Dirk Kurbjuweit: Haarmann

Nach dem gewaltsamen Tod seiner Mutter bei einem Schusswechsel französischer Soldaten macht sich der Bochumer Kommissar Lahnstein unbeliebt. Er fragt so beharrlich bei den Besatzern nach dem Verantwortlichen, dass er sich letztendlich nur durch eine Versetzung in Sicherheit bringen kann.

In Hannover wird zur gleichen Zeit in einer festgefahrenen Ermittlung ein neuer leitender Kommissar gebraucht. Für den politisch motivierten Polizeichef kommt Bochums bester Ermittler wie gerufen. Für die anstehenden Wahlen braucht er in der Presse positive Nachrichten. Denn die stetig wachsende Zahl von vermissten Jugendlichen und jungen Männern hat nicht nur bei den trauernden Eltern, sondern auch in der Bevölkerung für Unmut gesorgt.

Allmählich findet Lahnstein heraus, dass sowohl die Zeugen aus der Schwulenszene als auch seine Kollegen mehr verschweigen, als sie sagen. Mit seiner Beharrlichkeit macht er sich deshalb auch in Hannover unbeliebt. Und wer im Fokus steht, den kann man systematisch zum Sündenbock stilisieren. Viel zu schnell steht Lahnsteins Ermittlungsarbeit, seine Person und weitere Vermisste in der öffentlichen Kritik.

Der Reporter und Autor Dirk Kurbjuweit bearbeitet in seinem Kriminalroman den berühmten Fall um den Massenmörder Haarmann, über den schon einige geschrieben haben. Der Film Der Totmacher mit Götz George dürfte manchem noch in Erinnerung sein. Dirk Kurbjuweit setzt diesen Fall in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext. In einem trüben Dickicht aus Schweigen und Korruption sucht der fast fiktive Lahnstein einen Massenmörder. Weiterlesen

Martina Borger: Wir holen alles nach

Endlich geht es aufwärts: Die alleinerziehende Sina hat einen Job in einer Münchner Werbeagentur und sich jahrelang zwischen Karriere, Kind und dem Überleben in der Großstadt aufgerieben. Nun hat Sina mit Torsten einen Partner gefunden, der sie unterstützt und sich liebevoll um ihren achtjährigen Sohn Elvis kümmert. Mit Ellen, einer pensionierten Buchhändlerin, tritt ein weiterer Glücksfall in Sinas Leben. Sie sorgt nicht nur als Nachhilfelehrerin dafür, dass sich die Noten des schüchternen Jungen verbessern. Ellen springt auch ein, als Elvis leiblicher Vater ihn in den Ferien versetzt und Sina nicht weiß, wo sie ihren Sohn in den letzten beiden Ferienwochen unterbringen soll.

Bei Ellen blüht der introvertierte, sensible Elvis sichtbar auf. Zumal Ellen einen Hund hat, den Elvis abgöttisch liebt. Wünscht er sich doch selber seit Jahren einen eigenen Vierbeiner. Sina schwankt zwischen Glück und Eifersucht, da sie merkt, dass Ellen und Elvis Erlebnisse miteinander teilen, die eigentlich ihr als Mutter vorbehalten sein sollten. Sie hat so viele wichtige Momente im Leben ihres Sohnes verpasst. Doch das lässt sich ja nachholen – oder auch nicht?

Plötzlich gerät das fragile Familienkonstrukt ins Wanken. Schuld daran sind die blauen Flecken auf Elvis Körper, die Ellen entdeckt. Hat er sich verletzt, als er am Wochenende mit seinem Stiefvater zelten war? Steckt etwas anderes dahinter? Etwas, das seine Introvertiertheit erklären könnte? In Ellen keimt ein schrecklicher Verdacht. Als sie diesen in einem unüberlegten Moment äußert, tritt sie eine Kettenreaktion an Ereignissen in Gang. Weiterlesen

