Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land

Die Physikerin Ruth Schwarz forscht in Wien über die Blockuniversumstheorie – eine „alternative Theorie über die Zeit“ – und schreibt schon einige Jahre an ihrer Doktorarbeit, als sie erfährt, dass ihre Mutter und ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Sie ist schon vorher deutlich psychisch angeschlagen, die verschiedensten Tabletten helfen ihr durch den Tag und die Nacht

Nachdem ihre Tante ihr erzählt, dass es den Eltern wichtig war, in ihrem Heimatdorf Groß-Einland beerdigt zu werden, macht sich Ruth geschockt und wie im Rausch dorthin auf den Weg, um alles vorzubereiten.

Erst unterwegs fällt ihr auf, dass sie nicht weiß, wo Groß-Einland genau liegt. Die Eltern hatten kaum davon erzählt und waren in Wien heimisch geworden. Kein Straßenschild weist ihr den Weg, auf keiner Landkarte ist der Ort verzeichnet und die Dame vom Amt erklärt ihr, dass es in Österreich nie ein Groß-Einland gegeben hat.

Nur durch Zufall hört sie an einer Tankstelle von einem Mann, dass er nach Groß-Einland fährt. Obwohl sie ihn nach einer Weile verliert, findet sie – nachdem sie mit dem Auto auf einem Trampelpfad ein steiles Waldstück durchquert hat – endlich den Ort und hat das Gefühl, in einem alten, österreichischen Städtchen gelandet zu sein. „Alles war dabei unfassbar sauber und heil – eine Perfektion, wie ich sie an keinem Quadratmeter Wiens je kennengelernt hatte.“ (Kapitel 4)

Die Sitten und Gebräuche sind – gelinde gesagt – seltsam und das Verhalten der Menschen wirft einige Fragen auf. Als Ruth ein Zimmer in einer Pension bezieht entwickelt sich zum Beispiel folgender Dialog (Kapitel 4): „‚Mein Name ist Dorothee, wenn Sie etwas brauchen, melden Sie sich.‘ Ich zeigte auf ihre Brust. ‚Aber da steht doch Frau Erna.‘ ‚Aber nein, das ist der Name des Gasthofs.‘ ‚Ist das hier nicht die Pension zum Fröhlichen Kürbis?‘ ‚Doch, doch.‘“ Weiterlesen

Steve Sem-Sandberg: Der Sturm

Nachdem sein Ziehvater Johannes Ende 1990 verstorben ist, kehrt der junge Protagonist Andreas auf die norwegische Insel, auf der er seine Kindheit verlebt hat, zurück. Eigentlich hätte er nicht mehr hierher an diesen Ort zurückkommen sollen, weiß er, denn es sind nicht unbedingt gute Erinnerungen, die er mit der Insel in Verbindung bringt. Die Menschen auf der Insel waren stets abweisend, untereinander aber ein verschworener Haufen, alle und alles schien miteinander verwoben.

Johannes hat ihn, Andreas und seine Schwester Minna einst in seinem Haus aufgenommen, nachdem die Eltern der Kinder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Zu jener Zeiten hatten  seine Eltern mit den Geschwistern in der Nato-Villa gewohnt. Nun, als er in den Unterlagen von Johannes‘ Nachlass stöbert, kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Jetzt, nach so vielen Jahren endlich versteht er langsam die Zusammenhänge und die eigentliche Wahrheit. Andreas findet Zeitungsausschnitte, Notizhefte, Quittungen, Belege, Fotos, die alles belegen.

