Anna Hope: Was wir sind

Hannah, Lissa und Cate sind Freundinnen. Teils seit der Schule, teils seit dem Studium. Sie haben schon einiges gemeinsam durchgemacht und stehen jetzt mit Mitte 30 an ganz unterschiedlichen Punkten. Lissa versucht sich als Schauspielerin, doch der Erfolg will sich nicht recht einstellen. Hannah wünscht sich nichts sehnlicher als ein Baby. Mit Ehemann Nathan versucht sie deshalb seit Jahren, schwanger zu werden. Aber außer einer Fehlgeburt hat sie wenig vorzuweisen. Cate hingegen ist die Mutterschaft einfach in den Schoß gefallen: Schon zwei Monate, nachdem sie Sam kennenlernte, war sie schwanger. Und nun ist sie mit Baby Tom völlig überfordert und hat noch nicht ganz verarbeitet, dass er per Kaiserschnitt auf die Welt kam.

Das Figurenkonstrukt aus Anna Hopes Roman „Was wir sind“ erweist sich nach gut einem Drittel des Romans als wahres Minenfeld. Auf den ersten Blick sind Hannah, Lissa und Cate drei Frauen, die sich seit Jahren kennen und einiges miteinander erlebt haben. Sie haben sich etwas auseinandergelebt, halten aber weiterhin Kontakt. Erst auf den zweiten Blick werden viele Spannungen klar und fallen sensible Themen auf. Hannah könnte fast verrückt werden, wenn sie sieht, wie einfach Cate ein Baby bekommen hat und wie unzufrieden sie mit der Gesamtsituation ist. Denn Hannah hat bereits viel Geld für künstliche Befruchtungen und Arzttermine ausgegeben. Doch alles ohne Erfolg. Ihr Partner Nathan, den sie einst über Lissa kennenlernte, ist am Ende seiner Kräfte und die Themen Schwangerschaft und Baby werden zur wahren Zerreißprobe ihrer Ehe. Weiterlesen

Carrie Callaghan: Die Nachtmalerin

Haarlem, 1633: Die junge Judith Leyster zeigt sich in ihrer Lehre zur Malerin talentiert und ist die erste, die Licht in die Dunkelheit gemalt hat. Doch als Frau im 17. Jahrhundert in den Niederlanden hat man nichts zu sagen. Der Gilde der Maler gehören bisher nur Männer an. Das allerdings möchte Judith nicht auf sich sitzen lassen. Sie bewirbt sich um einen Platz in der Gilde und mietet mutig ein kleines Atelier zum Malen an. Ihre Freundin Maria, die Tochter ihres Ausbilders und gleichzeitig Zimmergenossin von Judith, glaubt nicht, dass ihr Weg in der Malerei liegt. Sie hat gesündigt und muss dafür Buße tun. Doch niemand darf von ihrem Geheimnis erfahren, nicht einmal Judith.

Dieser kurze Abriss der Handlung lässt das übliche vermuten. Starke Frauenfiguren in einem historischen Roman voller mächtiger Männer – Klischees vorprogrammiert. Doch Carrie Callaghan folgt diesem üblichen Weg nicht. Die Lektüre von „Die Nachtmalerin“ ist sehr erfrischend und in meinen Augen klischeefrei. Mit Hilfe der Übersetzerin Sabine Schilasky ist ein gut zu lesender Roman entstanden, in dem man viel über die Malerei zur damaligen Zeit erfahren kann, ohne dass Langeweile aufkommt. Das Geschriebene ist kurzweilig und treffend formuliert, der Text hat keine unnötigen Längen. Weiterlesen

Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe

Jacques Koskas stammt aus einer jüdischen Familie, die in Frankreich lebt und in der die religiösen Traditionen hochgehalten werden. Dass er selbst damit jedoch weniger am Hut hat, wird schon in der ersten Szene von Olivier Guez‘ Debütroman deutlich: Kurz bevor am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur aus der Thora gelesen werden soll, ist Jacques weggedämmert und hat einen erotischen Traum.

Im Folgenden versucht er, sich zum Leidwesen seines strengen Vaters den Gebräuchen zu entziehen. So sitzt er während des Gottesdienstes rauchend in einem Park.

