es sein und nicht zu jung und Unterhaltungen mit Kavalieren an Straßenecken sind ebenfalls nicht gern gesehen.

Mit wem man selbst – und auch die Bediensteten – Umgang pflegt, ist wichtig. Schließlich gehören die Condés zur Oberschicht in Guadeloupe, wenn auch zur schwarzen. Die Mutter und der Vater haben sich hochgearbeitet und sind stolz auf ihre Leistung. Am liebsten würden sie in Frankreich leben. Was anderen eine verhasste Kolonialmacht ist, ist ihnen ein Traumland, das sie regelmäßig besuchen. Selbst 1946, kurz nach dem zweiten Weltkrieg, reisen sie mit ihrer kleinen Tochter dorthin und erleben den alltäglichen Rassismus, der scheinbar an ihnen abperlt, Maryse aber bestürzt. Nachdem ein Kellner sie für ihr gutes Französisch gelobt hat, weil er sie für Ausländer hält (oder einfach für ungebildet), entwickelt sich folgender Dialog: „‚Wir sind aber doch genauso Franzosen wie sie‘, seufzte mein Vater. ‚Französischer‘, trumpfte meine Mutter heftig auf. Zur Erklärung fügte sie hinzu: ‚Wir sind gebildeter. Wir haben bessere Manieren. Wir lesen mehr. Manche von ihnen sind nie aus Paris hinausgekommen, während wir den Mont-Saint-Michel, die Côte d’Azur und die Baskenküste kennen.‘“ (Kapitel „Familienporträt“, Seite 13) Weiterlesen

Daniel E. Palu: Tod im Alten Land

Daniel E. Palus Erstlingsroman „Tod im Alten Land“ führt LeserInnen wie Protagonist Hauptkommissar Gabriele Berlotti in die als Obstanbaugebiet bekannte Region nahe Hamburg. Berlotti gibt sich betont ambivalent: Auf der einen Seite freut es ihn, die Heimat wiederzusehen, alten Freunden zu begegnen und sich um den Vater kümmern zu können. Auf der anderen Seite stehen seine leicht demente, unwiderstehlich energiegeladene Mutter und die Erinnerung an seine tote Schwester.

Berlotti ist ein Kind italienischer Eltern, liebt Espresso, Pizza und andere italienische Köstlichkeiten. Dabei fühlt er sich weder als Italiener noch als Deutscher. Der Hauptkommissar ist Norddeutscher und ein Kriminalist von herausragendem Ruf, fährt einen Fiat, ist geschieden und hält nichts von Techtelmechtel im Kollegenkreis.

Gleich zu Beginn wird Berlotti zu einem Mordfall gerufen. Der Fall spielt im Journalistenmilieu im Vorfeld der Hamburger Bürgerschaftswahlen und thematisiert zeitgemäß Rechtspopulismus und Fake-Fakten. Weiterlesen

Samantha Shannon: Die Königin 02: Der Orden des geheimen Baumes

Zwei Reiche, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Westen wird seit Generationen von einer gottgleich verehrten Herrscherin geführt und geschützt. Es geht die Mär, dass das Reich so lange eine Königin von ihrem Geblüt auf dem Thron sitzt, vor den Drachen sicher sei. Einst, vor langer Zeit, in einem Krieg der ob seiner vielen Opfer nie vergessen wurde, schlugen die intelligenten Lindwürmer gnadenlos zu. Nur durch das mutige Entgegentreten der ersten der Berethnets konnte die Gefahr gebannt werden – so zumindest die Überlieferung. Seitdem schlafen die Drachen in den tiefen, schwarzen Meeren und warten auf die Zeit, da es wieder so weit ist, dass sie ihre grausame Herrschaft über die Reiche der Menschen antreten.

Königin Sabran Berethnet soll endlich ehelichen – so der Wunsch des gesamten Hofs, natürlich inklusive der grauen Eminenz, des Strippenziehers und Leiters des Geheimdiensts. Dass seit Monaten immer wieder versucht wird, die Königin zu meucheln hält eine ihrer Hofdamen ganz schön in Trab.

