M. Hjorth & H. Rosenfeldt: Die Opfer, die man bringt

In diesem Roman ist der Kriminalfall selbst ganz interessant, aber nicht überragend und auch nicht wirklich besonders glaubhaft. Aber das Ermittlerteam ist wieder das ganze Buch wert. Da ist zunächst mal Sebastian Bergmann, der Kriminalpsychologe mit der psychischen Störung, der einfach den „Hosenstall nicht zulassen kann“. Der steht in direktem Konflikt mit seiner Tochter Vanja, ebenfalls erfolgreiche Polizistin und im gleichen Team, der er immer wieder in dem, was er unter „gutem Glauben“ versteht, das Leben ruiniert. Sie könnte keine erfolgreiche Polizistin ein, wenn sie sich das gefallen lassen würde. Mit Ursula hatten sowohl Sebastian als auch der Leiter des Teams Törgel bereits ein Verhältnis.

Törgel versucht das Team zusammenzuhalten, ist aber viel mehr mit seiner neuen Liebe beschäftigt. Und damit, dass sein Posten ausgerechnet der energischen Einsatzleiterin gefällt, die die Reichsmordkomission zu den Vergewaltigungsfällen zu Hilfe gerufen hat. Weiterlesen

Kai Wieland: Amerika

Die erste erschaffe, die zweite bewahre, die dritte zerstöre: Solcherlei Lektionen über den Generationenwandel erfährt ein junger Chronist, der mit vier Personen im „Schippen“ zusammensitzt. Der Treffpunkt im schwäbischen Dorf Rillingsbach hat wie der Ort seine besten Zeiten hinter sich. Er wurde vom Drei- zum Zweisternehotel über eine Vesperstube zur Kneipe heruntergewirtschaftet. Neben der Wirtin Martha, die nie aus dem Schwäbischen Wald herausgekommen ist, sitzen da noch Alfred, ein Amerikafan mit Faible für Kriegsfilme sowie der unbeliebte Frieder, der als Sohn des ehemaligen Oberscharführers auch nach dem Zweiten Weltkrieg gewisse Führungsansprüche für sich geltend gemacht hat. Alle drei sind über 80 Jahre alt. Sie sind Relikte in einem mittlerweile fast ausgestorbenen Ort. Jüngste im Bunde ist die wilde Hilde, immerhin erst 60 Jahre alt. Diese ist getreu dem Motto Sex, Drugs, Rock `n Roll mit amerikanischen GIs durch die Nächte gezogen. Während sie in Erinnerungen schwelgen, stößt der Chronist auf Ungereimtheiten und ein dunkles Geheimnis. Ein mysteriöser Todesfall scheint die Fronten im Dorf bis heute zu verhärten. Weiterlesen

C. Kurz & F. Rieger: Cyberwar – Die Gefahr aus dem Netz

Immer mehr Lebensbereiche sind digitalisiert. Im Privaten und im Beruflichen. Als die ersten Warnungen über Sicherheitslecks bekannt wurden, sagten noch viele, sie hätten nichts zu verbergen. Private Bilder in den sozialen Medien konnten nicht privat genug sein. Mit dem Handy in der Hand wird inzwischen ein großer Teil des Lebens organisiert: Geldangelegenheiten, Haustechnik, Konsum, informieren und kommunizieren. Was hinter den Programmen und Apps läuft, wissen die meisten nicht. Genauso wenig, wie das Innenleben von Computern, Routern, Fernsehern oder ferngesteuerten Elektrogeräten funktioniert. Nur technisch versierte Menschen erkennen Manipulationen. Sind die Platinen so, wie sie sein sollten? Wer hat sie gelötet, gibt es unerwünschte Funktionen? Was wäre, wenn jemand die Kontrolle über das eigene Handy und den Computer übernähme? Daten auswertet und verkauft? Die eigene Identität für kriminelle Aktionen nutzt? Dies geschieht täglich und extrem häufig.