Peter Zantingh: Nach Mattias

„Die Tage danach bestanden aus Stunden, Minuten und Sekunden, müssen sie wohl, denn so ist es immer, aber ich war nicht dabei. Ich habe nichts davon mitbekommen.“ Mattias stirbt völlig unerwartet und hinterlässt ein zutiefst traumatisiertes Umfeld. In einzelnen Kapiteln wird die Zeit danach aus Sicht der Freundin, des besten Freundes, der Mutter, Großeltern und weiteren Personen geschildert. Sie alle trauern höchst unterschiedlich, sie alle haben eine eigene Sicht auf Mattias. Mit jedem Kapitel formt sich der Verstorbene zu einem immer komplexeren Charakter. Gleichzeitig nähert sich der Plot mit jedem Puzzleteilchen der Frage, welche die ganze Zeit unbeantwortet im Hintergrund lauert: Wie und warum ist Mattias gestorben? All dies liest sich auf subtile Weise spannend, ohne reißerisch geschrieben zu sein. Im Gegenteil, es ist gerade der unbarmherzige Fortgang des Alltags, der uns Lesern die emotionale Ausnahmesituation vor Augen führt.

Eine dieser alltäglichen Situation kommt mit der Post. Denn eine Woche „nach Mattias“ wird das von ihm noch vor seinem Tod bestellte Fahrrad angeliefert. Da steht es nun, wie ein stilles Mahnmal mitten im Wohnzimmer. Beim Saubermachen fällt ein Buch zu Boden, das Lesezeichen fällt heraus. Mattias Freundin bricht darüber in Tränen aus, weil sie nun nicht mehr weiß, welche Seite er zuletzt gelesen hat. Mal ist es ein Song auf einem Konzert, mal ein unvollendetes Projekt, das die ihm nahestehenden Personen umtreibt.

Der niederländische Schriftsteller Peter Zantingh bedient sich bei der Charakterzeichnung seiner titelgebenden Hauptfigur eines vielschichtigen Kaleidoskops aus persönlichen Rückblicken. Immer wieder kommen Personen darin vor, die scheinbar kaum oder gar nichts mit Mattias zu tun hatten. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Erst nach und nach lichtet sich das Konstrukt des menschlichen Miteinanders, die Kausalität zwischen Ursache und Wirkung. Fazit: Manche Menschen können auch nach ihrem Tod noch einiges bewegen. Weiterlesen

Franziska Hauser: Die Glasschwestern

Zufälle gibt es, die gibt’s gar nicht. So wie bei Dunja und Saphie, Zwillingsschwestern, deren Ehemänner am gleichen Tag das Zeitliche segnen.

Die beiden Schwestern sind sich nur wenig ähnlich. Dunja lebt in der Großstadt, getrennt von ihrem Exmann, sie hat zwei halberwachsene Kinder, Jules und Augusta. Saphie ist im Dorf ihrer Kindheit, nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, geblieben und führt dort ein kleines Hotel, sie ist kinderlos.

Nach dem Tod ihres Mannes lässt Dunja ihr bisheriges Leben in der Stadt zurück und zieht zu ihrer Schwester ins Hotel, hilft ihr, die das Geschäft nur alleine leiten muss. Für Dunja ist es nicht einfach, wieder in das Dorfleben zurückzufinden, den Menschen ihrer Kindheit wieder zu begegnen, mit all ihren Vorurteilen und Erinnerungen. Sie hat ganz viele solcher Erinnerungen abrufbereit gespeichert, während Saphie sich an nichts mehr erinnert, was in ihrer Kindheit geschah, weder an Familienbräuche noch an Familiengeheimnisse. So wird es für beide Schwestern eine Art Wiederfinden verschütteter Ereignisse, Geschichten und Lügen.

Vor allem geht es im Roman von Franziska Hauser aber um das Finden von sich selbst, dem Erkennen der eigenen Wünsche und Bedürfnisse. „Dunja knüllt sie zusammen. ‚Ich weiß einfach nicht, wer ich bin, wo ich hinwill und was ich kann‘, sagt sie zähneklappernd. Sie sieht in sein vom Mondlicht bläuliches Gesicht. ‚Hab ich wahrscheinlich noch nie gewusst.‘“ (Seite 93) Weiterlesen

Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Oberkommissar Leo Wechsler, Chef der Inspektion A der Berliner Polizei, muss in dem Roman der Mönchengladbacher Autorin seinen siebten Fall lösen. Im heißen Sommer 1928 im Berlin des Charleston und der kriminellen Ringvereine wird die Garderobiere eines Ballhauses ermordet, während im Tanzsaal der Witwenball stattfindet. Natürlich gibt es viele Verdächtige, viele Spuren und viele davon führen in Sackgassen. Ermordet wurde die junge Frau mit Chloroform im Hinterhof von Clärchens Ballhaus. Bei ihrem Tod trug sie ein Kleid, das ihre finanziellen Möglichkeiten überstieg. Woher hatte sie es, warum trug sie ein eigentlich zu elegantes Kleid, während sie ihren Dienst an der Garderobe des Ballhauses versah? Und wo sind die Verbindungen zu mehreren Angriffen auf junge Frauen in Frankfurt und Berlin, bei denen die Opfer mit Chloroform betäubt und missbraucht wurden?

