James Wood: Upstate

Auch wenn Alan Querrys Töchter längst erwachsen sind, macht er sich Gedanken um deren Zukunft und Wohlergehen. Tochter Helen hat einen erfolgreichen Weg in der Londoner Musikbranche gefunden. Tochter Vanessas Leben dagegen ist von Tristesse geplagt. Bereits als Kind war sie eher introvertiert und hatte sich in ihre Bücherwelt zurückgezogen. Immerhin lehrt sie heute als Philosophie-Dozentin an der Universität Saratoga Springs nördlich von New York.

Eine besorgniserregende Nachricht von Vanessas Freund Josh veranlasst Alan und Helen, von Großbritannien in die USA zu Vanessa zu reisen. War es wirklich nur ein unglücklicher Treppensturz, bei dem sie sich das Handgelenk gebrochen hat, oder hat sie gar einen Selbstmordversuch unternommen? Vor Ort bei Vanessa scheint vordergründig alles in bester Ordnung. Dennoch, vage Vermutungen und weitreichende, auch philosophische Gedanken bleiben, was in vielen Dialogen, der Schuldsuche Alans bei sich selbst und weiteren Überlegungen zum Ausdruck kommt. Hat Vanessa die frühe Trennung und den Tod der Mutter nicht verkraftet? Warum leidet sie immer wieder unter Depressionen? Warum kommt Helen so viel besser im Leben zurecht? Kann man Glücklichsein erlernen? Wird einem die Melancholie in die Wiege gelegt? Weiterlesen

Luisa Neubauer & Alexander Repenning: Vom Ende der Klimakrise: Eine Geschichte unserer Zukunft

Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.    Art 20a, Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Luisa Neubauer, 23, gilt als das deutsche Gesicht der Fridays for Future-Bewegung. Sie wird auch immer wieder als die deutsche Greta Thunberg bezeichnet. Luisa Neubauer studiert Geographie.

Alexander Repenning, 30, ist Soziologe und arbeitet u.a. für die Right Livelihood Foundation, den Alternativen Nobelpreis.

Die beiden haben, wie der Deutschlandfunk es nennt, das „Manifest der Fridays for Future-Bewegung“ geschrieben. Sie klagen an in diesem Buch, sie mahnen, sie sind wütend und sie finden deutliche Worte. Aber sie führen auch nüchterne, gut recherchierte, fundierte Fakten an. Und vor allem vermeiden sie übergroßen Pessimismus, allerdings ebenso den unangebrachten Optimismus. Sie bezeichnen sich selbst als Possibilisten. Ein Possibilist sieht Möglichkeiten. Es liegt an jedem selbst, ob sie verwirklicht werden.

Und daher erklärt sich auch der Titel ihres Buches. Sie sehen die Möglichkeiten, die wir noch haben, ein Ende der Klimakrise zu erreichen. Aber wir müssen handeln. Jetzt.

„Wir sind die Ersten, die die Klimakrise zu spüren bekommen und die Letzten, die noch etwas ändern können“, sagt Luisa Neubauer. Weiterlesen

Alexa Hennig von Lange: Die Weihnachtsgeschwister

Weihnachten, das Fest der Liebe, harmonisch gefeiert im familiären Kreis? Wohl eher die Ausnahme. Sind es meist Generationenkonflikte zwischen Eltern und Kindern, so lässt es Alexa Hennig von Lange in ihrem neuen Buch zwischen den Geschwistern Tamara, Elisabeth und Ingmar eskalieren. In Ihrer Kindheit ein Herz und eine Seele, haben sie sich im Laufe der Zeit auseinandergelebt. Seit Jahren ist Dauerstreit angesagt, sobald die drei Geschwister im Elternhaus eintreffen. Wie konnte es soweit kommen? Was hat einen Keil zwischen sie getrieben? Auf äußerst empathische und reflektierte Weise geht die Autorin diesen Fragen auf den Grund.

