Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin

Im Vorwort erläutert Franziska Hauser, dass die Grundlage dieses Romans die Geschichte ihrer eigenen Familie ist. Die Ausgestaltung  entspringt ihrer persönlichen Sichtweise und ihrer Kreativität.

Es ist die Zeit der fünfziger Jahre, in denen die Ich-Erzählerin Tamara Hirsch in der ehemaligen DDR aufwächst. Bis in die achtziger Jahre folgen wir ihrem Weg und dem ihrer Familie. Die Autorin geht in der Familiengeschichte 120 Jahre zurück. Ihre jüdischen Wurzeln, Krieg und Nationalsozialismus haben die Hirschs geprägt.

So liest man von dieser ehemals angesehenen bekannten Familie mit dem hochgebildeten Großvater Friedrich Hirsch und den herrschaftlichen Verhältnissen im Großelternhaus. Wir erfahren von  den Herausforderungen, bzw. den sich immer weiter zuspitzenden gesellschaftlichen Problemen des Nationalsozialismus, denen Friedrich Hirsch sich stellen muss, bis er nach England ins Exil geht.

Tamaras Vater Alfred dagegen vertritt die gegenteilige politische Maxime seines Vaters. Er steht hinter Kommunismus und Sozialismus, was ihm durch seinen Sonderstatus, den er als Romanautor genießt, nicht schwer fällt. Weiterlesen

James Abbott: Höllenkönig

Die Sonnenkohorte des Königs war legendär. Nur sechs Krieger umfasst die Eliteeinheit, aber was für ehrenhafte Kämpfer sammelten sich dort. Mit magischen Klingen ausgestattet, konnten sie ganze Heere besiegen, brachten den Unterdrückten, den Verzweifelten und Geknechteten Hoffnung, Freiheit und Frieden. Dann griffen sie versehentlich eigene Truppen an, das Gemetzel führte dazu, dass fünf von ihnen am Strick baumelten, ihr Anführer, der gefeierte Xavir Argentum, der eigentlich der nächste König werden sollte, wurde in das dunkelste Verlies geworfen, das sich finden ließ – die Höllenfeste bekam einen weiteren Häftling. Fünf Jahre sind seitdem vergangen, Xavir hat seine Strafe längst angenommen und als gerechtfertigt erkannt, hat sich in dem auf einem kargen, ewig kalten Berggipfel gelegenen Gefängnis einen Namen gemacht – hier kennt man ihn einzig als Höllenkönig. Dann wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. Der einstige Meisterspion des Königs schleicht sich auf der Höllenfeste ein und bringt Nachrichten, schlechte Nachrichten. Weiterlesen

Laline Paull: Das Eis

Die Eisdecke in der Arktis schmilzt unaufhörlich und auch im Sommer gibt es kein Eis mehr im Nordpolarmeer. Raffgierige Unternehmen wittern ihre Chance und wetteifern um einen Platz im einstmals „ewigen Eis“.  In diese Szenerie gerät ein Kreuzfahrtschiff mit gut zahlenden, anspruchsvollen Gästen, die ihre Reise auf dem luxuriösen Schiff unter dem Motto „Im Reich des Eiskönigs“ gebucht haben. Diesen Eiskönig, einen echten Eisbären, wollen sie nun sehen. Unzufrieden mit schmutzigen Gletscherzungen, gelangweilt von der Aussicht auf die sterbende Arktis, drohen sie bereits mit einer Klage. Der Kapitän des Schiffs lenkt ein und nimmt Kurs auf einen gesperrten Fjord.

Hier erleben die Gäste das Kalben eines Gletschers, der Eisberg bricht und treibt ins Meer. Dieses Naturschauspiel fördert spektakulär eine männliche Leiche zutage Weiterlesen

Evelyn Waugh: Ausflug ins wirkliche Leben

Oft kopiert, nie erreicht: Englische Exzentrik – wer liebt sie nicht? Autor Evelyn Waugh ist der ungekrönte Meister dieser Königsdisziplin. Kein anderer versteht es, fiese Ränke, große Allüren und kuriose Paarungen der englischen Upperclass in derart treffsichere Pointen zu packen. Waugh ist ein brillanter Beobachter. Denn der Teufel steckt im Detail. Jede Szene verkörpert hier großes Kino, ob sie nun in prächtigen Landhäusern, Londoner Stadtwohnungen oder in den Kolonien des Empire spielt. Diese Sammlung hat das Prädikat „Meistererzählungen“ wahrhaftig verdient.