„Koskas und die Wirren der Liebe“, so heißt dieser von Nicola Denis übersetzte französische Roman, lebt vor allem von dem subtilen Humor, den der Autor stilistisch hervorragend in fast jede Zeile streut. So werden Jacques moralisch strenge Verwandte liebevoll durch den Kakao gezogen. Der eine betreibt Völlerei, der andere ist ein Geizkragen und Hypochonder mit Hang zum Analphabetismus.

Jacques entflieht diesem Milieu, zieht nach Berlin und arbeitet dort als Reporter, der sich jedoch eher in diverse Affären stürzt statt in seine Arbeit. Dann lernt er die Liebe seines Lebens kennen, Barbara, und alles ändert sich …

Neben dem Humor ist es auch der Kontrast zwischen der Leichtlebigkeit des Titelhelden einerseits und der strengen Gläubigkeit seiner Familie andererseits, der diesen Roman lesenswert macht. Weiterlesen

Bergsveinn Birgisson: Quell des Lebens

Im Jahr 1783 hat sich in Island ein heftiger Vulkanausbruch ereignet. Glühende Asche, Feuerdämpfe, Überschwemmungen, Giftgaswolken, klirrende Kälte, Pockenepidemien… – das Ausmaß der Verwüstungen und die Dauer der Katastrophe nehmen kein Ende und ziehen sich über viele Monate hinweg. Unzählige Isländer samt ihrem Vieh fallen dem Unglück zum Opfer.

Da Island zu dieser Zeit eine dänische Kolonie war, plant man in Kopenhagen die Zwangsdeportation der Bevölkerung. Magnus Egede, ein dänischer Wissenschaftler, wird beauftragt, bis ans Cap Nord der Insel vorzudringen um die Gegend zu erkunden. Auf dem Weg dorthin soll er Landvermessungen durchführen und seine Informationen und Eindrücke über die in jenem abgelegenen Gebiet verstreut lebenden Menschen dokumentieren.

Je weiter Magnus in das Land vordringt und sich den rauen Bedingungen stellt, desto mehr ist er von der unwirtlichen Umgebung und dem anspruchslosen Inselvolk fasziniert. Inmitten dem ganzen Unheil auf der Insel wird Magnus bald klar, dass er viel zu sehr in seiner eigenen Kultur gefangen ist um verstehen zu können, was gute oder schlechte Lebensbedingungen für diese Menschen sind. Zudem ist er als Wissenschaftler nicht nur seinem Land, sondern auch seinem Ruf um Ruhm und Ehre verpflichtet. Weiterlesen

Marah Woolf: Angelussaga 01: Die Rückkehr der Engel

Die Welt hat sich verändert. Früher gab es nur wenige, die an die Existenz Gottes geglaubt haben, die davon träumten, dass Engel die Erde betreten würden um die Menschen von ihrem Leid zu erlösen. Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen glaubt jeder an die Engel. Als sie vor ein paar Jahren zum ersten Mal die Erde betraten, war der Jubel groß. Die Menschen sprachen von Wundern und Erlösung, sie wollten ihre Welt mit den Engeln teilen und mit ihnen zusammen ins Paradies eintreten. Doch die Engel waren nicht die göttlichen, rein guten Geschöpfe, als die sie in den Legenden dargestellt werden. Sie sind grausam. Menschen sind für sie eine niedere Rasse und sie wollen nichts weniger, als das Paradies mit ihnen zu teilen. Dennoch brauchen die Engel die Hilfe der Menschen, um ihr Ziel zu erreichen und beherrschen deshalb seit ihrer Ankunft die Erde.