Ead wurde am Hof eingeschleust, um die Königin zu bewachen. Niemand darf wissen, dass sie die verpönten magische Kräfte ihr Eigen nennt, niemand, dass sie vom Orden des geheimen Baumes gesandt wurde. Als die Königin einen aufrechten Prinzen ehelicht und in anderen Umständen ist, feiert das ganze Land. Ein Festzug durch die Massen soll das frohe Ereignis gebührend feiern – eine Chance für die Attentäter erneut zuzuschlagen. Weiterlesen

Charlotte McConaghy: Zugvögel

Am Ende war ich doch insgesamt enttäuscht. Denn alles fing relativ spannend an. Eine Frau erzählt die Geschichte ihres dramatischen Lebens. Aber im Laufe des recht umfangreichen Romans, stellte sich bei mir eine gewisse Langeweile ein, aber fangen wir mal vorne an. Zum Backround: wir befinden uns in einer Zeit, bei der auf der Erde auf Grund des Klimawandels, des Plastikmeeres und des Artensterbens, quasi nur noch der gierige Mensch herumtappert. Es geht also um die Zeit nach dem alles „gekippt“ ist, also alles unumkehrbar ausgerottet ist, was so auf der Welt mal kreuchte und fleuchte. So gut wie keine Fische -, keine wilden Tiere und (fast) keine Vögel mehr  Eine Science Fiction Dystopie wie sie im Buche steht. (!) Raten wir mal, dass es sich um das Jahr 2070 handeln muss, oder etwas später. In dieser Endzeit lebt also Franny, bzw. wächst auf als eine Art Mischung aus Pippi Langstrumpf und Arielle der kleinen Meerjungfrau. Später dann eher als eine weibliche Form des Neptuns, wütend und unberechenbar! Franny hat schon als Kind eine intensivste Beziehung zu allem was lebt – und stirbt fast, wenn sie ein totes Tier sieht, vor allem wenn es ein Vogel ist. Weiterlesen

Simon Beckett: Versteckt

… Ich kann mich nicht wirklich als Kurzgeschichtenautor bezeichnen. Die meisten … werden nie vollendet … während ich voll und ganz auf das Buch fokussiert bin. … Oft bleiben sie, wie sie gerade sind, … unter der Rubrik ‚Für später‘ …“ (Vorwort, S. 7)

„Für später“ ist in Simon Becketts aktuellem Buch gerade wahr geworden. Dank der Begleitumstände von Corona. Seine Kurzgeschichten wurden von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzt

Der Autor dürfte jeder/m LiebhaberIn von Kriminalromanen bekannt sein. Simon Beckett nannte seinen schmalen Kurzgeschichtenband »Versteckt«, weil nicht nur seine Texte in der berühmt-berüchtigten Schublade ruhten sondern auch wegen der darin verborgenen Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten.

Natürlich packt er diese Geheimnisse in Mordgeschichten, die so unerwartet in das Leben der Protagonisten eindringen, dass die Betroffenen viel zu spät die Verbrechen als solche erkennen. Weiterlesen

Han Kang: Weiß

Weiß wurde zu ihrer Projektionsfläche. Das reine Weiß, zart und zerbrechlich steht für ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit und für Gegenstände, die mit der Farbe assoziiert werden können. Die Ich-Erzählerin leidet unter einer starken Migräne. Schon lange sucht sie nach erlösenden Gedanken und flieht in ein anderes Land, um in der Zurückgezogenheit klärende Einsichten unter anderem im Betrachten des Schnees zu finden.

„… Sie sitzt an ihrem Schreibtisch wie jemand, dem noch nie Leid geschehen ist. Nicht wie jemand, der gerade geweint hat oder es noch tun wird.“ (S. 105)

Der Trost der Vergänglichkeit tröstet sie nicht, denn …

„… Ich habe es noch nicht geschafft, mit mir ins Reine zu kommen.“ (S. 114)

Die Künstlerin und Autorin Han Kang gilt in Korea als wichtige Stimme. Mit ihrer Lyrik wurde sie 1993 bekannt, danach wechselte sie zur Prosa. In ihrem aktuellen Buch vereint sie Textminiaturen mit Elementen der Lyrik, die von Ki-Hyang Lee übersetzt wurden. Alle Kapitel zusammen könnte man mit einem Windspiel vergleichen, dass, mal hin und hergerückt, schließlich ein Gesamtbild kreiert. Weiterlesen

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Mal unter uns, wer wusste über diesen Teil des Zweiten Weltkriegs Bescheid, dass die Sowjetunion in den vierziger Jahren Finnland annektieren wollte und die Finnen wiederum sich hilfesuchend an die Waffenbrüder des Nazideutschlands gewandt haben, um ihre Unabhängigkeit zu behalten, was ja, und das lag ja in der Natur des Nazi Verbrecher- und Mordregimes, a priori nicht möglich ist. (Also ich sag mal so, bei Jauch wäre ich früh gescheitert). Das als Hintergrundinfo zu einer bewegenden Geschichte, bzw. drei verschiedenen Geschichten, bei denen es allerdings immer um die gleiche Frau geht – die wiederum aber nicht zu Wort kommt. Als erster spricht Viljami zu uns, ein einfacher finnischer Bauernsohn, der, und er kann sein Glück nicht wirklich fassen, Lempi zur Frau bekommt, weil SIE das so wollte.