Ganz in klassischer Krimimanier legt Susanne Goga ihren Roman an. Geschickt werden die vielen Spuren den Kriminalisten zugeführt, mit großem Einfühlungsvermögen schildert die Autorin die Hintergründe der verschiedenen Figuren und die privaten oder dienstlichen Probleme der Ermittler. Leo Wechsler hat nicht nur mit der Aufklärung des Mordes zu tun, er kämpft außerdem mit dem physischen und psychischen Verfall eines seiner Mitarbeiter, der von seiner Freundin verlassen wurde. Weiterlesen

Christine Brand: Milla Nova 02: Die Patientin

Vier Jahre sind vergangen, seit der Blinde Nathaniel die ihm unbekannte Carole über eine App bei einer Kleiderauswahl um Hilfe bat. Daraus entstand schnell ein Abenteuer, denn Nathaniel glaubte, über das Telefon Zeuge eines Unglücks geworden zu sein. Carole Stein liegt seit den Ereignissen vor vier Jahren im Koma. Ihr Sohn Silas hat seine Mutter noch niemals gesprochen, obwohl er bereits vier Jahre alt ist. Nathaniel besucht einmal im Monat gemeinsam mit seinem Patensohn Carole im Krankenhaus. Doch diesmal ist alles anders. Carole ist nicht mehr da! Warum, das kann die Pflegerin auch erstmal nicht erklären. Später folgt telefonisch die Entschuldigung, dass die Frau verstorben sei. Wo sie allerdings beerdigt ist, kann Nathaniel niemand sagen. Er bittet deshalb seine Bekannte Milla, eine Journalistin, um Hilfe.

Nach ihrem ersten „Fall“, „Blind“, gibt es einen neuen Roman zum ungewöhnlichen Duo der Journalistin Milla Nova und des Blinden Nathaniel Brenner. Eine separate Lektüre von „Die Patientin“ sei allerdings nicht empfohlen, da es mehr als nur einen leichten Bezug zum ersten Band gibt. Erneut ist die Figurenkonstellation großartig gewählt: Der Blinde Nathaniel hat seinen eigenen Zugang zur Welt, eine Blindenhündin, die zwar nicht perfekt ist, auf die er sich aber in der Not immer verlassen kann. Weiterlesen

Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Gerwin van der Werf hat die Handlung dieses Buches in die isländische Landschaft eingebettet und damit für seinen in sich gefangenen Protagonisten Tiddo die perfekte dramatische Kulisse geschaffen. Bereits die ersten beiden Sätze, in denen vom kahlgeschorenen, schwarzen Land und von toten Steinen zu lesen ist, assoziieren unheilvolle Bilder und lassen erahnen, welchen Verlauf die Geschichte, die sich im zweiten Teil wie ein Krimi liest, nehmen könnte.

Tiddo hat viele Hoffnungen in diesen Islandurlaub gelegt: Seine Ehe mit Isa ist im Laufe der letzten Jahre brüchig geworden und auch zu seinem dreizehnjährigen Sohn findet er nicht mehr den richtigen Zugang. Der Urlaub soll alles wieder ins Lot bringen. Entsprechend der Gliederung in Teil 1 „Die Ringstraße“, in der die Wohnmobilreise noch ganz moderat verläuft, manövriert Tiddo den Urlaub in Teil 2 „Das Hochland“ immer weiter ins Desaster.

Die Reise beginnt dann auch recht erfolgversprechend. Doch mit dem Anhalter Svein, den die Familie auf Isas Drängen hin auf dem Weg zu den Gletschern ins Wohnmobil einsteigen lässt, verändert sich die Situation zunehmend. Svein gelingt es, jeden aus der Familie um seinen Finger zu wickeln. Er scheint dieselbe Mystik zu verströmen, die über der gesamten Insel liegt. Weiterlesen

Benjamin & Fabian Eckert: Die 35-Tage-Challenge: Dein Weg in ein umweltbewusstes Leben

Sachbücher über Umwelt, Gesundheit und Lebensplanung gibt es viele. Die 35-Tage-Challenge der Brüder Benjamin und Fabian Eckert darf man als ein Experiment betrachten. In ihrem Buch wird alles miteinander vereint. Darüber hinaus entstand ein interaktives, ganzheitliches Buch.