Es ist eine Welt voller Ungerechtigkeit und Grausamkeit. In dieser Welt lebt die achtzehnjährige Moon mit ihrer Zwillingsschwester und ihrem jüngeren Bruder. In einem dystopischen Venedig unter der Herrschaft der Engel kämpft sie in der Arena, um Geld zu verdienen. Alles, was sie will, ist, ihre Geschwister aus der Stadt zu bringen und sie vor den Engeln zu schützen. Ihre wichtigste Regel ist, niemandem zu vertrauen, ganz besonders keinem Engel. Weiterlesen

Anca Sturm: Der Weltenexpress 02: Zwischen Licht und Schatten, gelesen von Rainer Strecker

Seit einigen Tagen ist Flinn Nachtigall eine richtige Schülerin im Weltenexpress, der Schule, die auf mehrere Waggons aufgeteilt ist und durch die Welt fährt. Auf ihrer Fahrt nimmt sie immer wieder Schüler und Schülerinnen auf, die besonders begabt sind und im Großen oder im Kleinen besondere Dingen tun werden. Als offiziell wird, dass Flinn ihr Ticket von keinem geringerem als dem Tiger höchstpersönlich erhalten hat, ist die Schüler- und Lehrerschaft in hellem Aufruhr. Denn Tigerkinder sind selten, sie sollen später einmal den kompletten Lauf der Welt revolutionieren mit ihren Entdeckungen. Flinn kann das gar nicht recht glauben, denn sie ist doch nur ein ganz normales Mädchen.

Schon an dieser kurzen Zusammenfassung merkt man, dass man „Zwischen Licht und Schatten“ nicht vor dem ersten Band „Der Weltenexpress“ aus dem Jahr 2018 lesen oder hören sollte. Der Inhalt des ersten Bandes wird zwar knapp wiederholt, aber es fehlen dann immer wieder Zwischeninformationen und wichtige Details. Anca Sturms Idee wohnt ein ganz besonderer Zauber inne: Der Weltenexpress ist überaus magisch, auch wenn kein Mensch auf der Welt mehr Magier ist. Allein die Tinker lernen, die Magie aus der Atmosphäre zu fischen und sie für sich nutzbar zu machen. Die Schüler und Schülerinnen des Welten-Expresses werden Pfauen genannt und sollen auf die eine oder andere Art später einmal die Welt verändern. Weiterlesen

Svenja K. Buchner: Bis die Zeit verschwimmt

Für die 15-jährige Helene bricht eine Welt zusammen, als sie erfährt, dass ihre beste Freundin Cassie bei dem Attentat in der Schule gestorben ist. Sie wurde einfach von einem ehemaligen Schüler der Schule erschossen. Und nun ist nichts mehr wie vorher. Helene hört nur noch laute Musik, isst nichts und ihre Eltern wollen sie zu einer Psychotante schicken, die ihr helfen soll. Aber wie kann ihr sowas helfen? Nur eins könnte ihr helfen: Wenn sie weiß, dass Cassie nicht willkürlich gestorben ist, dass der Täter ein Motiv hatte und keines der Opfer zufällig starb. Deswegen will Helene auf eigene Faust herausfinden, ob es zwischen dem Täter und seinen Opfern eine Verbindung gab. Ihr Kumpel Erik ist davon wenig begeistert und möchte die Sache lieber ruhen lassen.

„Peter Damm.
Nur neun Buchstaben.
Die meine Welt zerstört haben.“
(Zitat Drei: Peter D.)

Helene ist schließlich wie besessen davon, eine Verbindung zwischen den Opfern – acht Schülern und Schülerinnen, einem Lehrer – und dem ehemaligen Schüler der Schule zu finden. Als sie auf leichte Verbindungen zwischen Peter und einem der Opfer trifft, schöpft sie Hoffnung. Auch Cassies Tod muss eine Bedeutung gehabt haben. Doch Helene verrennt sich zusehends in der Idee, vergisst, dass auch ihr Kumpel Erik mit Cassie eine ihm sehr wichtige Person verloren hat. Weiterlesen

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

Katya Apekina wurde in Moskau geboren. Sie arbeitet als Übersetzerin für russische Literatur und schreibt Drehbücher. Heute lebt sie in Los Angeles (USA) und „Je tiefer das Wasser“ ist ihr erster Roman. Die Originalausgabe wurde 2018 unter dem Titel „The Deeper the Water the Uglier the Fish“ veröffentlicht. Im Suhrkamp Verlag erscheint das Buch am 17. Februar 2020 in einer Übersetzung von Brigitte Jakobeit.

Ich hatte soeben Claire Lombardos großartige Familiengeschichte „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ausgelesen, da liegt mir nun „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina vor. Ebenfalls eine Familiengeschichte, aber eine der eher gruseligen Art. Was man als Lesende am Originaltitel („The Deeper the Water the Uglier the Fish“) eher erkennen kann als an dem  Titel der deutschen Ausgabe.