Nein, sie stammen nicht aus einer dysfunktionalen Familie, stellt die sensible Elisabeth in ihrem alten Zuhause fest. Ihre Eltern haben ihnen eine behütete Kindheit geboten. Viele schöne Erinnerungen sind in ihrem Elternhaus verankert. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Der Walnussbaum, auf dem sie in ihrer Kindheit herumgeklettert ist, steht noch genauso wie ihre selbstgemalten Kunstwerke aus dem Kindergarten. Ihr Elternhaus wäre der ideale Ort, um Kraft zu tanken. Wenn da nur nicht die streitsüchtigen Geschwister wären! Diese sind mittlerweile zwischen Mitte Dreißig und Anfang Vierzig, verheiratet, haben eigene Kinder, stehen im Berufsleben. Von dem einstigen Band ist allerdings nichts mehr zu spüren. Weiterlesen

Kari Herbert: Rebel Artists: 15 Malerinnen, die es der Welt zeigten

Kennen Sie die Mumins, diese nilpferdartigen, liebenswerten Fantasiefiguren aus der Feder von Tove Jansson, die kraftvollen Bilder von Frida Kahlo oder die riesigen Blumen-Gemälde von Georgia O’Keeffe? Sagen Ihnen die Namen Barbara Hepworth, Ljubow Popowa oder Yayoi Kusama etwas?

Falls nicht, gewährt Ihnen Kari Herbert in ihrem Buch Rebel Artists einen Blick in die Geschichten dieser Künstlerinnen und ihrer Werke. Und falls Sie sie kennen: Umso besser, dann treffen Sie bei den Rebel Artists alte Bekannte und erfahren vielleicht etwas Neues über sie. Dieses Buch zur Hand zu nehmen, lohnt sich auf jeden Fall für Sie, wenn Sie an Kunst interessiert oder einfach nur neugierig sind auf Frauen, die etwas Außergewöhnliches geschaffen haben.

Kari Herbert wirft in ihren nur wenige Seiten umfassenden, oft poetischen Porträts Blitzlichter auf das Leben und Schaffen von 15 Künstlerinnen. Sie beschreibt sie nicht ausführlich und umfassend, sondern dringt zur Essenz der Persönlichkeiten und künstlerischen Ansätze vor. Sympathisch finde ich, dass sie das in einer sehr einfachen Sprache macht, die auch Menschen verstehen können, die sich bisher nicht mit Kunst beschäftigt haben – egal ob jung oder älter. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser fast schon kindlichen Ausdrucksweise, haben mich die Porträts tief beeindruckt und animiert, mich mit einigen Künstlerinnen eingehender zu beschäftigen. Weiterlesen

Fenja Lüders: Speicherstadt-Saga 01: Der Duft der weiten Welt

„Der Duft der weiten Welt“ ist der erste von drei Bänden aus der „Speicherstadt-Saga“-Trilogie. Zu Beginn wird die Protagonistin Mina in ihrer Jugend vorgestellt. Sie lebt 1912 in Hamburg und träumt davon, zu studieren, vielleicht Medizin. Doch ihr Vater hat andere Ideen für die junge Frau und möchte sie in ein Pensionat schicken, damit sie alle wichtigen Fertigkeiten für die Ehe und ein Leben in der Gesellschaft lernt. Als ihr Kumpel Edo, der ebenfalls im Kaffeekontor des Vaters arbeitet, ihr auch noch schöne Augen macht und mit Mina nach Amerika auswandern möchte, ist das Chaos perfekt. Doch ein Schicksalsschlag bestimmt schließlich Minas Lebensweg maßgeblich.

Anfangs konnte mich „Der Duft der weiten Welt“ nicht wirklich packen. Mina wird wie eine kleine Art Rebellin vorgestellt. Sie setzt sich über die Anweisungen ihrer Großmutter hinweg, hat als Halbwaise keine Mutter mehr und ist einfach nur gegen alles, was für sie vorgesehen ist. Wo das enden wird, ist vorhersehbar. Am Ende erfindet Fenja Lüders, die in Friesland aufwuchs, das Rad tatsächlich nicht neu, „Der Duft der Welt“ wird aber noch überraschend gut. Am Anfang sollte man sich nicht täuschen lassen von der Story, die auf ein bestimmtes Ziel zusteuert. Denn dort kommt Mina beileibe niemals an. Ein Schicksalsschlag in der Familie sieht etwas anderes für sie vor und die Autorin überrascht ihre Leserinnen zumindest ein klein wenig. Weiterlesen

