Monika Helfer: Vati

Monika Helfers Familienchroniken sind eine Extraklasse für sich. Kein Wunder, dass die aus dem Bregenzerwald stammende Autorin in den letzten Jahren Dauergast auf den Shortlists diverser Buchpreise war und 2021 den Schubart-Literaturpreis für „Die Bagage“ gewonnen hat. Während jener Roman das Leben ihrer Großeltern in den Bergen beleuchtet, denen die Kombination aus Armut, Schönheit und einem fatalen Gerücht beinahe zum Verhängnis wird, schildert „Vati“ das Leben ihrer Mutter (dem scheinbaren Bastard) und dem Mann, den Sie heiratet – dem titelgebenden Vater. Dieser Mann prägt die Autorin bis heute, nicht nur weil sie von ihm die Liebe zur Literatur vererbt bekam. Der Vater ist eine von Widersprüchen gekennzeichnete Person und dabei gleichzeitig ein Sinnbild für eine Generation sinnsuchender Männer nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Roman, leise und liebenswert und dabei doch kraftvoll und wuchtig zugleich!

Der Vater stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Jede Nacht muss das Wasser in den Schalen aufgegossen werden, in denen die Bettfüße stehen, damit kein Ungeziefer unter die Decken krabbelt. Früh zeigt der Vater jedoch besondere Geistesgaben, vor allem seine Liebe zur Literatur, die durch einen Gönner gefördert wird. Später verliert der Vater im Zweiten Weltkrieg ein Bein, gewinnt aber eine Frau. Monika Helfers Mutter hat im Kriegslazarett gearbeitet. Eine „Versehrtenliebe“. Nach ihrer Hochzeit ziehen sie zunächst auf den ärmlichen Hof der Bagage, später erhält der Vater einen Posten als Leiter eines Kriegsversehrtenheims oben auf der „Tschengla“, wo der Berg ruft, die Luft sauber und die Idylle perfekt ist. Weiterlesen

Gloria Naylor: Die Frauen von Brewster Place (1982)

Der Brewster Place ist ein teilweise abgeriegelter sozialer Brennpunkt am Rande einer amerikanischen Großstadt. Anfangs führte an den Hochhäusern eine Straße vorbei, die in eine Einkaufsstraße mündete. Später wurde an dieser Mündung eine Mauer quer über die Straße gebaut, so dass nur noch die Bewohner aus den oberen Etagen auf das geschäftige Treiben und die Lichter schauen konnte. Wer nach dem Mauerbau zum Brewster Place zog, hatte in der Regel bereits alles für seinen sozialen Aufstieg versucht und sich mit dem Scheitern abgefunden. Hier zog niemand mehr weg, es sei denn mit den Füßen zuerst.

Die New Yorker Autorin Gloria Naylor (1950-2016) zeigt in ihrem nach wie vor modernen Debütroman aus dem Jahr 1982, wie schwarze Frauen mal mit oder ohne Kinder ihren Alltag mit harter Arbeit und Armut bewältigen. Das Besondere in diesem Roman ist nicht nur der ungewöhnliche Aufbau sondern auch der Fokus auf die Frauen. Das Leitthema ist die Frage: Was passiert mit schwarzen Frauen, denen die Chance auf Bildung und sozialen Aufstieg erschwert wird oder wenn sie mit einer guten Schulbildung ihren Platz in der Gesellschaft finden wollen?

In diesem Kontext spielen Männer in dem von der Autorin eng definierten Verhaltensmuster meist nur eine penetrierende Rolle. Mal helfen ihnen dabei Überzeugungskünste oder im schlimmsten Fall Gewalt. Weiterlesen

Julian Barnes: Elizabeth Finch

Neil, ein Student, der sich bereits in seinen 30ern befindet, ist völlig fasziniert von seiner Professorin Elizabeth Finch. Sie ist nicht nur eine Dozentin alter Schule, sondern „antiquierter Schule“, wie es einmal im Buch heißt. Sie trägt festes Schuhwerk und redet druckreif und ausgesprochen geist- und kenntnisreich über das Altertum.

Ihre Studenten sind ihr entweder vollkommen hörig, wie Neil, oder lehnen sie rundheraus ab.

Elizabeth Finchs besonderes Interesse gilt der Heiligen Ursula, die angeblich im 4. Jahrhundert gemeinsam mit 11.000 Jungfrauen bei Köln hingerichtet worden ist, und dem letzten heidnischen Kaiser Roms, Julian Apostata. Der hat ebenfalls im 4. Jahrhundert versucht, das Christentum zurückzudrängen. Sie stellt Fragen wie: Wie hätte sich die Welt entwickelt, wenn ihm das gelungen wäre?