Die Schwestern Edith (Edie) und Mae, beide im Teenageralter, müssen nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter Marianne nach New York City zu ihrem Vater Dennis Lomack, einem berühmten Schriftsteller. Sie haben ihren Vater seit Jahren nicht gesehen und sind sich fremd. Während Mae die Zeit bei ihm genießt, will Edie nur wieder zurück zu ihrer Mutter, die in einem psychiatrischen Krankenhaus liegt. Weiterlesen

Peter von Matt: Sieben Küsse: Glück und Unglück in der Literatur

„Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übriggeblieben sind“, wird der Schriftsteller Joseph Conrad zitiert. Und tatsächlich folgen Küsse einer ganz eigenen (Körper-) Sprache, inklusive Subtext. Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie viele Klassiker der Weltliteratur mit ganz anderen Augen sehen. Garantiert! Peter von Matt, renommierter Professor für Germanistik an der Universität Zürich, beleuchtet das universelle Thema „Glück und Unglück“ anhand sieben großer Kuss-Szenen. Ob „The Great Gatsby“, „Mrs. Dalloway“, „Die Marquise von O“ oder Marguerite Duras Werk „Moderato contabile“ – Küsse sind weit mehr, als das bloße Aufeinandertreffen zweier Münder. Nicht immer sind sie harmonisch, manchmal sind ihre Folgen unabsehbar. Die leidenschaftlichen, missverständlichen, maßlosen, imaginären, innigen und charakterformenden Küsse haben eines gemeinsam: Sie markieren einen Wendepunkt im Leben der Protagonisten. Danach ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das ist fürwahr der Liebe Zauberkraft!

Wissen Sie, was sich hinter dem Begriff „Osculologie“ verbirgt? Dieses Wort ist nicht im deutschen Fremdwörter-Duden aufgeführt, dabei handelt es sich um einen der schönsten Zeitvertreibe seit Menschengedenken. Des Rätsels Lösung: „Osculologie“ wird die Wissenschaft vom Küssen genannt. Peter von Matt analysiert nicht nur berühmte Kuss-Szenen der Weltliteratur, sondern vermag auch mit solchen Hintergrundinformationen ungeahnte Wissenslücken aufzufüllen. Weiterlesen

Antonia Michaelis: Mr. Widows Katzenverleih

Man nehme eine Prise Mystik, eine gute Portion Romantik, eine große Dosis Spannung und eine ganze Anzahl skurriler Katzen. Und man erhält einen liebens- und lesenswerten Roman von Antonia Michaelis.

Der alte Mr. Widow lebt in einer großen deutschen Stadt in einem kleinen Häuschen, das zwischen vielen hohen, glasverblendeten Gebäuden in einem winzigen Garten steht. Mit ihm in seinem Haus leben – aus eigenem Entschluss – gut vierzig Katzen, junge und alte, gesunde und behinderte, stolze, verfressene und verschmuste Katzen in allen Farben und Schattierungen und vor allem: jede mit einem sehr eigenen Charakter.

Archibald Widow betreibt einen Katzenverleih, das bedeutet, dass er jedem, dem bei der Bewältigung ganz spezieller Probleme eine Katze oder ein Kater helfen könnte, ein besonders geeignetes Exemplar verleiht. Allerdings entscheidet im jeweiligen Fall ausschließlich die Katze, der „Patient“ darf sie sich nicht selbst aussuchen.

Eines Tages folgt Mr. Widow in einer stürmischen Regennacht dem Wimmern von Katzen und findet einen Wurf Kätzchen in einer großen Mülltonne. Darin sitzt aber auch, frierend und ängstlich, eine junge schwangere Frau. Nancy Müller, wie sie sich nennt, hat ein großes Interesse daran, dass Mr. Widow ihre Vergangenheit und ihren wahren Namen nicht erfährt. Und auch niemand anderer. Nancy ist auf der Flucht und daher mehr als dankbar, als Mr. Widow ihr eine Stelle als seine Haushaltshilfe und Assistentin anbietet. Weiterlesen