Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht

In den Jahren 1994/1995 stand Jostein Gaarders Roman Sofies Welt, in der das Mädchen Sofie über sich selbst und das Leben nachdenkt,  auf der Spiegel-Bestenliste. Zwischenzeitlich ist das Buch zum Longseller geworden. Wer Sofies Welt kennt, ahnt vielleicht, dass Jostein Gaarder, der unter anderem Philosophie studiert hat, auch in diesem Buch die Handlung wieder philosophisch verwebt:

Der Protagonist Albert zieht sich zurück an den einsamen Waldsee Glitretjern, wo er und seine Familie eine kleine Hütte besitzen. Hier will er darüber nachdenken, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Er muss eine beängstigende Diagnose, von der er vor wenigen Stunden erfahren hat, erst einmal verarbeiten um dann eine Entscheidung zu treffen. Nur durch das Schreiben gelingt es ihm, klare Gedanken zu fassen. So erzählt er schreibend von seiner kleinen Familie, geht zurück bis zum Kennenlernen seiner Frau Eirin, beschreibt glückliche Tage wie auch Krisen. Weiterlesen

Ria Winter: Tal der Toten

Die 18-jährige Inari gehört zum Volk der Lumi. Das Volk wird von den feindlich gesinnten Vivaara bedroht. Deshalb hat es vor einigen Jahren einen Schutzwall errichtet, in dem es seine Toten wieder auferweckt hat. Diese patrouillieren seitdem am Pass, der das Tal von der Außenwelt abschottet. Auch Inaris Vater gehört zu der Patrouille, denn er ist vor einigen Jahren bei einem Unfall gestorben. Mitten im Herbst findet sie plötzlich eines Morgens frische Schneeschellen vor ihrer Hütte. Dann läuft sie ihrem Vater auch noch über den Weg. Er reagiert nicht, starrt nur durch sie hindurch. Doch Inari glaubt fest daran, dass der Körper ihres Vaters nicht nur eine leere Hülle ist.

Ria Winter wurde beim Schreibwettbewerb des Impress Verlags (eBook Imprint des Carlsen Verlags) und tolino in 2018 Dritte. Ihr Buch wird zurzeit nur als eBook vertrieben. Und das ist schon fast schade, da so sicher nicht das komplette Publikum erreicht wird. Denn „Tal der Toten“ ist ein echter Geheimtipp für Fans von tollen Fantasy-Geschichten ohne viel Schnickschnack. Weiterlesen

Christine Brand: Blind

Nathaniel Brenner ist um die 40 Jahre alt und lebt als Blinder mit seinem Hund in Bern. Über eine App lässt er sich gelegentlich von Sehenden helfen, etwa wenn er ein Hemd einer bestimmten Farbe aussuchen will. Durch Zufall wird er dann mit einem der sehenden Nutzer verbunden und dieser hilft ihm über ein Videotelefonat. So geschieht es auch an diesem Tag und Nathaniel wird blinder Zeuge eines seltsamen Geschehens. Es kommt ihm so vor, als sei sein Gegenüber Carole in echter Gefahr und würde gerade überfallen werden. Beim Notruf nimmt niemand den blinden Mann ernst, zumal er nicht mal weiß, wie Carole mit Nachnamen heißt. Über Kontakte schafft er es schließlich, dass Caroles Wohnung überprüft wird. Angeblich hat sie gesund die Tür geöffnet und behauptet, es sei alles in bester Ordnung. Aber kann das wirklich sein? Ist nicht mehr dran an der Sache?

Die Schweizer Autorin Christine Brand hat mit „Blind“ eine sehr spannende Geschichte entworfen. Die Figuren ergänzen sich großartig und bieten ein Bild über das große Ganze. Die Kapitel sind immer sehr kurz gehalten und zeigen meist nur ein Bruchstück, wenn’s wirklich spannend wird, gibt es einen Szenenwechsel. Dadurch ist man angehalten, ständig weiterzulesen. Man kann den Roman kaum aus der Hand legen. Weiterlesen

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Einen herausragenden Coming-Of-Age-Roman liefert der französische Schriftsteller Nicolas Mathieu mit seinem Werk „Wie später ihre Kinder“. Er schildert darin das Heranwachsen von einigen Jugendlichen im fiktiven französischen Städtchen Heillange. Seit dort das einst florierende Stahlwerk geschlossen hat, leben die Menschen in einer hoffnungslosen, tristen Region – so auch Anthony, dessen Vater aggressiv ist und Alkoholprobleme hat, oder Hacine, der aus einer marokkanischen Einwandererfamilie stammt, sich langweilt und mit Drogen dealt.