Das Ziel ihrer vorgeschlagenen Herausforderungen: Jeder kann seinen persönlichen Energieverbrauch senken. „… Wenn du wirklich etwas für das Klima tun willst, sollte der Verbrauch pro Person etwa bei 600 bis 700 kWh pro Jahr liegen, wobei auch 300 kWh pro Jahr und Person möglich sind.“ (S. 63)

Wie man dahin kommt, beschreiben die Autoren ausführlich. Die praktischen Übungen für Anfänger und Experten sind in wöchentliche Aufgaben unterteilt, die jeder schaffen kann. Die größte Herausforderung besteht darin, den engen Kreis aus Gewohnheiten und Bequemlichkeit zu verlassen. Die Autoren erhoffen sich, dass ihre aktiv gewordenen Leser auf ihr direktes Umfeld eine Vorbildfunktion ausüben und andere wiederum die Klugheit eines klimafreundlichen Lebens in ihr eigenes Verhalten integrieren. Weiterlesen

Helwig Brunner: Gummibärchenkampagne

Wer viel in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder in Wartezimmern oder Ämtern längere Wartezeiten zubringen muss, wird dieses Buch mögen. Helwig Brunner unterhält die Leserin mit Minutennovellen. Diese sind wunderbar geeignet, jede Wartezeit amüsant zu verkürzen.

Unterteilt in die Kategorien Eigenbrötler, Paare, Schreibende, Lesende und Herden präsentiert der Autor fein pointierte, scharfzüngige, aber nie verletzende „Erzähldestillate“. Er führt uns, immer mit einem Augenzwinkern, unsere eigenen Absonderlichkeiten, Manierismen und alltäglichen Absurditäten vor Augen.

Wenn er von der Frau erzählt, die unbedingt eine zyklamfarbene Handtasche erwerben muss, die ihr nach einer Weile gar nicht mehr gefällt und die sie daher in den Sammelcontaier gibt, erkennen wir (Frauen) uns darin nicht alle wieder? Wenn jemand seine Brille nicht findet, weil er ohne Brille nicht genug sieht, ist das zwar sicher kein neuer Witz, aber wenn es so leichtfüßig erzählt wird, macht es einfach Spaß, davon zu lesen. Weiterlesen

Inès Bayard: Scham

Was für ein Buch! Wäre es ein Kinofilm, würde er mit FSK 18 eingeordnet, vermutlich. Schon der Beginn ist ein heftiger Schlag in die Magengrube.

Der Roman von Inès Bayard, geboren 1992, erschien in Frankreich 2018. Geschrieben wurde er also wahrscheinlich zu oder kurz nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung. In ihrem Debütroman schildert die Autorin in teils drastischen Worten und in teils extrem plastischen Bildern, was eine Vergewaltigung mit dem Opfer macht.

Marie, gutaussehend, jung, glücklich verheiratet, erfolgreich im Beruf wird von ihrem Chef im Auto brutal vergewaltigt. Inès Bayard erspart der Leserin hier nichts. Brutal heißt brutal auch in der Beschreibung des Vorgangs.

Danach ist für sie nichts mehr wie vorher. Ihr Vergewaltiger droht ihr, sie und ihren Mann Laurent zu zerstören, wenn sie davon erzählt. Aber vermutlich hätte sie dies ohnehin nicht getan. Marie ist wie paralysiert, sie erzählt tatsächlich niemandem davon, nicht ihrer Familie, nicht ihrem Mann. Marie redet sich vergeblich ein, dass die Schande, die sie empfände, wenn sie ihrem Mann die Wahrheit sagen würde, sicherlich nur ein kleines Opfer im Gegenzug für ihre Freiheit wäre, am Ende fügt sie sich doch immer der Lüge, wohl wissend, dass sie sich damit selbst täuscht und zerstört. (S. 58). Sie erträgt auch die sexuelle Bedürfnisse ihres Mannes, lässt alles über sich ergehen. Er merkt nichts, ihm fällt ihre Veränderung nicht auf. Weiterlesen