Seit WikiLeaks und Edward Snowdens Veröffentlichungen dürfte jeder gewarnt sein. Was sich im Hintergrund abspielt, erfährt der Leser in der kurzweilig zu lesenden Zusammenfassung des Autorenteams Constanze Kurz und Frank Rieger. Weiterlesen

Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien

Der 1957 geborene französische Autor Hervé Le Tellier widmet sich in seinem neuen Buch „All die glücklichen Familien“ seiner Verwandtschaft. Auf dem Cover steht zwar „Roman“, aber eigentlich handelt es sich um eine Autobiographie, die sich kritisch vor allem mit seiner Mutter Marceline, seinem Stiefvater Guy und seinem leiblichen Vater Serge auseinandersetzt. Schon ein Buchzitat auf der Rückseite des Covers weist auf diese Stoßrichtung hin: „Mir war schon immer klar, dass meine Mutter verrückt ist.“

Besagte Mutter wird dabei als durchgeknallt, bösartig und lieblos beschrieben, der Stiefvater als geizig und blass, der Vater als Fremdgeher. Viele andere Figuren wie eine Halbschwester, die Großeltern, Onkel und Tanten kommen vor (und kriegen ebenfalls ihr Fett weg), so dass man als Leser ein wenig aufpassen muss, um den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum am Anfang erweist sich als hilfreich. Weiterlesen

Henry Beston: Das Haus am Rand der Welt (1928)

Henry Bestons Plan war ursprünglich, zwei Wochen auf der Halbinsel Cape Cod in Massachusetts zu verbringen. Doch aus zwei Wochen wird ein ganzes Jahr. Beston lebt in dieser Zeit in einem kleinen Holzhaus, das er Fo’castle nennt. Hier ist er mit sich und der Natur die meiste Zeit allein. Die einzigen Nachbarn sind die Männer der Küstenwache von Nauset, die etwa zwei Meilen entfernt stationiert sind.

Beston hält seine täglichen Naturbeobachtungen schriftlich fest. Als Leser staunt man von Seite zu Seite, wie vielfältig er die Veränderungen von Geologie, Tönen, Farben, Stimmungen wahrnimmt und dies alles in einer schönen, treffenden Sprache beschreibt.

So erfährt man zum Beispiel, in welcher Weise, welcher Gestalt und mit welchen Geräuschen der Ozean auf den Strand trifft, und dass am Strand bei Nacht eine ganz besondere Stimmung mit ganz eigenen Tönen und Klängen herrscht. Beston beschreibt hier ein trockenes Zischeln eines sich endlos fortbewegenden Sandes und ein rhythmisches Auflaufen der Wellen so detailgetreu, dass man sich mitten in dieses Geschehen hineinversetzt fühlt. Weiterlesen

TKKG: Ein fast perfektes Weihnachtsmenü

Ein Wiederhören mit alten Bekannten: Ich habe TKKG seit über 20 Jahren nicht mehr gehört und wie ich feststellen musste, hat sich – bis auf einige wenige Sprecher (die bezogen auf Karl aber leider nicht besser geworden sind) –  kaum etwas verändert. Im Gegensatz zu ihren Kollegen von den drei ??? sind Tarzan, Karl, Gaby, Klößchen und auch Oskar nämlich kein bisschen gealtert. So verfolgen sie die Verbrecher noch immer auf ihren Fahrrädern, was zum Teil einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Doch erst einmal zum Inhalt des Weihnachtsspecials: Tim und Karl essen kurz vor Weihnachten gemeinsam mit Karls Eltern im „Plaisier Royal“, einem Nobelrestaurant. Dort werden sie Zeuge, wie der bekannte und gefürchtete Restaurantkritiker Pierre Ragueneau nach dem Dessert vornüber auf seinem Zimtparfait landet. Ein Giftanschlag. Da Karls Ex-Onkel (dazu später mehr) in dem Restaurant arbeitet, schalten sich TKKG in die Ermittlungen ein. Je länger sie ermitteln, umso mehr Täter kommen in Frage – neben Karls Ex-Onkel auch seine Mutter. Weiterlesen

Paolo Cognetti: Sofia trägt immer schwarz

Als Sofia während ihres Selbstmordversuchs auf die Wirkung der Tabletten wartet, kommt ihr der Gedanke, dass sie zur Schauspielerei berufen sei. „Das wäre eine wunderbare Möglichkeit gewesen, sich selbst zu entkommen.“ Sofia überlebt, zieht weiter an neue Orte, zu neuen Menschen, Beziehungen, Jobs – stets auf der Flucht vor sich selbst. Station macht sie in Mailand, Rom, New York. Letztendlich wird Sofia zum Sinnbild einer ganzen Generation von Ruhelosen, überwältigt von der Komplexität des Daseins.