Zwischen Tanztee und Tennisturnier ist die Welt nicht in Ordnung. Die britische Upperclass hat in den 20er bis 50er Jahren mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen. In den Eliteinternaten erproben sich Gleichaltrige in Machtspielchen, auf einer ostafrikanischen Kolonialinsel buhlen sieben Junggesellen um die Tochter eines Ölmagnaten, der einzig unverheirateten Weißen weit und breit. Ein gehörnter Ehemann sucht das große Abenteuer im Amazonasgebiet, auf einer Luxuskreuzfahrt wird sich eifrig ver- und entlobt. Einen großen Gefallen findet Waugh an Irren aller Art, sei es in der Heilanstalt oder im Filmbusiness, seien es kriegstraumatisierte Ex-Soldaten oder größenwahnsinnige Schoßhündchen. Dabei haben viele Geschichten einen ernsten Hintergrund, zum Beispiel durch die Thematik der beiden Weltkriege. Diese präsentiert Waugh umhüllt von einer „Clotted Creme“ aus Ironie, Scharfsinn und Sprachgeschick. Hinter der Humorgewalt brodeln subtile Botschaften. Nicht selten bleibt der Schluss offen oder mehrdeutig. Der Anfang ist ausnahmslos genial geraten. Weiterlesen

Charlaine Harris: Midnight, Texas 02: Geisterstunde

Texas ist für Vieles bekannt – seine Weite, die Hitze, die Ölfelder und seine überaus stolzen Bewohner etwa. Doch es gibt auch eine andere Seite, abseits von Dallas oder Houston, einen kleinen Ort im Niemandsland, den kaum Jemand kennt, der gerne übersehen wird. Hier in Midnight finden besondere Menschen eine Heimat – Wesen mit außergewöhnlichen Gaben.

Eines Tages, ganz früh morgens, beginnt ein Trupp Arbeiter von Außerhalb das halb verfallene Hotel in der einen Straße der Ortschaft zur renovieren. Ein paar Monate später wird es eingeweiht. Neben den Saisonkräften des in der Nähe gelegenen Internet-Providers sollen hier betuchte Senioren ihre Wartezeit bis zum Freiwerden des gewünschten Pflegeplatzes in einer netten Umgebung verbringen. Hier, ausgerechnet in Midnight? Und dann Senioren, die für ihre Unterkunft gar nichts bezahlen müssen – das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Als der in Midnight ansässige Hellseher Manfred zu einem Außentermin nach Dallas reist, trifft er im Hotel zufällig die undurchsichtige Olivia. Kurz darauf ist das Paar, mit dem Olivia im Restaurant zusammensaß tot.

Dumm, dass auch Manfreds Klientin bei der Séance stirbt. Ihr Sohn bezichtigt den Hellseher, den Schmuck seiner Mutter gestohlen zu haben. Die Polizei und die Medien beginnen sich zunehmend für Midnight und dessen Bewohner zu interessieren. Weiterlesen

Andy Weir: Artemis

Endlich ist es soweit. Die Menschen haben den Mond besiedelt. In einer Kuppelstadt namens Artemis leben sie in verschiedenen Kolonien. Auch Jazz lebt unter ihnen. Die junge Frau ist schon seit ihrem sechsten Lebensjahr auf dem Mond und hat sich als Schmugglerin einen Namen gemacht. Als sie bei einem ihrer Auftragsgeber ein seltsames Kästchen entdeckt, ist Jazz‘ Interesse geweckt. Doch als sie zu recherchieren beginnt, ist ihr Auftragsgeber am nächsten Morgen tot! Nicht nur auf der Erde wäre das eine Schlagzeile wert, den auf dem Mond, in dieser kleinen Menschenkolonie, stirbt selten jemand auf unnatürliche Weise. Jazz stellt fest, dass sie selbst in höchster Gefahr ist, und muss untertauchen.

Diese knappe Zusammenfassung deckt mitnichten alles ab, um das es bei „Artemis“ geht. Andy Weir, der Autor des erfolgreichen, sogar verfilmten Romans „Der Marsianer“ hat mal wieder ein Potpourri an Themen gesammelt. Jazz soll die Aluminiumproduktion eines großen Industriemoguls lahmlegen, der zugleich allerdings ein Mafiaboss ist. Weiterlesen

Tom Hillebrand: Hologrammatica, gelesen von Oliver Siebeck

Es ist schon eine merkwürdige Welt, in der Galahad Singh lebt. Er wohnt in der Stadt, die wir heute als London kennen, aber die Welt hat sich verändert. Nicht nur, dass die Autos endlich selbst fahren und Eigensteuerung als Abenteuer gilt, es gibt das Holonet, das die ganze Welt ein bisschen aufhübscht und „Mind Uploading“ – das zeitweise Leben in einem Wunschkörper – ist Alltag. Dazu haben die Folgen des Klimawandels und einer Art Pestausbruch die Welt und die Bevölkerung grundlegend verändert. Galahad arbeitet als Quästor, heißt: Er sucht verschwundene Menschen. Keine einfache Sache in einer Welt, in der jeder so aussehen kann, wie er gerade will. Sein aktueller Fall ist die die Ausnahmeprogrammiererin Juliette Perotte, Tochter eines greisen Herrschers. Die Suche führt Galahad tief in die Szene der Menschen ein, die inzwischen das Leben in einem Holokörper dem eigenen Selbst vorziehen. Weiterlesen

Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Die Geschichte ist wahr. Zumindest so wahr, wie sie in der Familie Meir Shalevs sein kann. Denn dort gibt es Familiengeschichten immer in verschiedenen Versionen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Ausschmückungen, je nachdem, wer sie erzählt. Und große Erzählerinnen und Erzähler sind – wenn man Meir Shalev glauben möchte – ein Merkmal seiner Familie. Erinnerung und Phantasie, schreibt er, sind in seiner Verwandtschaft ein und dasselbe.

„Die Sache war so…“ – Mit dieser Eingangsformel begann Großmutter Tonia ihre Geschichten und stellte damit klar: Was ich gleich erzähle, entspricht genau den Tatsachen. Und auch die anderen Familienmitglieder nahmen das mit dieser Einleitung für sich in Anspruch.

Die Sache war so: Großmutter Tonia wanderte Anfang der 1920er Jahre aus einem Dorf, das heute in der Ukraine liegt nach Israel aus. Dort heiratete sie ihren Schwager Aaron, der seine Frau – ihre Schwester – verloren hatte und mit zwei kleinen Kindern alleine dastand. Sie wohnten im ersten, in der Jesreelebene gegründeten Moschaw Nahalal, einer Art genossenschaftlich organisiertem Dorf, und betrieben Landwirtschaft. Weiterlesen

Raja Alem: Sarab

Es gibt viele Geschichten, die von einem Rollenwechsel berichten: Frauen, die sich als Männer verkleiden, Männer als Frauen. Bei dem Beduinenmädchen Sarab beginnt der Rollenwechsel bereits bei der Geburt. Denn ihre Mutter behauptet, sie habe einen zweiten Sohn geboren. Kurz darauf stirbt ihr Mann, ein alter Scheich, und sie muss mit ihren zwei Söhnen ohne männlichen Schutz überleben.

»… Sie verbrachten ihre Kindheit in einem eingebildeten Kriegslager, in dem die Mutter sie zu Kämpfern gegen den Satan ausbildete. Ihr Glaubenskrieg wurde für den Stamm zu einer Quelle der Offenbarung. (S. 144)

Als ihre Mutter stirbt, folgt ihr Bruder Saifallah dem Ruf des Predigers Mudschan nach Medina. Und Sarab folgt ihm wie gewohnt als sein Schatten in Männerkleidern. Während Saifallah von Mudschan begeistert ist, fühlt sich Sarab von Mudschans Schwager, dem auserkorenen Mahdi, angezogen. Die Geschwister befolgen nicht nur die neuen Doktrin, sie ziehen mit Mudschan und dem Mahdi in den Krieg nach Mekka, um die große Moschee in ihre Gewalt zu bringen. Danach seien sie alle erlöst, behauptet Mudschan. Weiterlesen

Tim Krohn: Erich Wyss übt den freien Fall

Ich bleibe dabei, auch beim zweiten Band bleibt diese Idee grandios. Nämlich „Ein Buch über Gefühlsregungen zu schreiben, die von Mitmenschen vorgeschlagen werden, und die Tim Krohn so wunderbar in diese Mietshausgeschichten aus der Röntgenstraße in Zürich, einflechtet. In allen Gestalten, noch so verrückt oder jung, sexbesessen, forschend oder über das Sterben sinnend – in allen findet sich ein Teil von uns wider.“ (s. meine Kritik: Herr Brechbühl sucht eine Katze) In der Fortsetzung befinden wir uns nun im Jahre 2001. Wir alle wissen, wie dieses Jahr die Welt verändert hat: 9/11! Und so kommt es, dass diese furchtbare Katastrophe sich auch in die Geschichten in und um das Haus widerfinden. Schließlich werden die Anregungen für Stories ja auch von Lesern vorgeschlagen.

Tim Krohn spinnt sich daraus eine Art „Lindenstraße“, die ich zwar nie gesehen habe, aber wo das Drehbuch sich sicher auch daran hält, die persönlichen Geschichten mit denen aus der Realität korrespondieren zu lassen. Man hat die Figuren aus dem ersten Band ja bereits lieb gewonnen und Weiterlesen