Christine Brand: Bis er gesteht

Allein schon wegen des ungewöhnlichen, aber wirkungsvollen Aufbaus ist dieser Kriminalroman absolut gelungen. Hinzu kommen ein besonderer Schreibstil, der gerade wegen der durchgängigen Neutralität, der reportagenhaften Distanz die Handlung umso mehr unter die Haut gehen lässt. Hier kommt deutlich die frühere Tätigkeit der Autorin als Gerichtsreporterin zum Ausdruck.

Worum geht es: In der Weihnachtsnacht erreicht ein Notruf die Polizei. Ein Vater meldet einen Einbruch und den Mord an seinen beiden kleinen Kindern. Der Junge und das Mädchen wurden offensichtlich erstickt, geraubt wurde nichts, die Wohnung nur sehr oberflächlich durchwühlt. Sehr schnell stellt sich heraus, dass es keinen Einbruch gab. Daraufhin wird der Vater als Tatverdächtiger verhaftet. Auch die Mutter bleibt in Untersuchungshaft, um zu verhindern, dass die Eltern ihre Aussagen miteinander absprechen können.

Nun verfolgen wir als Leser die Verhöre des Vaters, lesen die Aussagen der Mutter, der Nachbarn und anderer Zeugen, erfahren die Ergebnisse der Obduktionen und kriminaltechnischen Untersuchungen. Und immer wieder die Gespräche des Vaters mit der verhörenden Beamtin. Er beteuert darin stets seine Unschuld, doch sie glaubt ihm nicht. Bernhard Scherrer, so der Name des Vaters, beharrt darauf, dass ein Fremder in die Wohnung eingedrungen sein muss. Denn sonst, wenn er selbst die Kinder nicht getötet hat, bliebe nur eine andere Person, die als Täter in Frage käme. Weiterlesen

Florian Gottschick: Henry

Florian Gottschicks Debütroman „Henry“ hat eine interessante Grundidee: Ein zwölfjähriges Mädchen wird versehentlich entführt, als es unbemerkt von einem Autodieb auf der Rückbank von Mutters Luxus-BMWs schläft. Doch statt in Panik zu geraten, als sie erwacht, freundet Henry – die eigentlich Henriette heißt – sich mit ihrem Entführer Sven an.

Svens Freundin Nadja machen die beiden weis, Henry sei Svens Cousine. Zu dritt verbringen sie ein paar coole Tage, die sich für Henry zum ersten Mal so anfühlen, als sei sie kein Kind mehr. Sie genießt die Auszeit vom Elternhaus.

Auch der witzige Sprachstil zu Beginn ist sehr gelungen.

​Leider jedoch verwässert der gute Eindruck vom Anfang mit wachsender Seitenzahl. Die Grundidee trägt nicht über 300 Seiten, und der weitere Verlauf, zum Beispiel wenn es langatmig um das Zubereiten irgendwelcher Mahlzeiten geht, hat längst nicht mehr den Witz vom Beginn. Das Ganze verliert sich etwas in Seichtigkeit. Weiterlesen

Daniel Schreiber: Allein

Der deutsche Autor Daniel Schreiber (Jahrgang 1977) lebt und arbeitet in Berlin. Er hat 2007 eine Susan Sontag Biografie veröffentlicht. Seine beeindruckenden Essays „Nüchtern“ und „Zuhause“ erschienen 2014 und 2017. Am 27. September 2021 kam bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag sein neuestes Essay mit dem Titel „Allein“ heraus.

Wie in „Nüchtern“ und „Zuhause“ nähert sich Daniel Schreiber dem Thema „Allein“ von seiner persönlichen, subjektiven Seite. Beim Gärtnern, Wandern, Yoga und Stricken denkt er über die Bedeutung und den Wert von Freundschaften und über das Alleinsein nach. Und all dies in Zeiten der Corona-Pandemie.

Schreiber bleibt jedoch nicht im Persönlichen haften, er schlägt den Bogen zur Literatur, Philosophie, Psychoanalyse und Soziologie. Dabei lerne ich als Lesende das Phänomen Alleinsein von verschiedenen Seiten kennen. Dazu gehören Stichworte wie uneindeutige Verluste („Verluste, bei denen es unklar bleibt, was genau man verloren hat.“ S. 79), Freundschaft, Einsamkeit oder Liminalität („Schwellenzustand, eine Zeit außerhalb der regulären Zeit, in der viele alte Regeln und Normen nicht mehr zu gelten schienen.“ S. 75). Weiterlesen

Susanne Thomas: In Zeiten des Tulpenwahns

„Die meisten der Gesichter waren ihm von seinen früheren Besuchen wohl bekannt. Verbrachten sie den ganzen Tag im Collegium? … Es war eine seltsame Profession, die nichts schuf und keinen Dienst verrichtete, die sich damit begnügte, durch den Kauf und Verkauf Geld scheinbar aus dem Nichts zu schöpfen.“ (S. 326 e-Book)

Der alte Gärtner und Witwer Nicolaes glaubt, er könne mit seiner wertvollen Tulpensammlung reich werden. Bisher waren ihm die Tulpen im Garten lieber als gefüllte Taschen. Doch für seine schöne Tochter Margriet will er es ändern. Sie liebt den jungen Adeligen Frans. Normalerweise wäre eine eheliche Verbindung der beiden unmöglich. Doch weil Frans Vater verschuldet ist, zeigt dieser sich kompromissbereit. Der Besitzer einer wertvollen Tulpensammlung soll ihm eine extrem hohe Mitgift zahlen. Ohne dass Frans und Margriet es ahnen, steht ihre Sehnsucht nach Glück und Liebe anderen im Weg.