André Wiersig & Erik Eggers: Nachts allein im Ozean

„… Wenn man allein schwimmt, gibt es niemanden, dem man das alles erzählen könnte.“ (S. 32) André Wiersig war als Soloschwimmer unterwegs, um die berühmt-berüchtigten Oceans’s Seven zu durchqueren. Er schaffte alle beim ersten Versuch unter zum Teil lebensgefährlichen Bedingungen. Der ehemalige Leistungsschwimmer und Ironman begann – sportlich gesehen – im ruhigen Fahrwasser. Im Februar 2011 wollte er in einer Bucht auf Ibiza zu einer 400 Meter entfernten Boje schwimmen und scheiterte an dem 14 Grad warmen Wasser. Dies wurmte ihn so sehr, dass er seinen Körper auf Kälte zu trainierte. Ein Jahr später schaffte er die Strecke.

Wie so oft kommt eines zum anderen. Bei André Wiersig war es der unbescheidene Wunsch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Die Distanz von mehr als 33 Kilometern verlangt von jedem Schwimmer aufgrund der niedrigen Wassertemperatur, der Strömung und dem regen Schiffsverkehr maximalen Krafteinsatz. Die Quote unter den Männern, das Ziel nicht zu schaffen, soll bei 5:1 liegen. Weiterlesen

Martina Kempff: Messer, Gabel, Kehr und Mord

Die Eifel ist ganz offensichtlich ein ziemlich gefährliches Pflaster. Oder besser Waldboden. Wenn man es an den vielen Krimis misst, die in der Eifel angesiedelt sind. Als Tatort scheint sich die Region bestens zu eignen.

Martina Kempff legt mit diesem Buch ihren zehnten Eifelkrimi um die Hobbygastwirtin und Hobbyermittlerin Katja Klein vor. Für mich war es der erste Roman, den ich von dieser Autorin gelesen habe. Und ein bisschen war es, wie wenn man auf einer Party der einzige Gast ist, der niemanden der Anwesenden kennt, während alle anderen schon lange sehr gute Bekannte sind.

Katja Klein führt mit Unterstützung von einigen Mitarbeitern, die auch ihre Freunde sind, in dem winzigen Örtchen Kehr ihre Gaststätte. Diese liegt exakt an der Grenze zwischen Deutschland und Belgien an einer Bundesstraße. Die Wirtschaft liegt auf der deutschen, Katjas Wohnhaus auf der belgischen Seite der Straße.

An einem heißen Sommerabend sitzen Katja und ihre Freunde vor der Gaststätte, als ein Auto vor ihnen scharf bremst.  Ein in eine Decke gewickelter Körper wird aus dem Wagen geworfen, das Auto fährt mit quietschenden Reifen weiter. Bevor die Augenzeugen irgendetwas unternehmen können, wird der Körper von einem zweiten Wagen abtransportiert. Wenig später wird einer der Wagen zerstört im Straßengraben gefunden, im Auto ein Toter. Weiterlesen

Arkady Martine: Im Herzen des Imperiums

Schon als Kind hat Mahit Dzmare in ihrer Heimat, einer großen Raumstation, das teixcalaanlische Imperium verehrt. Jahrelang hat sie jedes Gedicht, das den Zentralplaneten verließ verschlungen, begutachtet und auswendig gelernt. Sie hat sich vorbereitet, eines Tages im Auftrag der Lsel-Station ins Imperium zu reisen nicht ahnend, dass sie mit Anfang zwanzig auserwählt wird, den dortigen Botschafter zu ersetzen.