Doch auch wenn ihnen die Welt, in der sie leben, keine gute Basis bietet, wollen diese Jugendlichen doch all das, was fast alle männlichen Teenager wollen: Mädchen kennenlernen, sich amüsieren und einen fahrbaren Untersatz haben – nur dass alles, was damit zusammenhängt, in Heillange erheblich rauer abläuft als anderswo, inklusive roher Gewalt und Kriminalität … Weiterlesen

Joseph Jefferson Farjeon: Dreizehn Gäste (1936)

Ein Politiker, ein Cricket-Spieler, ein Maler, ein Klatschreporter, ein Wurstfabrikant, eine Krimiautorin, eine Schauspielerin und eine faszinierende Witwe namens Nadine Leveridge – diese und andere illustre Gäste hat Lord Aveling zu einem Wochenende auf seinem Landhaus Bragley Court eingeladen. Der verschuldete Adlige will nach außen hin die Fassade wahren, nützliche Kontakte pflegen und nebenbei seine Tochter mit einem aufstrebenden Politiker verkuppeln. Doch es soll anders kommen…

Unfreiwillig platzt John Foss in diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft hinein. Als er am Bahnhof stürzt, nimmt ihn die schöne Nadine kurzerhand mit in das Landhaus. Dort soll sich John auskurieren. Als unerwarteter dreizehnter Gast lässt das Unglück nicht lange auf sich warten. Aufgrund seines verletzten Fußes ist John in einem Vorzimmer im Eingangsbereich untergebracht, wo er unfreiwillig Zeuge merkwürdiger nächtlicher Szenarien wird. Nach dem Motto „Der Beobachter sieht vom Spiel am meisten“ gewinnt John ungeahnte Einblicke in die Geheimnisse der Geladenen. Dieses Wissen ist für Kriminalinspektor Kendall bald Gold wert: Denn nach einem zerstörten Gemälde geht es diversen Vier- und Zweibeinern auf Bragley Court an den Kragen. Weiterlesen

Kendare Blake: Der Schwarze Thron 03: Die Kriegerin

Willkommen zurück auf der Insel Fennbirn. Geschützt von einem magischen Nebel leben die Menschen hier, zumindest auf den ersten Blick, ein reiches, behütetes Leben. Dass die Wahl der Königin allerdings durch eine gnadenlose Auswahl erfolgt, weist den Weg. Drei Schwestern machten sich auf, ihre Konkurrentinnen um die Königinnenwürde auszuschalten – endgültig.

Die Giftmischerin Katherine und ihre Verbündeten haben obsiegt, ihren beiden Schwestern sind vermeintlich zumindest, tot. Dass diese sich auf das Festland geflüchtet haben und bereits wieder Pläne schmieden, die Macht auf der Insel doch noch an sich zu reißen, weiss die frisch gekürte Monarchin noch gar nicht, als sich Unruhe in ihrem Reich ausbreitet. Es riecht nach Rebellion, die Zeit der Drillingsköniginnen auf Fennbirn soll zu Ende gehen. Damit nicht genug, rührt sich im schützenden Nebel der Insel etwas Unbekanntes. Schreckgestalten suchen die Insel heim und verbreiten weiteres Unbill und Leichen. Wird Fennbirn untergehen, oder kann die drohende Katastrophe doch noch vermieden werden?

Kendare Blake hatte ihre Saga um den „Schwarzen Thron“ eigentlich ursprünglich auf zwei Bände ausgelegt, die Geschichte schien erzählt. Weiterlesen

Annette Sabersky: Besser essen ohne Zusatzstoffe

Irgendwann war der Witz da und auch lustig. Jemand sagte stolz, er habe heute lecker gekocht. Er habe eine Dose aufgemacht.

An den Dosen hat sich wenig geändert. Sie bekamen unzählige Geschwisterchen in Gestalt von gefrorenen, gekühlten, eingeschweißten Fertiggerichten. Auch anderes wird fertig zubereitet, bunt verpackt offeriert, in Tuben, Gläsern, Bechern, Tüten. Sie alle haben eines gemeinsam: Der Inhalt wurde haltbar gemacht und mit Geschmack aufgewertet.

Der Preis für das Delegieren des Selber-Kochens kennt keine Grenzen: Bei wenigen Cents für eine Tütensuppe geht es los.

Besser essen könnte für den Eiligen, Immer-Beschäftigten bedeuten: billig (in erster Linie für den Hersteller), viel, lecker süß oder salzig. Manches macht sogar satt.