Susanne Thomas hat in ihrem historischen Roman die brutale Seite des Handels aufgearbeitet und am Beispiel zweier Liebender und ihrer Familien in Szene gesetzt. Bei möglichen Gewinnmargen wird gern die Schattenseite von Angebot und Nachfrage und erst recht vergangene Auswüchse beim Handel mit Blumenzwiebeln ausgeblendet. Dem Tulpenwahn in den Niederlanden von 1636/1637 folgten noch viele andere, zuletzt 1912. Weiterlesen

Andrea Barrett: Die Reise der Narwhal

Vor einigen Jahren bereiste der berühmte Kapitän John Franklin mit seiner Mannschaft den unerforschten Norden, ohne dass ihm 1847 eine Rückkehr gelang. Auch noch 1855 versucht seine Witwe über öffentliche Aufrufe, jemanden zu finden, der den vergeblichen Suchaktionen ein Ende setzt. Inzwischen ist das öffentliche Interesse so groß, dass der Überbringer von eindeutigen Informationen über Franklins Verbleib Geld und Ruhm gewinnen wird.

Auf einer Feier, bei der Erasmus Wells glaubt, dass Zeke offiziell die Verlobung mit seiner Schwester verkünden will, berichtet dieser stattdessen über seine baldige Expedition in die Arktis. Er sei derjenige, der Franklin finden wird. Und während Erasmus die schockierende Nachricht noch verdaut, bietet ihm Zeke einen Platz als seine rechte Hand auf der Narwhal an. Er brauche dringend Erasmus‘ Fachwissen, das er als Naturforscher in der Arktis gewonnen habe. Eigentlich will Erasmus ablehnen. Zu viele schlechte Erfahrungen nagen an ihm. Nur die Bitte seiner Schwester, auf den jüngeren, unerfahrenen Zeke aufzupassen und ihn zurückzubringen, zwingt ihn zu einem Umlenken. Erasmus redet sich die Wendung schön. Doch die zweite Chance, als Forscher Anerkennung zu gewinnen, entwickelt sich ganz anders. Seine Reise führt ihn ins Ungewisse. Weiterlesen

Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume

Längst hat sich der TV-bekannte Peter Wohlleben einen Namen als renommierter Buchautor gemacht. Das 2016 von ihm erschienene Buch „Das Seelenleben der Tiere“ findet sich ebenfalls in der Liste unserer Rezensionen.

Wohlleben, der Förster mit einer selbst gegründeten  Waldakademie aus der Eifel, setzt sich für ein Comeback der Urwälder ein und ist davon überzeugt, dass eine nachhaltige Waldwirtschaft dem Klimawandel entgegenwirkt. In „Der lange Atem der Bäume hat Peter Wohlleben diese aktuell brisante Thematik aufgegriffen.

Anhand vieler Beispiele erläutert er, wie komplexe Vorgänge in der Natur funktionieren. Seine Erklärungen sind einfach, verständlich und einleuchtend. Er kritisiert Waldlobby, Politik, Holzindustrie und die moderne Forstwirtschaft, die mit Kahlschlägen und Plantagenbepflanzugen dazu beiträgt, dass unsere Wälder sterben.

Dazu kommt die Problematik der klimatischen Veränderungen mit zu trockenen Sommern in der Vergangenheit, die den Gesundheitszustand und die Standsicherheit der Bäume stark beeinträchtigt haben. Weiterlesen

Emma Stonex: Die Leuchtturmwärter

Der Klappentext klingt ein bisschen wie ein klassischer Agatha-Christie-Roman: drei Männer verschwinden aus einem verschlossenen Leuchtturm und tauchen nie wieder auf. Was ist geschehen?

Dieses tatsächliche Ereignis aus dem Jahr 1900 ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans der britischen Autorin, die die Ereignisse allerdings ins Jahr 1972 verlegt, sowie auf einer zweiten Zeitebene die Frauen der verschwundenen Leuchtturmwärter zwanzig Jahre später 1992 beobachtet.

Ein Autor nämlich greift das Verschwinden wieder auf und möchte die drei Damen interviewen. Diese sind gezeichnet von den Vorkommnissen, gehen jedoch sehr unterschiedlich damit um. Helen, Jenny und Michelle haben sich ihr Leben neu schaffen müssen. Die eine vermag darüber hinwegzukommen und eine neue Familie zu gründen, während die andere in der Vergangenheit haften bleibt, ihre Animositäten und Feindschaften pflegt. Weiterlesen

Robert Krause: Dreieinhalb Stunden: Wie entscheidest du dich?