Immer wieder arbeitet der Autor mit Rückblenden in die Kindheit. Szenen mit Andreas und seiner aufwieglerischen Schwester Minna, der er hörig war und die ihn für sich manipulierte, treiben den Plot voran. Weiterlesen

Benoîte Groult: Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch (1977-2003)

Benoîte Groult, die französische Journalistin, Schriftstellerin und Feministin ist seit 2016 tot. Ihr Roman Salz auf unserer Haut, das die leidenschaftliche Liebe einer Pariser Intellektuellen mit einem bretonischen Fischer beschreibt, wurde ein internationaler Bestseller. Als ihr letztes Werk wollte Benoîte Groult ihr irisches Tagebuch veröffentlichen, das sie jedoch wegen ihrer Alzheimerkrankheit nicht mehr ausführen konnte. Blandine de Caunes, die Tochter von Benoîte Groult, hat sich dem Projekt ihrer Mutter angenommen und ihre jahrelangen Aufzeichnungen aus ihrem regulären wie ihrem intimen Tagebuch gesichtet. Zusammen mit den Logbüchern der passionierten Fischerin Benoîte Groult, in denen diese akribisch notierte, welche und wie viele Fische sie zusammen mit ihrem Mann wo und wann gefangen hat, ist es ihr gelungen, ein atmosphärisch dichtes Lebensbild ihrer Mutter aufzuzeichnen.

Auch der bretonische Fischer ihres Bestsellers, der in Wirklichkeit ein amerikanischer Pilot war, ist natürlich eine der Figuren in diesem Buch. Schade, dass Kurt in intellektueller Hinsicht so viel zu Wünschen übrig lässt. Er spricht nicht mal Französisch… (eBook S. 88) Die Aufzeichnungen über Kurt lesen sich wie in Salz auf unserer Haut leidenschaftlich impulsiv. 

Über ihre Wahlheimat Irland notiert Groult einmal: Irland ist ein Seelenzustand, eine Lebensweise und mir gefällt diese Lebensweise. Ich atme die Luft ein, wie man quellreines Wasser trinkt. (eBook S.92) Weiterlesen

Laura McHugh: Im Sog der Schuld

17 Jahre ist es her, dass Arden zuletzt einen Fuß in ihre Heimatstadt gesetzt hat. Damals war sie selbst noch ein Kind und ihre Zwillingsschwestern verschwanden auf mysteriöse Weise als Kleinkinder. Seitdem plagen Arden die Gedanken an die beiden Mädchen. Leben sie etwa noch? Und welche Rolle spielte sie selbst bei ihrem Verschwinden? Als Arden das alte Haus der Familie erbt, beschließt sie, dort einzuziehen und der Sache genauer auf den Grund zu gehen, auch wenn das Geschehene schon so viele Jahre zurückliegt.

„Im Sog der Schuld“ ist ein leicht zu lesender Mystery-Roman. Thriller wäre schon fast zu viel gesagt, denn wirklichen Thrill gibt es kaum. Die kleinen Mädchen waren eines Nachmittags weg und Arden versucht sich an genaue Details zu erinnern. Damals wurde ein Mann verhaftet, dessen Auto Arden am Tatort, dem elterlichen Garten, gesehen hatte. Doch hatte er wirklich etwas mit der Sache zu tun? War sie als Kind noch felsenfest davon überzeugt, ist sie sich in der Gegenwart nicht mehr so sicher. Zusammen mit einem interessierten Blogger, der sich mit mysteriösen Vermisstenfällen aus der Vergangenheit befasst, begibt sich Arden deshalb auf Spurensuche. Weiterlesen

Oliver Plaschka: Der Wächter der Winde

Menschen aus unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten kommen in einen Sturm und finden sich danach an einem ganz anderen Ort wieder. Der exzentrische Erfinder Ross erschuf einst jene „Welt unter dem Winde“, um seine Tochter vor der Mutter zu schützen. Doch mittlerweile ist Mira 17 Jahre alt und fühlt sich in dem kleinen von Wind umtosten Stückchen Land eingesperrt. Sie will fliehen und die Welt unter dem Winde hinter sich lassen. Als sie hört, dass mehrere Fremde in ihre Welt gekommen sind, ist sie begeistert. Nur weiß sie nicht, was sie mit der Information anfangen soll, dass sogar ihre eigene Mutter unter den unfreiwilligen Gästen ist.