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte ein gewisses Grundinteresse an solchen Themen, aber auch an philosophischen und religiösen Fragestellungen allgemein haben. Weiterlesen

Karen Duve: Sisi

Einen Roman über „Sisi“, Kaiserin von Österreich-Ungarn, zu schreiben, ist eine mutige Sache. Karen Duve hat sich dieser Herausforderung gestellt, unzählige Originaldokumente durchforstet und eine unglaublich akribische Recherche betrieben. Das hat sich gelohnt. Insbesondere drei Personen stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Zum einen ist das Elisabeth selbst, strahlendes Zentrum des Geschehens. Des Weiteren ihre Nichte Marie Louise Baronesse Wallersee, fast genauso schön, genauso schlank und eine besessene Reiterin wie ihre Tante. Außerdem gibt es noch die Hofdame Marie Festetics. Sie verehrt Elisabeth abgöttisch. Es geht viel ums Reiten und um die Jagd in diesem Buch. Beides von Elisabeth tatsächlich exzessiv betrieben. Es wird skizziert, wie skrupellos sie ihre unvergleichliche Schönheit einsetzt, wie sie Ehen arrangiert, die ohne Widerspruch eingegangen werden müssen und wie sie dabei sogar ihre eigene Tochter Gisela verschachert. Ihre Angst vor dem Alter ist ein ständiges Thema und die Beziehung zu Franz Joseph, der alle ihre Eskapaden bezahlt. Elisabeth wird suggestiv, manipulativ und absolut empathielos gezeichnet.  Ihr Wille ist Befehl. Weiterlesen

Celeste Ng: Die verschwundenen Herzen

Bird ist 12 Jahre alt. Er lebt mit seinem Vater in Havard. Vor 3 Jahren hat seine Mutter sie verlassen und seitdem ist die Welt nicht besser geworden. Eines Tages erhält Bird einen geheimnisvollen Brief von ihr und macht sich auf die Suche in einer Welt, die leider nicht so furchtbar weit von unserer entfernt ist.

Als Bird gerade erst geboren war, setzte sich in den USA die Meinung durch, die chinesische Wirtschaft sei schuld daran, dass man in Amerika nicht mehr so richtig zu Potte kommt. Nach und nach übertrug man „schlechte chinesische Wirtschaft“ auf „schlechte chinesische Menschen“ und warf dabei fröhlich alle Menschen asiatischer Herkunft in einen Topf. Nach nunmehr 10 Jahren ist dabei eine Welt voller Angst und Misstrauen herausgekommen. Birds Mutter, eine Dichterin, ist Asiatin und auch ihm ist die teilasiatische Herkunft anzusehen. Sein Vater musste aus dem früher bewohnten Haus ausziehen und lebt mit Bird in einer winzigen Wohnung, jeden Tag voller Angst, seine Vergangenheit könne ihm zum Verhängnis werden und er seinen – schlechten – Job und Bird verlieren. Weiterlesen

Marcel Huwyler: Frau Morgenstern und die Flucht

Die Rezension könnte eigentlich aus einem einzigen Wort bestehen: herrlich. Oder auch aus zweien: unbedingt lesen!

Natürlich kann man diesen Roman auch verstehen, ohne die drei Vorgängerbände zu kennen,  aber den richtigen Spaß bekommt man nur, wenn man sie in der Reihenfolge, in der sie gedacht sind, liest, weil man dann die Figuren lieben lernt, ihre Hintergründe versteht. Und sich schon jetzt auf Band fünf freut.

Dabei sollte man wirklich nicht so viel Spaß haben mit einem Krimi, dessen Hauptfiguren   Auftragskiller sind. Violetta Morgenstern und ihr Freund und Kollege Miguel Schlunegger arbeiten für eine Schweizer Organisation, deren Aufgabe es ist, unliebsame Zeitgenossen auszuschalten. Und zwar auf Anordnung von höchster Ebene.

Nun ergibt es sich allerdings, dass Violetta gezwungen ist, einen nicht beauftragten Mord zu begehen, woraufhin sie sich unverzüglich auf die titelgebende Flucht begibt. Zusammen mit Miguel, der davon überzeugt ist, dass sie erstens ihre Gründe für ihre Tat hatte und zweitens, dass sie ohne ihn aufgeschmissen wäre. Weiterlesen

Kirstin Breitenfellner: Maria malt

Die Autorin beginnt die fiktive Biografie über Maria Lassnig mit einem wunderschön erzählten ersten Kapitel über deren frühe Kindheit. Maria „Riedi“ ist arm und oft hungrig, sie lebt als „lediges Kind“ bei der Großmutter. Manchmal muss sie zur Strafe auf einem Holzscheit knien, manchmal bekommt sie den Zutzel, damit sie still ist, einen zerknäulten Lappen, gefüllt mit Zucker und Alkohol. Sie weiß, manche Kinder, die zuviel zutzeln, werden davon dumm. Auch Riedi ist anders, sie mag nicht sprechen. Dafür kann sie zeichnen und malt das Haus ihrer Großmutter. Ihre Mutter ist schön, stark und klug, und nachdem sie einen Bäckermeister geheiratet hat, holt sie Riedi zu sich.