Allein der Titel suggeriert bereits die Spannung, die man, wie bekanntlich am perfektesten von Hitchcock angewandt, durch eine zeitliche Begrenzung des Geschehens erreichen kann. Die Handelnden haben nur dreieinhalb Stunden Zeit, eine nahezu lebenswichtige Entscheidung zu treffen. Nur leider verschenkt der Roman diese Möglichkeit zur Gänze.

Robert Krause ist Drehbuchautor und hat das Drehbuch zum Film gleichen Titels geschrieben. Und daraus dann auch diesen Roman gemacht. Der Film lief im Fernsehen, passend zum Inhalt, zeitnah zum 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus in Berlin. Denn an diesem Tag, dem 13. August 1961, spielt die Handlung von Film und Buch.

Nun habe ich mir absichtlich den Film nicht angesehen, solange ich den Roman nicht gelesen hatte, um mir die Spannung nicht zu verderben. Doch, siehe oben, es gab keine Spannung im Roman. Und auch nicht im inzwischen von mir gesehenen Film.

Die Handlung trägt sich zu in einem D-Zug auf dem Weg von München nach Ostberlin, eben an besagtem Tag. An Bord des Zugs befinden sich neben einigen Westdeutschen vor allem Ostdeutsche, die zurückkehren wollen nach Berlin. Als nun im Zug erste Gerüchte auftauchen und dann im Radio die Bestätigung kommt, dass zum Zeitpunkt ihrer Reise in Berlin die Mauer gebaut wird, müssen sich all die Ostdeutschen im Zug entscheiden: Kehren sie zurück, lassen sie sich einsperren? Oder steigen sie an einer der letzten Stationen vor der Grenze aus, bleiben in Westdeutschland, kehren ihrer Heimat und möglicherweise ihrer Familie den Rücken? Weiterlesen

Neal Shusterman: Game Changer

Ash ist ein einigermaßen erfolgreicher Footballspieler. Er ist weiß, hetero und alles in allem amerikanischer Durchschnitt. Bis sich bei einem Zusammenstoß beim Football plötzlich alles ändert. Oder nur eine Kleinigkeit geändert hat. Jedenfalls hat sich Ashs Leben geändert. Er hat plötzlich reiche Eltern und ist ein Arschloch. Es muss etwas mit diesem Zusammenprall beim Football zu tun gehabt haben, denn da hat er plötzlich eine Verschiebung bemerkt. Beim nächsten Spiel möchte er das wiederholen und macht alles nur noch schlimmer.

Ash ist in der Lage Multiversen zu erschaffen, und bei dem Versuch, zurück in sein eigentliches Universum zu gelangen, erschafft er Welten, in denen die Rassentrennung nie abgeschafft wurde, in denen er schwul oder ein Mädchen ist. Das bringt eine ganze Menge neue Erkenntnisse mit sich.

Bislang hielt sich Ash für einigermaßen tolerant, sowohl Schwarzen wie auch Mädchen gegenüber, aber hier muss er erkennen, dass das nicht ausreicht. Ihm war nie klar, wie unfair das Leben Frauen gegenüber ist, bis er selbst ein Mädchen ist und das am eigenen Leib spürt, wohlgemerkt mit seinem Gedächtnis, wie die gleiche Situation als Mann gewesen wäre. Ihm war auch nie klar, wie dünn das Eis für seinen schwarzen Freund wirklich ist und wie hart dieser Arbeiten musste, um dort zu sein, wo er ist – und wie unmöglich das sein kann, wenn die Welt eine andere ist. Weiterlesen

Henri Faber: Ausweglos

Elias war mal ganz oben. Er galt gar als Star der Hamburger Mordkommission. Davon ist nicht mehr viel übrig. Er war mit seinem Kollegen Malte so dicht davor, den Ringfingermörder zu erwischen. Dann erschien ein Artikel mit Anschuldingen wegen Ermittlungsfehler, der Ringfingermörder hörte auf zu morden und Elias und Malte fielen tief. Jetzt, Jahre später geschieht plötzlich wieder ein Mord nach dem alten Schema und durch alte Beziehungen ist ausgerechnet Elias der erste am Tatort. Es ist wie damals, aber doch anders…

Noah wurde auf dem Dachboden überfallen, während er die Wäsche aufhängte. Er wurde gezwungen, den Mörder zu seiner Frau zu führen, aber es ist nicht alles, wie es scheint.

„Ausweglos“ ist ein spannender Thriller, der aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Da ist zunächst einmal Elias, der Ermittler, von dem nach und nach herauskommt, warum er es in der neu gebildeten Spezialeinheit so schwer hat. Noahs Perspektive scheint die des hilflosen Opfers zu sein, wurde er doch niedergeschlagen und musste den Mord mitansehen. Durch die wechselden Erzählperspektiven (es gibt mehr als diese zwei, aber die beiden sind die Hauptperspektiven) und geschickt gewählte Cliffhanger ist das Buch ein echter Pageturner. Weiterlesen