Oliver Plaschkas Idee zu seinem neusten Roman ist klasse. Er interpretiert Shakespeares Klassiker „Der Sturm“ neu und macht daraus eine ideenreiche Fantasy-Story. Sie ist angereichert mit einer Vielzahl von Figuren und besteht vor allem anfangs aus ebenso vielen Handlungssträngen, die nur sehr dezent miteinander verbunden sind. Viele der Figuren haben Namen und Eigenschaften aus Shakespeares Theaterstück. Weiterlesen

Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

… Was wäre, könnten wir die Phase des Todes überspringen, eine Brücke bauen in eine Zeit danach …? Was wäre, wenn wir nicht verfallen würden, wenn wir zurückkämen, ohne Sorgen, ohne Leid?“ (S. 24)

In den 1980er Jahren bietet die Firma Exit U.S. einen besonderen Service an, in dem sie lebensverlängernde Maßnahmen durch Kryonik verspricht. Die Idee ist, Menschen im flüssigen Stickstoff zu lagern, bis eines Tages in der Zukunft die Medizin mit der Wiederbelebung und Heilung von Krankheiten beginnen kann.

Kachelbad, einer der beiden Geschäftsführer der Firma baut den Kontakt zu möglichen Klienten auf, bespricht die Details, Vermögensübertragungen und sorgt persönlich für die Durchführung. Alles läuft einigermaßen nach Plan, bis sein Kompagnon plötzlich stirbt und Kachelbad genauso plötzlich vor dem Ruin steht. Abgesehen davon, dass Firmengelder verschwunden sind, wird ihm die Schwachstelle ihrer Idee vor Augen geführt. Wie lange kann ein Vermögen reichen, wenn ihr Unternehmen einer Kostenexplosion in unbekannter Höhe ausgesetzt ist? Die Anmietung geeigneter Lagerräume, Wartung der Aufbewahrungstanks sowie der regelmäßige Kauf von flüssigem Stickstoff steigen, je mehr Menschen bei Exit U.S. einsteigen. Der Tod seines Kollegen zwingt Kachelbad zum Umdenken. Wenn er das Vertrauen seiner Kunden nicht enttäuschen will, braucht es sehr schnell eine Lösung. Weiterlesen

Darren McGarvey: Armutssafari

Darren McGarvey, geboren 1984, ist in einem Glasgower Problemviertel in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen. Seine psychisch kranke sowie alkohol- und drogensüchtige Mutter hat ihn schwer vernachlässigt. Der Autor beschreibt unter anderem, wie sie ihn zum Zigaretten holen in einem heftigen Sturm nach draußen schickt und sich dann gemeinsam mit ihrem Lover auf dem Balkon darüber schieflacht, wie der kleine Darren fast wegfliegt und Todesangst aussteht.

Wenn so jemand ein Buch über die Unterschicht schreibt, ist das per se glaubwürdiger, als wenn es ein Professor tut, der in gut behüteten Kreisen aufgewachsen ist.

„Armutssafari“ von Darren McGarvey, der auch als Rapper Loki bekannt ist, ist allerdings kein Roman. Es ist eine Mischung aus Autobiographie und soziologischen beziehungsweise sozialpsychologischen Überlegungen. Seine Kernbotschaft: Nicht nur die äußeren Umstände sind es, die die Menschen in die Armut und das Elend treiben, sondern auch ihre innere Einstellung, die durch jahrelanges Leben in den immergleichen Kreisen entstanden ist. McGarvey beschreibt anhand seiner eigenen Biographie, wie er sich selbst durch eine Änderung seiner Einstellungen zu einem besseren Leben verholfen hat. Weiterlesen

Stig Sæterbakken: Durch die Nacht

Puh, das ist ein hartes Stück Brot. Kaum zu kauen und noch schwerer zu schlucken. Ausgangspunkt ist eigentlich ein heute nicht seltenes (Beziehungs-) Drama: ein Mann im gestandenen Alter, erfolgreicher Zahnarzt mit einer Vorzeigefamilie die aus seiner Frau Eva und den beiden Kindern Stine und Ole-Jakob besteht, verlässt dieses Idyll unerklärlicherweise für eine zwanzig Jahre jüngere Geliebte, namens Mona. Dieses kurze Aufflammen endet allerdings in einer Katastrophe. Was dann kommt, ist ein Selbstzerstörungsroman, kafkaesk oder an Altmeister Edgar Allen Poe gelehnt, verrückterweise im Stil auch erinnernd an Literaturerlebnisse des letzten Jahres, verfasst von Haruki Marukami „Die Ermordung des Commendatore“ (1+2). Es gibt nicht nur die eine Seite, das nachvollziehbare, gleichwohl Unfassbare, welches ein traumatisches Ereignis auslöst: nämlich der Selbstmord des Sohnes des Ich – Erzählers. Weiterlesen