Die Ernährungswissenschaftlerin Annette Sabersky versteht unter besser essen einen Speiseplan mit so wenig Chemie und Zusatzstoffen wie möglich. Das Ziel ihrer Aufklärung über Zusatzstoffe aller Art richtet sich auf eine gesunde Ernährung und ein Bewusstsein für gesunde Nahrung. Vor allen Dingen dieses Bewusstsein will sie wecken und bietet in den letzten Kapiteln hilfreiche Hinweise, wie man ohne Zusatzstoffe ganz einfach Lebensmittel haltbar macht oder zubereitet. Weiterlesen

Norbert Scheuer: Winterbienen

Momentan herrscht hierzulande ja ein regelrechter Hype um Bienen. In allen Medien wird darüber berichtet und auch in den Buchhandlungen stehen viele Bücher, insbesondere belletristische, die sich mit Bienen beschäftigen.

Das ist erstmal nichts Schlimmes. Ob es aber immer noch ein Buch mehr braucht, wäre zu diskutieren.

Dem Autor dieses Buches zu unterstellen, dass er auf dieser Welle mitreiten wollte, liegt mir fern. Immerhin widmet er sich über 320 Seiten diesem Thema. 320 Seiten, auf denen sehr, sehr wenig passiert. Der einigermaßen spannende Teil der Handlung hätte auf vielleicht 10 Seiten gepasst, also in etwa die Länge einer anständigen Kurzgeschichte.

Erzählt werden in Tagebuchform die Geschehnisse im Leben des Egidius Arimond im Jahr 1944 in einem kleinen Ort in der Eifel. Während des gesamten Buches erfährt man nicht das Alter des Protagonisten, aber er muss im wehrfähigen Alter sein. Wegen seiner epileptischen Anfälle ist er nicht wehrtauglich und daher im Ort immer wieder Anfeindungen als Drückeberger ausgesetzt.

Außerdem schläft sich Egidius durch mehrere Betten im Dorf, Betten von Frauen, deren Männer an der Front sind. Die einzige andere Beschäftigung des ehemaligen Lehrers sind besagte Bienen. Und zwar Beschäftigung nicht nur aktiver Hinsicht, nein, auch in seinen Gedanken sind die Bienen so ziemlich das einzige, was ihn beschäftigt. Weiterlesen

Tayari Jones: In guten wie in schlechten Tagen

Woraus ist Liebe gemacht – jene Art von Liebe, die zwei Menschen auf ganz besondere Weise verbindet? In ihrem Roman versucht Tayari Jones Antworten auf diese Frage zu finden.

Es geht um Roy und Celestial, jung, schwarz, frisch verheiratet und mit Perspektiven für eine glänzende berufliche Zukunft, doch in einer Nacht am falschen Ort. Eine Frau wird vergewaltigt und ist davon überzeugt, dass Roy der Täter ist. Dass er die ganze Zeit mit Celestial zusammen war, dass es keine DNA-Spuren von ihm gibt, dass er unschuldig ist, interessiert niemanden, auch nicht die Geschworenen, die Roy zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilen. Die Haft stellt die Ehe der beiden auf eine harte Probe. Was geschieht, wenn die Trennung länger dauert als die Zeit des Beisammenseins? Das Buch wird vorübergehend zum Briefroman; Celestial schreibt immer zurückhaltender, Roy versinkt zunehmend im Selbstmitleid, die Briefe werden seltener. Der Leser ist gefordert, zwischen den Zeilen zu lesen und seine eigenen Überlegungen anzustellen. Weiterlesen

Christine Brand: Blind, gelesen von Martina Treger

Nathaniel ist blind. Normalerweise kommt er gut zurecht, aber es gibt so das eine oder andere, bei dem er gerne jemanden Sehenden um Rat fragen würde. Die Farbe der Krawatte zum Beispiel. Dafür gibt es eine App: „be my eyes“. Die App ruft eine Reihe von registrierten Nutzern an, und der Erste der sich meldet, wird mit Nathaniel verbunden. Per Kamera kann er dann bei was auch immer helfen. Eines Tages endet eine solche Hilfestellung mit einem gellenden Schrei der Frau am anderen Ende und Verbindungsabbruch. Natürlich kann etwas völlig harmloses dahinter stecken, aber Nathaniel lässt die Sache keine Ruhe. Die Polizei glaubt ihm zwar, sieht aber keinen Handlungsbedarf und auch keine Möglichkeit. Denn für die Nutzer sind die anderen Nutzer anonym, da es Zufall ist, wer von den Angerufenen zuerst ans Telefon geht, hat selbst der App-Betreiber kaum Möglichkeiten, die Identität festzustellen – und für eine Privatmann schon mal gar nicht. Gemeinsam mit einer Freundin, der Journalistin Milla macht Nathaniel sich trotzdem auf die Suche – und taucht dabei tief in seine Vergangenheit. Weiterlesen