Diese Geschichte ist sehr berührend und ich habe beim Lesen erst einmal innegehalten, bevor ich weiter auf die Reise gegangen bin: Maria besucht die Wiener Akademie: „Die Tochter und Enkelin einer langen Reihe von unverheirateten und unterprivilegierten und überarbeiteten Frauen“ erhält ihr Hochschuldiplom, wird in Kärnten zum Provinzstar und verliebt sich in den „Widerspenstigen Wilden“ Arnulf Rainer. Die Künstlerpersönlichkeiten inspirieren sich gegenseitig in der Nachkriegszeit, werden dann zu Konkurrenten, die sich unterschiedlich gut im Kunst-„Betrieb“ durchsetzen können. Kurz: Arnulf verkauft, Maria malt. Weiterlesen

Mina König: Mademoiselle Oppenheim

Erst achtzehn Jahre alt ist Meret Oppenheim, als sie das Elternhaus in Deutschland und die geliebte Großmutter in der Schweiz verlässt, um nach Paris zu ziehen. Ihr Ziel: der große Durchbruch als weltbekannte Künstlerin. Anfänglich besucht sie Kurse an der Kunstakademie, tut dies aber nur, um die Sorgen ihrer Eltern zu beschwichtigen. Denn diese verstehen ihren Drang zur abstrakten modernen Kunst nicht und halten sie für ausgemachte Zeitverschwendung. Als Meret dann auch noch zustimmt, für ein Projekt Aktmodell des berühmten Fotografen Man Ray zu sein, verliert sie jegliche Unterstützung. Ihr Vater empfiehlt ihr, eine Irrenanstalt aufzusuchen und Meret bricht als Antwort jeglichen Kontakt ab. Das Schlimmste hieran ist nicht nur, dass die freie Entfaltung ihrer Kunst hinter das Geldverdienen treten muss, sondern auch, dass Meret im Unwissen bleibt, wie es ihrer Familie geht. Nur in den Nachrichten erfährt sie von der erschreckenden politischen Lage in ihrem Heimatland und von der Gefahr, der ihre Eltern und ihre Geschwister mit jüdischen Wurzeln ausgesetzt sind. Weiterlesen

Gregor Wolf: Etzel Zauderkern und die Macht der Wünsche

Etzel Zauderkern wächst weit ab vom Hof auf einer kleinen Burg als Lehrling des örtlichen Zauberers auf. Dass er lange noch nicht wirklich zaubern kann, das weiß er, doch in seinen Gedanken – ja, da versetzt er Berge, jagt die Schurken und rettet das Königreich. Soweit zu seinen Tagträumen, als er eines Tages im nahen Wald, auf der Suche nach heilsamen Kräutern, einen panischen Hilferuf hört. Eigentlich will er nichts mehr, als seine Beine in die Hand nehmen und in die Sicherheit der Burg flüchten, doch einem Menschen in Not nicht beizustehen, das kommt für ihn nicht in Frage.

Auf einer Lichtung stößt er auf einen Boten der Königin und drei Schurken, die diesem seine Nachricht gewaltsam abnehmen wollen. Nicht, dass er wirkliches Heldenmaterial wäre, doch sein Temperament geht mit ihm durch. Er mischt sich ein, verhilft dem Boten zur Flucht und bringt den jungen, schwer verwundeten Mann in die Burg. Die Botschaft – so kurz wie erschreckend: Die Königin liegt mit einer tödlichen Krankheit darnieder und bittet den Meisterheiler um Hilfe. Dass dieser selbst ernsthaft erkrankt ist, führt dazu, dass er Etzel an seiner Statt aussendet, der Königin zu Hilfe zu eilen. Weiterlesen

Ian McEwan: Lektionen

Der britische Schriftsteller Ian McEwan (Jahrgang 1948) und Booker-Prize-Träger von 1998 (für „Amsterdam“)  schreibt Bestseller. Nun ist am 28. September 2022 sein neuester Roman mit autobiografischen Elementen im Diogenes Verlag erschienen. Das Buch mit dem deutschen Titel „Lektionen“ wurde von Bernhard Robben aus dem Englischen übersetzt.

Ian McEwans Protagonist Roland Baines ist wie er 1948 als Sohn eines Offiziers der britischen Armee geboren und in Libyen aufgewachsen. Mit elf Jahren wird Roland von seinen Eltern auf ein Internat in England geschickt. Dort erhält er Klavierstunden von Miss Miriam Cornell, die den Jungen verführt und missbraucht.

Im Frühjahr 1986 verschwindet Rolands deutsche Frau Alissa und lässt ihn mit dem gemeinsamen Baby Lawrence in London zurück. Roland schlägt sich mehr schlecht als recht mit dem Sohn durch das Leben. Er arbeitet als Barpianist, Tennislehrer und Gelegenheitsschreiber. Seine Freundin Daphne und ihr Mann Peter unterstützen ihn. Alissa, die wieder ihren Geburtsnamen Eberhardt annimmt, wird eine berühmte Schriftstellerin und lehnt den Kontakt zu Roland und Lawrence ab. Für Lawrence ist er ein guter Vater, die Beziehung zwischen den beiden ist fest und innig. Aber Roland trägt lebenslang an der frühen Beziehung zu seiner Klavierlehrerin. Irgendwann besucht er Alissa in Deutschland und auch Miriam Cornell. Roland erfährt von seinem älteren Bruder Robert. Er heiratet Daphne und erlebt ein kurzes Glück. Weiterlesen