André Aciman: Fünf Lieben lang

Poetisch, klug, unglaublich sinnlich: André Aciman kitzelt die prickelnden Momente des Alltags heraus. All die kleinen Details und Sehnsüchte, die im Zeitalter von Tinder übersehen werden. Zu Recht gilt André Aciman als der momentan größte Romancier im Genre der „sensuellen“ Literatur. Man denke nur an die legendäre „Pfirsich-Szene“ aus seinem Roman „Call me by your Name“. Aciman haucht dem Genre wieder Geist und Seele ein, dafür braucht er keine Fesselspielchen à la „Shades of Grey“. Er entfesselt die Sinnlichkeit mit verbaler Wucht und präziser Hingabe. Ob die künstlerische Arbeit in einer Tischlerwerkstatt, die Körperpflegerituale im Duschraum eines Tennisclubs oder die Betrachtung eines flirtenden Paares bei einer Tischgesellschaft… er verleiht diesen Situationen neue Düfte, mehr Haptik und ungesagte Mehrdeutigkeiten.

In „Fünf Lieben lang“ begleiten wir Paul ab seinem 13. Lebensjahr durch sein (Liebes-) Leben. Auch in diesem Roman lässt Aciman seine Hauptfigur Menschen beiderlei Geschlechts begehren. Pauls erste große Liebe begegnet ihm auf einer italienischen Ferieninsel, wo er mit seiner Familie jährlich den Sommerurlaub verbringt. Der wesentlich ältere Tischler soll ein paar alte Möbel des Ferienhauses restaurieren, bald sucht Paul ihn in seiner Werkstatt auf, um ihm dabei zur Hand zu gehen. So wie der Altersunterschied zwischen den beiden steht, wird schon bald die Arbeit mit Holz zum sinnbildlichen Ersatzschauplatz von Pauls aufkeimender Erotik. Weiterlesen

Cassandra Clare: Queen of Air and Darkness 03: Die dunklen Mächte

Die Welt der Schattenjäger steht kurz vor einem Krieg; Hass und Angst prägen das Leben jedes einzelnen. Der grausame Anführer der Kohorte sieht in diesem Zustand seine Möglichkeit, endlich ungeteilte Macht zu erlangen und schürt die Ängste, wo er nur kann, immer fraglos unterstützt von seinen Anhängern.

Die größeren politischen Zusammenhänge, die die Welt der Schattenjäger ins Chaos zu stürzen drohen, beschäftigen die Familie Blackthorn jedoch nur zweitrangig. Der Tod ihrer Schwester Livvy hat ein Loch in ihre Mitte gerissen und jeder von ihnen versucht auf seine Weise, mit dem Kummer zurechtzukommen. Während alle in tiefer Trauer versinken, scheint Ty, Livvys Zwillingsbruder, kaum betroffen zu sein. Sein Freund Kit vermutet einen von Trauer ausgelösten Schockzustand, bis Ty sich ihm anvertraut: Alle anderen trauern seiner Meinung nach nur, weil sie Livvy aufgegeben haben, aber hat das nicht. Er wird Livvy von den Toten zurückhohlen.

Um seinen Freund nicht zu verletzten, steht Kit Ty bei diesem Vorhaben zur Seite, ohne zu ahnen, wie tief sie beide dadurch in die Welt der dunklen Magie gezogen werden.

Julian und Emma leiden ebenfalls unter Livvys Tod, doch sie müssen sich auch mit anderen Problemen herumschlagen: Der Fluch, der ihre verbotene Liebe bestraft, droht, sich zu manifestieren. Wird Emma den letzten Schritt gehen müssen und die Welt der Schattenjäger für immer aufgeben, um die, die sie liebt, nicht zu verletzen? Weiterlesen