Lempi ist klug reizvoll und eigentlich „zu höherem“ berufen, als zu einer biederen Farmersfrau. Aber die beiden heiraten tatsächlich, haben ein schönes Jahr zusammen, dann muss Viljami an die Front. Er schildert vor allem seine Rückkehr drastisch und unendlich niedergeschlagen; vom Verlust seiner selbst und vor allem, vom Verlust seiner Frau Lempi. Weiterlesen

Peter Stamm: Wenn es dunkel wird: Erzählungen

Unheimliche Geschichten seien in dem Erzählband „Wenn es dunkel wird“ von Peter Stamm versammelt, heißt es im Klappentext. Das Element des Unheimlichen kommt hier jedoch eher auf leisen Sohlen – oft fast unbemerkt – daher. Geister, Zombies und Vampire sucht man vergebens.

Am stärksten ist es vermutlich in der Geschichte „Supermond“ vertreten, als ein Mann, der kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand steht, mehr und mehr verschwindet. Seine Kollegen und auch seine Frau nehmen ihn immer weniger wahr – eine Art von Horror, mit der in milderer Form sicherlich auch im richtigen Leben so mancher Arbeitnehmer in einer vergleichbaren Situation zu kämpfen hat.

Besser ließe vielleicht von etwas „Untergründigem“ sprechen, das sich in auf den ersten Blick ganz normale Begebenheiten schleicht.

Wir treffen zum Beispiel eine junge Frau, die für eine Skulptur Modell steht und später eine fast schon krankhafte Hingezogenheit zu ihrem kunstvollen Ebenbild entwickelt, oder eine andere Frau, die sich beim Landgang einer Schiffsreise plötzlich in der Wohnung eines geheimnisvollen Wahrsagers wiederfindet. In einer weiteren Geschichte gibt sich ein Ehemann für den Liebhaber seiner Frau aus und tauscht mit ihr zweideutige E-Mails. Weiterlesen

Hans Rosenfeldt: Wolfssommer

Er wollte bei einer Drogenübergabe alles für sich allein. Um an das Geld und die Drogen heranzukommen, ging er über Leichen. Er tötete die Kunden seines Chefs und seine Kollegen. Es hätte das große Ding seines Lebens werden können, wenn der Wagen nicht auf einem einsamen Waldweg eine Panne gehabt hätte. Die finnische Grenze hatte er bereits hinter sich gelassen. Zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Nacht, wusste in Schweden niemand, wer er war. Eigentlich die idealen Bedingungen, unerkannt zu fliehen, wenn nicht zu der Wagenpanne in der Nähe der Stadt Haparanda noch ein Unfall hinzugekommen wäre. Der Unfallverursacher hätte die Polizei rufen und einen toten Fremden melden können. Aber er tat es nicht. Der unerwartete Reichtum in dem anderen Fahrzeug und die juristischen Folgen seiner Ehrlichkeit verleiteten ihn zu schweigen. Wie so oft in seinem Leben entschied der Finder sich für den scheinbar leichtesten Weg.

Doch die Tradition der falschen Entscheidungen hat nun tödliche Folgen, weil unglückliche Zufälle eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang setzen. Erschreckend schnell sucht sowohl die Polizei als auch eine russische Profi-Killerin nach ihm. Weiterlesen

Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street

Ein weiteres Debüt aus Kanada. Und was für eins. Die in Deutschland geborene Autorin, die als Regisseurin preisgekrönte Filme drehte, erzählt uns in ihrem fesselnden Roman das Psychogramm einer Familie. Dabei zeichnet sie so wunderbare Figuren und entwirft so bildhafte Szenen, dass die Leserin manches Mal nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll.

Die Familie, um die es geht, besteht aus so präzisen wie individuellen Charakteren, deren liebenswerte Egozentrik, würde man diesen Menschen im echten Leben begegnen, einen doch gelegentlich auf die nächste verfügbare Palme treiben würde.

Dabei dreht sich alles um den kleinen Tom, 9 Jahre alt und schwer traumatisiert. Seit er mitbekam, wie sein Vater seine Mutter erschlug und anschließend sich selbst erschoss, spricht er kein Wort. Er verkriecht sich in sich selbst, saugt permanent an seinem Daumen und fügt sich immer wieder möglichst heftige Schmerzen zu. Tom kommt zuerst zu seiner Tante Sonya, der ältesten Schwester seiner Mutter. Doch sie scheitert an dem Verhalten des Jungen, ist sie doch mit sich selbst ganz und gar nicht im Reinen.

Daraufhin wird Tom bei Rose einquartiert, der zweiten Schwester seiner Mutter. Diese lebt zusammen mit ihrem 15-jährigen Sohn Nick und ihrem Bruder Will in ihrem ehemaligen Elternhaus. Weiterlesen