Weil sie keine Lust auf ihre Erstkommunion hat, rasiert sich Sofia die Haare ab. Als Kind spielt sie lieber mit Jungs, verliert sich in Piratengeschichten. Sie lehnt Essen ab, ebenso wie die Notwendigkeit, sich festzulegen. Sofia lässt sich vom Leben treiben. Als Punk, Schauspielerin, Geliebte. Vor der Kamera glänzt Sofia mit Präsenz, kaum ist diese abgeschaltet, verschwindet sie nahezu unsichtbar. Sofia liebt die Farbe Schwarz, weigert sich aber in Filmen zu sterben. Begründung: Als Lebender könne man nicht wissen, wie es ist zu sterben, und wer es wisse, sei bereits tot. Weiterlesen

Ursula Poznanski: Thalamus

Timo ist siebzehn, als er mit dem Mofa verunglückt. Trotz Helm trägt er schwere Kopfverletzungen davon, kann nicht reden, nicht gehen. Deswegen kommt er zur Rehabilitation auf den „Markwaldhof“, der sich auf solche Fälle spezialisiert hat. Timo kommt in ein Zweibettzimmer mit einem Komapatienten, von dem man ihm sagt, dass er vollständig im Koma wäre. Aber er steht nachts auf, redet mit Timo, läuft herum, bedroht ihn. Zunächst kann Timo das niemandem mitteilen, er kann ja nicht sprechen und er zweifelt auch an seinen eigenen Beobachtungen. Alles nur Folgen der Kopfverletzung?

Timo lernt im Rollstuhl seine Mitpatienten und ihre Schicksale kennen und eines Nachts steht auch er auf. Kann laufen, kann reden. Morgens ist alles wie immer. Es gibt Fortschritte, aber keinen Durchbruch. Und Timo hört Stimmen. Stimmen, die ihn beeinflussen, die ihm Befehle erteilen.

Das Buch ist spannend vom Anfang bis zum Ende und beschäftigt sich mit dem, was Medizin vielleicht kann und darf. Weiterlesen

Neil Gaiman: Anansi Boys

Das Unheil beginnt, als ein alternder Charmeur in einer Karaoke-Bar in Florida den Hut abgibt. Dass er dabei einer drallen Blondine das Oberteil herunterreisst passt zu dem Verstorbenen, denn niemand geringeres als Anansi, ein Göttlicher Tunichtgut, gibt hier seine letzte Vorstellung.  Die göttliche Spinne hinterlässt zwei Söhne, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Der eine, Fat Charlie mit Namen, ist ein gehemmter, introvertierter Duckmäuser mit Ärmelschonern über dem Charisma, der in London sein recht karges Dasein als Buchhalter fristet. Der andere, Spider genannt, wurde von seinem Vater mit allen magischen Gaben bedacht und nutzt diese weidlich. Er führt ein Dasein als Lebemann und Hochstapler, tänzelt von einer Party zur Nächsten und fasziniert die holde Weiblichkeit mit seinem Charme und Esprit.

Als er dann aber seinem Bruder die Verlobte ausspannt ist endgültig schluss mit lustig. Fat Charlie, der Loser ist richtig sauer und schwört Rache. In den nächsten 2 Wochen wird Fat Charlie von der Polizei wegen Betrugs verhaftet, verliert seine Verlobte endgültig an seinen halbimaginären Bruder, fliegt zwischen den Kontinenten hin- und her wie ein unzurechnungsfähiger transatlantischer Pingpongball, muss zusehen, wie sein Bruder auf den Piccadilly Circus von Vögeln gefressen wird, besucht die Beerdigung eines Gottes Weiterlesen

Stefan Böhm: Straßburger Geheimnisse – Kommissar Sturnis erster Fall

Während Antoine Sturni, der Leiter der Straßburger Mordkommission, mit seinem Sohn Christian in seinem Lieblingsrestaurant sitzt und einen Ausflug in den Europa-Park plant, stirbt nicht weit entfernt bei einer Gedenkfeier im Europa-Parlament der Kabinettschef des Präsidenten der Europäischen Kommission, Dr. Werner Hasselfeld. Zunächst sieht alles nach einem Herzinfarkt aus, aber ein winziger Einstich im Nacken des Toten weckt erste Zweifel und die Obduktion bestätigt diesen Verdacht: Hasselfeld wurde mir einer Gift-Injektion ermordet.

Menschen mit einem Mordmotiv sind schnell gefunden, denn Hasselfeld war ehrgeizig, einflussreich und hatte sich vor allem im beruflichen Umfeld bis in höchste Ebenen einige Feinde gemacht. Doch auch seine kühle und unnahbare Ehefrau – Teilhaberin in einer großen amerikanischen Anwaltskanzlei mit Sitz in Brüssel und Spezialistin für Lobby-Arbeit – könnte etwas damit zu tun haben.

Sturni und sein Team beginnen zu ermitteln, dabei muss er auch in die ungeliebte „europäische Hauptstadt“ Brüssel reisen, um Recherchen anzustellen und Verdächtige zu befragen. Weiterlesen