Mit dem Imago, das die implantierte, integrierte Erinnerungen ihres verstorbenen Vorgängers gespeichert hat, sollte ihr der Start und das Lavieren auf dem diplomatischen Parkett eigentlich erleichtert werden, allein, der höchst geheime neuronale Gedächtnis-Speicher fällt aus, und sie aus allen Wolken. Kaum am Herrschersitz angekommen, muss sie nicht nur erkennen, dass ihr Vorgänger Yskandr ermordet wurde, sondern, dass er auch das größte Geheimnis der Lsel-Station verraten und geheime Geschäfte mit dem Imperator gemacht hat. Mehr noch, in ihrer ersten Woche in der Hauptstadt wird sie gefangen gesetzt, manipuliert, erpresst und ist Ziel von nicht weniger als zwei fast erfolgreichen Mordanschlägen.

Als die Auseinandersetzung um die Nachfolge des sterbenden Imperators ausbricht, findet sich unsere unerfahrene Diplomatin unverhofft und fast aber nur fast ein wenig hilflos mitten im Geschehen .

Was ist das für ein Roman, der zunächst einmal ungewöhnlich daherkommt? Weiterlesen

Michael Köhlmeier: Wenn ich wir sage

Michael Köhlmeier wurde für sein literarisches Schaffen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Vor einigen Jahren erlangte er durch seine Schilderungen der antiken Sagenwelt im Fernsehen zusätzliche Bekanntheit. (bei Interesse: viele Folgen sind auf Youtube verfügbar)

In seinem nun vorliegenden Buch beschäftigt sich Köhlmeier mit der Frage nach dem ‚Wir‘. Was bedeutet es, ‚Wir‘ zu sagen? Wer sind ‚Wir‘? Und gibt es unterschiedliche Bedeutungen des ‚Wir‘ in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext?

Ein Thema, das nicht so zugänglich ist, wie es zunächst scheinen mag. Und ein Thema, mit dem sich zu beschäftigen auch gar nicht so philosophisch und realitätsfern ist, wie man zunächst vielleicht vermuten könnte. Denn der Umgang mit dem ‚Wir‘ definiert unseren Umgang mit den Menschen, die um uns herum sind. Mit unserer Familie, mit unseren Freunden und mit allen anderen Menschen, die uns alltäglich umgeben.

Gerade beim letzten Punkt wird die Aktualität und Wichtigkeit von Köhlmeiers Überlegungen deutlich. Welche Bedeutung hat das ‚Wir‘, wenn wir an das Land denken, in dem wir leben? Sind ‚Wir‘ dann alle Menschen, die in Deutschland (oder Österreich, Europa … ) leben? Ganz egal, ob sie ursprünglich in einem anderen Teil der Welt geboren wurden? Oder bezieht sich dieses ‚Wir‘ nur auf die Menschen mit der ‚richtigen‘ Nationalität? Weiterlesen

Chelsea Bobulski: Das Hotel der Erinnerung

Nell hat den Großteil ihres Lebens in Hotels verbracht, doch das Grand Winslow Hotel ist anders als alles, was sie kennt. Zum einen ist es größer, beeindruckender und teuer als alle anderen Hotels, in denen ihr Vater bisher gearbeitet hat, zum anderen scheint es aber auch ein dunkles Geheimnis zu hüten.

Kaum hat Nell die Eingangshalle betreten, hört sie Stimmen, die niemand sonst hört und hat das unerklärliche Verlangen, wegzurennen. Das Traumschloss entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Albtraum. Sie fühlt sich verfolgt und bedroht, versteckt das jedoch vor ihrem Vater, der als Manager des Hotels seinen Traum lebt.

Auf sich allein gestellt, versucht sie mit der Panik umzugehen und sich abzulenken, indem sie hilft, alte Akten des Hotels für eine Ausstellung zu sortieren. Dabei stößt sie auf Zeitungsartikel über ein Mädchen, das vor Jahren in dem Hotel starb. Ohne es wirklich zu verstehen, fühlt Nell sich mit ihr verbunden und versucht, mehr über ihr Schicksal herauszufinden.

Ihre Suche führt sie immer wieder zu dem Hotelangestellten Alec, der sie gleichermaßen abweisend wie besorgt behandelt und ihr auf eine unheimliche Art vertraut vorkommt.

Welche Antworten kann Alec ihr geben? Und warum wird Nell in ihren Träumen von einem kleinen Jungen heimgesucht, der sie vor ihrem Tod warnt? Weiterlesen